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Franz M. Wuketits: Wie viel Moral verträgt der Mensch?

Cover Franz M. Wuketits: Wie viel Moral verträgt der Mensch? Eine Provokation. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-579-06754-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Thema

Wir brauchen viel weniger Moral, als wir haben. Mit weit weniger, deutlich ausgedünnter Moral kämen wir auch viel besser zurecht. Dazu aber müsste sich vorab jeder von uns darauf besinnen, „dass sein Leben für ihn den obersten Wert darstellt“ (S. 140), und er müsste (wieder) ein „moralischer Individualist“ (S. 141 ff) werden, was im Prinzip in unserer frühen Gattungsgeschichte angelegt sei. Dieser Typus des Individualisten ist dann weder hedonistisch noch amoralisch, eher antiautoritär bis moderat anarchistisch, liebäugelnd mit dem zivilen Ungehorsam, hilfsbereit aus innerer Neigung und weit davon entfernt, jemandem Schaden zufügen zu wollen. Tolerant ist er so lange, wie seine Toleranz nicht missbraucht wird. Vor allem aber will er seine Ruhe haben. Was der Autor Franz M. Wuketits geißelt, ist nicht nur der doppelmoralische Tanzboden gesellschaftlichen Lebens, sondern sind vor allem jene moralischen Forderungen, die eine „Kaste von Moralhütern“ aufgestellt hat, als da sind die „Pflichtmoral“, die „Sollens- oder Gebotsmoral“ und die „Verbotsmoral“, zudem der „Glaube an absolute, ewige Werte“ (S. 170 ff), hinter dem die Mächtigen und Herrschenden ihre Interessen verschanzen. „Moral ist ein Machtfaktor und wird häufig in den Dienst von Macht gestellt“ (S. 93), heißt es lapidar, woraus erhellt: „Zuviel Moral kann also leicht den Charakter verderben“ (S. 110) – besonders den jener „Tölpel“ (womit er das Gros vormaliger Untertanen bis Bürger moderner Gesellschaften meint), die den „Machtmenschen“ ergeben sind und „seit jeher eine unheilige Allianz“ mit ihnen bilden. (S. 155) Uns dieses moralischen Mülls zu entledigen und unsere menschliche Ursprungsmoral aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken, dazu soll das Buch provozieren.

Inhalt

Die Argumentation fußt im Wesentlichen auf zwei Grundannahmen: Menschliche Moralfähigkeit reicht tief in die „biosoziale Evolution“ (S. 85) unserer Gattung zurück und es gilt, „die in der menschlichen Natur verwurzelten Verhaltensdispositionen“ (S. 170) zu kennen und ernst zu nehmen, um obsolete moralische Ansinnen zurückzuweisen und auf der Basis einer Moralität, die eben in unserer Natur begründet ist, schiedlich-friedlich miteinander auszukommen. Diese erste – naturalisierende – Argumentationsfigur reduziert und ersetzt nicht umstandslos die theologisch-philosophischen Gedankengebäude um ewig-eherne Werte und Seinsbestimmungen, sondern will gegenüber aller Konkurrenzorientierung und gegenseitiger Instrumentalisierung in „Eigentumsmarktgesellschaften“ (Macpherson) verdeutlichen, dass „Formen der Kooperation und gegenseitigen Hilfe – gleichsam als moralische Minimalanforderungen – praktisch universell etabliert“ (S. 10) waren und immer noch sind, wir von „unseren stammesgeschichtlichen Vorfahren (…) nicht nur die Bereitschaft zu aggressivem Handeln ererbt“ haben, „sondern ebenso die Bereitschaft zur Kooperation und gegenseitigen Hilfe, zur Freude am sozialen Leben, an Kommunikation und gemeinsamen Erlebnissen. Genau diese Bereitschaft gilt es zu fördern, wenn wir uns in einer friedlicheren und uns allen angenehmeren Welt wiederfinden wollen.“ (S. 164 f) Hier hätte sich der Autor Schützenhilfe aus der Neurobiologie holen können, deren Vertreter in vehementer Interpretation der Ergebnisse ihrer Messungen und bildgebenden Verfahren zu vergleichbaren Ergebnissen kommen (z.B. Joachim Bauer, Gerald Hüther). Doch die Sache hat – so die zweite, von der sicherlich anzunehmenden Quantität her plausible Grundannahme – einen paläoanthropologischen Haken: Wir sind über Jahrmillionen Kleingruppenwesen gewesen, nicht geeicht auf das Leben in „anonymen Massengesellschaften“, und sind „im Herzen ein Kleingruppenwesen geblieben“, das nur „Nahmoral (…) wirklich zu praktizieren imstande“ ist. (S. 80 f)

