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Wolfgang Bossinger (Hrsg.): Das Buch der heilsamen Lieder

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 06.10.2010

Cover Wolfgang Bossinger (Hrsg.): Das Buch der heilsamen Lieder ISBN 978-3-933825-86-5

Wolfgang Bossinger (Hrsg.): Das Buch der heilsamen Lieder. Liederbuch zur Förderung seelischer und körperlicher Selbstheilung. Traumzeit-Verlag (Battweiler) 2010. 154 Seiten. ISBN 978-3-933825-86-5. 15,00 EUR.
Dazu gehörig, aber separat zu bestellen: Wolfgang Bossinger, Katharina Neubronner (Herausgeber): Audio CD: 12 Seiten. Verlag: Traumzeit-Verlag (2009). Sprache: Englisch, Deutsch. ISBN-10: 3933825903
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Thema

Das Buch der heilsamen Lieder stellt eine Auswahl von Liedern verschiedener Liederkomponisten vor, die eine neue Form des Singens und mit diesem „ein tiefes Eintauchen in Verbundenheit und Flow-Erfahrungen“ ermöglichen sollen. Die Annahme der Herausgeber geht dahin, dass das Deutsche als (Mutter-)Sprache unsere Seele im Innersten zu berühren vermag, weshalb sie überwiegend deutsche Lieder vorstellen. Nur wenige Mantren und internationale Lieder wurden „aufgrund ihrer Schönheit und Stimmigkeit ihrer Thematik“ (7) hinzugenommen. Als Kriterium für die Zusammenstellung wurden eigene Erfahrungen in Workshops, Krankenhäusern oder Singgruppen genutzt.

Gedacht ist dieses Liederbuch „für Singegruppen in Gesundheitsinstitutionen (Krankenhäuser, Praxen, Hospize, Heime) wie auch allgemein (…) gesundheitsinteressierte und singefreudige Menschen.“ (7)

Die Lieder sollen Selbstheilungskräfte aktivieren helfen und in der Bewältigung seelischer oder körperlicher Krankheiten unterstützen. Die Herausgeber berufen sich auf die neuere Hirnforschung, die starke emotionale Beteiligung als grundlegend für Veränderungs- und Selbstheilungsprozesse ansieht.

Die Lieder sollten möglichst ohne Noten gesungen werden und von Bewegungs-, Tanz oder Ritualmomenten begleitet sein.

Das ganze Buch ist von sehr schönen und inspirierenden Äußerungen Yehudi Menuhins zum Thema „Singen“ durchzogen.

Mit 20 % des Verkaufs-Erlöses unterstützen Herausgeber, Verlag und Komponisten die Canto-Initiative Singende Krankenhäuser, die sich für „die Förderung heilsamer Singangebote“ (8) einsetzt.

Herausgeber/in

Wolfgang Bossinger ist Diplom-Musiktherapeut und Singetherapeut, sowie Buch- und Filmautor, ferner Vorstandmitglied bei „Il Canto del Mondo“ und bei der „Deutschen Stiftung Singen“.

Katharina Neubronner ist freie Sängerin und Gesangslehrerin.

Die Herausgeber konnten für dieses Buchprojekt über fünfzig Lieder-KomponistInnen zur Mitwirkung gewinnen, darunter Gila Antara, Michael Stillwater, Mark Fox.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch wurde speziell für den Gesundheitsbereich konzipiert und initiiert. Die CD dient der Ergänzung zum Buch, um sich die Lieder besser aneignen zu können. Sie ist daher explizit zum Mitsingen gedacht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn thematische Aspekte gegliedert, denen jeweils eine Seite mit rahmenden bzw. explorierenden Gedanken vorangestellt ist:

  1. Fest verwurzelt („Fest verwurzelt in der Erde, offen für die Schätze des Himmels, wie ein Baum im Gleichgewicht, spür ich meine Mitte.“ Von W. Bossinger). In diesem Kapitel und besonders dem zitierten Lied wird symbolisch die Bedeutung einer guten Erdung und Verwurzelung für eine gelingende Alltagspraxis angesprochen.
  2. Fließen im Lebensfluss. Hier wird das angesprochen, was Mihaly Csikszentmihalyi mit „Flow“ bezeichnet hat: Ganz in einer Sache aufgehen, im Moment und im Fluss sein. Wenn das Leben als eine Flussreise von der Quelle bis zur Mündung verstanden wird, können die Lieder in Zeiten des Staus oder turbulenter Stromschnellen helfen, wieder in ein ruhigeres Fahrwasser und gelasseneres Strömen zurückzufinden.
  3. Ich sage Ja. Singen unterstützt Selbstwertgefühl und Selbstliebe sowie Vertrauen in sich selbst; diese sind Voraussetzung, um „abwertenden Programmen“ und Grenzverwischungen begegnen zu können.
  4. Möge Heilung geschehen. Anknüpfungspunkt sind zum einen die Heilungsrituale der Naturvölker und Frühkulturen, in denen das Singen eine bedeutsame Rolle spielte, zum anderen wird wiederum auf die Hirnforschung rekurriert, die nachgewiesen hat, dass soziale Resonanz, Zuwendung und Wertschätzung unserer eigenes Belohnungssystem aktiviert, Stresshormone abbaut und heilungsfördernde Botenstoffe ausschüttet (Oxytocin, Serotonin und Beta-Endorphine). Dass Gedanken, Gefühle und Erwartungen unser Immunsystem beeinflussen und eine enge Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele besteht, dies ist Thema der Psychoneuroimmunologie. Diese Selbstheilungskräfte sollen durch gemeinsames Singen und Besungenwerden in gemeinsamen „Heilkreisen“ aktiviert werden.
    Lieder, die das Thema „Heilung“ direkt thematisieren, werden als Heilungslieder im engeren Sinne bezeichnet.
  5. Ich schließe Frieden – Versöhnung („Wo immer im Streit, bleibe bereit, lerne verzeihen. Wärme allein lässt die Samen der Hoffnung gedeihen.“ Lied von Karl Adamek). Diese Lieder sollen helfen, die abgewehrten und abgewerteten Teile in uns selbst zu versöhnen, aber auch bei unseren Mitmenschen anerkennen zu lernen, also Abrüstung vor der eigenen Haustür zu beginnen und so zu einer guten inneren und äußeren Balance zu finden.
  6. Trage mich. Gehalten, Gestillt- und Getragenwerden gehören zu den Urerfahrungen von Geborgenheit und Zuverlässigkeit. Gerade weil viele Menschen diesbezüglich nicht auf uneingeschränkt gelungene Erfahrungen zurückblicken können, sollen Lieder hier eine Brücke bauen.
  7. Öffne dein Herz. Gemeinsames Singen schafft einen Rahmen, der es ermöglichen soll, das Herz zu öffnen trotz alter Verwundungen, Trauer und Scham. Nur dadurch werde es möglich, intuitiv zu erfassen, was wirklich wichtig ist. Unser „funktionales Herzgehirn“ ist eine Art eigenes Gehirn, das über 50.000 Neuronen verfügt und mit dem Gehirn im Kopf direkt kommuniziert. (91)
  8. Licht und Dunkel. Die „dunkle Nacht der Seele“, wie sie auch bei den Mystikern beschrieben wird, meint hier Zustände der Hoffnungslosigkeit und Depression. Das Ziel ist, Phasen der Dunkelheit aushalten zu können und ein gutes Gleichgewicht zwischen Lichtvollem und Dunklen zu finden.
  9. Singen ist Verbundenheit. Gemeinschaftserfahrungen durch Singen wird hier eine „zutiefst heilsame Wirkung“ (121) zugesprochen, als „Flow“ und „starke Musikerfahrung“. Solche „Oasen“ der Begegnung, des Angenommenseins und Dazugehörens stellen die Herausgeber als notwendige Gegenpole zu einer durch Isolation und Beziehungszerfall geprägten Gesellschaft dar.
  10. Loslassen und Weitergehen. Diese Lieder unterstützen rituell das in unserer Gesellschaft oftmals verdrängte Gefühl des Trauerns und Abschiednehmens, das aber notwendig ist, um sich wieder etwas Neuem öffnen zu können.

Zudem enthält das Liederbuch Gedanken zur Anleitung von Singgruppen (14), Warming ups (16), eine Liste mit Gitarrenakkorden (10), einen Hinweis zur Canto-Initiative „Singende Krankenhäuser“ (12) und ein Geleitwort des Hirnforschers G. Hüther.

