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Jochen Schweitzer, Elisabeth Nicolai: SYMPAthische Psychiatrie

Cover Jochen Schweitzer, Elisabeth Nicolai: SYMPAthische Psychiatrie. Handbuch systemisch-familienorientierter Arbeit ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 168 Seiten. ISBN 978-3-525-40162-0. 19,90 EUR.
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Thema und Zielsetzung

Die Autoren beschreiben Psychiatrie im Akutspital unter einem systemischen Ansatz. Akute psychiatrische Störungen werden in ihrem zwischenmenschlichen Kontext verstanden. Fokus ist die Zusammenarbeit zwischen Patienten, Angehörigen, außerstationärem Umfeld und Behandlern im Krankenhaus.

Grundlage ist das Projekt „Systemtherapeutische Methoden psychiatrischer Akutversorgung“ (SYMPA), das über mehrere Jahre in einigen Akutspitälern stattfand. Mittlerweile ist SYMPA ein evidenzbasiertes, wirksames Programm der systemisch-familienorientierten Behandlung in allgemeinpsychiatrischen Spitälern.

Autoren/ Herausgeber

Prof. Dr. rer. soc. Dipl.-Psych. Jochen Schweitzer ist stellvertretender Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg. Er leitet den Forschungsbereich „Systemische Forschung in Therapie und Organisationsentwicklung“. Er studierte Psychologie und Rechtswissenschaften in Göttingen und Gießen, promovierte 1986 in Tübingen und habilitierte sich schließlich 1995 für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Heidelberg. Er ist Lehrtherapeut für Systemische Therapie und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze sowie zahlreiche Fach- und Sachbücher.

Nach zahlreichen haupt- und ehrenamtlichen Tätigkeiten arbeitet Frau Prof. Dr. rer. soc. Elisabeth Nicolai derzeit in der Abteilung Organisationsentwicklung und Soziale Arbeit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Sie studierte Psychologie in Marburg und Mannheim und promovierte 2002 in der Abteilung für Medizinische Psychologie in Heidelberg. Darüber hinaus ist sie Lehrtherapeutin für Systemische Therapie und veröffentlichte einige wissenschaftliche Aufsätze.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Buch aus dem Forschungsprojekte „SYMPA“ (Systemtherapeutische Methoden psychiatrischer Akutversorgung). Die Erfahrungen und Erkenntnisse haben die Autoren sowohl in wissenschaftlichen Veröffentlichungen als auch in diesem Buch verarbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich auf 168 Seiten in 8 Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln und Abschnitten und beginnt nach einem kurzen Vorwort mit der Vorstellung des SYMPA-Projektes, das zwischen 2002 und 2009 an drei nord- und westdeutschen psychiatrischen Kliniken stattfand. Als Einschlusskriterium galt die systemische Ausbildung der Kaderärzte. Angewendet wurden Methoden und Erkenntnisse aus der systemischen Therapie, die nun erstmalig in einem akutpsychiatrischen Setting angewendet und evaluiert wurden. Der systemische Ansatz richtete sich nach dem Heidelberger Helm Stierlin Institut.

Im Unterkapitel „Die Projektgeschichte“ wird zunächst das Vorläuferprojekt (1997 – 2000) vorgestellt, das die Anwendung von systemischen Therapiemaximen in kleineren Einrichtungen untersucht hat. Darauf folgend werden die einzelnen Projektphasen des SYMPA-Projektes skizziert. Insbesondere konnte auf Vorerfahrungen mit der Anwendung systemischer Konzepte aus dem schweizerischen Raum zurückgegriffen werden. Nach Rekrutierung von Kliniken wurden ab 2003 zunächst sowohl mit der Methodik nicht vertraute als auch später mit der Methodik bereits vertraute Mitarbeiter sowohl stations- als auch berufsübergreifend geschult. Durch hohe Personalfluktuation sei eine Reduktion der Schulungsfrequenz möglich geworden, da das bereits geschulte Personal die Erkenntnisse selbst weitergeben konnte. Die einbezogenen Spitäler selbst hätten ihrerseits Workshops und Schulungen organisiert. Darüber hinaus konnte Super- und Intervision implementiert werden und die Angehörigenarbeit beständig weiter entwickelt werden.

Im dritten Kapitel wird die „Theorie systemischer Psychiatrie“ grob dargelegt. Hier werden zunächst mit Rückgriff auf Luhmann die Eigenschaften von Systemen angerissen und (Re-) Aktionen von biologischem, psychischem und sozialem System in Interaktionssituationen kurz dargestellt. Die systemische Psychiatrie gehe von der Autonomie und gegenseitigen Intransparenz der drei Systeme aus. Darüber hinaus werden Rollenkonflikte von Patienten und die in den Fokus der Genese psychischer Erkrankungen gerückte Familie zum Thema gemacht. Schließlich rückt der Trialog von Patient, Familie und psychiatrischem Fachpersonal in den Mittelpunkt.