Auf diesem Hintergrund behandelt Franz M. Wuketits Fragen um das Woher und Wozu und solche der Reichweite von Moral, um schließlich kritisch zu erörtern, wie viel Moral der Mensch unserer Tage verträgt (oder angesichts der herrschenden Verhältnisse ertragen kann), wonach er sich über die „Chancen des ‚Guten‘“ in unserer – schlechten – Welt auslässt. „Statt auf Selbstverleugnung“ ist „auf Selbstbevorzugung zu bauen“ (S. 142), so sein Credo, was weder Egomanie noch falsch verstandenem philosophischem Egotismus das Wort redet, sondern einen moralisch handlungsfähigen und durchaus sozialverträglichen Egoismus meint, der dem stammesgeschichtlich tief verwurzelten „Prinzip der gegenseitigen Hilfe oder des reziproken Altruismus“ (S. 32) folgt, worin – soziobiologisch gesehen – erhalten bleibt, dass „in der Evolution nicht die Arterhaltung im Vordergrund (steht), sondern das genetische Überleben des Individuums.“ (S. 24) Für eine Belebung des denk- und machbar Guten in unserer Zeit gibt der Autor mit einem Zitat des Schweizer Ethikers Jean-Claude Wolf jedem die Handlungsempfehlung, „‘den Schatten der Entfremdung auf seinem Leben und seiner Arbeit möglichst klein‘“ zu halten. (S. 142) Auch wo er im Epilog gegen eine Diktatur der – falschen, weil im Hinblick auf unsere Natur bei „Tölpeln“ und „Machtmenschen“ pervertierten – Moral wettert und „Vigilanz“ nicht nur „gegenüber den religiösen und politischen Führern, sondern auch gegenüber ihren unzähligen Mitläufern“ anempfiehlt (S. 172), kommt Wuketits nicht auf die Ursachen jener schon von Marx in seinen so genannten Pariser Manuskripten thematisierten Entfremdung (später präzisiert im Begriff der Verdinglichung) zu sprechen. Bereits da ist u.a. nachzulesen, wie der Mensch „in der Bestimmung der Ware“, als „Menschenware“, „als ein ebenso geistig wie körperlich entmenschtes Wesen“ (Marx) aus den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsverhältnissen zu erklären ist. Auch ein Zuruf aus der kritischen Theorie, dass es heute „zur Moral (gehört), nicht bei sich selber zu Hause zu sein“ und es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt (Adorno), wird die Zuversicht des Autors auf eine über abgefederte Entfremdungserscheinungen zurück-erlernbare, auf „anthropologische Universalien“ zurückgehende und „in unserer Natur“ verwurzelten Moral wohl nicht erschüttern. (S. 169)

