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Eva Maria Bitzer: Versorgungsforschung aus Public-Health-Perspektive

Cover Eva Maria Bitzer: Versorgungsforschung aus Public-Health-Perspektive. Forschungsansätze mit patientennahen Ergebnisparametern und Routinedaten von Krankenkassen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. 198 Seiten. ISBN 978-3-8300-5226-5. 78,00 EUR.

Schriftenreihe Gesundheitsmanagement und Medizinökonomie - Band 13.
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Kontext und Zielsetzung

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um eine kumulative Habilitationsschrift, in der Ziele, Aufbau, Methodik und Ergebnisse aus fünf zwischen 1994 und 2007 durchgeführten und bereits veröffentlichten Studien - drei davon in englischsprachigen Publikationen - präsentiert werden. Die Ergebnisse basieren überwiegend auf der Nutzung prozessproduzierter Routinedaten gesetzlicher Krankenkassen und werden im Kontext einer Public Health orientierten Versorgungsforschung verortet. In der aktuellen Diskussion um Patientenorientierung und Lebensqualität als einem wichtigen Kriterium für eine umfassende Ergebnismessung in der Versorgungsforschung ist das Thema der Veröffentlichung gesundheitspolitisch relevant und verweist im Kontext der Versorgungsorganisation darüber hinaus auf die wichtige Rolle eines an den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Patienten wie an einer versorgungspolitisch erforderlichen Transparenz (z.B. mit Blick auf Wirksamkeit, Effizienz und Kosten) gleichermaßen orientierten Qualitätsmanagements. Da Patientenzufriedenheit im Rahmen der Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen zudem ein wichtiges Merkmal für das Benchmarking von Leistungserbringern darstellt, bietet sich die Nutzung von Routinedaten hierfür als geeignetes Instrument an. Unter methodischen und versorgungspolitischen Aspekten ist der von der Autorin in einer der Studien verfolgte Ansatz, verschiedene Indikatoren miteinander zu kombinieren und zu komplexen Ergebnisparametern zu aggregieren als weiterführend hervorzuheben.

Autorin

Frau Prof. Dr. med. Eva Maria Bitzer, Master of Public Health, arbeitet am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hannover.

Konzeption, Aufbau und Inhalte

Das Buch umfasst acht Kapitel.

Das erste „Public Health und Versorgungsforschung“ überschriebene Kapitel bildet die formale Klammer der nachfolgend dargestellten Forschungsergebnisse aus den fünf über 12 Jahre verteilten heterogenen Studien zur patientennahen Versorgungsqualität:

  1. Die erste zwischen 1994 und 1995 durchgeführte Untersuchung konzentriert sich auf die Bewertung von Meniskusoperationen, Operationen von Krampfadern und Nasenscheidewandverbiegungen aus der Sicht der Versicherten einer Ersatzkasse.
  2. Die zweite zwischen 1996 und 1998 erhobene Studie ist eine Patientenbefragung nach häufigen Eingriffen in der zweiten Lebenshälfte am Beispiel von Leistenbruchoperationen und bei Operationen am Hüftgelenk.
  3. Die dritte zwischen 1999 und 2002 durchgeführte Studie beschäftigt sich mit dem prozess- und ergebnisorientierten Qualitätsmanagement in der Kurzzeitchirurgie unter Einbeziehung von Patientendaten.
  4. Die vierte im Zeitraum von 2000 - 2006 im Auftrag der AOK realisierte Untersuchung nimmt auf der Basis von Routinedaten Krankenhausvergleiche mit patientennahen Ergebnisindikatoren vor.
  5. Die fünfte in die Veröffentlichung einbezogene Untersuchung (2006 - 2007) zur akut stationären Versorgung bei koronarer Herzkrankheit führt eine Vielzahl unterschiedlicher Datenquellen aus den Routinedaten einer Ersatzkasse zusammen um hier zu einer „umfassenden Bewertung der Ergebnisqualität koronarer Revaskularisation in Deutschland“ (S. 16) unter Einbeziehung von Mortalität, Wiederholungsbehandlung und Patientenzufriedenheit zu gelangen.

