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Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.09.2010

Cover Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer ISBN 978-3-608-94649-9

Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer. Warum wir unsere Vergangenheit nicht aufarbeiten können. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-608-94649-9. 21,95 EUR.

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Thema

„Wer vor der Vergangenheit Augen, Ohren und das Herz verschließt, wird weder in der Gegenwart leben, noch in die Zukunft denken können.“ Angelehnt an eine Redepassage, die der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn hielt, gilt es zu reflektieren, wie sich „Vergangenheitsbewältigung“ im kollektiven Gedächtnis der Deutschen vollzieht. Erinnern, das zeigen uns zahlreiche psychologische Untersuchungen, hat etwas zu tun mit Be-denken und ist, vor allem beim historischen, kollektiven Erinnern, eingezwängt in die Versuchungen und Verlockungen des Vergessens und des Eingestehens, von Niederlage und Sieg, Schuld und Sühne, Trauer und Zuversicht.

Entstehungshintergrund und Autoren

Dass es einen individuellen und kollektiven Zusammenhang von Erinnern und Identität gibt, darauf haben zahlreiche psychologische, psychoanalytische und soziologische Studien hingewiesen. Die Mitscherlichsche Hypothese von der „Unfähigkeit zu trauern“ bedarf der Konfrontation mit der Fähigkeit, „Trauer in der Geschichte“ zu ermöglichen. Die Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung, Ulrike Jureit und der an der Universität Kassel tätige Soziologe und Forschungsanalytiker Christian Schneider plädieren in ihrem Buch für einen erinnerungspolitischen Diskurs mit Ich-Bezug, denn ein friedliches Miteinander in der sich immer interdependenter, entgrenzender und konfliktreicher entwickelnden Welt ist nur möglich, wenn Erinnerung und Versöhnung zusammen kommen. Das Autorenteam plädiert für eine „alternative Theorie der Trauer“ und zeigt damit einen anderen als den bisher praktizierten Weg der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen auf – zu einer anderen Erinnerungskultur.

Aufbau und Inhalt

Ulrike Jureit benennt ihre Überlegungen „Opferidentifikation und Erlösungshoffnung: Beobachtungen im erinnerungspolitischen Rampenlicht“. Mit der Erkenntnis, dass „Erinnerung ( ) zum Gesellschaftszustand (wird)“, zeigt die Autorin auf, dass sich im gesellschaftlichen Diskurs der Nachkriegszeit mit der „Täter-Opfer-Formel“ (1968) ein generationsspezifisches Erinnerungsmuster etablierte, das sich schließlich zu einer „opferidentifizierten Erinnerungskultur“ auswuchs: „Die deutsche Erinnerungskultur tendiert dazu, eine Vergessenskultur zu werden“. Im zweiten Teil weist sie auf ein Missverständnis hin, dass nämlich Erinnerung als Bedingung für Erlösungs- (Absolutions-)Erwartung gelte. Im dritten Teil kritisiert sie die vorherrschende Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Dabei macht sie den „moralischen Link“ aus „zwischen der Theorie des kulturellen Gedächtnisses und den in Deutschland eingeübten Erinnerungspraktiken“. Schließlich ist wichtig die Frage, wie weit Erinnern reicht, und zwar sowohl zeitlich, als auch kulturell und gesellschaftlich. Ulrike Jureit bürstet die verbreitete Auffassung, dass es so etwas wie ein Subjekt kollektiver Erinnerungsprozesse gäbe, gegen den Strich und formuliert „in Anlehnung an eine erfahrungsgeschichtlich orientierte Generationenforschung… einen kommunikationstheoretischen Zugang“. Sie plädiert dabei für „ein erweitertes Verständnis von Zeugenschaft, das konstitutiv an die transgenerationelle Weitergabe erlebter Geschichte gebunden ist. Das ist insofern interessant, weil die Deutungskonflikte über geschichtliche und moralische Ereignisse, wie etwa dem Holocaust, in der globalisierten, unfriedlichen Welt teils abstruse Formen annehmen und zur Geschichtsverklitterung führen.