Diskussion

Zurück zu den Wurzeln, auf die wir uns besinnen müssen, und besser kann es nicht nur, sondern wird es werden – möchte man die Botschaft des Autors resümieren. Doch mit diesem Fazit wäre das Buch nicht recht gewürdigt, mit dem Wuketits auch nicht bloß ein weiteres gelehrtes Werk zur Ethik vorlegen will. Verständlich und unterhaltsam, scheint‘s extemporierend verknüpft er Bestände seines beachtlichen Wissens aus Zoologie, Paläontologie, Philosophie und auch Wissenschaftstheorie, nicht zuletzt der Evolutions- sowie Kognitionsforschung und fokussiert sie auf das Problem mit und um Moral. Gleich eingangs wird Nietzsches Moral-Kritik und sein Verweis auf die Historizität von Moral bemüht, später werden Kants Pflicht-Ethik und sein kategorischer Imperativ kritisch angemerkt, natürlich fehlt Hobbes mit seinem geflügelten Wort vom „Krieg aller gegen alle“ nicht (was übrigens aus der Feder des Plautus stammt), und auch nicht Humes sechster Sinn, der moralische. Sokrates kommt schlecht weg, weil es „aberwitzig (ist), das eigene Leben freiwillig einem Gesetz zu opfern, von dem man selbst nicht überzeugt ist“ (S. 15), wiewohl der Autor aus dessen Verteidigungsrede, von Plato übermittelt, das ein oder andere Wort für den von ihm favorisierten moralischen Individualisten hätte beziehen können, wie etwa: „nicht anderen wehren, sondern sich selbst so einrichten, dass man möglichst gut sei.“ Wenn dieses Gute in uns obsiegen soll, so gilt es laut Wuketits, „die uns von der Evolution sozusagen mitgegebene Neigung zur Kooperation und gegenseitigen Hilfe zu fördern“, wozu „wir allerdings die derzeitigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unseres Lebens ändern“ müssen. (S. 11) Insbesondere die der Förderung von Moral wenig dienliche heutige „Wirtschafts- beziehungsweise Arbeitswelt“ (S. 126) gilt es umzukrempeln – weil sie nicht gerecht ist. Um zu klären, was gerecht ist, beruft sich Wuketits auf das ‚Weltbild‘ von Einstein, für den an „‘unseren Institutionen, Gesetzen und Sitten‘“ nur das „‘moralisch wertvoll ist‘“, was „‘aus den Äußerungen des Rechtsgefühls zahlloser Individuen‘“ stammt. (S. 94) Aber woher haben diese Individuen ihr Rechtsgefühl (nehmen wir den oft barschen Tölpel-Populismus aus)? Müssen sie, wie vor Zeiten der namhafte Rechtswissenschaftler Hans Kelsen, eingestehen: „ich weiß nicht und kann nicht sagen, was Gerechtigkeit ist, die absolute Gerechtigkeit, dieser schöne Traum der Menschheit.“ Wusste Kelsen es nur nicht, weil er nicht wusste, dass sie vom Urmenschen kommt? Über diesen Urmensch und unsere Spätkultur hatte sich schon Gehlen Gedanken gemacht, der in seinem Werk ‚Der Mensch‘ zu einer These kommt, die mit Wuketits ausgiebiger zu diskutieren wäre: „‘Kultur‘ ist daher ein anthropo-biologischer Begriff, der Mensch von Natur ein Kulturwesen.“

