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Menno Baumann: Kinder, die Systeme sprengen

Cover Menno Baumann: Kinder, die Systeme sprengen. Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. 222 Seiten. ISBN 978-3-8340-0726-1. 24,00 EUR, CH: 41,30 sFr.
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Thema

Menno Baumann macht als Förderschullehrer seine persönliche Betroffenheit darüber deutlich, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die durch das Raster der pädagogischen Angebote zu fallen scheinen und somit eine sehr negative Zukunftsprognose haben.

In seinem Buch setzt er sich mit den vom ihm als „Systemsprenger“ benannten jungen Menschen auseinander, aber auch mit der eigenen Beteiligung im System. Hierzu bedient er sich eines umfassenden Forschungsprojekts.

AutorIn oder HerausgeberIn

Dr. phil. Menno Baumann, Jahrgang 1976 ist Förderschullehrer an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung. Er lehrt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik das Fach Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Neuro-Pädagogik als interdisziplinäre Forschungsrichtung, verstehende Diagnostik in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen, sowie neurowissenschaftliche Grundlagen des sozial-emotionalen Erlebens, Verhaltens und der Entwicklung.

Aufbau

Das Buch lässt sich in 6 Teile gliedern.

Im ersten Teil (Kapitel 2) erhält der Leser einen detaillierten Überblick über die Forschungsmethoden.

Der zweite Teil (Kapitel 3) stellt die eigenen quantitativen Ergebnisse von Niedersachsen den Zahlen des Jugendamtes von Hannover gegenüber.

Anhand von Befragungen werden im dritten Teil (Kapitel 4) theoretische Überlegungen angestellt, welche Bedingungen dazu führen, dass Kinder und Jugendliche die Angebote der stationären und teilstationären Jugendhilfe nicht für sich nutzbar machen können.

Im vierten Teil werden Arbeitshypothesen erstellt, welche Aspekte die Dynamik des Scheiterns positiv beeinflussen. (Kapitel 5)

Der fünfte und umfassendste Teil (Kapitel 6) stellt anhand von Fallanalysen ein differenziertes Bild von scheiternden Jugendhilfemaßnahmen dar und führt damit in den sechsten Teil (Kapitel 7, 8), in dem er mögliche Handlungsalternativen für gelungener Arbeit vorstellt.

Inhalt

Baumann setzt sich in seinem Buch mit Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr ins System passen auseinander. In der Öffentlichkeit wird der Wunsch nach Schutz vor diesen jungen Menschen immer lauter und es wird versucht, ihm durch Boot Camps und ähnliche Einrichtungen nachzukommen. Gerade darin sieht Baumann aber die Gefahr, dass andere adäquatere Hilfen nicht bedacht werden. Dieses Dilemma macht der Autor zu seinem Forschungsgegenstand. Seine Grundannahme ist, dass jedes Verhalten einen subjektiven Sinn verfolgt, den es zu erforschen gilt. Da bis heute keine Klarheit über die Zahlen der Kinder und Jugendlichen, die in der Jugendhilfe scheitern herrscht, führt Baumann eine empirische Studie in Niedersachsen durch. Er versucht einen Überblick über die Größenordnung, sowie die Dynamik des Scheiterns zu geben. Ziel dabei ist es, das bestehende Jugendhilfesystem zu stärken. Baumann möchte durch das Erkennen der individuellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen die Hilfeverläufe positiv begünstigen.

In einem ersten Schritt beschreibt der Autor die Begriffsfindung des „Systemsprengers“. Er macht deutlich, dass es sich um Kinder und Jugendliche handelt, die aufgrund manifester Verhaltensstörungen im Rahmen der Erziehungshilfe nicht mehr tragbar sind und grenzt sich von der im psychologischen Kontext geltenden Definition des Begriffs ab. In seinen Untersuchungen berücksichtigt er im Wesentlichen drei Aspekte. Die individuelle Seite des Kindes oder Jugendlichen, die Belastbarkeit des Systems und den subjektiven Sinn für das Verhalten der Kinder und Jugendlichen. Baumann beschreibt sehr anschaulich, welcher Methoden er sich bedient. Er wird geleitet von drei Forschungsfragen:

  1. Wann sind die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Jugendhilfe haltbar? Können sie überhaupt durch neue Betreuungsformen aufgefangen werden?
  2. Welche Bedingungen führen zum Scheitern? Entwicklung einer Arbeitshypothese über die Dynamik des Scheiterns um intervenieren zu können.
  3. Welcher subjektive Sinn liegt dem Verhalten der Kinder und Jugendlichen zugrunde? Gibt es prototypische Eigenlogiken, die immer wieder zur Systemsprengung führen?

