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Jörg M. Fegert, Christian Schrapper (Hrsg.): Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie

Cover Jörg M. Fegert, Christian Schrapper (Hrsg.): Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie. Interdisziplinäre Kooperation. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 624 Seiten. ISBN 978-3-7799-0788-6. 48,00 EUR, CH: 83,00 sFr.
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Einführung in die Themenstellung

In wirtschaftlich schlechten gesellschaftlichen Zeiten geraten familienbezogene Hilfesysteme in einen Teufelskreis: einerseits erhöht sich das Risiko, dass Eltern und ihre Kinder in psychosoziale Überforderungslagen rutschen und gemeinschaftliche Hilfe brauchen, andererseits steht den öffentlichen Kassen und der Solidargemeinschaft weniger Geld zur Verfügung, um Hilfen zu finanzieren. Eine solche Situation kann als Auftrag verstanden werden, die Treffsicherheit des Mitteleinsatzes weiter zu erhöhen. Hierzu gehört nicht nur die Frage der Ressourcenverteilung , für wen Hilfen geleistet werden sollen. Es geht auch um die möglichst komplikationslose Klärung, welches Hilfesystem im Einzelfall vorrangig geeignet und zuständig ist, und inwieweit kooperative Zusammenarbeit verschiedener Hilfesysteme angezeigt ist. Die wichtigsten öffentlichen Systeme für Kinder und Jugendliche sind neben der Schule die Jugendhilfe und die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. In der Praxis begegnen beide Hilfesysteme sehr häufig Fragestellungen, die eine interdisziplinäre Klärung der primären Verantwortungsübernahme und sinnvoller Kooperationsmaßnahmen erforderlich machen. Im Alltag getragen und umgesetzt wird Kooperation in der Begegnung der angesprochenen Helfer. Neben der Kenntnis des eigenen Hilfesystems ist grundlegendes Wissen über Möglichkeiten und Grenzen des benachbarten System ein wichtiger Faktor gelingender Zusammenarbeit. Entsprechende Informationen stellt das vorliegende Buch bereit.

Entstehungshintergrund des Buches

Eine Verbesserung der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie ist politisch gewollt und wurde bereits durch wichtige Empfehlungen und Modellprojekte unterstützt. Das von Fegert und Schrapper herausgegebene Handbuch entstand mit Förderung des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit. Christian Schrapper, Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik an der Universität Koblenz Landau, ist Experte für das Fachgebiet der Jugendhilfe; das Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie vertritt der Herausgeber Jörg M. Fegert, Professor und ärztlicher Direktor am kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätsklinikum Ulm.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Nachschlagewerk konzipiert; es umfasst 58 Beiträge von 52 Autoren aus den Bereichen der Pädagogik und Sozialpädagogik, der Medizin und der Psychologie. Die Beiträge stammen von Experten für die jeweilige Fragestellung und sind für Fachleute des eigenen und des benachbarten Fachgebietes geschrieben. Alle Texte wirken gut durchgearbeitet und bleiben bei hohem fachlichen Niveau in der Regel gut lesbar.