Unbestritten sind wir keine Marionetten an den Fäden unserer Gene, wie Dawkins uns mit seiner kurzfristig medienwirksamen Mär vom egoistischen Gen glauben machen wollte. Unbestritten ist auch, dass unser Hirn gleichsam eine Zusammenfassung seiner evolutionären Vergangenheit ist, Reptiliengehirn, wie es MacLean formulierte, und limbisches System in uns wirksam sind – aber um den evolutionsgeschichtlich jüngeren Neokortex, der uns u.a. zu differenzieren erlaubt und eingefahrene Verhaltensweisen zu unterdrücken oder zu modifizieren, um uns selbst als Kulturwesen kommen wir letztendlich nicht herum. Das sieht auch der Autor, relativiert jedoch: „Der Mensch kann schließlich nur so viel Kultur produzieren, wie ihm seine Natur erlaubt“, und insistiert, dass er „von den in der Tiefe seiner Natur sitzenden Antrieben beeinflusst, wenn nicht determiniert“ ist. (S. 90) Auch wenn unser Fühlen und Empfinden, Denken und Handeln nur historisch-epochal und stets gesellschaftlich aktualisierte Bearbeitungen unserer stammesgeschichtlichen Urschrift sein sollte, dürfte nächst den Ergebnissen der Hirnforschung dem für die Anthropologie so wesentlichen Begriff der Plastizität des Mängelwesens Mensch größere Bedeutung zugemessen werden. Zumindest müsste demnach die fortwirkende Prägekraft des archaisch Naturhaften in uns relativiert werden. Der Gemeinplatz steht, dass wir aus den Mängelbedingungen unserer Existenz Chancen unserer Lebensfristung gewinnen müssen. Da hilft es auch wenig, wenn Wuketits seine tragende These von der biosozialen Evolution hier und da mit Beispielen aus der ethologischen Forschung spickt, was unterhaltsam ist, aber spätestens seit der vehementen sozialwissenschaftlichen Kritik an Konrad Lorenz‘ engagiertem Werk über die ‚Todsünden der zivilisierten Menschheit‘ kaum noch argumentative Überzeugungskraft hat. Zwar meint auch ein zeitgenössischer Philosoph, Mark Rowlands, in seinem Buch über sich und einen Wolf, der Affe stünde in der gesamten Natur völlig allein da, „denn er ist das einzig hinreichend unangenehme Lebewesen, um zu einem moralischen Geschöpf zu werden.“ Sicherlich stehen uns Primaten genetisch gesehen relativ nahe, doch sind wir weder Schimpansenweibchen noch Weißrückenpatriarchen (auch wenn deren Verhalten mit menschlichem in etlichen Fällen verblüffend vergleichbar ist). Doch der Vorwurf so umstandsloser und simplifizierender Übertragung der Ergebnisse der Verhaltensforschung auf den Menschen wäre Wuketits gegenüber unseriös. Schlichte Parallelisierung liegt ihm fern. Vielmehr muss man dem Autor zugute halten, dass er mit seinen provokanten Thesen zur Moral ein in seinem früheren Werk über die ‚Entdeckung des Verhaltens‘ (1995) programmatisch formuliertes Desiderat inhaltlich zu füllen versucht. Dort (S. 134) meinte er, es sei wesentliches Verdienst „der auf der Evolutionslehre fußenden Verhaltensforschung, den Menschen wie alle andere Organismen als historisches Wesen erkannt zu haben“; natürlich sei es auf Grund der Komplexität menschlichen Bewusstseins schwierig, diese Spuren aufzudecken und zu deuten: „Eine Paläoanthropologie als Paläopsychologie (…) steht hier noch vor enormen Aufgaben.“ Sicherlich hat dieses Feld inzwischen auch die Evolutionspsychologie oder Evolutionäre Psychologie beackert; der prominente Paläontologe und Evolutionsbiologe Stephen J. Gould bedachte solche Bemühungen mit beißendem Spott und desavouierte sie als „Ultradarwinismus“. Wuketits dürfte ein solcher Vorwurf nicht treffen, weil seine Argumentation weder eine um den Darwinismus zentrierte Engführung ist, er zum anderen im Ergebnis mit gesellschaftskritischen Schlussfolgerungen aufwartet, zu denen andere am Darwinismus orientierte Wissenschaften nicht vordringen, auch weil sie sich nicht um interdisziplinäre Anleihen und Zusammenschau bemühen.

