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Tatjana Schönwälder-Kuntze: Freiheit als Norm?

Cover Tatjana Schönwälder-Kuntze: Freiheit als Norm? Moderne Theoriebildung und der Effekt Kantischer Moralphilosophie. transcript (Bielefeld) 2010. 311 Seiten. ISBN 978-3-8376-1366-7. 34,80 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Edition moderne Postmoderne.
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Thema

Die Autorin hat es sich zum Ziel gesetzt, die der Kantischen Moralphilosophie zu Grunde liegende Problemstellung zu ergründen und Kants Lösungsansatz darzustellen. Da der Kantischen Theorie von ihr eine hohe Wirkmächtigkeit zugewiesen wird, versteht sie ihre Habilitationsschrift „mit Foucault als Beitrag zu einer kritischen Ontologie unserer selbst“ (S. 9).

Autorin

PD Dr. phil. Tatjana Schönwälder-Kuntze lehrt Philosophie an der LMU München. Das hier rezensierte Buch ist ihre Habilitationsschrift.Von ihr ist u.a. „Authentische Freiheit: Zur Begründung einer Ethik nach Sartre“ erschienen.

Aufbau und Inhalt

Auf die Einleitung folgt im zweiten Kapitel eine Analyse der Bildung von Theorien, wobei auf George Spencer Browns „Laws of Form“ zurückgegriffen wird. Die beiden längsten Kapitel des Buches (zusammen 183 Seiten) widmen sich der „Kontextualisierung der praktischen Fragestellung“ (Kapitel 3) bzw. der „Konzeptionalisierung des praktischen Vermögens“ (Kapitel 4). Abgerundet wird das Buch durch eine Kontextualisierung und kritische Würdigung des kantischen Denkens.

In der Einleitung wird deutlich gemacht, dass der Denkraum, der durch die kantische Theorie aufgespannt wurde, weiterhin hohe Bedeutung sowohl für die philosophische Theoriebildung als auch für unser Alltagsdenken besitzt. Ziel der vorliegenden Untersuchung sei es, diesen Denkraum und seine Grenzen aufzuzeigen.

Im zweiten Kapitel werden zunächst unterschiedliche Möglichkeiten der Theoriebildungsanalyse vorgestellt, bevor die Autorin sich den von ihr gewählten „Laws of form“ George Spencer Browns widmet.

Das dritte Kapitel, welches gemeinsam mit dem Folgekapitel den Kern des Buches bildet, dient „dazu, die kantische Theoretisierung des Praktischen von der ihr zugrundeliegenden Fragestellung und somit auch Einbettung in die Gesamtkonzeption her zu lesen“ (S. 57). Die Autorin beginnt dieses Unterfangen mit einer „Genealogie der praktischen Fragestellung“ (S. 57- 79). So ordnet sie das kantische Theorieprojekt in den historischen Kontext der Aufklärung ein und zeigt die Ziele der kritischen Schriften Kants auf. So war es dessen Absicht mit einer Erneuerung der Metaphysik zur „Herstellung allgemeiner Glückseligkeit“ (S. 63) beizutragen. Diese zunächst seltsam erscheinende Verknüpfung erklärt sich durch die Sorge Kants vor einer Wissenschaft, die unter falschen Vorstellungen von der Vernunft tätig ist und so ihr Ziel, die genannte Glückseligkeit, nicht verfolgen kann. Die praktische Fragestellung wird also durch die Beantwortung der Frage nach dem Wissbaren ermöglicht. Als Säule des Praktischen dient die Freiheit, ohne welche sich weder Sittlichkeit noch Glückseligkeit realisieren lassen. Es stellt sich somit die Frage, wie Freiheit konzeptioniert werden kann, soll sie den genannten Ansprüchen genügen. Die Theoriearchitektur wird im weiteren Verlauf des Kapitels mit Hilfe von Schaubildern erläutert. So macht die Autorin deutlich, dass „Kant in seinem eigenen Anspruch Ernst zu nehmen, bedeutet (…) schon aus Gründen des Theorieaufbaus bzw. der -architektur konkrete ethisch-rechtliche Fragestellungen, wie sie bspw. in den sogenannten Bindestrich-Ethiken gestellt werden, dort anzuschließen, wo Kant von der Metaphysik der Sitten zur Anthropologie übergeht“ (S. 138).

