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Maija Becker-Kontio, Agnes Kimmig-Pfeiffer u.a. (Hrsg.): Supervision und Organisationsberatung im Krankenhaus

Cover Maija Becker-Kontio, Agnes Kimmig-Pfeiffer, Marie-Luise Schwennbeck, Gabriele Streitbürger, Sabine Wengelski-Stock (Hrsg.): Supervision und Organisationsberatung im Krankenhaus. Erfahrungen - Analysen - Konzepte. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-1786-1. 14,90 EUR.

Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V.
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Einführung in das Thema

Im Bereich der Pflege hat es in den vergangenen Jahren grundlegende Veränderungen gegeben, die einerseits mit den gesetzlichen Vorgaben, andererseits mit der gestiegenen Notwendigkeit wirtschaftlichen Arbeitens zusammenhängen. Diese Veränderungen sind bislang noch nicht zum Abschluss gekommen. In Akutkrankenhäusern sollen die Kosten unter anderem durch die DRG-Systeme reduziert werden, die genauere Kostenanalysen ermöglichen. Die Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen erfordern eine immer differenziertere Dokumentation, die allerdings Ärzten und Pflegekräften Zeit nimmt, die sie den Patienten zur Verfügung stellen können. Schon diese Veränderungen legen einen hohen Supervisionsbedarf im Krankenhausbereich nahe.

Dazu kommen die traditionellen Themen: Hierarchie, Führen und Leiten, Zuwendung und Abwehr, Nähe und Distanz, Offenheit und Rückzug etc. Paradoxerweise legt gerade die besondere Nähe, die Ärzte und Pflegekräfte zu Menschen haben, den Rückzug in sichere Distanz nahe. Die Beziehungsdynamik zwischen Ärzten und Patienten ist auch der Gegenstand von Gruppen, die nach der Balint-Methode arbeiten. Trotz des augenfälligen Beratungsbedarfs sind gerade Akutkrankenhäuser ein schwieriges Feld für Supervisoren und Supervisorinnen, wie diese Veröffentlichung verdeutlicht.

Hintergründe

Bei der Publikation handelt es sich um die Ergebnisse einer Projektgruppe der DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision), die im Jahr 1999 vom Vorstand der DGSv beauftragt wurde "zu untersuchen, unter welchen Bedingungen und mit welchem Nutzen Supervision als Personal- und Organisationsentwicklungsinstrument in somatischen Kliniken eingesetzt werden kann." (Vorwort S. 5)

Die AutorInnen sind, mit zwei Ausnahmen, SupervisorInnen der DGSv mit unterschiedlichen "Grundprofessionen". Dorothea Dorn ist Fachärztin für Nephrologie, sie wird zum Thema "Veränderungen" interviewt, Sylvia-Anna Guth-Winterink ist Krankenschwester mit PDL-Qualifikation.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Es handelt sich in dem Band um Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den jeweils eigenen Erfahrungen als SupervisorInnen im klinischen Bereich und deren Reflexion ergeben. Daher sind manche Erfahrungen doppelt benannt und reflektiert, was dem Buch allerdings nicht zum Nachteil gereicht, sondern im Gegenteil der Fokussierung bestimmter Erfahrungen dient.

Maja Becker-Kontio wirft in ihrem einführenden Artikel einen "Blick auf 20 Jahre Entwicklung" der spannungsreichen Beziehung Krankenhaus - Supervision. Dabei benennt sie deutlich die "Krankheiten" des Systems Krankenhaus und resümiert: "Schaut man sich die Themen an, die im Krankenhaus im Spannungsfeld zwischen Mensch, Maschine und Organisation entstehen, so lässt sich Supervision als Bearbeitungsinstrument durchaus empfehlen. Gleichwohl ist festzustellen, dass einige wesentliche Erkrankungen der Organisation selbst bereits in einen chronischen Zustand geglitten sind und Heilung nicht in Sicht ist." (S. 23) Diese Feststellung sei zitiert, weil sie sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht. Ein zweiter Faden wird hier im ersten Artikel schon fixiert: die Feststellung nämlich, Supervision habe, auch in der häufiger angefragten Form der stationsbezogenen Supervision, nur dann eine Chance, wenn sie vom Fachpersonal der Station gewünscht und von allen (!) Hierarchieebenen der Klinik getragen werde. (Vgl. S. 24) Eine Supervision, die die Bedingungen der Krankenhaushierarchie nicht im Blick hat, kann sich wieder verabschieden, bevor sie richtig begonnen hat.

Einen hilfreichen Artikel hat Marie-Luise Schwennbeck unter dem Titel "Wissenswertes über das Krankenhaus" beigetragen. Wenn auch "Feldkompetenz" nicht gleichbedeutend ist mit "in der Organisation zuhause zu sein" und die supervisorische Arbeit - ähnlich wie die Philosophie - mit dem Staunen beginnt, sind Grundkenntnisse über Bedingungen, Strukturen und Prozesse im Krankenhausbetrieb dennoch nützlich.