Ans Ende des zweiten Kapitels stellt Baumann eine sehr anschauliche schematische Darstellung des Aufbaus der Untersuchung. Er evaluiert, dass 14% aller Maßnahmen in den untersuchten Jugendhilfeeinrichtungen scheitern. Dabei stellt er eine große Differenz in den Werten der einzelnen Einrichtungen fest. Die Angaben reichen von keiner aufgrund von Grenzerreichung beendeten Maßnahme bis hin zu 70 % der Kinder und Jugendlichen in einem Zeitraum von 2 Jahren. 2/3 der Einrichtungen bewegen sich in einer Spanne von 4 – 24 %. Als Gründe für die sehr hohen Zahlen benennt Baumann strenge Aufnahmeverfahren, Durchführung von Clearingprozessen und Notaufnahmen in Regelgruppen, und die Bereitschaft zur Aufnahme von Kindern und Jugendlichen, die bereits in anderen Einrichtungen gescheitert sind. Um ein detaillierteres Ergebnis zu gewinnen, untersucht Baumann die Strukturmerkmale der Einrichtungen unter Berücksichtigung der Größe, dem Angebot von Förderschulen und dem Angebot der unterschiedlichen Wohngruppenkonzepte.

Baumann erarbeitet, dass die stationäre Jugendhilfe insgesamt in mehr als drei von vier Fällen erfolgreich ist. Er stellt jedoch fest, dass die Frage nach der Effektivität nur unklar beantwortet werden kann, da es unterschiedliche zu untersuchende Kriterien gibt, die im Einzelnen das Ergebnis immer wieder verändern. Im Folgenden diskutiert Baumann die qualitativen Rahmenbedingungen der stationären Jugendhilfemaßnahmen, die einen Erfolg begünstigen könnten, aber auch zur Beendigung der Maßnahme führen können. Er legt anschaulich dar, dass die Vielschichtigkeit der Aspekte, die zum Scheitern führen sowohl theoretisch, als auch praktisch nicht eindeutig benannt werden können und betont den noch bestehenden Forschungsbedarf. Im weiteren Verlauf konzentriert er sich deshalb auf die Beziehungsgestaltung zwischen dem Helfersystem und den Jugendlichen.

Um dies zu veranschaulichen bedient er sich der Befragung von 9 Mitarbeitern der Erziehungshilfe. Aufgrund der Ergebnisse erstellt Baumann vier Arbeitshypothesen. Die erste Hypothese folgert er daraus, dass die Mitarbeiter häufig die Verantwortung für scheiternde Hilfeverläufe übernehmen und emotional sehr beteiligt sind. Allerdings erkennen die Mitarbeiter auch Grenzen ihrer Arbeit, die zum Scheitern einer Maßnahme führen können. Diese Grenzen sind jedoch in den jeweiligen Einrichtungen unterschiedlich definiert. Die erste Arbeitshypothese lautet: „Es gibt aus Sicht der Mitarbeiter einen Unterschied zwischen ‚erlebtem Scheitern‘ und als ‚unverrückbar angesehenen Grenzen‘, der aber Gefühlsmäßig nicht so klar gezogen wird, wie der eigene Anspruch es erfordern würde.“

Die zweite Hypothese beinhaltet, das Einhergehen des Scheiterns einer Hilfemaßnahme mit dem Infragestellen des Rollenbildes der Pädagogen. Die Jugendlichen tragen Konflikte auf einer persönlichen, emotionalen Ebene aus. Der Aufbau einer persönlichen Beziehung scheint in diesen Fällen nicht zu gelingen. In der dritten Hypothese stellt Baumann fest, dass gelungene Kommunikation insbesondere über die verschiedenen Hierarchieebenen maßgeblich zur Klärung von Unsicherheiten der Mitarbeiter beiträgt und die Beteiligung an Entscheidungsprozessen eine höhere Motivation der Mitarbeiter gewährleisten kann. In der vierten Hypothese formuliert Baumann den Zusammenhang zwischen der Sinnhaftigkeit eines bestimmten Fehlverhaltens und der Bereitschaft, dieses auszuhalten. So scheint es für die Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtungen einfacher zu sein, mit Krisensituationen umzugehen, über deren Ursprung sie Hypothesen bilden.