Im vierten Kapitel widmet sich die Autorin der „Konzeptualisierung des praktischen Vermögens“ (S. 141-239). Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es Kant gelingt dieses so konsistent zu denken, dass es zum Grundpfeiler des Sittengesetzes und somit auch zur Möglichkeit der Glückseligkeit wird. Die Freiheit ermöglicht allererst das praktische Vermögen und somit auch das Sittengesetz, durch dessen Existenz wiederum Freiheit erst erkennbar wird.

Im letzten Kapitel werden die Wirkungen der Kantschen Theoriebildung untersucht, wobei die Bedeutung des Kantschen Freiheitsverständnisses für die Kontinentalphilosophie deutlich gemacht wird. Die Ränder dieses Denkraums werden anhand der „kritischen Grenzgänger“ (S. 281) Foucault und Luhmann deutlich gemacht.

Diskussion

Kants praktische Fragestellung zu kontextualisieren und das Konzept des praktischen Vermögens zu rekonstruieren ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Doch der Autorin gelingt es direkt mit der Einleitung anschaulich in die Thematik einzuführen. Die folgenden Erläuterungen, die sich in weiten Teilen der Bedeutung des auch im Titels aufgegriffenen Begriffs der Freiheit widmen, schaffen es diesen klar darzustellen. Die Voraussetzungen praktischer Freiheit, „Kausalität als Selbstbestimmungspotential, Identität als Selbstkonsistenzideal und schließlich der Selbsterhalt durch Selbstzwecksetzung, der zum grundlegenden Lebensprinzip menschlichen Daseins erklärt wird“ (S. 243) werden im Buch erläutert. Daran anschließend lässt sich diskutieren, inwiefern in neueren Konzeptionen an oder vielleicht sogar über die Ränder dieses Denkraums hinaus gedacht wird. Die Wahl der Autorin Luhmann und Foucault als kritische Grenzgänger vorzustellen verblüfft zunächst. Doch macht sie deutlich, dass beide Autoren einen anderen Blick auf die Produktion der Freiheit werfen. Bei Luhmann äußert sich dies u.a. in der Auffassung von Freiheit als eines Nebenprodukts der Kommunikation, da diese verschiedene Wahlmöglichkeiten eröffne. Betreffend des foucaultschen Verständnisses von Freiheit ist dessen leidenschaftliche Beziehung zur Freiheit zu erwähnen, welche einen Gegensatz zur Luhmannschen Auffassung darstellt. Foucaults Bemühen war es durch Aufdeckung versteckter Strukturen Veränderungen möglich zu machen ohne für diese eine eigene Systematik zu entwickeln. Indem Foucault dem souveränen Subjekt seine Souveränität entzieht und Blicke über dieses hinaus gewagt hat, verweist er darauf, dass es verschwinden kann „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (Foucault 1966).

Fazit

Indem das Buch nicht nur einen Beitrag zu einer „kritischen Ontologie unserer Selbst“ darstellt, sondern auch die Grenzen des kantischen Denkraums aufzeigt, eignet es sich sowohl für Leser die Kants Theoriegebäude durchdringen wollen als auch für diejenigen, die über die Disziplin der Philosophie hinaus Freiheit denken wollen. Tatjana Schönwälder-Kuntze gelingt es die Strukturen des Kantschen Denkens zu erläutern, wobei zu hoffen ist, dass sie weiter zur Erforschung der von ihr benannten Grenzen und den Möglichkeiten über diese hinaus zu denken beiträgt.


Rezensent
Fabian Gödeke
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Zitiervorschlag
Fabian Gödeke. Rezension vom 16.11.2010 zu: Tatjana Schönwälder-Kuntze: Freiheit als Norm? Moderne Theoriebildung und der Effekt Kantischer Moralphilosophie. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1366-7. Reihe: Edition moderne Postmoderne. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10080.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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