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Monika Paillon: Kultursensible Altenpflege

Cover Monika Paillon: Kultursensible Altenpflege. Ideensammlung mit Fokus Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-497-02172-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reinhardts Gerontologische Reihe - 47.
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Thema

Die demografische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland, so Monika Paillon, bringt hervor, dass viele aus der ersten MigrantInnengeneration Stammende das siebzigste Lebensjahr erreicht haben. „Aufgrund dieser Entwicklung und aufgrund der Kenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, mit zunehmendem Alter wächst, ist in den kommenden Jahren mit einem starken Anstieg demenzerkrankter Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu rechnen“ (S. 9). Gegenwärtig scheint die professionelle Altenhilfe und das Gesundheitswesen auf dieses Szenario nur ungenügend vorbereitet zu sein.

Autorin

Monika Paillon arbeitet in Düren in der psychosozialen Einzel- und Gruppenbetreuung, von u. a. demenzkranken Menschen und deren Angehörigen, in einer Seniorenresidenz. In der Erwachsenenbildung arbeitet die Autorin zum Thema „Dement in häuslicher Umgebung.“

Entstehungshintergrund

Monika Paillon beschloss, aufgrund ihrer Erfahrungen im täglichen Umgang mit BewohnerInnen ‚ihrer‘ Seniorenresidenz, Informationen und Tipps zu sammeln, welche es ermöglichen, vielerlei multikulturelle Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen zu machen, ein Netzwerk aufzubauen und kulturelle Sensibilität zu wecken; „ebenso Betreuungshilfen für demente Menschen zu entwickeln und bereits vorhandene Hilfen aufzuspüren, die ihrem fremden sozialen und kulturellen Hintergrund entsprechen. (Ihr – CR) Anliegen war es, Möglichkeiten zu schaffen, (die – CR) Einrichtung sowohl konzeptionell als auch organisatorisch zu einem Ort des Wohlfühlens zu machen – ein letztes Zuhause, fern der eigentlichen Heimat“ (S. 16). Die Autorin suchte schließlich die Wurzeln dort, wo sie auch vergraben sind – nämlich in fremden Böden.

Aufbau

Die Autorin hat das Buch, nach einem Vorwort, in 22 Kapiteln gegliedert, denen eine zweiseitige Zusammenfassung und ein Anhang - bestehend aus Danksagung, hilfreichen Adressen (als da wären öffentliche Einrichtungen, eine Auswahl von Fortbildungsinstituten zur „Kultursensibilität“(u. a. mit Internetadressen), zu Religionen, zur Sterbebegleitung, zur Demenz und zu Trauma), Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis und Sachregister - folgen.

  1. Handlungsbedarf
  2. Kulturgeprägt
  3. Pflegeeinrichtung
  4. Türen öffnen für das kultursensible Arbeiten
  5. Heimat und über die Grenzen hinaus
  6. Sprache
  7. Angehörigenarbeit
  8. Demenz und Migration
  9. Wertschätzung
  10. Pflege und Betreuung
  11. Die neuen BewohnerInnen
  12. Umgebungsgestaltung
  13. Erinnerungspflege
  14. Körperpflege
  15. Kleidung
  16. Wahrnehmung der Außenwelt durch die fünf Sinne
  17. Feiertage
  18. Religion
  19. Sterbebegleitung, Tod und Trauer
  20. Multikulturelles Personal – Interkulturelles Pflegemanagement
  21. Neue Herausforderungen für die Ambulante Pflege
  22. Kultursensitive Ergänzungen zum Gesamtkonzept

Ausgewählte Inhalte

Ich erlaube mir, aus dem Gesamtwerk die inhaltliche Besprechung auf das Kapitel 13 (Erinnerungspflege) zu konzentrieren. „Für Menschen mit Demenz ist Erinnerungspflege, die über alle Sinne wahrgenommen wird, oft ein letzter Halt im Strom des Vergessens. Aus emotional positivem Erleben schöpfen sie Lebensenergie und Selbstbewusstsein. Kenntnisse der alten Lebensgewohnheiten, der Sprache, der Sitten und Gebräuche, der kulturellen Gegebenheiten sind für Betreuungskräfte dementer Menschen also ausgesprochen wichtig“ (S. 17).

