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Monika Pavetic: Familiengründung und -erweiterung in Partnerschaften

Rezensiert von lic.phil. Annabelle Raemy, 12.11.2010

Cover Monika Pavetic: Familiengründung und -erweiterung in Partnerschaften ISBN 978-3-531-16880-7

Monika Pavetic: Familiengründung und -erweiterung in Partnerschaften. Statistische Modellierung von Entscheidungsprozessen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 228 Seiten. ISBN 978-3-531-16880-7. 29,90 EUR.

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Thema

"Familiengründung und –erweiterung in Partnerschaften" untersucht innerpartnerschaftliche Entscheidungsprozesse beim Übergang zur Erst- und Zweitelternschaft und leistet damit einen Beitrag zur aktuellen Forschung über das Elternwerden.

Entstehungshintergrund

Bei der Arbeit von Monika Pavetic handelt es sich um ihre Dissertation, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Methoden der empirischen Sozialforschung und Statistik des Instituts für Soziologie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, verfasst hat.

Aufbau

Die Arbeit gestaltet sich entlang der Strukturlogik von empirischen Arbeiten:

  • Einführung in das Thema und die Fragestellung
  • Theoretische Grundlagen
  • Methodisches Vorgehen und Ergebnisse
  • Schlussbetrachtung und Fazit

Inhalt

Monika Pavetic will anhand von verheirateten und kinderlosen Paaren aus den alten deutschen Bundesländern Entscheidungsprozesse im Zuge der Familiengründung und –erweiterung abbilden. Im Zentrum des Interesses stehen die „dyadische Betrachtungsweise generativer Entscheidungen“ und die Differenzierung nach Erst- und Zweitelternschaft (S.10). Zum umfassenderen Verständnis der Prozesse der Familiengründung und –erweiterung wird simultan die Entscheidung des Paares zur Erwerbsbeteiligung der Frau beleuchtet.

Monika Pavetic eröffnet den theoretischen Diskurs mit einem Überblick über die Forschungsergebnisse zum Kinderwunsch und zum generativen Verhalten. Sie weist darauf hin, dass die Entscheidung zur Erst- bzw. Zweitelternschaft nicht umfassend auf der Grundlage eines einzelnen Erklärungsansatzes nachgezeichnet werden kann. Sie kristallisiert deshalb entlang von sozioökonomischen, soziologischen und sozialpsychologischen Theorieansätzen Determinanten des Kinderwunsches und des generativen Verhaltens heraus. Diese beschreiben die individuelle Ressourcenausstattung (sozioökonomisch), kulturelle und strukturelle Bedingungen der Gesellschaft (soziologisch) und motivationale Aspekte (sozialpsychologisch). Sie betont dabei insbesondere die Relevanz des Interaktions- bzw. Abstimmungsprozesses auf der Paarebene, der bei individualzentrierten Betrachtungsweisen ausser Acht gelassen wird (S. 51).

Entlang dieser Determinanten konstruiert die Autorin ein Modell, das der Untersuchung zugrunde gelegt wird. Die statistische Modellierung von Entscheidungsprozessen der Familiengründung und –erweiterung basiert auf einem quantitativen Untersuchungsdesign. Die Datensätze entstammen dem Bamberger Ehepaar-Panel und wurden vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg zur Verfügung gestellt. In diesem Panel wurden 1528 zufällig ausgewählte Paare zwischen 1988 und 2002 wiederholt zu ihren „familiären Verhältnissen“ befragt (S. 62). Das multivariate Analyseverfahren (Regressionsanalysen, Strukturgleichungsmodelle) berücksichtigt die vielfältigen Einflussfaktoren auf die Entscheidung zur Familiengründung und –erweiterung und zeigt ihre jeweilige Bedeutung für die Entscheidung auf. Dabei werden konsequent Dispositionen (individuelle Kinderwünsche) der Frau und des Mannes sowie exogene Variablen mit einbezogen (S.128). Die Analyse der Entscheidungsprozesse wird in drei Schritten vollzogen: (1) Einflussfaktoren auf den Familiengründungsprozess, (2) simultane Betrachtung der Entscheidung zur Erwerbstätigkeit der Frau und der Familiengründung und (3) Einflussfaktoren auf den Familienerweiterungsprozess.