Im zweiten Teil des Buches setzt sich Christian Schneider mit den intellektuellen Grundlagen auseinander, wie sie sich im Nachkriegsdeutschland entwickelt haben und den Erinnerungs- und Gedenkdiskurs bestimmen: „Besichtigung eines ideologischen Affekts: Trauer als zentrale Metapher deutscher Erinnerungspolitik“. Indem der Autor die „negative Dialektik“ Adornos zu Rate zieht, nähert er sich mit zahlreichen (politischen) Beispielen, wie etwa im Zusammenhang mit dem Parteispendenskandal der hessischen CDU-Führung in den 1980er Jahren, der Frage nach den Grundlagen der (deutschen) Vergangenheitspolitik. Mit der zeitgeschichtlichen Intervention, die Alexander und Margarete Mitscherlich mit ihrer Metapher „Die Unfähigkeit zu trauern“ vorgenommen haben und in deren Verlauf so etwas wie eine Aufteilung der zur Erinnerung Fähigen und der Unfähigen sich vollzog, ergibt sich, so die Analyse Schneiders, eine Wirkung, dass mit dem Begriff „Trauer eine auf das Problem nicht anwendbare Kategorie eingeführt und damit Trauer metaphorisiert und inflationiert“ wird. Die Folgen, die sich daraus für die gesellschaftliche und mentale Erinnerung ergeben, bewirken den unannehmbaren und irreführenden Schluss: „Trauerarbeit macht frei“; der Holocaust aber, so Hannah Arendt anlässlich der Verleihung des Lessingpreises 1959, lasse sich nicht bewältigen: „Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist“. Mit Sigmund Freuds „Trauer und Melancholie“ (1915) wird eine fatale Zerlegung der Trauerarbeit in persönliche und offizielle Akte vorgenommen. Wie wäre, so fragt der Autor, die bisherige Geschichte der deutschen Vergangenheitsbewältigung anders verlaufen, hätte sich die Trauertheorie auf den „Gefühlswert der Trauer“ gestützt? Als Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Weltkriegsendes den Zusammenhang von Erinnerung, Trauer und Verantwortung herstellte, fand er in dem Philosophen Norbert Elias einen Gegenpart, gleichzeitig aber auch eine Kongruenz: „Der eine verbindet sie mit dem Gebot des Erinnerns, der andere mit der Notwendigkeit, die Vergangenheit als vergangen zu begreifen". Die zeitgeschichtlichen, politischen und erinnerungsmotivierten Versatzstücke von Äußerungen, wie sie von Politikern, wie etwa von Philipp Jenninger, Ignatz Bubis, Joschka Fischer, Oskar Lafontaine und von Literaten wie Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki, u.a. in den gesellschaftlichen Erinnerungsdiskurs gebracht wurden, müssen unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen Zeitumstände kritisch betrachtet und analysiert werden. Aus diesen Überlegungen stellt Schneider „Modelle einer anderen Affektkultur“ vor. Dabei werden Positionen deutlich, die möglicherweise einen anderen Weg der Erinnerungsarbeit aufzeigen können, etwa: „Um Trauer als Gefühl zu begreifen, muss man sich über ihre Situierung im Grenzgebiet von Natur und Kultur klar werden“. Trauer ist jenseits ihrer kulturellen Gestalt nicht denkbar. „Die Trauer, die heute in diesem Zusammenhang möglich wäre, ist eine um den Anderen, der man selber war“ – ein gewaltiger Wechselschritt. Notwendig ist ein interkultureller Dialog, der verbunden ist mit einer lokalen und globalen Gesellschaftsanalyse über einen neuen Humanismus (vgl. dazu auch: Jörn Rüsen, Henner Laass (Hrsg.): Interkultureller Humanismus. Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen. Wochenschau Verlag (Schwalbach) 2009. 366 Seiten, Rezension): Eine neue Erinnerungskultur sollte deshalb darauf basieren, dass „Trauer als Selbstreflexion im verlorenen Anderen“ zum Ausdruck kommt und dies sich in der Differenz artikuliert, nämlich „die Differenz anzuerkennen, die zwischen den Generationen auf der Ebene nicht nur des real Erlebten, sondern auch der Erlebnismöglichkeiten herrscht“.

Fazit

Trauer-, Erinnerungs- und Vergangenheitsarbeit muss sowohl das Ich, als auch das Wir des alltäglichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Daseins der Menschen einbeziehen. Die sich dabei einstellende oder gar bewusst initiierte Opferidentifikation wie die Erlösungshoffnung dürfen sich nicht auf den herrschenden moralischen Mainstream beschränken, sondern bedürfen einer neuen, anderen Betrachtung. Diese nehmen Ulrike Jureit und Christian Schneider in ihren Beiträgen vor. Auch wenn die theoretischen Überlegungen und Analysen darüber sich in erster Linie an den wissenschaftlichen Diskurs richten, so bietet der Perspektivenwechsel zu den Fragen der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland auch didaktische Relevanz; denn Erinnerungskultur ist eine Herausforderung, die (auch) als Lern- und Aufklärungsprozess zu verstehen ist, in der schulischen, wie in der außerschulischen Bildungsarbeit.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1567 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.09.2010 zu: Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer. Warum wir unsere Vergangenheit nicht aufarbeiten können. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-94649-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10056.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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