Aufgrund dieser Arbeitshypothesen beschreibt Baumann drei Verläufe von gescheiterten Hilfemaßnahmen, die letztendlich auch in einer nicht gelungenen Beziehungsarbeit gründen.

Im folgenden umfangreichsten Teil werden 22 Fallanalysen vorgestellt. In fast allen Fällen sind die psycho-sozialen Risikofaktoren sehr hoch. Der Autor betont jedoch, dass das alleine betrachtet dazu führen könnte, sich dem Schicksal zu fügen und eine Passivität zu begünstigen, die aktives pädagogisches Handeln verhindern würde. Den Kindern und Jugendlichen werden besonders die Strategien, die sie zur Lebensbewältigung entwickelt haben zum Verhängnis, was letztendlich zu Konflikten im System führt.

Baumann bedient sich der von ihm entwickelten Verstehenden Subjektlogischen Diagnostik. Im Vordergrund steht der gesamte Kontext. Er geht davon aus, dass jedes Verhalten einen subjektiven Sinn verfolgt. Im Erforschen des Kontextes kann dieser Sinn sichtbar gemacht werden. Die Interaktionsdynamiken zwischen dem Subjekt und der Umwelt werden also in den Blick genommen (vgl. Baumann, 2009)

Anhand von vier verstehenden Ansätzen zur Diagnostik baut Baumann seine Methode auf. Er macht zunächst eine Feldtheoretische Lebensweltanalyse, untersucht dann das Szenische Verstehen, nimmt eine Einordnung in den Kontext der Lebensproblemzentrierten Pädagogik vor und erstellt dann eine Plananalytische Kinderdiagnostik. Veranschaulicht werden diese Untersuchungsmethoden durch übersichtliche Graphiken.

Die anschließende Analyse wird in drei Kategorien strukturiert. Die in Kategorie A bearbeiteten Fälle haben gemein, dass sie versuchen ihre Unsicherheiten durch eskalierendes Verhalten zu kompensieren. Sie scheinen zunächst eine gute Beziehung zu den Pädagogen aufzunehmen, durch ihr Verhalten sind sie aber nicht haltbar für das Helfersystem. Diese jungen Menschen scheinen nicht in der Lage zu sein, die Folgen ihres Verhaltens abzusehen, sie können sich nicht auf eine Situation einlassen und dementsprechend angemessen reagieren. Sie verschaffen sich über ihr aggressives Verhalten eine Verlässlichkeit, die ihnen Sicherheit bietet.

Die in Kategorie B beschriebenen Jugendlichen zeigen eskalierendes Verhalten, um sich von dem Helfersystem unabhängig zu machen. Sie erleben ihre Sicherheit also im permanenten Ausleben von Machtkämpfen. Ein Aufbau von Beziehung findet in der Regel nicht statt, da damit die Autonomie der Kinder und Jugendlichen gefährdet wäre. Diese jungen Menschen haben häufig viele Kompetenzen. Sie sind in der Lage, das Helfersystem zu manipulieren und gehen dabei planvoll und gezielt vor.

Diese Kategorie wird in drei Untergruppen unterteilt. Der Typ B1 überträgt seine Machtkämpfe aus dem Familiensystem in das Helfersystem. Dabei sind die Motive für diese Kämpfe individuell unterschiedlich. Allerdings hat sich bei allen beschriebenen Fällen das Familiensystem als ineffizient erwiesen. Mit ihrem Verhalten versuchen sie jedoch, den Sinn, den sie diesem System geben und damit ihren Selbstwert aufrecht zu erhalten.

Die Kinder und Jugendlichen der Kategorie B2 kämpfen gegen das Helfersystem, um einer Anpassung an Strukturen zu entgehen. Nur so können sie ihrem übernommenen Versorgungsauftrag für ein oder mehrere Familienmitglieder gerecht werden. So kann beispielsweise konfliktreiches Verhalten des Kindes dazu führen, dass die Eltern den Fokus nicht mehr auf ihre Eheprobleme legen.

