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Hans Prömper (Hrsg.): Was macht Migration mit Männlichkeit?

Cover Hans Prömper (Hrsg.): Was macht Migration mit Männlichkeit? Kontexte und Erfahrungen zur Bildung und sozialen Arbeit mit Migranten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-86649-343-8. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Objekt der Betrachtungen in diesem Band sind Männer und Jungen mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit und in der Bildungsarbeit. Leitend für die Fragestellungen und Überlegungen sind sowohl akademisches Forschungsinteresse, als auch Praxiserfahrungen.

Autorinnen und Autoren

Die AutorInnen treten durchwegs sachkundig, kompetent bis hin zu überregionalem und bundesweiten Renommee in Erscheinung. Die Auswahl der AutorInnen hat die unten erwähnte Fachtagung als Hintergrund.

Entstehungshintergrund

Ein erklärtes Ziel der HerausgeberInnen ist die verstärkte Berücksichtigung von Migration und damit verbundenen Effekten im Rahmen von (Jungen- und) Männerarbeit. Dieses Bestreben bezieht sich ursprünglich auf die kirchliche Männerarbeit in Deutschland (Fachtagungen 2007 und 2008) und findet nach Einschätzung der Herausgeber Entsprechung im breiten Feld sekulärer Männerarbeit. Die vier HerausgeberInnen waren zugleich die VertreterInnen der beteiligten Institutionen an der Veranstaltungskooperation für den Fachtag „Was macht Migration mit Männlichkeit“, der am 18.09.2008 in Frankfurt stattgefunden hat. Die Tagungsdokumentation (pdf) bietet unter anderem mehrere Beiträge, die auch im Buch zu finden sind (www.kath-maennerarbeit.de). So zum Beispiel von Michael Tunç, Karl Wolf und Kahraman Gündüzkanat.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband „Was macht Migration mit Männlichkeit?“ besteht anschließend an die einleitenden Texte aus dreizehn inhaltlichen Beiträgen und einem abschließenden Ausblick. Die Beiträge sind in zwei Bereiche aufgeteilt: Grundlagen und Praxisberichte

Die ersten sieben Texte beschäftigen sich mit den Grundlagen für eine differenzierte Betrachtungsweise des Themas Migration und Männlichkeit.

Michael Tunç erläutert die Notwendigkeit männliche Migranten differenzierter in Ihren Lebensalltag und Problemlagen wahrzunehmen um Stereotype und Klischees zu entlarven und eine angemessene Sichtweise als Grundlage für die Arbeit mit diesen Männern zu erlangen. Michael Tunç bezieht sich auf den aktuellen Forschungsstand und auf die derzeitigen Praxisansätze der Männer- und Väterarbeit.

Angela Icken widmet sich der großen Unterschiedlichkeiten unter Migranten und zeigt dies auf der Basis der Sinus-Migrantenmilieus. Die wesentliche Erkenntnis hieraus ist, dass Ähnlichkeiten in Haltung und Verhalten sich weniger durch kulturelle Herkunft, als vielmehr durch ähnliches soziales Milieu erklären lassen. Dies diskutiert sie exemplarisch anhand der definierten Migrantenmilieus und kommt zu dem Schluss, dass die meisten Milieus gesellschaftlich hohe integrative Qualitäten beinhalten, aber anders als bei solchen Milieus mit prekären Lebenslagen dieser konstruktive Inhalt weniger wahrgenommen wird.

Kurt Möller nimmt sich der Fragestellung über den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt an. Anhand von Männlichkeitsvorstellungen und Migration schlägt er die Brücke zwischen historischen, kulturellen und sozialen Erklärungsansätzen. Er kommt zu dem Schluss, dass sich die Auseinandersetzung mit gewaltaffinen Haltungen lohnt, wenn geschlechtsspezifische Zusammenhänge aufgegriffen und in der pädagogischen Beziehung bearbeitet werden.

Ahmet Toprak resümiert aus der Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen und verweist in seinem Artikel auf die vergleichsweise hohe Bedeutung von sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen für das Auftreten von Gewalt in Abgrenzung zu vornehmlich kulturellen Erklärungsansätzen.

Sven Sauter beleuchtet das Phänomen der problematischen Jungen in Verbindung mit Migration kritisch und lösungsorientiert. Er plädiert für eine differenzierte Sichtweise und betont den Zusammenhang von Bildungserfolg und schichtspezifischen Zugängen. Erst eine offene Sichtweise für die realen Situationen der Jungen eröffnet die passenden methodischen Herangehensweisen. So spricht sich Sven Sauter für eine reflektierte Gestaltung von Bildung im kulturellen Kontext aus.

