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Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien

Rezensiert von Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann, 13.12.2010

Cover Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien ISBN 978-3-8376-1371-1

Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. transcript (Bielefeld) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-8376-1371-1. 25,80 EUR. CH: 45,80 sFr.
Reihe: Sozialtheorie
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Autorin

Hannelore Bublitz ist Professorin für Soziologie und Sprecherin des interdisziplinären Graduiertenkollegs >Automatismen< an der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich poststrukturalistischer Analysen moderner Gesellschaft mit dem Fokus auf Subjektivierungs- und Normalisierungsprozessen sowie Geschlechter- und Körpertechnologien.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Hauptkapitel nebst Einleitung und Schlussbetrachtung:

  1. In den Kulissen der Macht: Der Körper des Königs
  2. In den Kulissen der Macht: Das Subjekt, das sich selbst spricht
  3. In den Kulissen der Macht: Postdisziplinäre Techniken der Selbstführung
  4. Mediale Selbsttechnologien
  5. Öffentliche Manifestation des Subjekts in medialen Verzeichnissen: Therapeutik des Alles-Sagens
  6. Öffentliche Manifestation des Subjekts: Selbstpraktiken im Netzwerk medialer Verzeichnisse
  7. Schlussbetrachtung: Personale Präsentation im öffentlichen Raum einer medialen Bühne

Einleitung

Mediale Kommunikation macht unendlich verfügbar und die körperliche Grundlage des Personalen wird entprivatisiert. Mit dieser provokanten These beginnt Hannelore Bublitz ihr Buch. Sie fragt nach den Subjekt- und Identitätsmodellen, die angesichts der Medienwirklichkeit rekonstruierbar und konstruierbar werden. Ihr Gegenüber, der Literaturwissenschaftler Umberto Eco, argumentiert für die Privatheit des Privaten und vergleicht die Möglichkeit der Privatsphäre mit dem Beichtgeheimnis der römisch-katholischen Kirche. Demgegenüber stellt die Autorin die These auf, dass es sich gerade umgekehrt verhalte: „Im Beichtstuhl der Medien (Hervorhebung im Original),…, konstituiert sich ein … Subjekt, das sich in seiner öffentlichen Artikulation und Manifestation selbst auf die Spur kommt und sich im Spektrum von Konventionen, sozialen Codes und Normen erst bildet und formt. Seine öffentlich-mediale Selbstoffenbarung wird zum Akt, der >mediale Beichtstuhl< zum Ort der Selbsterzeugung.“ (S. 13) Bublitz argumentiert gegen Eco so, dass es überhaupt keine Grenze mehr zwischen Privatheit und Öffentlichkeit mehr gebe und sie dekonstruiert die Annahme von Privatheit als ideologisch-bürgerliche Setzung: „Indem aber das scheinbar private Leben öffentlich ausgestellt und zugänglich gemacht wird, liegt paradoxerweise ein Bedeutungszuwachs, eine Steigerungsform von Individualität vor. Sie artikuliert sich im Medium der medialen Selbstpräsentation.“ (S. 15) Diese Entgrenzung von Privatheit und Öffentlichkeit ist die konstitutionstheoretische Basis nachfolgender Erörterungen von Hannelore Bublitz: „Vielmehr öffnet die Ordnung des Zeigens die Augen für etwas, was vorher nicht sichtbar war: das Individuum, das sich unter dem Blick der Öffentlichkeit als Subjekt produziert. (Hervorhebung im Original) Dies sind die produktiven Effekte der panoptischen Macht: Sie erzeugt ein Subjekt, das sich in der Differenz zu anderen hervorbringt und dabei zeigt.“ (S. 23) Das Subjekt gewinnt also fast ausschließlich über mediale Präsentation seine Subjekthaftigkeit bzw. seine Prozessidentität. Die mediale Inszenierung produziert also geradezu eine unverwechselbare Authentizität und Identität, wobei das Subjekt nur so Identität gewinnt, indem es Autonomie gegen autonomiegefährdende Instanzen verteidigt.

Zu I.

Bublitz geht der Konnotation des Begriffs „Repräsentation“ nach und sieht den Begriff in der politischen Sphäre, z.B. des Königs, verortet: „Repräsentation bewirkt in der Performanz das, was sie darstellt oder aufführt; sie ist performativ.“ (S. 35) Repräsentation, so ihre Schlussfolgerung, kann es eigentlich nur in der politisch-öffentlichen Sphäre geben und schließt die „Darstellung und Präsenz, das >Sich-Zeigen< - des sozialen Status - einer Person im Raum der Öffentlichkeit ein. Dabei sind durchaus auch Aspekte der >Verstellung< im Spiel.“ (S. 37) Unter dem Einfluss der ökonomischen Sphäre verändert sich die Codierung des Privaten und des Öffentlichen. Hier zeige sich, so Bublitz, bürgerliche Ideologie, die den Bereich des „Privaten“ ausspare: „Dieser Naturalisierung einer bipolaren Geschlechterdifferenz korrespondiert die Naturalisierung des Privaten, das romantisiert, als Gegenpol zum Bereich instrumentellen wirtschaftlichen Handelns konstruiert wird. Auf beiden Ebenen, der Trennung von Privatem und Öffentlichem und der Geschlechtertrennung zeigen sich von Anfang an Brüche und Instabilitäten, die aus Gründen der sozialen Funktion durch die Annahme einer aufeinander verweisenden - naturhaften - Komplementarität beider Sphären und beider Geschlechter überbrückt werden.“ (S. 45) Der amerikanische Soziologe Richard Sennett sieht darin eine Perspektivenverschiebung und spricht sogar von der Tyrannei der Intimität (S. 48) - die Macht der globalen Ökonomie führe unweigerlich zum Verlust der Privatsphäre.

