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Herbert Buchen (Hrsg.): Ganztagsschule

Rezensiert von Dr. Thomas Markert, 25.10.2010

Herbert Buchen (Hrsg.): Ganztagsschule. Erfolgsgeschichte und Zukunftsaufgabe. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2010. 192 Seiten. ISBN 978-3-8183-0553-6. 26,50 EUR.

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Thema

Der Titel „Ganztagsschule – Erfolgsgeschichte und Zukunftsaufgabe“ gibt mit seiner etwas widersprüchlich wirkenden Formulierung die spannungsreiche Zweiseitigkeit wider, die heute in Bezug zur Ganztagsschule in Deutschland besteht. Mehr als sieben Jahre nach Beginn der ‚neuen Ganztagsschulbewegung‘ sind durchaus positive Entwicklungen sichtbar, aber zugleich lassen sich deutliche Aufgaben wahrnehmen. Quantität und Qualität des Ausbaus der Ganztagsangebote sind nicht in gleichem Maß entwickelt. Insofern nimmt der Beitragsband von Herbert Buchen, Leonard Horster und Hans-Günter Rolff die aktuelle Diskussion zur Ganztagsschule auf.

Herausgeber

Das Herausgeberteam steht im „Raabe Fachverlag für Bildungsmanagement“ für eine Reihe von Beitragsbänden, die konkret an die Schulleitung als quasi ‚Bildungsmanager‘ addressiert sind. Diese Ausrichtung der Publikationen ist vor dem professionellen Hintergrund der Herausgeber naheliegend: Dr. Herbert Buchen ist ehemaliger Leiter des Referats für Schulleitungs- und Schulaufsichtsfortbildung am Landesinstitut für Schule des Landes Nordrhein-Westfalen. Prof. Dr. Hans-Günter Rolff fungiert aktuell u. a. als wissenschaftlicher Leiter des Fernstudiengangs Schulmanagement der Universität Kaiserslautern. Und Leonard Horster leitet das Studienseminar in Bocholt.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort betrachten die Herausgeber die heutige Ganztagsschulentwicklung vor dem (historischen) Hintergrund der Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates von 1968. Während die damaligen Bemühungen um einen Ausbau der Ganztagsschule „von konservativen Parteien und Elternverbänden heftig bekämpft“ (S. 5) wurden und dieser scheiterte, ist heute der „Widerstand der Elternverbände […] eingetrocknet“ (ebenda) und „die Parteien unterstützen den Ausbau von Schulen zu Ganztagseinrichtungen allesamt“ (ebenda). Sie bilanzieren, dass heute „jede 3. Schule in Deutschland eine Ganztagsschule“ (ebenda) sei und so der „quantitative Ausbau […] zweifelsfrei als Erfolg zu buchen“ (ebenda) ist. Anders die Qualität der Ganztagsschulen, denn „nicht jede Ganztagsschule ist auch eine konsequente Ganztagsschule und in längst nicht jeder Ganztagsschule gibt es Unterricht über den ganzen Tag“ (ebenda). Hierin liegt aus Sicht der Herausgeber ein deutlicher Entwicklungsbedarf, der im Verantwortungsbereich der Schulleitung liegt. Die Herausgeber betonen berechtigterweise, dass die Frage, welche Aufgaben, Veränderungen und Chancen sich aus der Ganztagsschule für das pädagogische Personal ergeben, in der Literatur ungenügend in den Blick genommen wird. An dieser Stelle setzt die Publikation an und verbindet diesen Fokus mit der Leitungsaufgabe der Schulleitung: „Dies alles zu organisieren und mit pädagogischem Geist zu erfüllen ist Schulleitungsaufgabe. […] Die hier vorliegenden Aufsätze enthalten deshalb viel Orientierungswissen aus neuester Forschung und zahlreiche Tipps, wie Sie das Beste aus der Ganztagsschule machen können.“ (S. 6)

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält zwölf Aufsätze aus den Bereichen Forschung und Praxis. Die Beiträge sind als Einzeltexte geschrieben und stehen unverbunden nebeneinander. Ein thematischer Aufbau wird von den Herausgebern nicht ausgewiesen. So kann die/der Lesende interessengesteuert seine Auswahl treffen kann. Den Artikeln sind zur Übersicht jeweils kurze Abstracts vorangestellt.