Das kommt auch da zum Ausdruck, wo der Autor im Hinblick auf die Inkompatibilität unserer stammesgeschichtlichen Ausstattung mit anonymen Massengesellschaften in einer verwaschen globalisierten Welt den „Kern der Lösung“ in der von dem Ökonomen und Philosophen Leopold Kohr ausgegebenen Parole sieht: „small is beautiful und slow is beautiful“. So meint Wuketits denn auch, „die einzige Hoffnung“ sei „eine Organisation menschlicher Sozial- und Wirtschaftssysteme in kleineren Einheiten mit Selbstverwaltung und Eigenverantwortung, die dem Einzelnen die größtmöglichen Entfaltungsmöglichkeiten böte.“ (S. 91 f) (Und hier wird man an den wissenschaftlichen Anarchismus etwa eines Bakunin erinnert und versteht, warum der moralische Individualist auch anarchistische Züge haben könnte.) Spätestens seit der frühen deutschen Soziologie ist uns geläufig, dass es in der modernen Gesellschaft allenfalls noch Restbestände von Gemeinschaft geben kann, die anders als die heute diskutierten „reflexiven Gemeinschaften“ (z.B. Giddens, Beck) auf wechselseitiges Vertrauen und dauerhafte soziale Beziehungen angewiesen sind. Sie stehen quer zu einer Gesellschaft, in der die Menschen „wesentlich getrennt“ und mehr noch: „jeder für sich allein (…) und im Zustande der Spannung gegen alle übrigen“ ist (Tönnies). Auch in Simmels Analysen zur „Doppelrolle des Geldes“ werden Töne um Austauschbarkeit und Fremdheit der Menschen untereinander angeschlagen – aber beide Soziologen sehen das Heil für moderne ‚spätkulturelle‘, äußere wie innere Missstände nicht in der Bewusstmachung und kulturellen Revitalisierung ‚urmenschlicher‘ Vorgegebenheiten. Sehr deutlich wird Tönnies, wenn er als „Ziel“ angibt, „die Vielheit der Staaten aufzuheben und zu ersetzen, eine einzige Weltrepublik von gleicher Ausdehnung mit dem Weltmarkte zu stiften, welche von den Denkenden, Wissenden und Schreibenden dirigiert werde und der Zwangsmittel von anderer als psychologischer Art entbehren könne.“ Noch vorher spekulierte Durkheim über die Verwirklichung eines lange gehegten Traumes der Menschen, „endlich das Ideal der menschlichen Brüderlichkeit zu verwirklichen“, und er sah die Möglichkeit, „dass sich Gesellschaften ein und derselben Gattung zusammenfinden“, und meinte, „in genau diese Richtung scheint sich unsere Evolution zu bewegen.“ Dass uns –zumindest als Gesellschaft(en) – der Weg zurück verschlossen ist, klingt auch bei Wuketits an, wenn er sich in Bezug auf soziales Miteinander auch im Hinblick auf Fernwelten und prospektive Menschlichkeit auf einen seiner Mentoren, nämlich Darwin beruft.

