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Dietmar Weigel: Was ist frühkindliche Bildung?

Cover Dietmar Weigel: Was ist frühkindliche Bildung? Positionen und Befunde. Eul Verlag (Lohmar) 2010. 245 Seiten. ISBN 978-3-89936-887-1. D: 57,00 EUR, A: 58,60 EUR, CH: 94,50 sFr.
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Thema

Diese Veröffentlichung von D. Weigel „Was ist frühkindliche Bildung ?“ zielt auf eine differenzierte Klärung dessen, was unter frühkindlicher Bildung zu verstehen ist. Sie versucht dabei aktuelle wissenschaftliche Positionen zur frühkindlichen Bildung vorzustellen und miteinander in Bezug zu setzen. Darin liegt der Schwerpunkt dieser Veröffentlichung. Hinzu kommen eigene empirische Untersuchungen, die die vorgestellten wissenschaftlichen Positionen überprüfen und hinsichtlich ihrer Praxisrelevanz zu bewerten versuchen.

Ziel

Dieses Buch richtet sich an Leserinnen und Leser mit fachwissenschaftlichen und fachpraktischen Interesse an der frühkindlichen Bildung. Es bietet eine breit angelegte Zusammenschau aktueller Perspektiven auf ein Verständnis frühkindlicher Bildungsprozesse. Es impliziert jedoch ebenso vor dem Hintergrund eigener empirischer Untersuchungen Hinweise für die didaktisch – methodische Gestaltung frühkindlicher Bildung in der elementarpädagogischen Praxis. Somit richtet sich diese Veröffentlichung an alle Interessierten an der derzeitigen frühpädagogischen Fachdiskussion. Insbesondere in der Ausbildung an Fachschulen/Fachakademien sowie an Hochschulen kann dieses Buch Verwendung finden; spiegelt es doch eine gute Zusammenschau eines Teils der gegenwärtigen Fachdiskussion wieder.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch gliedert sich in drei Hauptteile:

  1. Die systematische Darstellung theoretischer Positionen zur frühkindlichen Bildung
  2. Eigene Beobachtungen und deren Auswertung
  3. Diskussion neuer Befunde

Bezüglich der theoretischen Positionen konzentriert sich der Autor auf:

  • Den Bildungsauftrag in der Frühpädagogik
  • Die Bildungsbeziehung
  • Die prozessualen Komponenten frühkindlicher Bildung
  • Die additiven Komponenten frühkindlicher Bildung

In seinem empirischen Teil beobachtet Weigel Kinder in unterschiedlichen Szenarien unter ausgewählten theoretischen Positionen zur frühkindlichen Symbolisierung, dem operativen Handeln, dem Realitätsbezug sowie deren ethisch-moralischen Standpunkt. Mehrheitlich zeichnet sich dabei eine Tendenz dahingehend ab, dass die theoretischen Positionen ihren Niederschlag im Praxisfeld Kindergarten finden und somit als praxisrelevant und praxisbezogen bezeichnet werden können.

In der Folge setzte sich der Autor noch genauer mit dem „narrativen Moment“ frühkindlicher Bildung sowie den Fantasien und Realitätsbezug der Kinder (surrealistischer Entwurf) auseinander.

Die am Ende formulierten offenen Fragen regen zur weiteren fachlichen Auseinandersetzung mit der Thematik an.

Diskussion

Diese Dissertationsschrift stellt einen beachtenswerten Beitrag in der Vielzahl der gegenwärtigen Flut von Veröffentlichungen zu dieser Thematik dar.

Auf der Grundlage einer breit angelegten Literaturrecherche bietet der Autor eine Auswahl gegenwärtiger Positionen an. Die dabei von ihm vorgenommene thematische Bündelung repräsentiert die zentralen Themen in dem derzeitigen Bemühen um ein verändertes und erweitertes Verständnis frühkindlicher Bildung.

Schwer nachvollziehbar ist dabei jedoch seine Konzentration auf die psychoanalytische Perspektive. Ist diese doch nur bedingt kompatibel mit den vielfach diskutierten konstruktivistischen Zugängen im Verständnis frühkindlicher Bildungsprozesse. Dies gilt insbesondere dort, wo frühkindliche Bildung als ko-konstruktiver Prozess konzipiert wird.

In der Summe sehr nachvollziehbar ist die Verortung frühkindlicher Bildungsprozesse in der Alltags- und Lebenssituation der Kinder.

Als beachtenswert kann der empirische Teil betrachtet werden, entwickelt er doch in dessen Auswertung zwei bislang wenig diskutierte Aspekte einer sich neu positionierenden Didaktik frühkindlicher Bildung. Somit gelingt dem Autor ein guter Beitrag in jenem Diskussionsprozess.

Zu hinterfragen ist jedoch seine Beschränkung auf den Kindergarten. Repräsentiert dieses Praxisfeld nur einen Ausschnitt, der ohne eine Einbindung der vorangegangenen Jahre nur einen Teil der Frage nach der frühkindlichen Bildung beantworten kann. Zumal im Blick auf die ersten drei Lebensjahre angenommen werden muss, dass das Bildungsgeschehen im Kindergarten sich auf die Erfahrungen und Erlebnisse der ersten drei Lebensjahre aufbaut und nur so individuelle Bildungs- und Lernbedingungen beschrieben werden können. Hierzu hätten insbesondere Erkenntnisse aus der Kleinstkind- und Säuglingsforschung einen diese Überlegungen ergänzenden Beitrag leisten können.

Fazit

In der Summe stellt diese Veröffentlichung einen guten Beitrag zu einem sich immer stärker diffenrenzierenden und sich weiter entwickelnden Verständnis frühkindlicher Bildungsprozesse dar. Sie fügt sich ein in einen breit angelegten Forschungs- und Diskussionsprozess, der die derzeitige wissenschaftliche wie gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf den Bereich der frühkindlichen Bildung unterstützt.

Ausdrücklich zu loben ist das deutlich erkennbare Bemühen um eine veränderte Elementarpädagogik, die insbesondere den Fokus auf die ausdrückliche Verortung frühkindlicher Bildungsprozesse in den Alltagserfahrungen der Kinder legt und eine zu exklusiv auf instruktionspädagogische Aspekte orientierte Elementarpädagogik zu überwinden versucht.


Rezension von
Prof. Dr. Helmut Lechner
Hochschule München
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Zitiervorschlag
Helmut Lechner. Rezension vom 21.02.2011 zu: Dietmar Weigel: Was ist frühkindliche Bildung? Positionen und Befunde. Eul Verlag (Lohmar) 2010. ISBN 978-3-89936-887-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10043.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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