In Kategorie B3 werden Kinder und Jugendliche beschrieben, die gegen den Kontrollverlust über ihr eigenes Leben, bzw. die Rolle innerhalb ihrer Familie kämpfen. Sie manövrieren sich häufig in die soziale Isolation. Die negativen Folgen auf ihr Verhalten geben ihnen Sicherheit. Sie haben das Gefühl, wieder aktiv ihr Leben gestalten zu können, auch wenn diese Gestaltung negativ ist.

Die Kategorie C kennzeichnet Kinder und Jugendliche, die so bedürftig sind, dass sie nur Sicherheit am Spüren von Grenzen erfahren können. Dabei steht im Vordergrund der Wunsch nach einer verlässlichen Beziehung, die jedoch immer wieder durch eskalierendes Verhalten überprüft werden muss. Sie haben kein verlässliches Familiensystem und werden permanent abgewertet. Sie haben ein sehr geringes Selbstwertgefühl und einen hohen depressiven Anteil. Häufig wirken sie haltlos und entwurzelt.

Im Anschluss hieran nimmt Baumann in einer Zusammenfassung eine Unterscheidung der drei Kategorien vor und führt so in den sechsten Teil, in dem er die sich aus der Studie ergebenden Handlungsmöglichkeiten benennt. Er fordert die Beteiligung der Jugendlichen am Erziehungsprozess. Dies beinhaltet differenzierte pädagogische Konzepte und Rahmenbedingungen, die einem Ausschluss der jungen Menschen aus dem System entgegenwirken können. Die Feststellung, dass seine Ansätze in einem so komplexen Feld keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben, führen zu dem Appell des Ausprobierens in der Praxis um handlungsfähiger zu werden und gelingendere Erziehungshilfe zu begünstigen. Baumann stellt die Überprüfung der pädagogischen Haltung in den Vordergrund. Zentrale Begriffe sind für den Autor die Symptomtoleranz, was das Aushalten des eskalierenden Verhaltnes beinhaltet und die Ablehnung der Machkämpfe um die eigene Rolle zu sichern. Um dies zu realisieren muss eine ständige Reflexion der eigenen Arbeitskonzepte erfolgen gepaart mit einem komplexen Fallverständnis, das sowohl die Umwelt als auch die Lebensgeschichte des jungen Menschen in den Blick nimmt. Auf institutioneller Ebene ist das Ausschöpfen aller Möglichkeiten unabdingbar, bevor eine Maßnahme beendet wird. Sollte es dennoch dazu kommen, ist eine große Transparenz des Falles wichtig, um der neuen Einrichtung ein umfassendes Bild zu gewährleisten. Dieser umfassende Informationsfluss ist auch innerhalb der Einrichtung notwendig. Die Partizipation der Mitarbeiter fördert deren Motivation und bringt u. U. neue Handlungsalternativen zum Vorschein.

Baumann geht vor dem Hintergrund seiner Erkenntnisse über Systemsprenger weg von den üblichen Intensivgruppen hin zu einzelnen Plätzen in Regelgruppen, die entsprechend besser aufgestellt werden müssen. Des Weiteren schlägt er eine Art Bezugspädagogen vor, der einrichtungsunabhängig ist und die Kinder und Jugendlichen deshalb konstant begleiten kann. Dabei hängt die Intensität und Ausgestaltung des Beziehungsangebotes von den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten des jungen Menschen ab. Um dies zu gewährleisten sollte ein „passgenaues Kommunikationsangebot“ gemacht werden. Als Hilfe könnte die von Baumann entwickelte Kategorisierung der Kinder und Jugendlichen dienen. In seinem Resümee stellt er aufgrund seiner Fokussierung in der Studie nicht beantwortete Fragen, die den Leser dazu anregen mögen, sich weiter mit dem breiten Feld der Systemsprenger auseinander zu setzen.