Dabei besitzt der erste Aufsatz von Heinz Günter Holtappels zur Entwicklung der Ganztagsschule einen einführenden Charakter. Hier werden Organisationsformen der Ganztagsschule erläutert und die erziehungswissenschaftlichen Begründungen zur Erweiterung der Schulzeit ausgeführt. Anschließend referiert Holtappels, welche pädagogischen Gestaltungselemente und Konsequenzen sich daraus für die Organisation der Ganztagsschule ergeben, um den Aufsatz mit aktuellen Forschungsbefunden aus der bundesweiten „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) abzuschließen. Dabei resümiert Holtappels hinsichtlich der Qualität der Ganztagsangebote „nur schwache Weiterentwicklungen“ (S. 16) trotz eines „Entwicklungsbedarf[s]“ (ebenda). Laut der Analysen zahlen sich „[i]ntensive und systematische Schulentwicklungsarbeit, eine interprofessionelle Kooperation des Personals sowie externe Unterstützung durch Information, Beratung und Begleitung […] aus“ (S. 17). Dieser Befund erklärt die thematische Zusammensetzung des Bandes.

Karin Lossen, Wolfram Rollett und Katja Tillmann referieren anschließend Befunde zur Lernkultur an Ganztagsschulen und deren Entwicklung anhand der Längsschnittergebnisse der StEG. Dieses Thema setzen Ilse Kamski und Heinz Günter Holtappels im dritten Aufsatz fort, indem sie zentrale Grundelemente einer „neuen Lernkultur“ (S. 37) ausdifferenzieren und die „vielfältigen Lernmöglichkeiten“ (ebenda) beschreiben. Den Lesenden werden dabei für die Umsetzung an der eigenen Schule tabellarische Planungshilfen an die Hand gegeben. Anschließend behandelt Katrin Höhmann das Thema Hausaufgaben in der Ganztagsschule in einem als Handreichung didaktisch aufbereiteten Aufsatz und zeigt Wege auf, wie aus Hausaufgaben Schulaufgaben werden können. Annemarie von der Groeben stellt anschließend ihre Gedanken zum Thema „Üben“ vor, die sich – ohne dass dies detailliert beschrieben ist – in der Zeitorganisation einer Ganztagsschule umfassend(er) umsetzen lassen.

Nach diesen Beiträgen zur Lernkultur stellt Michael Pfeifer Ergebnisse der Begleitforschung zum „Präsenzarbeitszeitmodell an Bremer Ganztagsgrundschulen“ vor. Er arbeitet bspw. heraus, dass sich die tatsächliche Arbeitszeit der Lehrkräfte nach Einführung der Präsenzpflicht verringert (S. 90) und die „Intensität der Lehrerkooperation […] verbessert“ (S. 92) hat.

Bettina Arnoldt, Thomas Rauschenbach und Heinz-Jürgen Stolz stellen Ergebnisse der StEG zum Thema „Ganztagsschulen und außerschulische Partner“ bereit, vor deren Hintergrund von den Lesenden das Kooperationshandeln am eigenen Standort analysiert werden kann. Dabei blicken sie am Schluss ihres Aufsatzes voraus und vertreten die These, dass zukünftig die Ganztagsbildung in Form einer professionell koordinierten lokalen Bildungslandschaft geschieht. Das Thema setzt Peter Floerecke mit seinem Beitrag zur „Ganztagsschule im benachteiligten Stadtteil“ fort und beschreibt auf der Basis des Forschungsprojektes „Ganztagsschule und Quartiersmanagement“, mit welchen auch sozialen Problemen Ganztagsschulen konfrontiert werden. Aus der Problemdarstellung werden Anforderungen an die Konzeption der Ganztagsschule im Sinne einer „Schulöffnung“ (S. 120) abgeleitet. Des Weiteren ist die Kooperation der Ganztagsschulen mit außerschulischen Akteuren im Rahmen des sozialraumorientierten Arbeitsansatzes ein Schwerpunkt des Textes.