Die erste Frage des nächsten Abschnitts ist die nach der Sinnhaftigkeit der Kommunikation mit psychotischen Patienten, deren Kommunikationsfähigkeit gestört sei. Unverständliche mitunter psychosenahe Kommunikation geschehe aber ebenso und gerade innerhalb von Familien, was anhand wissenschaftlicher Studien belegt wird. Einigten sich Angehörige und Psychiatrieprofessionelle darauf, dass die Kommunikation eines ihrer Mitglieder krankhaft sei, würden die werdenden Patienten sich selbst aus der Kommunikation endgültig ausschließen. Frühzeitig nicht über, sondern mit dem Patienten zu sprechen und seine Kommunikation metaphysisch zu berücksichtigen sei hoch relevant. Darüber hinaus sei die Chronifizierung von Psychosen zumindest teilweise ein soziales Artefakt und zumindest teilweise im Rahmen einer „self-fullfilling-prophicy“ zu finden. Die Andersartigkeit und der Ausschluss psychotischer Patienten geschehe erst über den Konsens gesunder Gesellschaftsmitglieder. Zudem sei der sekundäre Krankheitsgewinn nicht zu unterschätzen. Die Schlüsselfrage ist daher die, was alle Beteiligten zur Persistenz der Psychose beitragen.

Als Ziel wird schließlich heraus destilliert: Angehörigenorientierung, systemische Selbstreflexion und kontextuelles Krankheitsverständnis, endliche (anstatt unendliche) Psychiatrie, multiple Auftragsorientierung und Verhandlungskultur.

Das vierte Kapitel widmet sich den „Prinzipien systemisch-psychiatrischer Praxis“. Hier wird eine Auswahl dieser Prinzipien vorgestellt. Zunächst wird die Notwendigkeit einer positiven Konnotation dargestellt. Darüber hinaus wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Behandlungsauftrag und in diesem Kontext Sinn, Inhalt und Dauer des stationären Aufenthaltes aber auch Diagnosen und Medikation gemeinsam mit dem Patienten – hier wird oftmals der Terminus „Kunde“ verwendet – zu klären. Im Zentrum sollte dabei immer der Patient mit individuellen Wahlmöglichkeiten stehen. Während des stationären Aufenthaltes von Patienten sollte die Familie eng mit einbezogen werden sollte.

Das fünfte Kapitel stellt die „SYMPA-Weiterbildung“ dar. Zunächst werden Organisation und Inhalte der Weiterbildung geschildert und mit der Hilfe von Tabellen plastisch dargestellt. Die Weiterbildung gliederte sich während des Verlaufs des Projektes in Grund- (18 Tage), Aufbaukurs (9 Tage) und Auffrischungskurs (3 Tage) und richtete sich nach den Erfahrungen aus dem Heidelberger Helm Stierlin Institut. Vor allem im Grundkurs stieß die Auseinandersetzung mit den ungewohnten systemischen Konzepten zunächst noch auf Verwunderung und teilweise Skepsis. Aufbauend auf dem störungsspezifischen Vorwissen der Teilnehmer wurde zunächst ein störungsspezifischer Ansatz im Grundkurs gewählt. Methodisch fanden die Weiterbildungen sowohl in Form von Plenarvorträgen als auch von praktischen Kleingruppenübungen statt. Mit zunehmenden Kompetenzen der Teilnehmer wurde auf weitere v.a. praktische Methoden zurückgegriffen (z.B Live-Interviews).

Im sechsten Kapitel wird der Einsatz des SYMPA-Konzeptes in der Praxis dargestellt. Die Entwicklung eines SYMPA-Handbuches wurde von 2004 bis 2007 vorgenommen, wobei schon seit 2004 nach diesem Konzept gearbeitet wurde. Es werden in einzelnen Unterkapiteln die Bestandteile des SYMPA-Konzeptes dargestellt: Dies sind zunächst SYMPA-Interventionen (Kennenlernen des Patienten, Auftragsklärung, Therapiezielvereinbarung), Genogramminterview (Überblick über das Familiensystem zum Erkenntnisgewinn über Zusammenhänge und Muster) und Familiengespräch/ Kooperationsgespräch (Einbeziehung des sozialen Systems, in das der Pat. integriert ist, zu dem neben der Familie auch Freunde und Nachbarn gehören; Ziel sind nicht etwa Schuldzuweisungen, sondern vielmehr das Aufspüren und Darstellen von Kommunikation). Darüber hinaus gehört die Erste Auftragsklärung und Entwicklung eines gemeinsamen Fallverständnisses (Hier geht es nicht nur um die Klärung des Auftrages durch den Patienten, sondern auch um die Klärung der teils widersprüchlichen Erwartungen von Patient und Angehörigen und weiteren an der Einweisung beteiligten Personen) und anfängliche Therapiezielplanung (Es werden Behandlungselemente zur Erreichung eines gemeinsam festgelegten Therapieziels gewählt) dazu.