Schon die Kölner Musikgruppe „Brings“ stellt fest, dass fröher en superjeile Zick wor, an die sie manchmol mit Träne in d‘r Auge zurück loort. Das sind nämlich die Erinnerungen an die gute alte Zeit. Das sind die Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die es in der kultursensiblen Altenarbeit zu beachten gilt. „In der kultursensiblen Altenarbeit (und ‚kultursensible Altenhilfe ist, wenn auch noch sehr zurückhaltend, als Fachbegriff in unseren beruflichen Alltag eingeflossen […]. Die Altenhilfe hat […] sich auf die gesellschaftliche Realität einzustellen und […] damit einen notwendigen Beitrag zu einer sozial- und politisch verantwortlichen Gestaltung unserer Einwanderungsgesellschaft‘ (S. 14 f.) zu leisten – CR) sind wir verstärkt auf sachdienliche spezifische Hinweise und auf Hintergrundwissen angewiesen – und das nicht erst in den nächsten Jahrzehnten, sondern jetzt, heute, morgen, wenn alte, demenzkranke BewohnerInnen mit Zuwanderungsgeschichte in unsere Pflegeeinrichtungen einziehen oder wenn wir sie […] pflegen und betreuen dürfen“ (S. 68).

Die Erinnerungspflege, die Biografiearbeit, ist ein nicht zu ersetzender Bestandteil der Pflegedokumentation. Monika Paillon hat einen Musterfragebogen in Kapitel 22 publiziert. „Biografische Angaben sind in der Demenzarbeit von vorrangiger Wichtigkeit: Erinnerungspflege beinhaltet Besinnung, unter Umständen auch Sinnerkennung in der rückwärtigen Betrachtung des eigenen Lebensweges“ (S. 88). Über die Biografien der BewohnerInnen ist es unter Umständen möglich verloren gegangene Ressourcen zu reproduzieren. Also auch hier Ressourcenorientierung vor Defizitorientierung.

Es gilt das Lebenspuzzle im so genannten Erinnerungsgespräch zusammenzufügen. „Wenn es uns angebracht erscheint, können wir wahrgenommene Gefühle benennen lassen, um eventuell (sprachliche) Missverständnisse zu vermeiden, denn unter Umständen erschließen sich uns so neue oder fremde Gefühls- oder Lebenswelten. […] Haben wir Wissen über die Geschichte eines Migranten erfahren, so ist dies nur eine einzigartige Geschichte eines einzigartigen Menschen mit Migrationshintergrund“ (S. 89).

Das Gepäck der BewohnerInnen beinhaltet für erste Gespräch immer den Aufhänger für die Erinnerungsarbeit. Hierfür ist Vertrauen unbedingte Voraussetzung. So ist es den BetreuerInnen dann auch leichter möglich das Gespräch auf spirituelle, religiöse oder migrationsbedingte Fragen zu lenken. Notwendig ist in diesem Zusammenhang eine genaue und einfühlsame Beobachtungsgabe der BewohnerInnen. Sie sind in diesen Gesprächen nie zu irgendwelchen Aussagen zu drängen. „Unsere PatientInnen bewerten nicht nur ihr persönlichen Erfahrungen. Wir können davon ausgehen, dass sie auch bewerten, mit wem sie diese teilen wollen“ (S. 90).