Die einzelnen aufwändigen und methodisch sorgfältig konzipierten und durchgeführten Studien werden in den nachfolgenden Kapiteln nach dem übersichtlichen angelsächsischen Gliederungsschema (Zusammenfassung, Einleitung, Material und Methoden, Ergebnisse, Diskussion, Literatur) dargestellt und können jeweils für sich gelesen werden. Drei Kapitel sind in englischer Sprache verfasst (Kapitel 2 „Results from a retrospective survey among sickness fund beneficiciaries“, Kapitel 5 „Quality management and patient reported outcomes“ und Kapitel 7, Teil 1 „One-year-Mortality“ in dem Beitrag über „Health Outcomes nach koronarer Revaskularisation“).

Auf ein abschließendes Kapitel, das eine konzeptionelle Zusammenfassung des Ertrages der Studien und ihre Einordnung in den aktuellen versorgungspolitischen Diskurs leistet und Bezüge zu Themen wie Patientenorientierung, Lebensqualität und Qualitätsmanagement hat die Autorin bedauerlicherweise verzichtet.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung von fünf Einzelstudien ist in einzelnen Aspekten für Spezialisten interessant, nicht zuletzt auch aufgrund des zu jeder Studie recherchierten internationalen Forschungsstandes. Übergreifend geht es der Autorin darum, mit Hilfe standardisierter Erhebungsverfahren auf der Grundlage ausgewählter Routinedaten der Krankenkassen ein sowohl zuverlässiges als auch ökonomisches Erhebungsmodell zur Beurteilung der Versorgungsqualität aus der Verknüpfung patientenbezogener (Patientenzufriedenheit) und systembezogener Parameter (z.B. erbrachte Leistungen, Wiederholungsbehandlungen, Behandlungserfolg) zu entwickeln. Im Rahmen der Versorgungsforschung sind die Studien daher vor allem aufgrund ihres methodologischen Ansatzes relevant. Insgesamt liefern sie aber aus meiner Sicht keine wesentlichen neuen Erkenntnisse zur aktuellen Diskussion über patientennahe Forschung oder Perspektiven für eine patientenorientierte Medizin/Rehabilitation.

Der Ansatz, patientennahe Ergebnisparameter mit Routinedaten der Krankenkassen zusammenzuführen und zu diskutieren, wie etwa methodisch gemeinsame Kriterien für ein gemeinsames beständiges Monitoring relevanter patientennaher und patientenorientierter Daten der verschiedenen Kassen aussehen könnte und wozu derartige Daten genutzt werden könnten, wird exemplarisch gezeigt, aber nicht systematisch verfolgt. Dies liegt auch daran, dass die dargestellten Studien aus unterschiedlichen Anlässen erstellt wurden und zu einer kumulativen Habilitation mit einem Dachtext zusammengefasst wurden, der eine theoretisch und konzeptionelle Einbindung nur ansatzweise leistet. Für ein breiteres Publikum oder für die universitäre Lehre ist das Buch aufgrund der sehr spezialisierten Fragestellungen, der inzwischen überholten Ergebnisse und aufgrund der großen Heterogenität der Studien eher nicht geeignet. Aus meiner Sicht zeigt sich an dieser Veröffentlichung, dass manche Qualifikationsarbeiten in virtuellen Bibliotheken oder in prägnanten Beiträgen in Fachzeitschriften besser platziert sind, als in einer eigenständigen Monografien. Mit dem hohen Preis von 78.- EURO dürfte die Veröffentlichung ohnehin nur für Fachbibliotheken interessant sein.


Rezensent
Prof. Dr. Ernst von Kardorff
Professor für Soziologie der Rehabilitation, Berufliche Rehabilitation und Rehabilitationsrecht
Institut für Rehabilitationswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin


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Zitiervorschlag
Ernst von Kardorff. Rezension vom 12.09.2011 zu: Eva Maria Bitzer: Versorgungsforschung aus Public-Health-Perspektive. Forschungsansätze mit patientennahen Ergebnisparametern und Routinedaten von Krankenkassen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-8300-5226-5. Schriftenreihe Gesundheitsmanagement und Medizinökonomie - Band 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10028.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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