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Hans Christoph-Steinhausen, Aribert Rothenberger u.a. (Hrsg.): Handbuch ADHS

Rezensiert von Dr. Ramona Thümmler, 18.01.2011

Cover Hans Christoph-Steinhausen, Aribert Rothenberger u.a. (Hrsg.): Handbuch ADHS ISBN 978-3-17-019290-4

Hans Christoph-Steinhausen, Aribert Rothenberger, Manfred Döpfner (Hrsg.): Handbuch ADHS. Grundlagen, Klinik, Therapie und Verlauf der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 371 Seiten. ISBN 978-3-17-019290-4. 48,00 EUR.

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Thema

Obwohl das Thema der Aufmerksamkeitsstörungen seit vielen Jahren auch in Deutschland im wissenschaftlichen Diskurs angekommen ist, finden sich noch immer sehr verschiedene Ansichten und Meinungen zu diesem Störungsbild, obwohl – oder gerade weil – die Anzahl der Forschungsarbeiten in diesem Bereich enorm hoch ist. Ein Weg, dem Halbwissen entgegenzuwirken und somit für mehr Verständnis und eine bessere Behandlung der Betroffenen beizutragen, ist die Veröffentlichung wissenschaftlicher Literatur zum Thema. Das vorliegende Handbuch greift diese Forderung auf und stellt mithilfe verschiedener Experten/innen zum Thema ADHS aktuelles Wissen zusammen. Das Buch enthält Artikel zur Definition von ADHS, der Klassifikation und Epidemiologie, Hintergründe zur Störung sowie Aspekte der Klinik, Untersuchung, Therapie und Verlauf von ADHS. Ebenfalls Beachtung finden die Erkenntnisse über ADHS im Erwachsenenalter, da die Herausgeber eine Lebenszeitperspektive einnehmen.

Herausgeber

Das Herausgebertrio des Buches setzt sich aus bekannten Professoren der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen:

  • Prof. Dr. med. Dr. phil. Hans-Christoph Steinhausen, DMSc, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Universitäten Aarhus, Basel und Zürich;
  • Prof. Dr. med. Aribert Rothenberger, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Göttingen und
  • Prof. Dr. rer. med. Manfred Döpfner, Leitender Psychologe an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln.

Die Herausgeber sind bekannt für ihre wissenschaftliche Schwerpunktbildung im Bereich ADHS und weisen allesamt umfangreiche langjährige klinische Erfahrung mit dem Störungsbild ADHS auf.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch baut auf drei, ebenfalls im Kohlhammer-Verlag zuvor erschienenen Monografien von Steinhausen auf. Das nun veröffentlichte Sammelwerk stellt das derzeit empirisch ermittelte Wissen über ADHS zusammen. So haben 16 Autoren und Autorinnen, die auf dem jeweiligen Fachgebiet Experten sind, zahlreiche Forschungsfelder bearbeitet. Das Handbuch „beabsichtigt, die Vielfalt der Erkenntnisse der empirischen Forschung in zahlreichen Forschungsfeldern mit dem Ziel zu vermitteln, die klinische Versorgung der betroffenen Menschen im Sinne einer wohlverstandenen Qualitätssicherung zu beeinflussen und nach Möglichkeit auch zu verbessern“ (9).

Aufbau

Das Handbuch nähert sich dem Thema „ADHS“ in fünf großen Kapiteln:

  1. Grundlagen,
  2. Ätiologie und Pathophysiologie,
  3. Klinik,
  4. Untersuchung und
  5. Therapien.

Insgesamt verzeichnet das Werk 32 Artikel auf 370 Seiten. Ein Stichwortverzeichnis schließt sich an.

In den Kapiteln finden sich folgende Themen wieder:

I. Kapitel: Grundlagen

  • Geschichte der Aufmerksamkeitsstörung
  • Definition und Klassifikation von ADHS
  • Epidemiologie

II. Kapitel: Ätiologie und Pathophysiologie

  • Ätiologien und Pathophysiologie – Einleitung und Überblick
  • Neuroanatomie
  • Neurophysiologie – elektrische Hirnaktivität
  • Neurochemie
  • Neuropsychologie
  • Genetik
  • Toxine, Allergene und infektiöse Faktoren
  • Psychosoziale Faktoren
  • Integrative ätiologische Modelle

III. Kapitel: Klinik

  • Klinischer Verlauf
  • Komorbiditäten und assoziierte Probleme
  • Schlafverhalten und Schlafstörungen

IV. Kapitel: Untersuchung

  • Untersuchung – Einleitung und Überblick
  • Interview
  • Verhaltensbeobachtung
  • Fragebögen und Beurteilungsskalen
  • Psychologische Tests
  • Körperliche Untersuchung
  • Differentialdiagnose

V. Kapitel: Therapien

  • Therapien – Einleitung und Überblick
  • Psychoedukation
  • Multimodale Therapie
  • Pharmakotherapie mit Stimulanzien bei Kindern und Jugendlichen
  • Pharmakotherapie bei Erwachsenen
  • Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen
  • Verhaltenstherapie bei Erwachsenen
  • Neurofeedback
  • Diäten

Inhalt

Im Folgenden werden einige Aspekte aus dem Grundlagenkapitel näher dargestellt, um einen Eindruck der Vorgehensweise im Buch zu vermitteln. Die ausführliche Darstellung aller Beiträge würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Daher werden alle weiteren Kapitel dann nur in einer kurzen Zusammenfassung vorgestellt.

