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Gerd Grampp: Arbeit. Herausforderung und Verantwortung der Heilpädagogik

Cover Gerd Grampp: Arbeit. Herausforderung und Verantwortung der Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 247 Seiten. ISBN 978-3-17-020008-1. 24,80 EUR.

Reihe: Praxis Heilpädagogik - Handlungsfelder.
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Thema

In dieser Veröffentlichung wurden einige Artikel zusammengefasst, die sich dem Thema Arbeit sowohl theoretisch wie auch in der konkreten Realisierung in Bereich Heilpädagogik widmen. Dabei handelt es sich vor allem um eine Reihe von Artikeln, die der frühere Geschäftsführer der BAG: WfmB Scheibner, verfasst hat (3 von 6). Diese werden flankiert von einem Text des derzeitigen Geschäftsführers und eines Mitarbeiters der BAG:WfmB und zwei Texten von hochschuleingebundenen Autoren. Drei Texte dienen eher theoretischen Grundlegungen, drei weitere sind praxisnah orientiert.

Insgesamt lassen sich alle Texte dem von Greving im Vorwort formulierten Ziel: „den Wert der Arbeit neu zu überdenken“ zuordnen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband beginnt mit einer historisch orientierten Diskussion des Handlungsfelds Arbeit (Hirsch/Kasper). Ausgehend von der Begriffsgeschichte werden die Vorstellungen von Arbeit über die Jahrhunderte verfolgt, von der biblischen Welt bis zur Globalisierung. Der zweite Teil dieses Artikels widmet sich der Philosophie der Arbeit in der Spannung zwischen Versachlichung und Freiheit, Mystifizierung und Entmystifizierung. Zum Schluss werden die vorherigen Überlegungen auf die Arbeitssituation von Menschen mit Behinderungen bezogen. Hier wird diskutiert, ob Arbeit „als Mittel und Voraussetzung zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ (S.39) angesehen werden sollte oder ob man nicht „neue Bereiche menschlicher Kreativität“ (40) erschließen solle, worüber sich dann vielleicht auch ein anderer Begriff von Arbeit formulieren lasse.

Scheibner geht von ähnlichen philosophischen Überlegungen aus, wenn er eine theoretische Grundlegung der Heilpädagogik aus dem Arbeitsbegriff heraus formuliert („Heilpädagogik als Arbeit gestaltende Wissenschaft“), wobei er einen Arbeitsbegriff verwendet, den er rechtlich und inhaltlich aus den „demokratischen Prinzipien“ ableitet auf der Grundlage von „Freiheit für jeden Menschen.“ (52)

Schlummers Artikel beginnt ebenfalls mit einer historischen und theoretischen Vergewisserung, die allerdings stärker auch politische Bezüge berücksichtigt. Der weitere Fokus seiner Überlegungen liegt dann auf den Möglichkeiten professionellen Handelns im heilpädagogischen Bereich unter besonderer Schwerpunktsetzung auf arbeitsbezogenen Maßnahmen. Hier stellt er sowohl pädagogische Konzepte der Arbeitsförderung vor wie auch konkrete Dienste, die die Neufassung der Eingliederungshilfe im Rahmen des SGB IX (Integrationsfachdienste, Arbeitsassistenz) bereitstellt.

Grammps sehr arbeitspsychologisch ausgerichteter Artikel beginnt mit einem Überblick über das Denkmodell der ICF, wobei die Verknüpfung zwischen ICF und psychologischer Arbeitswissenschaft für ihn ein Desiderat darstellt, zu dem er Andeutungen liefert. Die Darstellung der Arbeitswissenschaft lehnt sich ziemlich eng an das Handbuch der Arbeitswissenschaft von Luczak und Volpert (1997) an. Mit dem Hinweis auf die ICF hat Grammp eine komplexe Vorgabe gegeben, wie die strukturierten Vorstellungen der Volpertschen Arbeitswissenschaft mit dem arbeitsbezogenen Alltag von Menschen mit Funktionsbeeinträchtigungen zu einer gewinnbringenden Synthese geführt werden kann – was der Autor an anderer Stelle konkretisiert hat (DLM, ABS, AAGS).

Scheibner, der Hauptautor, verschafft mit seinem zweiten Artikel einen guten exemplarischen Überblick über die vielfältigen Forschungsaktivitäten, die allgemein im Bereich der Rehabilitation als auch konkret mit Bezug auf die WfbM in den letzten vierzig Jahren unternommen wurden. Hier hebt er insbesondere die latente oder manifeste Tendenz zur Kommodifizierung der Tätigkeiten, die im Rahmen unterstützter Beschäftigung geleistet werden und benennt den Konflikt zwischen einer wie auch immer gearteten Position auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gegenüber Beschäftigungssituationen, die nicht als Erwerbsarbeit angesehen werden können. Er weist darauf hin, dass es problematisch ist, wenn nur die erstere als einem Normalisierungsprinzip entsprechend angesehen wird.

Scheibner zeigt im letzten Hauptartikel seinen Weg aus diesem Dilemma, wenn er die Vorstellung einer „neuen“ Arbeit entwirft, die emanzipativ und persönlichkeitsfördernd strukturiert sein sollte. Demgegenüber charakterisiert er das, was manchmal in einer WfbM passiert, nämlich dass arbeitsähnliche Tätigkeiten durchgeführt werden, die überhaupt nicht auf ein wirtschaftliches Ergebnis hin orientiert sind, sondern nur zur Verhinderung von Müßigkeit verlangt werden, als Sisyphismus, als „böses Gaukelspiel“, als „die Menschenwürde verletzend“. Als bisherige Alternativen stellt er die personenzentrierten Methoden vor, die in vieler Werkstätte verwendet werden. Hier schließt sich der Kreis zu dem Artikel von Grammp, denn Grammp war maßgeblich an der Entwicklung dieser Methoden beteiligt.