Darwins Theorieaffinität zur Sozioökonomie der englischen Gesellschaft seiner Zeit war schon Marx aufgefallen und moderne Evolutionsbiologen halten ihm entsprechend theoretische Analogieschlüsse zu Bereichen der politischen Ökonomie vor. Selbst wenn solche Kritik nicht von der Hand zu weisen ist, hatte schon dieser Begründer der Evolutionstheorie in seinen Überlegungen zur ‚Abstammung des Menschen‘ immerhin gemeint, dass unsere Fähigkeit zum Mitleiden, unsere „Sympathiegefühle“ sich „auch aus den sozialen Instinkten herleiten und dabei allgemeiner und zarter werden. Niemals können wir diese Gesinnung aufgeben, selbst auf Überlegungen von harter Vernunft, ohne den edelsten Teil unserer Natur zu verlieren.“ Vorher schon hatte er die Vernunft im Sinne von Reflexionsfähigkeit (und nicht Marktökonomie) geadelt: „Unter den psychischen Eigenschaften des Menschen nimmt die Vernunft (Überlegung) die höchste Stellung ein.“ Nicht darauf, aber auf eine solche ‚Überlegung‘ Darwins selbst bezieht sich Wuketits mit einem längeren Zitat, in dem Darwin äußert, dass die Menschen in ihrem kulturellen Fortgang durchaus über ihren Nahwelthorizont hinaus kommen können und sie dann nur noch „‘künstliche Schranken‘“ daran hindern können, ihre „‘Sympathien auf die Menschen aller Nationen und Rassen auszudehnen.‘“ Wuketits muss testieren, dass hier der „Gedanke einer weltweiten Solidarität zum Ausdruck“ kommt, mehr noch, dass Darwin eine „Ausdehnung unserer sozialen Instinkte und Sympathien über die Schranken der Menschheit hinaus, also Menschlichkeit gegen Tiere, in Betracht zog.“ (S. 77) Darwin selbst, tierethischer Vordenker und moralischer Kosmopolit, muss angesichts solcher sozialphilosophischen und sozialutopischen Gedanken (wie u.a. bei Durkheim gehegt) als „Kulturwesen“ im Sinne Gehlens betrachtet werden, das im Sinne Kants für den Zweck der Aufklärung aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ austritt, seinen Blick auf die Welt, wie sie scheint, entschleiert, imaginiert und realisiert, wie sie – besser – sein könnte und kann. Dazu gilt es, wie Wuketits so elaboriert und zu Recht fordert, Doppelmoral und falsche moralische Versatzstücke über Bord zu werfen, Ideologeme als solche zu enttarnen, wie es Darwin trotz aller heutigen Kritik und Revision seiner Lehre getan hat – auch so ein „Stachel im Fleisch“, wie Freud meinte. Darwin selbst als Persönlichkeit scheint eher einer jener Menschen, von denen Kant im Hinblick auf seinen Pflicht-Begriff, den Wuketits kritisiert, in seiner ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ spricht: Es gilt, so Kant, sich um „Erweiterung und Verbesserungen seiner glücklichen Naturanlagen zu bemühen.“ Und der Mensch ließe „sein Talent rosten“, wenn er „sein Leben bloß auf Müßiggang, Ergötzlichkeit, Fortpflanzung, mit einem Wort, auf Genuß zu verwenden bedacht wäre; allein er kann unmöglich wollen, dass dieses ein allgemeines Naturgesetz werde, oder als ein solches in uns durch Naturinstinkt gelegt sei. Denn als ein vernünftiges Wesen will er notwendig, dass alle Vermögen in ihm entwickelt werden, weil sie ihm doch zu allerlei möglichen Absichten dienlich und gegeben sind.“ Es ist hier nicht der Ort, den Natur-Begriff Kants zu diskutieren, aber die Frage muss gestattet sein, ob der moralische Individualist mit seiner mentalen und psycho-sozialen Ausstattung zur Entwicklung jener Vernunft und – wenn man so will – kulturellen Selbstmodellierung in der Lage sein wird, wie sie von Kant bis Darwin, von Gehlen bis zu Vertretern der modernen Neurobiologie gemeint sind, und ob sich ihm jener Fernhorizont auch als moralisches Subjekt eröffnet, den nicht nur Darwin meinte. Unter dieser Perspektive erscheint der moralische Individualist (und über den kommen wir laut Wuketits, nicht aber seinen Vordenker, dank unserer stammesgeschichtlichen Erbschaft eigentlich nicht hinaus) angesichts der undurchsichtigen und anonymisierten bis asozialen politischen wie zwischenmenschlichen Verhältnisse darum als angenehmer Mitmensch, weil er „im Falle moralischer Entrüstung nicht zur Waffe greifen „wird, sondern einen Kognak nehmen oder eine Flasche Wein öffnen“. (S. 171) – Aber es bleibt der Verdacht, dass er nicht frei ist von biedermeierlichen Zügen, die nicht so recht zu einem geschichtsmächtigen Wesen passen, das seine Welt zur Heimat zu machen sich anschicken soll.