Diskussion

In seinem Buch präsentiert Baumann eine umfangreiche Forschungsarbeit, die mit z.T. praktikablen Lösungsansätzen schließt. Er hat sich sehr anschaulich mit den Grenzen der gegenwärtigen stationären Jugendhilfe auseinandergesetzt. Dabei gelingt es ihm durch die Interviews mit den Mitarbeitern verschiedener Einrichtungen aber auch durch die Vorstellung der komplexen Fälle betroffener Kinder und Jugendlichen keine Fronten entstehen zu lassen. Baumann stellt konsequent keine Schuldfrage, sondern versucht das subjektive Erleben der Mitarbeiter zu ergründen. Seine ausführlichen Fallvorstellungen sowie die anschließende Diskussion führen zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass komplexes Fallverständnis gepaart mit der ständigen Reflexion der Arbeitsmethodik die Handlungsmöglichkeiten erhöhen. Baumann geht noch weiter; indem er alternative Konzeptvorschläge für die stationäre Jugendhilfe macht, öffnet er den Raum für andere Herangehensweisen und schärft den Blick, um der Gefahr der Perspektivlosigkeit entgegen zu wirken. Besonders deutlich wird seine Haltung an der Begriffsfindung des „Systemsprengers“. Er entscheidet sich ausdrücklich gegen Begrifflichkeiten, die eine Veränderung ausschließen. In seinen Ausführungen lässt er den Leser an den Prozessen teilhaben. Dabei stellt er häufig den Bezug zu seiner praktischen Arbeit her, was auch seine persönliche Beteiligung sichtbar macht. Seine Graphiken insbesondere zu den einzelnen Untersuchungsschritten der verstehenden subjektlogischen Diagnostik sind hilfreich und auf den Punkt gebracht. Die Einführung in dieses Instrumentarium gestaltet er verständlich und nachvollziehbar. Inwiefern es sich in der Praxis bewähren kann, bleibt abzuwarten. Seine Ideen motivieren über die üblichen Konzepte nachzudenken und sie infrage zu stellen, auch wenn einige seiner Vorschläge nicht ganz konsequent zu Ende gedacht sind. So bleiben seine Forderungen nach Symptomtoleranz und Aushalten von Machtkämpfen an der Oberfläche. Baumann erkennt zwar die sich daraus ergebenden Probleme z.B. des Schutzauftrages für die anderen Gruppenmitglieder bzw. des Schutzes der eigenen Person, hat aber hierauf auch keine Antworten. Die Herausforderung ist nach wie vor der Balanceakt aus dem was an Toleranz notwendig ist und dem was in der Praxis tatsächlich möglich ist. In seinen Hinweisen von möglichen Vorgehensweisen auf institutioneller Ebene fehlt mir die zu Beginn einer Hilfe logische Vorgehensweise, nämlich bevor eine Maßnahme beginnt abzuklären, ob der junge Mensch überhaupt für die Einrichtung tragbar bzw. „behandelbar“ ist. Ich stimme mit Baumann überein, dass häufige Wechsel für die Kinder und Jugendlichen nicht hilfreich sind, da sie die oft schon früh erlebten Beziehungsabbrüche bestätigen und u. U. eine Endlosspirale in der Jugendhilfekarriere entstehen lassen können. Gerade deshalb sollte sich zu Beginn einer Hilfe ausreichend Zeit genommen werden, um in Fachgesprächen soweit wie möglich abzuklären, was die Einrichtung erwarten könnte und ob sie in letzter Konsequenz in der Lage ist, die Kinder und Jugendlichen aufzufangen. Das beinhaltet bei den Trägern ein Bewusstsein dafür, keinen Anspruch auf Omnipotenz zu haben und so verantwortlich mit den Schicksalen dieser jungen Menschen umzugehen.

Baumanns Vorschläge zum Betreuungssetting kann ich nur begrüßen. Allerdings muss auch hier bedacht werden, dass es keine normierten Standards geben kann. Vielmehr muss genau in den Blick genommen werden, was den Bedürfnissen der Klientel am ehesten gerecht wird. Dabei handelt es sich um einen dynamischen Prozess, der immer wieder überprüft werden muss. Gerade deshalb muss schon in der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte die Kommunikationskompetenz aber auch die Fähigkeit zur Ausgestaltung und Wahrnehmung von Beziehung geschult werden.

Fazit

Die vielen Theoriegebäude sind eine Herausforderung, der Leser wird jedoch belohnt durch einen interessanten Ausblick mit dem Appell, selber aktiv zu werden.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster


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Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 14.12.2010 zu: Menno Baumann: Kinder, die Systeme sprengen. Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. ISBN 978-3-8340-0726-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10030.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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