  1. Im ersten Abschnitt wird das System der Jugendhilfe dargelegt, sowohl hinsichtlich der fachlichen und rechtlichen Grundlagen, wie bezüglich der zentralen, im Kinder- und Jugendhilfegesetz angelegten Hilfeformen. Der Herausgeber steuert konzeptionelle Arbeiten bei, unter anderem Auseinandersetzungen mit sozialpädagogischer Diagnostik und Hilfeplanung, sowie eine kurze Organisationsanalyse der Institution Jugendamt. Andere Beiträge informieren über rechtliche Grundlagen und Finanzierungsstrukturen der Jugendhilfe. Daneben werden die wichtigsten Hilfeformen des KJHG beschrieben, von Erziehungsberatung über Flexible erzieherische Hilfen bis zur Intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Der ebenfalls sehr lesenswerte Schlussbeitrag dieses Abschnitts befasst sich mit dem Thema Krisenintervention. In der Praxis kommen die Fachleute der Jugendhilfe sehr häufig mit jungen Menschen und Familien in Kontakt, die sich in akuten, krisenhaften Überforderungslagen befinden. Der Autor wirbt für eine verstärkte Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit dem Phänomen "Krise" und zeigt bereits vorliegende methodische Ansatzpunkte auf.
  2. Im zweiten Abschnitt des Buches setzen sich Reinhard Wiesner, Leiter des Referats Kinder- und Jugendhilferecht im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und die beiden Herausgeber sehr fundiert mit der komplizierten Materie des § 35a KJHG auseinander, der die öffentliche Hilfe für seelisch behinderte Kinder- und Jugendliche regelt. Neben Wiesner zählt Fegert zu den wichtigsten Experten dieses vieldiskutierten Paragraphen. Seine Beiträge gehen allgemein auf den Begriff der Behinderung, speziell auf den Begriff und die Feststellung seelischer Behinderung ein. Schrapper analysiert den Terminus Teilhabe am Leben der Gemeinschaft ermöglichen, der abstrakt das Ziel des § 35a formuliert.
  3. Die grundlegende Einführung in das System der Kinder- und Jugendpsychiatrie im dritten Abschnitt erfolgt sehr differenziert und umfangreich. Die Beiträge machen die multimodale und multidisziplinäre Struktur der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich. Das für die Klinik verbindliche Klassifikationssystem psychischer Störungen, der International Code of Disease ICD-10 wird anhand zahlreicher Fallbeispiele erläutert; zusätzlich wird das Multiaxiale Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters vorgestellt. In Expertenbeiträgen werden relevante Aspekte der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung dargelegt. Eingegangen wird unter anderem auf die pharmakologische Behandlung, die Struktur des ambulanten und des stationären Therapieangebots, sowie den seltenen Ausnahmefall des Maßregelvollzugs im Jugendalter. Vermissen wird der Leser vermutlich Ausführungen zur Indikation stationärer Behandlung ohne Einwilligung durch die Betroffenen; allerdings greift der sehr gute Beitrag zur Patienteninformation Aspekte dieser Frage auf. Für die Kooperation unmittelbare Relevanz besitzen die fundierten juristischen Abwägungen zwischen Schweigepflicht einerseits und Offenbarungsbefugnissen beziehungsweise Offenbarungspflichten des professionellen Helfers andererseits.
  4. Der vierte Abschnitt des Buches hat zwei Schwerpunkte. Einerseits stehen im Focus der Beiträge Problemlagen und Fallgruppen, die in besonderer Weise kooperative Hilfeplanung erfordern, andererseits werden typische Kooperationsprobleme analysiert und modellhafte Bewältigungsansätze vorgestellt. Als gemeinsame Grundperspektive lässt sich erkennen, dass effektive Veränderung in Fällen mit besonderem Hilfebedarf nur durch lösungsorientierte und auf den Einzelfall ausgerichtete Kooperation erwartet werden kann. Trotz unterschiedlicher fachlicher Zugehörigkeit der Autoren, weisen die verschiedenen Analysen typischer Kooperationsprobleme eine recht hohe Übereinstimmung auf. Ebenso besteht offenbar weitgehend Konsens über die Erfordernisse gelingender Zusammenarbeit. Warum also ist die Umsetzung und das Durchhalten kooperativer Strategien in der Praxis keine Selbstverständlichkeit? Zu dieser Frage, welche typischen Fehler interdisziplinäre Zusammenarbeit bedrohen und wie ihnen in der Praxis begegnet werden kann, nehmen insbesondere jene Beiträge Stellung, die auf Erfahrungen aus Modellprojekten zur Kooperationsentwicklung zurückgreifen können. Die Autoren gelangen dabei zu konkreten und hilfreichen Empfehlungen zur Förderung sowohl der organisationsbezogenen wie der fallbezogenen Kooperation. Abgeschlossen wird das Buch durch nützliche Adressen und ein Stichwortverzeichnis.

Zielgruppe und Fazit

Achtung und Respekt für die Professionalität des Gegenübers sind Basisvariablen erfolgreicher interdisziplinärer Zusammenarbeit. Das Handbuch kann zu einer entsprechenden Haltung zwischen den beiden Systemen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie beitragen, insofern ist es ein politisch gelungenes Buch. Daneben ist Wissen über die - begrenzten - Möglichkeiten der Nachbardisziplin Voraussetzung angemessener Kooperationserwartungen. Auch hier bietet das Buch sehr hilfreiche Orientierung, nicht zuletzt im 4. Abschnitt, der auf besondere Problemgruppen und Problemfragen der Zusammenarbeit eingeht.

Das Buch sollte in den Handapparaten von Jugendämtern, Familienberatungsstellen und Jugendpsychiatrischen Kliniken nicht fehlen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 25.01.2005 zu: Jörg M. Fegert, Christian Schrapper (Hrsg.): Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie. Interdisziplinäre Kooperation. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-0788-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1004.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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