Zu II.

Selbstenthüllungen in den öffentlichen Medien sind nach Bublitz‘ Überzeugung kulturelle Muster der Selbstreflexion und Selbstthematisierung. Bublitz nimmt hierbei Muster der religiösen Beichte auf, die zuerst der Selbstprüfung dienen, wobei sie auf die kritische Sicht Michel Foucaults rekurriert, die besonders die Kontroll- und Machtfunktion thematisiert: „Die moderne, säkularisierte Pastoralmacht verlangt nicht strikte Regelbefolgung, sondern den Willen zu[m] Selbstbekenntnis, allerdings einen, der sich dem Diskurs und Druck der Normalität unterwirft.“ (S. 65)

Die religiösen Formen der Selbstentäußerung im Beichtstuhl werden von Bublitz auf mediale Entäußerungsformen übertragen. Das Ganze findet unter Beobachtung der Öffentlichkeit statt, wobei wichtig ist, dass Medienrezipierende und ZuschauerInnen öffentlicher Medien zugleich eine Überwachungsfunktion des sich präsentierenden Individuums übernehmen und innehaben. Bublitz nennt diesen Vorgang in Anlehnung an Foucault „Disziplinarmacht“: „Disziplinarmacht und Pastoralmacht, beides Techniken des Details, greifen ineinander: Während die Pastoralmacht bis in die kleinsten Regungen der Seele vordringt und diese im Sinne des Seelenheils zu einer (Selbst-)Haltung zusammenfügt, die immer wieder der Korrektur unterworfen wird, korrigiert auch die Disziplinarmacht die Haltungen und Bewegungen bis ins kleinste Detail…“ (S. 73)

Zu III.

Eine weitere Dimension fügt sich der Performanz der medialen Selbstentäußerung hinzu, der Aspekt der „marktförmigen Selbstentfaltungskultur.“ (S. 79) Die soziale Kontrolle wird als Selbstreflexion und Selbstkontrolle internalisiert: „Selbstmanagement gehört nun ebenso wie verschiedene Formen des Selbstcoachings und der vorteilhaften, marktgerechten Selbstdarstellung zu den Erscheinungsformen eines individualisierten Arbeitsmarkts.“ (S. 82) Wieder in Anlehnung an Foucault führt Bublitz den Begriff der „Gouvernementalität“ ein und meint damit „die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und Taktiken, die es gestatten, diese Recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie… hat:“ (S. 93) Bublitz kann in der Rezeption Foucaults zeigen, dass es ein Gleichgewicht zwischen Beherrschtwerden und Selbstinszenierungstechniken gibt, durch das sich dann das Selbst als Selbst konstituiert. Das Individuum wird zum Unternehmer seines Selbst, was Selbstdisziplin und ständige Beobachtung und Beobachtetwerden voraussetzt.

Zu IV.

In diesem Kapitel diskutiert Bublitz mediale Selbsttechnologien, die immer mit dem Versprechen der Aktualität und Authentizität verbunden sind. Sie führt den postmodernen „Flaneur“ als Figur des Medienrezipierenden ein, dessen Rolle darin besteht, zu beobachten und sich nicht auf Verbindlichkeiten festzulegen. Gleichzeitig ist nach Walter Benjamin der Flaneur einer, der sich in den Warencharakter der Dinge begibt, aus ihm spreche das Bewusstsein der Ware. Dieser Baustein ist für Bublitz deswegen argumentativ wichtig, weil sich aus der marktförmigen Selbstentfaltung der Modus der Selbstpräsentation ergibt. Das Performative und das Theatralische sind so Konstituenten zur Herstellung von Subjekten.

Zu V.

