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Ludwig A. Pongratz: Sackgassen der Bildung

Cover Ludwig A. Pongratz: Sackgassen der Bildung. Pädagogik anders denken. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 218 Seiten. ISBN 978-3-506-76906-0. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches ist ganz allgemein die Pädagogik, jedoch mit einer besonderen Herangehensweise. Weder geht es Pongratz um einen geschichtlichen Abriss, noch um eine möglichst umfassende Darstellung aller pädagogischen Strömungen oder der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen. Vielmehr hangelt sich das Buch an Kontroversen um Erziehung und Bildung entlang und setzt sich mit Positionierungen zu jenen und (misslungenen) Lösungsversuchen der immer wieder manifest werdenden Widersprüche auseinander. Erziehung und Bildung werden nicht einfach entwicklungs- und lernpsychologisch beschrieben, vielmehr geht es dem Autor um den historischen und gesellschaftlichen Kontext, der über die jeweils vorherrschenden Formen erzieherischer Tätigkeit bestimmt. Pongratz eröffnet damit einen anderen Einstieg in die Erziehungswissenschaft als sonst übliche einführende Literatur.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem Vorwort und fünf Kapiteln.

1 . Einleitung: Schneisen ins Dickicht der Pädagogik. Zunächst zeigt Pongratz auf, dass pädagogische Begriffe keine fixen Definitionen darstellen, sondern historisch und gesellschaftlich bedingt ihre Bedeutung erhalten und dabei ganze Verstehenszusammenhänge umgreifen. Erziehung, Bildung und Unterricht/Schule sind zentrale pädagogische Kategorien, an denen sich Widersprüche entzünden und die sich einer endgültigen begrifflichen Fassung verschließen. Pongratz konzipiert Pädagogik als kritische Sozialwissenschaft, die in Distanz zu dem Gegebenen Normen und deren gebrochene Umsetzung reflektiert.

2. Schule: Zwischen Integration und Widerstand. Der Autor zeigt auf, wie Schule durch den Anspruch, pädagogische Normen zu erfüllen und ihrer gesellschaftlichen Funktion, die sie zugleich dazu zwingt einen „heimlichen Lehrplan“ zu verfolgen, der auf die Anpassung an institutionelle Erwartungen zielt, in Widerspruchslagen verstrickt wird. Ein Exkurs zu Bourdieu offenbart, dass Chancengleichkeit immer noch eine Illusion ist, der sich die Schule hingibt. Aktuell ist Schule zwar nicht mehr von den früheren Drill- und Paukanstalten geprägt, durch Maßnahmen wie den PISA-Test wird aber ein Kontrollregime installiert, das viel unauffälliger für die entsprechende Lenkung sorgt und im Individuum eine vermarktbare Disposition zur Selbstorganisation schafft, die jedoch als „Selbstverwirklichung“ verkauft wird.

3. Bildung: Zwischen Selbstverfügung und Selbstüberschreitung. Am Bildungsbegriff entspannt sich ein weiterer Widerspruch, mit dem die Pädagogik sich auseinandersetzen muss: Bildung bewegt sich zwischen Zweckorientierung, kritischem Impetus, individueller Selbstverwirklichung und ideologischem Herrschaftsanspruch. Die Sperrigkeit des Bildungsbegriffs führt zu Versuchen, ihn durch andere Begriffe zu ersetzen (aktuell wird dies mit dem Kompetenzbegriff versucht), die jedoch an die gegebene Widerspruchslage nicht einfach verschwinden lassen können. Pongratz macht deutlich, sich dabei auf Adorno stützend, wie mit dem Versuch, das Subjekt als Ganzes und auch seine Bildungsprozesse unter ökonomischen Gesichtspunkte zu fassen und rationalistisch zu kontrollieren, das Subjekt selbst liquidiert zu werden droht.

4. Erziehung: Zwischen Bevormundung und Mündigkeit. Erziehung als weitere zentrale Kategorie der Pädagogik hat das Problem zu lösen, wie der Zögling zur Mündigkeit erzogen werden kann, wenn er zugleich auf eine Gesellschaft vorbereitet werden muss, die ihn unausweichlichen Zwängen aussetzt. Am Beispiel der Antipädagogik offenbart sich, dass sich das Problem nicht einfach auf den Erzieher abwälzen lässt, der als Vertreter des Realitätsprinzips nicht anders kann, als Grenzen zu setzen. Wird diese Funktion der Erziehers einfach übergangen, so bleibt dennoch die Realität, die sich der freien Entfaltung der Mündigkeit immer wieder entgegenstellt. Nur in der Reflektion der eigenen widersprüchlichen Funktion besteht die Chance, der Erziehungsaufgabe in angemessener Weise entgegenzutreten.

5. Hinterm Horizont geht´s weiter: Einsichten und Aussichten. Die vorausgehenden Kapital haben deutlich gemacht, dass es keine absolut richtigen Definitionen von Erziehung und Bildung geben kann, da diese immer wechselnden Realitäten ausgesetzt sind und nicht im luftleeren Raum stattfinden. Pongratz fasst die Konsequenz daraus im kurz gehaltenen Schlusskapitel so zusammen: „Der ganze Begriff einer Sache ist nicht ihre Kurzformel, sondern ihre inhaltliche-qualitative Entfaltung im Durchgang durch ihre Kritik.“ (209, kursiv im Original)

Diskussion

Pongratz gelingt es sehr gut, pädagogisches Denken als kritisches Denken einzuführen und dabei den Wunsch des Lesers nach klaren, wiederspruchsfreien und handlungsleitenden Aussagen gut begründet abzuweisen, ohne zu frustrieren. Abstrakte Theorie wird geschickt mit Beispielen abgewechselt, die Dilemmata verdeutlichen und historische Rückgriffe veranschaulichen. Wichtige Gedanken der Frankfurter Schule, der Psychoanalyse, von Foucault, Heydorn oder Bourdieu werden dem Leser nahe gebracht und in einfachen Worten, ohne jedoch den Gehalt ungebührlich zu vereinfachen, dargestellt und konkretisiert. Exkurse eröffnen ergänzend ein vertieftes Verständnis oder interessante Seitenblicke. Das Buch eignet sich so sehr gut als Einführung in eine Pädagogik, die sich als kritische Sozialwissenschaft begreift.

Fazit

Ein Buch, das „Anfängern“ einen Einstieg in eine kritisch konzeptionierte Pädagogik ermöglicht und zugleich auch „Fortgeschrittenen“ neue Anregungen bietet.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 30.12.2010 zu: Ludwig A. Pongratz: Sackgassen der Bildung. Pädagogik anders denken. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-506-76906-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10076.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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