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Klaus Prange: Die Ethik der Pädagogik

Rezensiert von Prof. Sonja Hug, 18.04.2011

Cover Klaus Prange: Die Ethik der Pädagogik ISBN 978-3-506-76677-9

Klaus Prange: Die Ethik der Pädagogik. Zur Normativität erzieherischen Handelns. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 146 Seiten. ISBN 978-3-506-76677-9. 19,90 EUR. CH: 44,00 sFr.

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Thema

Ist Erziehung überhaupt zu rechtfertigen? Gibt es für Eltern eine Pflicht zur Erziehung? Wie unterscheidet sich eine Erziehung durch LehrerInnen und SozialpädagogInnen in ihrer ethischen Rechtfertigung von der Erziehung durch die Eltern? Diesen und weiteren Fragen rund um die ethische Fundierung erzieherischen Handelns geht Klaus Prange im vorliegenden Buch nach. Dabei geht es nicht um eine Einführung in Ethik und die Anwendung allgemeiner ethischen Prinzipien in der Erziehung, sondern um die Erarbeitung ethischer Grundlagen aus den spezifischen Merkmalen erzieherischen Handelns im jeweiligen strukturellen Kontext. Es wird eine eigentliche Bereichsethik der Erziehung vorgelegt, die auch Fragen nach der Ethik der Erziehungswissenschaft stellt.

Autor

Klaus Prange war bis 2003 Professor für allgemeine Pädagogik an der Universität Tübingen, seit 2004 Hon. Prof. an der Universität Oldenburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch nimmt den vom Autor 2005 publizierten Gedankengang der Operativen Pädagogik auf. (Klaus Prange: Die Zeigestruktur der Erziehung. Grundriss der Operativen Pädagogik. Paderborn 2005). Vor dem Hintergrund der dort dargelegten Beziehung zwischen Lernen und Erziehung, geht Prange im vorliegenden Buch ethischen Fragen der Erziehung in unterschiedlichen Kontexten nach. Es handelt sich um eine zusammenfassende Darlegung einer Vorlesungsreihe zum Thema an der Universität Tübingen. Die Vorlesung ist zugänglich unter timms.uni-tuebingen.de und eignet sich durch die gute Strukturierung und die Klarheit des Dozenten Prange ausgezeichnet als Ergänzung und Vertiefung der Lektüre.

Aufbau und Inhalt

Im Buch legt der Autor zuerst sein Erziehungsverständnis dar und bindet seine Überlegungen eng an die Darlegungen zur operativen Pädagogik an. Vor diesem Hintergrund, unter Bezugnahme auf das didaktische Dreieck, stellen sich dem Autor nun die Fragen: Wie hat jetzt dieses Zeigen zu erfolgen? Welche Moral liegt dem Zeigen zu Grunde? Prange identifiziert drei moralische Normen, das Zeigen muss zumutbar, verständlich und anschlussfähig sein. Zumutbarkeit in dem Sinne, dass es immer darum geht abzuwägen, was von den Lernenden verlangt werden kann. Es steht nicht fest, was genau zumutbar ist, sondern diese Zumutbarkeit muss ausgehandelt werden. Wobei Prange sich klar für die Übernahme der Verantwortung durch die Erziehenden ausspricht und allen Konzepten und Annahmen, man befinde sich quasi im gleichen Boot eine Absage erteilt. „In der Erziehung haben wir es mit zwei Seiten zu tun: die eine Seite bietet Lösungswege und stellt Aufgaben, die andere hat sie zu bewältigen. In der Erziehung geht es um Lernen unter den Bedingungen und Beschränkungen der Kommunikation.“( S.19). Dennoch besteht, das ist auch Prange klar, eine enge Verknüpfung zwischen Lernen und Erziehen. Das Lernen durch den Lernenden aber schlussendlich auch in Form von Selbsterziehung durch die Erziehenden ist unverzichtbar. Erziehung ist auf Lernen fundamental angewiesen. Diese moralischen Normen des Zeigens reichen als ethische Fundierung für die eigentliche Vermittlung, also für den kurzen Moment des Zeigens. Sie lassen aber weitere Überlegungen zu den strukturellen Rahmenbedingungen aussen vor. Erziehung findet in unterschiedlichen Kontexten statt. Diese kontextuellen Bedingungen müssen ebenso einbezogen und deren Normen bestimmt werden. So wird im Buch eine Ethik für die Eltern- und Familienerziehung hergeleitet sowie eine für die öffentliche Erziehung. In diesen Kapiteln wird deutlich worin der Unterschied besteht und weshalb öffentliche Erziehung sich nicht auf die Normativität von Familienerziehung stützen kann.