Den Weg vom Kontakt zum Kontrakt verfolgen Agnes Kimmig-Pfeiffer ("Vom Kontakt zum Kontrakt") und Sabine Wengelski-Strock ("Stolpersteine"). Kimmig-Pfeiffer reflektiert in ihrem Artikel einen eigenen Supervisionsprozess mit einem Pflegeteam. Ihre Erfahrungen kann jede/r bestätigen, der/die schon einmal als SupervisorIn im Bereich der Pflege gearbeitet hat: trotz intensiver Kontraktarbeit lässt die Teilnahme an den Sitzungen nach, Sitzungen fallen aus (der Krankenhausalltag liefert da viele Begründungen: Bereitschaft, Dienstpläne, plötzliche Unterbesetzung, Notfälle etc.), Frustration macht sich breit ("bringt doch nichts..."). Wengelski-Strock reflektiert intensiv die Kontaktphase mit ihren vielfältigen Einladungen zur Rollendiffusion (Supervisor, Patient, Besucher...) und Regression. Beides sind Themen, die in der Supervisionsarbeit im Krankenhaus wieder erscheinen. Dass der Krankenhausbetrieb mit seinen eingespielten, aber nicht immer gut organisierten Abläufen, mit seinen Status- und Hierarchieabstufungen, mit seiner demonstrativen Professionalität ein zunächst fremdes und verschlossenes System bildet, gehört zu den Startbedingungen, die gut bedacht sein wollen.

Gabriele Streitbürger widmet ihren Beitrag "Konzeptuellen Überlegungen zur Supervision in somatischen Akutkliniken" und kommt zu dem Schluss, dass Supervision im Krankenhaus, auch in der Form der Teamsupervision von Pflegeteams, nur Sinn macht "im Kontext strukturverbessernder Maßnahmen" - jedenfalls dann, wenn sie mehr erreichen will als "Druckentlastung".

Den Organisationsaspekt liefert Gerhard Leuschner in seinem Artikel "Institutionskompetenz im Krankenhaus": "Institutionskompetenz ist die Fähigkeit, Phänomene geregelter Kooperation und ihrer Hintergründe verstehen, erklären und handhaben zu können." (S. 95) Organisationsverständnis ist bei der supervisorischen Arbeit in komplexen Systemen wie dem Krankenhaus unerlässlich.

Besonders aufschlussreich fand ich den Aufsatz von Wolfgang Weigand mit dem Titel: "Als Berater im Krankenhaus: gebraucht, aber nicht willkommen". Die Arbeit des Supervisors beginnt meist als "unmöglicher Auftrag": er ist ein "Berater, von dem man sich einerseits gute Ratschläge erhofft, der aber andererseits weit genug von dem institutionellen Macht- und Entscheidungszentren weg ist, um wirklich im Sinne einer Organisations- und Kulturveränderung gefährlich zu werden." (S. 107) Weigand fragt, wer eigentlich den Veränderungsprozess will und wer ihn steuert, reflektiert die Rollen- und Funktionsbereiche des Krankenhauses. Abschließend gibt er zehn hilfreiche, weil praxisnahe "Orientierungen für ein Beratungs- und Interventionskonzept".

Ein Interview, das Wengelski-Strock mit Dorothea Dorn führt, schildert den (vor allem inneren) Weg einer Oberärztin aus der Klinik in die eigene Praxis. Sylvia Guth-Winterink trägt einen Artikel zum Thema "Anforderungen an Supervision aus der Sicht des Pflegemanagements" bei. Im abschließenden Beitrag berichtet Becker-Kontio über die Ergebnisse einer Befragung (Tiefeninterviews) von 14 Mitgliedern von Betriebsleitungen zu ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und Haltungen gegenüber Supervision.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Das Buch ist eine große Hilfe für alle, die als SupervisorIn im klinischen bzw. im Pflegebereich arbeiten wollen. Es gewinnt seinen Wert vor allem aus der großen Erfahrung der AutorInnen in der Arbeit als SupervisorInnen und aus der gemeinsamen Reflexion dieser Erfahrung in der Projektgruppe. Insofern uneingeschränkt empfehlenswert - nicht zuletzt auch deshalb, weil es sehr lesbar geschrieben ist: man kann es noch lesen, wenn einen die Anfrage aus der Klinik schon erreicht hat...

Eine kritische Anfrage sei erlaubt: Ich habe den Eindruck, dass sich die Projektgruppe gut verstanden - und gegenseitig wenig irritiert hat. Will sagen: die Gruppe war sehr homogen besetzt, was die eigene Theorie- und Schultradition angeht. Der analytisch/gruppendynamische Ansatz dominiert. Ich hätte es reizvoll gefunden, die Projektgruppe hätte sich, sozusagen in einer Metasupervision, selbst reflektiert - vor allem unter der Fragestellung: Was von dem Feld, in dem wir gearbeitet haben, bildet sich auch in unserer Gruppe ab? Ein systemischer Blick wäre hier spannend gewesen: Wie erscheint das Hierarchiethema in der Projektgruppe? Welche Rolle spielte ein unterschiedlicher Status oder wodurch wurde das Thema verdeckt? Wo wiederholt sich Ausgrenzung (beispielsweise alternativer Heilmethoden)? Wie steht es mit dem Einfluss und den Bedingungen der eigenen auftraggebenden Organisation (DGSv)? etc.

Fazit

Es bleibt dabei: unbedingt lesenswert - und im besten Sinne diskursanregend!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 30.03.2004 zu: Maija Becker-Kontio, Agnes Kimmig-Pfeiffer, Marie-Luise Schwennbeck, Gabriele Streitbürger, Sabine Wengelski-Stock (Hrsg.): Supervision und Organisationsberatung im Krankenhaus. Erfahrungen - Analysen - Konzepte. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1786-1. Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1008.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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