Das Grundlagen-Kapitel beginnt mit einem 6-seitigen, sehr übersichtlichen Beitrag von Rothenberger und Neumärker zur wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung des Krankheitsbildes. Bereits vor Jahrhunderten konnte die „Trias von allgemeiner motorischer Unruhe, mangelnder emotionaler Impulskontrolle und Unaufmerksamkeit/Ablenkbarkeit bei Kindern“ (11) beobachtet werden. Über die Jahre fanden sich dafür dann immer wieder verschiedene diagnostische Bezeichnungen dafür – auch je nachdem, welches Erklärungsmodell den Auffälligkeiten gerade zugrunde lag. Im weiteren Text nehmen die Autoren Bezug auf das 20. Jahrhundert und zeigen die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung in 10-Jahres-Schritten auf.

Das spannende in diesem Text ist die Erkenntnis, dass auch die Annahmen der heutigen Zeit sich einreihen werden in die Entwicklung des Störungsbildes. Die Autoren fassen zusammen: „So lassen sich mehr als hundert Jahre Wissenschaftsgeschichte erkennen, die von verschiedenen Einflüssen geprägt wurde. Dieser Sachverhalt kann nicht verwundern, denn dieses Thema steht nach wie vor im Schnittpunkt von Medizin, Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Politik. Damit sind immer verschiedene Betrachtungsweisen verbunden und kontroverse Diskussionen sind oft unausweichlich“ (15).

Der zweite Artikel betrachtet die zwei Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10. Die einzelnen Kriterien werden aufgelistet, gegenübergestellt und auf ihre aktuelle Gültigkeit hin überprüft. Da die genannten Klassifikationssystem im Bereich ADHS auf den Altersbereich von 6 bis 12 Jahren fokussiert sind, diskutiert Steinhausen auch die mögliche Übertragung der Kriterien auf andere Altersbereiche, also jüngere Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ggfs. deren Modifikation. Weiter geht Steinhausen auf die Vor- und Nachteile einer kategorialen und dimensionalen Diagnosestellung ein. In der Zusammenfassung stellt der Autor noch einmal die Nützlichkeit der Konstrukte heraus und plädiert für deren Überarbeitung und Weiterentwicklung mit dem Ziel einer „genaueren Erfassung der Behandlungsnotwendigkeiten und damit einer Verbesserung der Lebensqualität der betroffenen Patienten“ (28).

Der dritte Artikel, ebenfalls von Steinhausen, stellt Studienergebnisse zur Epidemiologie vor. Es werden die verschiedenen Erhebungsmethoden erläutert, die dann auch zu abweichenden Prävalenzraten führen können. Zwei umfangreiche Tabellen stellen verschiedene Studien in der Übersicht dar, mit Angaben zum verwendeten Klassifikationssystem, der Region, der Stichprobengröße, dem Alter und der ermittelten Prävalenzrate. Auch wenn die Zusammenstellung beeindruckend ist, fällt auf, dass die Daten nur bis ins Jahr 2002 gehen und z. B. die später ermittelten Prävalenzangaben für Deutschland (KIGGS-Studie; Huss) fehlen.

Das II. Kapitel geht der Frage nach der Ätiologie und Pathophysiologie der Störung nach. Das Herausgebertrio bezeichnet dieses Fachgebiet als die „Achillesferse der Medizin und damit auch der psychiatrischen Fächer“, weil der „Anteil an wissenschaftlich ungenügend aufgeklärten Ursachenelementen und Entstehungsmechanismen … hoch“ (41) ist. So stellt dieses Hauptkapitel die aktuelle empirische Befundlage zusammen und die Autoren wagen am Ende den Versuch einer Zusammenschau verschiedener integrativer Modelle aus der Literatur und eigenen Überlegungen.

Der erste Artikel von Kapitel III stellt die klinische Seite der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung vom Säuglings- und Kleinkindalter, über das Vorschulalter, die Kindheit und das Jugendalter hin zum Erwachsenenalter dar. Der knapp zwanzig Seiten lange Artikel beschreibt die verschiedenen Lebensalter und erläutert Studienergebnisse. Einige Tabellen und Schaubilder unterstützen die Darstellung. Steinhausen betrachtet am Ende des Artikels „ADHS über die Lebensspanne als eine häufig chronisch verlaufende Störung mit zahlreichen Entwicklungsbeeinträchtigungen und psychosozialen Adaptationsproblemen“ (168) und führt Schlussfolgerungen auf.