In einem ersten Schritt arbeitet die Autorin die Einflussfaktoren für den Familiengründungsprozess heraus. Sie führt den Lesenden vor Augen, dass „strukturelle Rahmenbedingungen“ (Verbleib in Bildungsinstitutionen, Karrierepläne, Arbeitslosigkeit), der „psychisch-emotionale Wert von Kindern“ und Werte- und Normvorstellungen des sozialen Umfeldes (S. 128) von zentraler Bedeutung sind. Mit Nachdruck weist sie auf die Relevanz des Interaktionsprozesses hin, indem sie den wechselseitigen Einfluss der Dispositionen bzw. der Kinderwünsche des Paares auf das generative Verhalten verdeutlicht, wobei ihres Erachtens die Disposition der Frau einen stärkeren Einfluss auf die Disposition des Mannes ausübt, als diejenige des Mannes auf die Frau.

In einem zweiten Schritt betrachtet Monika Pavetic simultan die miteinander verknüpften Entscheidungsprozesse des Erwerbsverhaltens und der Familiengründung. Dieser Analyseschritt bestätigt die Wichtigkeit der „situativen bildungs- und berufsbiographischen Faktoren“, die den eigenen Kinderwunsch und denjenigen des Partners oder der Partnerin mitbestimmen (S. 156).

In einem dritten Schritt wird der Familienerweiterungsprozess in den Blick genommen, um die Relevanz der Faktoren und die Gestaltung des „innerpartnerschaftlichen Interaktionsprozesses“ im zeitlichen Verlauf zu ergründen. Die bereits im Familiengründungsmodell gewonnenen Einflussvariablen werden hier wiederum bestätigt. Die Autorin legt dar, dass die genannten Rahmenbedingungen und Haltungen nicht nur situativ, sondern über die Zeit hinweg wirksam sind.

Das Fazit der Untersuchung lautet, dass die Kinderwünsche des Partners und der Partnerin einen „eigenständigen Erklärungsbeitrag für das generative Verhalten leisten“. Die Autorin hebt die „Paarinterdependenz“ hervor und verdeutlicht, dass die individuellen Dispositionen sowohl die eigenen „Lebensgestaltungsoptionen“ wie auch diejenigen des Partners bzw. der Partnerin beeinflussen (S. 203).

Diskussion

Die Untersuchung von Monika Pavetic greift die Debatte über die Erwerbstätigkeit der Frau als Grundproblematik für vermehrte Kinderlosigkeit auf. Mit ihrer differenzierten Analyse vermag sie allerdings zu illustrieren, dass der Kinderwunsch sowohl von der Disposition und Lebenssituation der Frau, wie auch des Mannes beeinflusst wird.

In bisherigen Forschungen zum Elternwerden dominiert trotz des verstärkten Ausbaus der Väterforschung ein individualzentrierter, auf Frauen ausgerichteter Fokus. Die Untersuchung gewährt einen Einblick in die komplexen und sich wechselseitig beeinflussenden Prozesse der Entscheidung zum Übergang zur Erst- und Zweitelternschaft. Sie zeichnet sich durch eine umfassende und detaillierte Darstellung und die konsequente Berücksichtigung der Paarinterdependenz aus.

Die Daten dieser Untersuchung spiegeln die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von 1988 bis 2002 wider. Denkbar ist, dass die hier als bedeutsam geltenden Einflussfaktoren nur bedingt bei heutigen Entscheidungsprozessen der Familiengründung greifen oder weitere Faktoren von Bedeutung sind. Die Beschränkung auf verheiratete Paare ist gut nachvollziehbar, dessen ungeachtet wäre für die Analyse von Entscheidungsprozessen bei der Familiengründung und –erweiterung ein Einbezug weiterer Beziehungs- und Familienformen, z.B. nicht verheiratete Paare interessant.

Fazit

Die Untersuchung beleuchtet die partnerschaftlichen Entscheidungsprozesse zur Familiengründung und unterstreicht dabei relevante individuelle Dispositionen und Ressourcen sowie gesellschaftliche Konstellationen. Damit leistet sie einen ergiebigen Beitrag zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs des Elternwerdens und der Familiengründung und erweitert den Fokus weg von individualzentrierten Betrachtungsperspektiven.

Rezension von
lic.phil. Annabelle Raemy
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Hochschule für Soziale Arbeit Studienzentrum Soziale Arbeit

Es gibt 2 Rezensionen von Annabelle Raemy.

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Zitiervorschlag
Annabelle Raemy. Rezension vom 12.11.2010 zu: Monika Pavetic: Familiengründung und -erweiterung in Partnerschaften. Statistische Modellierung von Entscheidungsprozessen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16880-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10068.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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