Als nächstes werden die Therapieelemente als „SYMPA-Interventionen“ in einzelnen Unterkapiteln vorgestellt: Einzelgespräche, Gruppenvisite/ Gruppentherapie (u.a. Einüben veränderter Kommunikationsmuster), Therapiezielplanung (Diese geschieht nicht nur am Anfang, sondern wird kontinuierlich überprüft und ggf. angepasst), Intervision/ Fallbesprechungen mit und ohne Patienten, Verhandeln bei strittigen Behandlungsfragen (Im Zentrum stehen meist Fragen der Medikation aber auch Einschränkungen der Selbstbestimmtheit der Patienten, sowie ggf. Zwangsmassnahmen).

Im Anschluss werden die speziellen „SYMPA-Interventionen zum Behandlungsende“ dargestellt. Dies sind Familiengespräch/ Kooperationsgespräch vor Entlassung (Diese finden unter Einbezug des sozialen Umfeldes der Patienten statt und beinhalten v.a. Reflexion des stationären Aufenthaltes und Rückfallprophylaxe), Kontakte mit Nachbehandlern (Die gilt als integraler Bestandteil, um eine möglichst nahtlose Weiterbehandlung zu gewährleisten) und Verhandeln über Behandlungsvereinbarung für künftige Wiederaufnahmen. Darüber hinaus findet ein spezieller Umgang mit dem Entlassbrief statt: Sofern der Wunsch des Patienten besteht, soll ihm die Möglichkeit gegeben werden, Kenntnis von den über ihn geschriebenen Informationen zu erlangen und daran mitzuwirken.

Das folgende Unterkapitel über „Die Dosierung von SYMPA im Stationsalltag“ beschreibt das erstellte Handbuch als Manual für den Stationsalltag.

Im siebten Kapitel wird die „Wissenschaftliche Evaluation des SYMPA-Projektes“ vorgenommen. Nach einer Vorbemerkung wird angegeben, dass durch die Weiterbildung der Mitarbeiter auf den Projektstationen die Frequenz an therapeutisch-beraterischen Gesprächen mit den Patienten und ihren Angehörigen angestiegen war. Darüber hinaus wurden die Patienten deutlich häufiger mit in Entscheidungen einbezogen. In Gesprächen wurden vom Personal die in der Weiterbildung erlernten und in Kapitel 6 aufgeführten systemischen Techniken angewendet, was sich auch in einer erneuten Evaluation nach Beendigung des Projektes zeigte und somit auf die Nachhaltigkeit hinweist. Das Personal der Projektstationen zeigte eine höhere Arbeitszufriedenheit und seltener emotionale Erschöpfungszustände und gab zudem eine verbesserte Zusammenarbeit im Team an. Neben weiteren positiven (auch nachhaltigen) Effekten konnte bei den Patienten allerdings keine statistisch bedeutsame Verbesserung der Behandlungseffekte nachgewiesen werden. Dies wird von den Autoren im Hinblick auf mögliche Deckeneffekte, zu geringer zeitlicher Abstand zwischen den Erhebungsphasen und kurzen Zeiten zwischen Behandlungszeiten und Bewertungszeitpunkt diskutiert.

Diskussion

Die Anwendung der systemischen Therapie in der Akutpsychiatrie ist ein schwieriges Feld. Das dargestellte Forschungsprojekt schildert detailliert die Implementierung der systemischen Therapie in psychiatrischen Akutspitälern. Dabei ist die Anwendung dieser Schule keineswegs neu, und langjährige Erfahrungen aus der Schweiz liegen vor. Allerdings fehlen systematische wissenschaftliche Bewertungen, die hier vorgelegt werden und einen Beitrag zur Implementierung der systemischen Therapie in Deutschland liefern. Verwunderlich und von den Autoren leider nur knapp diskutiert ist allerdings der nicht nachweisbare Benefit für den Patienten.

Fazit

Es handelt sich um ein informatives Buch, das über ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur systemischen Therapie detailliert informiert.


Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 09.12.2010 zu: Jochen Schweitzer, Elisabeth Nicolai: SYMPAthische Psychiatrie. Handbuch systemisch-familienorientierter Arbeit ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-40162-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10081.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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