Karl Wolf nutzt in seinem kurzen Beitrag die Gelegenheit Gewalt, gerade von jungen Männern mit Migrationshintergrund, als Ausdruck von Identität und als Suche nach persönlicher Anerkennung und als Schutz vor Bedrohung von Außen zu betrachten.

Der abschließende Grundlagentext von Haydar Karatepe beschäftigt sich mit der Gesundheit von Migranten (hauptsächlich türkischstämmigen Männern) im Vergleich mit deutschen Männern. Haydar Karatepe berichtet von den zum Teil starken Unterschieden gesundheitlicher Risiken zwischen beiden Gruppen zu Lasten der türkischen Männer und bringt diese Ergebnisse in erster Linie mit der besonderen Leistung der Anpassung und mit den herkunftsbedingten, kulturell unterschiedlichen Männlichkeitsvorstellungen in Zusammenhang.

Die Folgenden sechs Beiträge berichten aus der Praxis mit Männern in der Sozialen Arbeit und in der Bildungsarbeit.

Kahraman Gündüzkanat stellt sich den zentralen Aufgaben seiner Arbeit mit männlichen Migranten in der interkulturellen Familien- und Erziehungsberatung. Diese Männer sind Väter, Söhne und Männer mit Fragen zu kritischen Beziehungssituationen. Viele von ihnen werden durch Ihre Frauen motiviert, bzw. von Institutionen weitervermittelt. Trotz der großen Unterschiedlichkeit der Männer stellt Kahraman Gündüzkanat fest, dass es viele Gemeinsamkeiten aufgrund des Migrationshintergrundes gibt. Illustriert wird sein Beitrag durch zwei Fallbeispiele. Kahraman Gündüzkanat gibt folgende Hinweise, die zum Erfolg seiner Arbeit beitragen: Es braucht (kritische) Akzeptanz der Männer, Offenheit gegenüber deren Situation und deren Fragestellungen und schließlich sieht Gündüzkanat den Schlüssel zum Erfolg der Beratungsarbeit darin, an den Stärken der Männer und deren jeweiligen Ressourcen anzusetzen.

Ein weiterer Artikel von Kahraman Gündüzkanat, in Form eines Interviews, beschäftigt sich mit den Gewalterfahrungen jugendlicher Migranten, den problematischen Folgen daraus und mit den Ansätzen der Beratungsarbeit im Umgang mit diesen zentralen Themen.

Hüseyin Ayvaz beschreibt das Konzept und die Arbeit in einem deutsch-türkischen Jugendtreff in Frankfurt. Er zeigt Kriterien und Inhalte, die für diese Einrichtung maßgeblich sind. Ein spezieller Blick auf die Jungen und auf die geschlechtsspezifische Auseinandersetzung mit Migration wird dabei nicht beschrieben. Dies findet sich eher zwischen den Zeilen. So wird zwar anfangs beschrieben, dass der Jugendtreff für Mädchen und junge Frauen gleichermaßen attraktiv ist wie für Jungen und junge Männer, aber bei der Auflistung des Sportangebots der Einrichtung speziell für marginalisierte Jugendliche [sind das Jungen? – Anmerkung des Verfassers], liegen die Schwerpunkte auf den Bereichen: Boxen und Kickboxen. Eine Erweiterung durch Ringen, Gymnastik, Fitness- und Krafttraining ist geplant. Eine Auseinandersetzung mit männlicher Identität wird nicht beschrieben.

In einem Interview mit Hubert Frank berichtet dieser von seiner Anti-Gewaltarbeit mit meist sozial besser gestellten Männern. Er erläutert seine Gedanken zu der Verbindung vom Scheitern machtvoller Männlichkeit und Gewaltausübung. Das Thema Migration wird hier nicht näher erwähnt. Lediglich der Leser selbst kann die Parallele ziehen, dass Gewalt und unangemessene Interpretationen von Männlichkeit auch hier als ein Teil der Ursache des Gewaltproblems gesehen werden können.

Michael Tunç beleuchtet in seinem Artikel über Väter in der interkulturellen Elternarbeit zunächst den aktuellen Forschungsstand und bezieht sich dabei vor allem auf die Sinus-Studie Migranten-Milieus und auf Forschung zum Thema Generationen. Tunç betont die Bedeutung von Ressourcenorientierung für die Arbeit mit Vätern in der Beratung zu den Themen Schule, Erziehung und partnerschaftliche Beziehungsgestaltung zwischen den Geschlechtern.