Bei Demenzkranken gestaltet sich die Biografiearbeit ein wenig sensibler, dennoch verbietet es sich ausschließlich auf Informationen von Angehörigen zurückzugreifen. Für die Informationsbeschaffung eignen sich auch die so genannten Kramkisten – und das sind Kisten „mit vielen vertrauten Gegenständen sowie ein Photoalbum (oder Ähnliches)“ (S. 86) und diese Kramkisten „können in vielen kreativen Stunden in Gruppenarbeit selbst erstellt werden“ (ebd.).

Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einem Leitfaden, der die Rahmenfaktoren für die Erinnerungspflege enthält.

Diskussion

Sehr schön sind die Leitfäden, die der kurzen und schnellen Orientierung dienen und einen Handlungsrahmen bieten, als da wären:

  • Multikulturelle Kontakte Knüpfen (Herausforderung, Reflexion, Regelmäßige Evaluation)
  • „Heimatgefühl“ und Verbindungen ermöglichen (Herausforderung, Möglichkeiten der Durchführung, regelmäßige Evaluation)
  • Sprache(n) gezielt einsetzen (Herausforderung, Möglichkeiten der Durchführung, regelmäßige Evaluation)
  • Angehörige einbinden (Herausforderung, Absprache und Dokumentation vor dem Einzug, regelmäßige Evaluation)
  • Kultursensible Pflege bei Demenz (Herausforderung, Voraussetzungen, Handlungsbedarf, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Wertschätzende Altenarbeit (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Empfang neuer BewohnerInnen (Herausforderung, Möglichkeiten vorab, beim Einzug, der nächste Tag, erste Evaluation)
  • Kultursensible Umgebungsgestaltung (Herausforderung, Möglichkeiten der Gestaltung, regelmäßige Evaluation)
  • Rahmenfaktoren für die Erinnerungspflege (Herausforderung, Voraussetzung, Umsetzung, regelmäßige Evaluation)
  • Kultursensible Körperpflege (Herausforderung, Absprache und Dokumentation vor dem Einzug, regelmäßige Evaluation)
  • Kleidung zur Förderung des Wohlbefindens nutzen (Herausforderung, Möglichkeiten der Umsetzung, regelmäßige Evaluation)
  • Visuelle Orientierung fördern (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Kultursensible Körperstimulation (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Düfte gezielt einsetzen (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Ernährung (Herausforderung, Absprache und Dokumentation vor dem Einzug, regelmäßige Evaluation)
  • Musik in der Pflege (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Kulturspezifische Feiertage kennenlernen (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Spirituelle Begleitung (Herausforderung, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Sterbebegleitung (Herausforderung, Voraussetzungen, Möglichkeiten, regelmäßige Evaluation)
  • Kultursensible Personalarbeit (Herausforderung, Voraussetzung, regelmäßige Evaluation)
  • Ambulante Pflege kultursensibel ergänzen (Herausforderung, Reflexion, regelmäßige Evaluation)
  • Ergänzung zum Erstgespräch (Religion, Pflege, Persönliche Hygiene, Bekleidung, Ernährung und Verpflegung, Pflegepersonal, Räumlichkeiten)
  • Ergänzung zum Betreuungskonzept (Vereinsleben, Kontakte, Feiertage und Feste)
  • Ergänzung zum Sterbekonzept (Notfallplan)

Wir erkennen aus der Auflistung das es bei Nutzung der Leitfäden unbedingt darauf ankommt die herausfordernden Aspekte, etwa der kulturspezifischen Feiertage, herauszukristallisieren und regelmäßig danach zu fragen, wie die/der BewohnerIn mit diesen Erfahrungen zurecht kommt.

Fazit

Die Lektüre der Publikation ist, wie ich denke, nicht nur für die in der Altenhilfe Tätigen sehr sinnvoll, sondern ebenso für die professionelle Behindertenhilfe. Werden wir in der Betreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung unter Umständen mit denselben Problemen konfrontiert, wie in der Altenhilfe?


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 09.11.2010 zu: Monika Paillon: Kultursensible Altenpflege. Ideensammlung mit Fokus Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-497-02172-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10061.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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