Das von Scheibner formulierte „Plädoyer für ein Manifest der Heilpädagogik bündelt die vorangegangen Überlegungen mit dem Ziel der „erwerbswirtschaftszentrierten Betrachtung“ eine konsequent demokratie-geleitete, gemeinwohlorientierte und emanzipatorische Denkweise entgegenzusetzen.“ (218)

Diskussion

Wenn man resümierend die vorliegende Veröffentlichung abwiegt, zeigt sich, dass alle Artikel von dieser Position aus ihre Argumentationsstruktur und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen beziehen. Das Gedankenmodell eines emanzipativen und letztlich politischen Arbeitsbegriffs steht am Anfang der Analyse und diesem Ziel wird die Rezeption der einschlägigen Literatur mal mehr, mal weniger untergeordnet. Insofern findet man hier wie häufig in der Heilpädagogik, den Versuch, mit der Situation der Menschen mit Behinderungen eine politische Moral zu substantiieren. Wenn man den Demokratie-Begriff an die grundgesetzlich garantierten Ordnung anknüpft, dann gehört auch der marktwirtschaftliche Mechanismus neben der Strukturierung durch Politik zu einem Garanten der Möglichkeit von Demokratie und auch Gemeinwohlorientierung. Insofern wirkt das ganze Buch durch diese Ausblendung wie ein weiterer Claim in der heilpädagogischen Provinz. Das beginnt damit, dass trotz einer Argumentation auf relativ hohem Abstraktionsgrad und Theoriebezug (beides übrigens oft relativ schlampig, wenn überhaupt, mit Quellen belegt) die Bedeutung der Arbeitsteilung nicht wirklich berücksichtigt wird, genau so wenig wie der Zusammenhang zwischen Arbeit als Produktion von Waren und Arbeit als Element der gesellschaftlichen Entwicklung der Interaktionsordnung und der sozialen Struktur.

Durch die begriffliche Engführung wird verschenkt, was unter der Programmatik der Inklusion an der Tagesordnung wäre, nämlich unter Berücksichtigung der vielfältigen Quellen, auf die die Autoren Bezug nehmen, ein tiefes Verständnis für das zu entwickeln, was heute in dieser Welt geschieht. Schon wenn man die Arbeitswertlehre, mit oder ohne Marx, berücksichtigt, dann zeigt sich, dass wirtschaftlich kein sehr großer Unterschied besteht zwischen der gesamtbetriebswirtschaftlichen Situation einer Werkstatt mit vollen oder leeren Auftragsbüchern. Es gibt immer wieder WfbMs, die bei leeren Auftragsbüchern zur Vermeidung eines Sisyphismus den Mitarbeiten keine Beschäftigung gegeben haben. Subjektiv wird das von ihnen deutlich negativer erlebt, als wenn sie eine arbeitsähnliche Tätigkeit verrichten, deren Sinnlosigkeit sie kennen oder erahnen. Gibt es wirklich eine Alternative zur Kommodifizierung der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen, die durch ihre Behinderung nicht in der Lage sind, so effektiv tätig zu sein, dass ihre Aktivität auf dem normalen Arbeitsmarkt realisiert werden kann. Inklusion auf dem Arbeitsmarkt kann dann nur heißen, dass man nicht Zuflucht nimmt zu Visionen von „neuer Arbeit“ (die Figur des „neuen Menschen“ hat hier Pate gestanden), sondern dass man nicht auf einen pauschalen Inklusionsbegriff zurückgreift, sondern Inklusion bezieht auf die sozial vielfältig segmentierten Zugehörigkeiten in einer Gesellschaft, die zudem horizontale wie vertikale Differenzierungen (aus den unterschiedlichsten Gründen) aufweisen. Erst dann wird beispielsweise verstehbar, warum die Kombination Integrationsamt, Integrationsfachdienst und Integrationsfirmen zahlenmäßig ein Nischendasein führt. Wenn man Inklusion nur dann gewährleistet sieht, wenn alle, die irgendwie arbeitsähnlich tätig sind, in den allgemeinen Arbeitsmarkt ihre Position gefunden haben, dann sind alle, deren Arbeitskraft und Arbeitsqualität das nicht erbringt, definitionsgemäß nicht inkludiert, es sei denn man greift zu Hilfskonstruktionen eines Arbeitsbegriffs, der nur noch einlösbar ist in einer denkbaren anderen sozialen Welt, über deren Realisierbarkeit man meint sich keine Rechenschaft ableisten zu müssen. Für den heilpädagogischen Alltag bleiben dann zentrale Fragen nur am Rande beantwortet wie z.B., ob eine große Einrichtung wie eine der Werkstattordnung unterliegende WfbM angemessener ist oder kleine Integrationsfirmen. Beides hat seine Vorteile und seinen Preis und das wäre gegeneinander abzuwägen.

Fazit

Insgesamt bietet die Veröffentlichung eine Fülle von Informationen, die man programmatisch-politisch verwerten kann, wie die Autoren es getan haben, oder die man beziehen kann auf den Alltag der Beschäftigungssituation von Menschen mit Behinderung heute. Allerdings müsste man dann die Texte gegen den Strich lesen.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 09.11.2011 zu: Gerd Grampp: Arbeit. Herausforderung und Verantwortung der Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020008-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10048.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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