Es folgt die Darstellung von Komorbiditäten sowie von Schlafverhalten und Schlafstörungen bei ADHS. Rothenberger verweist hier auf die Wichtigkeit des Themas. Erst seit wenigen Jahrzehnten findet es bei ADHS überhaupt Beachtung und erst seit wenigen Jahren wird das Schlafverhalten der betroffenen Kinder untersucht. Klar ist, dass „Probleme mit der Regulation von Schlaf und Wachheit … einen wichtigen Alltagsaspekt bei ADHS“ (196) darstellen und die Leistungsfähigkeit, das Durchhaltevermögen am Arbeitsplatz, die sozialen Aktivitäten sowie die Kernsymptomatik beeinflussen und so die Lebensqualität wesentlich mitbestimmen. Rothenberger plädiert dann für eine adäquate Behandlung der ADHS und die Umsetzung einer allgemeinen Schlafhygiene, was die Probleme meist schon löst. Des Weiteren fordert er vertiefte Studien auf diesem Gebiet.

Im IV. großen Kapitel „Untersuchung“ werden die verschiedenen Ebenen einer mehrdimensionalen Untersuchung im Einzelnen dargestellt, jeweils getrennt nach Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen. „In allen Fällen steht das persönliche Gespräch im Vordergrund, sodass die Diagnostik schwerpunktmäßig auf dem Interview mit dem Patienten und seinen wichtigsten Bezugspersonen beruht“ (201). Es folgt die Darstellung von weiteren Diagnostikelementen wie z. B. Fragebögen, Beurteilungsskalen, neuropsychologische Tests und körperliche Untersuchungen.

Das ca. 100 Seiten umfassende fünfte Kapitel zu Therapien im Bereich ADHS stellt Ansätze zur Behandlung der Symptome und der komorbiden Störungen dar. Die Herausgeber betonen die ausschließliche Darstellung von Methoden, bei denen die Wirksamkeit nachgewiesen ist. Aus diesem Grund werden „andere, nicht verhaltensorientierte Psychotherapien nicht in die Darstellung einbezogen, wenngleich einzuräumen ist, dass sie zwar weniger bei den Primärsymptomen von ADHS, wohl aber bei den komorbiden Störungen in der Praxis einen gewissen Stellenwert haben können“ (257).

Diskussion und Fazit

Steinhausen, Rothenberger und Döpfner legen mit dem „Handbuch ADHS“ ein aktuelles und umfassendes Werk zur Thematik der Aufmerksamkeitsstörungen vor. Das Ziel, die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse zusammen zu fassen, ist ihnen gelungen. Das Handbuch stellt zu den verschiedenen Bereichen der psychiatrischen Störung ADHS grundlegende Informationen zusammen. Für die einzelnen Themen konnten verschiedene Experten gewonnen werden, wenn auch häufig die Herausgeber Mitautoren der einzelnen Artikel sind. Die Texte sind sehr dicht verfasst und enthalten viele Hinweise auf Forschungsergebnisse. So werden viele Fakten präsentiert, die mitunter ein „etwas zu viel“ hinterlassen können oder manchmal den Eindruck der Vollständigkeit vermitteln, was aber in einem Artikel auf ca. 10 Seiten zu einem jeweils komplexen Thema wohl nicht der Fall sein kann. Viele Artikel in dem vorgelegten Handbuch sind sehr studienlastig, was teilweise eine Überflutung mit sich bringen kann. Für ein Handbuch hätte ich mir hier manchmal konkretere Darstellungen gewünscht, so dass das Buch auch als Nachschlagewerk verwendet werden könnte.

Der Leser oder die Leserin aus der Praxis muss sich mit einigen Artikeln somit intensiv auseinander setzen, um dann aus den vielen dargestellten Fakten eine für die Praxis verwertbare Aussage daraus zu ziehen. Für wissenschaftliche Leser bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte, auch aufgrund der zahlreichen Literaturangaben.

Die Herausgeber legen somit ein wissenschaftliches Handbuch vor, das sich in den nächsten Jahren sicher als ein Standardwerk im Themenbereich ADHS auf dem deutschen Buchmarkt positionieren wird.

Rezension von
Dr. Ramona Thümmler
Technische Universität Dortmund Fakultät für Rehabilitationswissenschaften Fachgebiet Soziale und emotionale Entwicklung in Rehabilitation und Pädagogik
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Es gibt 5 Rezensionen von Ramona Thümmler.

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Zitiervorschlag
Ramona Thümmler. Rezension vom 18.01.2011 zu: Hans Christoph-Steinhausen, Aribert Rothenberger, Manfred Döpfner (Hrsg.): Handbuch ADHS. Grundlagen, Klinik, Therapie und Verlauf der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-019290-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10062.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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