Anschließend bieten zwei Aufsätze Einblicke in die regionalen Entwicklungen in Thüringen und Sachsen. Während Thomas Fleischer thüringische best practice Ganztagsschulen vorstellt, explizieren Thomas Lorenz, Florian Mindermann und Marlen Wippler Unterstützungsleistungen, welche die Servicestelle Ganztagsangebote Sachsen den Schulen unterbreitet. Thematisch anschließend beschreibt Thomas Schnetzer Erfahrungen aus der Entwicklungsberatung von Ganztagsschulen und erläutert den Unterstützungsbedarf der Schulen.

Ganz praxisnah schließt der Band mit dem hervorzuhebenden Beitrag von Egon Tegge, der als Schulleiter darüber berichtet, wie er innerhalb eines Gymnasiums 50 Lehrerarbeitsplätze eingerichtet hat. Damit befasst sich der Text mit einem Thema, was im Rahmen der milliardenschweren Investitionen des Investivprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ an den meisten Standorten unberücksichtigt blieb. Neben den organisatorischen Aspekten erläutert er auch, wie sich mit der Einrichtung der Arbeitsplätze die Zusammenarbeit im Lehrerkollegium „[v]om Einzelkämpfer zum Team“ (S. 175) entwickelt hat.

Diskussion

Den Herausgebern ist es gelungen, aktuelle Beiträge zur Ganztagsschule von u. a. auch namenhaften Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis zu versammeln. Allerdings unterscheiden sich die Artikel in ihrer Gestaltung sehr stark und bieten nur bedingt konkrete Handlungsempfehlungen und Vorgehensweisen an. Eine Einleitung in das Werk, in der die einzelnen Beiträge kurz vorgestellt und in Beziehung zueinander gesetzt werden, sowie eine thematische Gliederung des Buches wären sicherlich hilfreich gewesen. So bleiben die Lesenden bspw. mit der Frage allein, wie gegensätzliche Aussagen zur Präsenzarbeitszeit von Lehrkräften in den Artikeln von Pfeifer und Tegge zu verstehen sind. Kongruent zur Buchstruktur fehlt auch im Inhalt eine Rahmung dafür, wie die angesprochenen Schulleiterinnen und Schulleiter „das Beste aus der Ganztagsschule machen können“: Der Band schweigt sich völlig zu Fragen der Bedarfserhebung und der Angebotsevaluation aus. Eine solche Leerstelle dürfte in der Praxis das Schulmanagement bei der Entwicklung des Ganztagsangebots wenig erfolgreich werden lassen. Insofern kann der Beitragsband lediglich als ergänzende Literatur, die als Fundstelle zu einzelnen Themen dient, empfohlen werden.

Fazit

Der Band enthält zwölf Aufsätze aus Forschung und Praxis zu verschiedenen Aspekten der Ganztagsschule, wobei anteilig die Veränderungen aufseiten des pädagogischen Personals bzw. der Schulleitung besondere Aufmerksamkeit erhalten. Einzelne Artikel (bspw. zu Präsenzarbeitszeitmodellen von Lehrkräften, zu Lehrerarbeitsplätzen) sind wichtige, lückenschließende Beiträge innerhalb der aktuellen Ganztagsschulliteratur. Da im Band jedoch Fragen der Bedarfsmessung und Angebotsevaluation ausgeblendet werden, eignet sich das Werk kaum als handlungsleitende Ratgeberliteratur im Bereich des Schulmanagements, sondern vorrangig als Fundstelle für einzelne thematische Beiträge.

Rezension von
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Es gibt 11 Rezensionen von Thomas Markert.

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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 25.10.2010 zu: Herbert Buchen (Hrsg.): Ganztagsschule. Erfolgsgeschichte und Zukunftsaufgabe. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8183-0553-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10065.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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