Als weiterer Schwerpunkt wird eine Ethik der pädagogischen Berufe skizziert. Hier plädiert der Autor für eine klare professionsethische Verpflichtung, also eine Verpflichtung der Professionellen nicht primär ihrem eigenen Gewissen gegenüber sondern gegenüber den Lernenden sowie gegenüber der eigenen Profession, also den Kolleginnen und Kollegen. Klaus Prange erteilt Gesinnungsappellen an die Einzelnen wie sie zum Beispiel von Hartmut von Henting in Form seines „sokratischen Eides“ (Hartmut von Henting: Eine Selbstverpflichtung für Pädagogen. In: Die Schule neu denken. München/Wien1993 S. 255ff.) entworfen hat, eine klare und begründete Absage.

In einem letzten Kapitel wird die Erziehungswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin beleuchtet und auf Basis ihres Gegenstandes werden ethische Grundsätze erarbeitet. Hier kommt der Autor nicht an der Frage nach der Bedeutung der unterschiedlichen Erziehungspraxen vorbei. Er negiert nicht die Bedeutung der Praxis für die Wissenschaft, hält aber klar fest, dass die Ethik der Wissenschaftsdisziplin eine unabhängige sein muss. Die Erziehungswissenschaft rezipiert somit nach ihrer eigenen Systematik die Praxiserfahrungen und ist damit auch anderen Normen verpflichtet. Es gilt unter anderem die Unabhängigkeit zu wahren, und Professionelle mit dem für die Tätigkeit notwendigen Wissen auszustatten.

Diskussion

Das Buch bietet eine sehr strukturierte, schlüssige Darlegung der Ethiken unterschiedlicher Erziehungskontexten. Der Autor legt seine Gedankengänge fundiert dar. Er mutet den Lesenden einiges zu, aber ohne sie zu überfordern, ganz im Sinne des Gebotes der Zumutbarkeit. Auch das Gebot der Verständlichkeit erfüllt er. Es werden Argumente klar strukturiert dargestellt, oft auch illustriert mit Beispielen. Die Aufteilung in die unterschiedlichen Kontexte überzeugt. Die Darlegung der Ethik der Familienerziehung primär am Fürsorgeprinzip orientiert, wird schlüssig dargelegt ebenso diejenige der öffentlichen Erziehung. Das Plädoyer für einen Code of Ethics und gegen eine alleinige Gewissensbindung hätte durchaus noch etwas ausführlicher gestaltet sein können insbesondere auch deshalb, weil gerade dieser Schritt vielen Pädagogen und Pädagoginnen nicht leicht fällt und die Verpflichtung auf professionelle Standards eine Grundlage jedes Professionalisierungsprozesses darstellt. Der Einbezug ethischer Grundlagen hätte gerade bei der Darlegung des Fürsorgeprinzips gewonnen, wenn neuere Publikationen im Bereich der Care Ethik mit einbezogen worden wären. Man kann sich an einigen Stellen Fragen, ob man die, oft pointierte, Meinung des Autors teilt, etwa bei der schnellen Gleichsetzung von Erziehung und Bildung. Manchmal regt sich Widerspruch, was einem aber keineswegs von der Lektüre abhält, sondern anregt zum mit- und weiterdenken. In diesem Sinne ist das Buch eine äusserst anregende Lektüre

Fazit

Das Buch stellt Bereichsethiken für unterschiedliche Erziehungskontexte dar. Das Buch liest mit Gewinn, wer gut begründete, in sich schlüssige Argumentationen schätzt und sich mit den Fragen der Ethik über die reine tugendethische Aussagen, wie ein Lehrer, wie eine Lehrerin zu sein hat, beschäftigen möchte. Auch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen werden Anregungen finden. Da sich das Buch auch mit der Erziehungswissenschaft und ihrer spezifischen Ethik auseinandersetzt, kann es auch als Anregung dienen für eine Diskussion über die ethischen Grundsätze dieser Disziplin.

Rezension von
Prof. Sonja Hug
Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit der FH Nordwestschweiz in Olten, Schwerpunkte: Ethik, Beratung von Opfern sexueller Gewalt und Ausbeutung, klinische Sozialarbeit. Leiterin MAS Ethische Entscheidungsfindung in Organisation und Gesellschaft
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Es gibt 2 Rezensionen von Sonja Hug.

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Zitiervorschlag
Sonja Hug. Rezension vom 18.04.2011 zu: Klaus Prange: Die Ethik der Pädagogik. Zur Normativität erzieherischen Handelns. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-506-76677-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10077.php, Datum des Zugriffs 23.04.2024.


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