Fazit

Diese Diskussionsvorschläge können hier nur skizzenhaft bleiben; sie mögen aber nicht nur Fachwissenschaftler, sondern auch interessierte Laien auf dieses empfehlenswerte Buch aufmerksam machen und einstimmen, das Wuketits nach eigenem Bekunden unterhaltsam und allgemeinverständlich gestalten wollte – was ihm gelungen ist. Im düsteren Klageschwall um den Verfall verbindlicher Werte stellt der Verfasser moralische Versatzstücke und die Phraseologie um „Arbeitsmoral“, „staatsbürgerliche Pflicht“ und „Wertebewusstsein“ (S. 172) auf den Prüfstand und entlarvt, dass und warum ihnen menschliches Maß abgeht und wie dies beschaffen ist bzw. wieder sein könnte. Damit wird er bei vielen Zeitgenossen, unzufriedenen bis kritischen, offene Türen einrennen, und zwar auch da, wo seine politische Schelte zu erkennen glaubt: „Jeder Staat ist in der Tendenz totalitär, die jeweiligen Machthaber wollen ihre Interessen durchsetzen, ihre ‚Bürger‘ sind für sie nur in dem Maße interessant, in dem sie Wählerstimmen abgeben.“ (S. 161) Starker Tobak, zumal aus politologischer Sicht spezifische Differenzen ins Gewicht fallen, und ein Seitenblick auf Freuds Verständnis von Kultur und Gesellschaft als „Verzichtskultur“ hätte das Argumentationsniveau gehoben. Ohne Not hätte Wuketits bei sich selbst anknüpfen können, wo er dem Philosophen Paul Feyerabend zustimmt, wir alle seien „‘Doppelagenten‘“ und lebten „‘ein Leben in ein anderes eingeschlossen‘“, da auch die beste Gesellschaft niemals alle Wünsche und Träume des Einzelnen „‘zur Wirklichkeit kommen‘“ lasse (S. 57) – identitätstheoretisch gesehen eine wissenschaftliche Banalität.

Zu danken ist Wuketits, dass er mit der Dichotomisierung von Egoismus und Altruismus aufräumt und sie in einen wechselseitigen Zusammenhang bringt. Wir gehen nicht im Homo oeconomicus auf, unser Utilitarismus, dem gegenüber schon Rawls skeptisch war, hält sich in sozialen und anders gesteckten Grenzen, als eine am überkommenen liberalen Modell orientierte Marktökonomie meint. Jener Menschenwolf, den sich Hobbes noch vorstellte und womit er ein von ihm beobachtetes Resultat zu seiner eigenen Voraussetzung machte, ist nicht der Urmensch in uns, sondern bestenfalls historisch gewordenes Produkt zur subjektiven Seite – aber eben nicht nur, was Wuketits aufweist und diesem Wolf auf der Theorieebene die Zähne zieht. Und damit demonstriert er unter der Hand die Möglichkeit eines anderen Paradigmas des Bildes vom Menschen, das, was in anderen Wissenschaften auch aufkeimt, längst überfällig ist. Offensichtlich brauchen wir nicht nur weniger, sondern auch eine ganz andere Moral.

Wuketits ist Vorstandsmitglied des Konrad Lorenz Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung in Altenberg – daher sei folgende Reminiszenz erlaubt: Wohl nach dieser Katastralgemeinde Altenberg benannte sich der Dichter Richard Engländer mit Pseudonym Peter Altenberg; darum Peter, weil er sich als Jüngling in die dreizehnjährige Schwester seines Freundes verliebte, die in jenem Altenberg wohnte und Peter gerufen wurde. Dieser Peter Altenberg, ein Bohemien, der seine Tage in einem Café verbrachte und dort seine kurzen, scharfsichtigen und feinsinnigen Prosastücke niederschrieb, der sich selbst als „Invalide des Lebens“ und „unbürgerlichster Mensch“ bezeichnete, er könnte ein frühes Vorbild für den moralischen Individualisten abgeben, etwa da, wo er sich über die Sottisen der ‚Mode‘ auslässt. Wuketits, dem ja auch am gebildeten und sich moralisch – gegen den Strich – rückbesinnend so selbst bildenden Menschen gelegen ist, dürfte diesen Dichter schätzen.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 28.09.2010 zu: Franz M. Wuketits: Wie viel Moral verträgt der Mensch? Eine Provokation. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-06754-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10088.php, Datum des Zugriffs 23.11.2020.


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