Am Beispiel der nächtlichen Talkshow „Domian“ zeigt Bublitz die medialen Codes und Inszenierungsmuster der präsentierten Fälle auf. Der Ritus veröffentlichter Selbstentblößung zeigt, wie das sich durch den Akt der Selbstenblößung konstituierende Subjekt zugleich seiner Unvernunft und Dummheit öffentlich überführt wird. Die Hörfunksendung „Domian“ geriert mit seinen Peinlichkeiten zur säkularen Beichte. Intime Erlebnisse werden gezeigt, indem sie von einer Öffentlichkeit gehört werden. Das Andere der Vernunft kommt so zum Vorschein: Kathartischer Effekt dieser (Selbst-)Reinigungsprozedur ist das sich selbst transparente Subjekt, das im Medium einer anonymen medialen Öffentlichkeit spricht und sich damit im Normalisierungsfeld psychotechnischer Subjektkonstruktionen positioniert.“ (S. 133) Der Talkmaster übernimmt in diesem medialen Szenario die Rolle des „Guten Hirten“, der „seine Schäfchen“ lenkt, beeinflusst und wieder auf den rechten Weg zurückbringt: „Medien werden so nicht nur zu Archiven des - abweichenden - Begehrens, sondern zu Archiven historischer (Selbst-)Verhältnisse und Selbstbezüge sowie eines gesteigerten Begehrens nach Aufmerksamkeit, Zuwendung und Individualität. In der medialen Anordnung (re)konstituiert sich, was vorgegeben scheint, in der medialen Repräsentation wird hervorgebracht, worüber gesprochen wird: das Subjekt und seine öffentlich tabuisierten, privaten Geheimnisse, die sich medial artikulieren und programmatisch in ein mediales Verzeichnis einschreiben.“ (S. 145)

Unter medialer Kontrolle soll das Subjekt zu seiner Wahrheit finden, die aber erst im medialen Ritus entsteht.

Zu VI.

Aufgrund der medialen Inszenierung findet das Subjekt so „eine umfassende Transformation und Performative Neucodierung“ (S. 169), die in eine Vielzahl ökonomischer Austauschverhältnisse münden (können). „Privatheit dient so nicht mehr, wie in der bürgerlichen Gesellschaft, dem Schutz individueller Freiheit und Intimität, zielt sozialisatorisch auch nicht mehr primär auf die Zurichtung öffentlich ausgetragener Konkurrenz, sondern sie wird selbst zur Münze, die auf dem Weg zum ökonomischen Erfolg ins Spiel gebracht wird und eine Steigerung der realen ökonomischen Gewinne bewirkt.“ (S. 177, Hervorhebung im Original)

Das Selbst wird zur Ware und Marke auf einem Markt, d.h., Sichunterscheiden ist wichtig, ohne dass es einen tatsächlichen Unterschied zu anderen mehr gibt. Die Marke muss sich anschlussfähig zeigen: „An die Stelle eines perfekten Selbst, das sich am Ideal einer gelungenen Lebensführung ausrichtet, tritt eine - ins Fiktionale - gesteigerte Subjektivität optimierter Selbstentfaltung und Lebensführung, die sich dabei immer zu anderen relationiert, sich des Blickwinkels der anderen versichert, diesen imaginiert und sich insofern auch >privat< immer im >öffentlichen Raum< bewegt.“ (S. 187) Im Fernsehen werden z.B. Handlungsoptionen präsentiert, die aber für die ZuschauerInnen unverbindlich bleiben. Was letztlich zählt, ist „impression management“ (S. 206) Das faktische Leben des Individuums steht unter ständigem Optimierungsdruck, denn es könnte ja auch anders oder sogar besser sein. Das Subjekt wird zum Subjekt des maßlos Möglichen (S. 211)

Schlussbetrachtung

Teilnehmende an öffentlichen Shows oder Internetforen sind nichts anderes mehr als so genannte „Chiffrenexistenzen“ (S. 219); es zählt nur noch das Subjekt als Medium des Markts, als Medium des Selbst, als Zeichenausdruck und Datenträger. Die Folge ist, dass das Subjekt tatsächlich verschwindet: „Das Subjekt unterliegt also der Dynamik eines -medial- chiffrierten Systems (von Zeichen), das es selbst nicht intentional hervorgebracht, möglicherweise so auch nicht gewollt oder gewählt hat. Es konstituiert sich im Zuge der Eigendynamik medialer Materialitäten und technischer Apparate und wäre ohne sie nicht oder nicht so vorhanden.“ (S. 221)

Fazit

Hannelore Bublitz legt mit ihrer schonungslosen, gleichzeitig faszinierenden, Medienanalyse und Kritik den Finger in die Wunde performativer Herstellung von Subjektivität. Das Buch ist nicht einfach zu lesen, aber sehr zu empfehlen. Es verlangt vom Lesenden ab, sich die Macht- und Herrschaftsdiskurse der Philosophie Michel Foucaults vor Augen zu halten, was nicht jedem auf Anhieb gelingen mag. Zudem ist die Diktion stellenweise in einem sozialwissenschaftlichen Jargon gehalten, der sich nur Eingeweihten erschließt. Hier sollte die Autorin in Zukunft an ihre Leserschaft denken und sich allgemeinverständlich ausdrücken, denn ihre dialektischen Positionen sind es Wert, gelesen und auch verstanden zu werden. Der Verlag sollte darauf achten, dass ein einheitlicher Schrifttyp gewählt wird, denn die an einigen Stellen sich ändernden Satz- und Druckverhältnisse machen es dem Lesenden schwer.

Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 13.12.2010 zu: Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1371-1. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10071.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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