Hans Prömmer beschreibt die Entwicklung eines Projektes zur höheren Beteiligung älterer Migranten an der (vorwiegend katholischen) Erwachsenenbildung. Er beschreibt die Ausgangslage, die Planung und die Ergebnisse des Projekts und weist darauf hin, dass Barrieren zur Wahrnehmung von Bildungsangeboten geschlechtsspezifisch unterschiedlich hoch angesetzt sind und welche Faktoren eine Teilnahme erleichtern können.

Im abschließenden Ausblick bemängelt Hans Prömper das Fehlen von aussagekräftigen und eindeutigen Daten zum Thema Migration. Ein wesentliches Merkmal bei der Verbindung von Männlichkeiten und Migration ist die Vielfalt. Die passende Antwort der Bildungsarbeit sieht Prömper in der Inklusion und im transektionellen Ansatz. Vielfalt und Verschiedenheit zu berücksichtigen bedeutet neue Sichtweisen zu entwickeln. Hans Prömper beleuchtet übersichtlich die möglichen Konsequenzen für Konzepte der Bildungsarbeit und plädiert für eine Bildungsarbeit, die sich aktiv bemüht, dem Einzelnen entgegen zu kommen.

Zielgruppen

Vor allem wird dieser Band Bildungs- und Sozialarbeiter mit Interesse an Konzeptionierung und Gestaltung von Angeboten für Jungen und Männer mit Migrationshintergrund ansprechen und ebenso Fachleute mit Forschungsinteresse.

Diskussion

Das Buch ist durchgängig gut lesbar und bleibt mit einigen Ausnahmen dicht beim Thema. Zum Teil vermischen sich konfessionelle Bildungs- und Beratungsarbeit mit überkonfessioneller oder sekulärer Arbeit, was zu unterschiedlichen Perspektiven führen kann.

Fazit

Der Grundtenor dieses Bandes, Männer mit Migrationshintergrund in ihrer Vielfalt wahrzunehmen und dies in der praktischen Arbeit durch Offenheit und Ressourcenorientierung zu berücksichtigen, befördert konstruktive und erfolgversprechende Ansätze.

Besonders der Grundlagenteil überzeugt durch gründliche Recherchen und durch die transparente Darstellung der Zusammenhänge fachlicher Auseinandersetzung.

Der Praxisteil variiert dagegen qualitativ sehr stark. Hier teilen sich illustrative und thematisch treffsichere Artikel (Interkulturelle Familien- und Erziehungsberatung, Gewalterfahrungen jugendlicher Migranten, Väter in der interkulturellen Elternarbeit) mit solchen die eher allgemein gehalten und mit wenig direktem Praxisbezug bleiben (Jugendarbeit ohne Jungenarbeit, Männerarbeit gegen Gewalt ohne Migrationsbezug und Projektbericht ohne die praktische Arbeit in ihrer Ausführung zu beschreiben). Auch in den Artikeln, die hier gerade kritisiert werden, stecken viele Informationen, transformierbare Ideen und spannende Ansätze. Diese hätten allerdings eine themengerechte Aufarbeitung verdient, oder hätten anders platziert werden müssen.

Das Buch ist insgesamt ein großer Gewinn und eine anregende Fachlektüre, die Perspektiven öffnet und Ansätze für die weitere Entwicklung liefert.


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Gregor Prüfer
M.A. Päd. / Dipl. Soz.-Päd.(FH) War lange tätig in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; Aktiv in der Vernetzung von Jungenarbeit in München seit 1993 (www.netzwerk-jungenarbeit.de), freiberuflicher Fortbildungsreferent zu Themen der Genderpädagogik und zu Gender Mainstreaming seit 1999. Seit 2005 Mitarbeiter im Münchner Informationszentrum für Männer mit den Schwerpunkten Männerberatung und Gruppenarbeit für Männer mit Gewalthintergrund (www.maennerzentrum.de), seit WS 2008/09 auch Lehrbeauftragter an der Katholischen Stiftungshochschule München (www.ksh.de). Seit 2011 außerdem Mitarbeiter am Pädagogischen Institut in München, zuständig für Geschlechtergerechte Pädagogik und Jungenförderung an den Städtischen Münchner Schulen (www.pi-muenchen.de).
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Zitiervorschlag
Gregor Prüfer. Rezension vom 01.06.2011 zu: Hans Prömper (Hrsg.): Was macht Migration mit Männlichkeit? Kontexte und Erfahrungen zur Bildung und sozialen Arbeit mit Migranten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-343-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10025.php, Datum des Zugriffs 17.02.2019.


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