Diskussion

Insgesamt ist es ein bemerkenswertes Projekt, das in diesem Liederbuch vorgestellt wird und es ist sehr interessant, das Singen als einen wesentlichen Selbst-Heilungsfaktor in seinen vielen Facetten zu entdecken.

Bei allem Respekt vor den Erfahrungen der Herausgeber und Lieder-KomponistInnen bleiben in mir dennoch Fragen, Widersprüche und Ungereimtheiten, die ich in aller Kürze vortragen möchte:

  1. Auch wenn die Zwischentexte zumindest die Polarität Licht-Dunkel ansprechen, fehlen doch wesentliche Gefühlsqualitäten, die auch einen anderen Schattenbegriff nahe legen würden: Aggressionen und Wut kommen in den Liedern nicht vor, sind im Alltag aber vermutlich die Gefühle, mit denen am schwierigsten umzugehen ist. Die lassen sich mit diesen Liedern wohl allenfalls anders einfärben. Brauchen die Menschen nicht auch für diese Gefühle musikalisch angemessene Äußerungsformen?
  2. Gerade die CD in ihrer Auswahl und auch Darbietung suggeriert eine schwer erträgliche Rosa-Rot-Heile-Welt-Atmosphäre. Die Melodien bewegen sich ein einem einfachen volkstümlichen Dur-Moll-harmonikalen Rahmen, ohne Scheu vor extensivem Gebrauch der Unter- und Oberterz, deren Schmelz wir von manchen Volksliedern und Schlagern oder auch neuen geistlichen Liedern kennen. Um die Welt zu umarmen (Lied 10 auf der CD) wird ein flotter Marschrhythmus gewählt und der mit viel Hall aufgenommene Klang der engelsreinen Stimme der Sängerin, die sehr bewusst Schmelz und Vibrato sehr bewusst einsetzt, würden mich kaum zum Mitsingen einladen. Aber das mag subjektiv sehr unterschiedlich sein.
  3. Diese sehr in den konventionellen Hörgewohnheiten verharrenden Lieder bilden das geforderte Raumschaffen für Neues nicht ab. Sie bieten eine vertraute, klischeehafte Höratmosphäre. Dahinter mag man eine therapeutische Intention vermuten, nämlich einen sicheren Rahmen für Veränderung zu bieten. Dennoch bleibt der Widerspruch, dass die Wirkung der Musik beschworen wird, die eigentliche Veränderungswirkung aber vom Text oder durch das Singen in einem bestimmten rituellen Beisammensein ausgelöst werden soll.
  4. Bedenkenswert finde ich auch die Annahme der Herausgeber, dass die deutsche Muttersprache unsere Seele im Innersten zu berühren vermag. Bei der Klanglosigkeit und Härte der deutschen Intonation scheint mir das unter Schwingungsgesichtspunkten fraglich. Auch frage ich mich, ob durch die Verständlichkeit der meist sehr einfachen Texte nicht evtl. sogar etwas genommen wird. Wenn der Text nicht verständlich ist oder fehlt, kann die Melodie als eigentliche emotionale Kraft umso stärker wirken. S. K. Langer hat diese Spiegelbildlichkeit von Melodieverlauf und Emotion sehr genau beschrieben und die chassidischen Niguns machen sich in ihrer Textlosigkeit eben dieses zu Nutze. Hier würde deutlicher werden, welche Melodien und Lieder eine wirklich berührende Kraft besitzen und welche banal, kitschig, belanglos sind. Auch wird das emotionale Erleben wird durch vereinfachende oder nicht passende Texte vermutlich eher gestört. Dieses fällt möglicherweise deshalb nicht auf, weil das Gruppenfeeling, dieses innige Verschmelzen, dem man schwer entrinnen kann, sich über alles legt.
  5. Was ist Heilung? Sicher nicht die z.T. auf der CD angebotene zuckersüße Klangtapete. Wenn die Annahme stimmt, dass gelebte und gespürte Gefühle sich zwangsläufig wandeln, wären dann nicht angemessene musikalische Formen, die gerade die schwierigen Gefühle gestaltbar machen, vonnöten – auch und gerade für Singende Krankenhäuser?
  6. In dem Roman „Schwerelos“ von Ildikó von Kürthy erwähnt diese eine Äußerung von Martin Walser, die ich zum Abschluss meiner Gedanken anhängen möchte: „Wer nicht verzweifeln kann, muss nicht leben … Harmonie ist der Friedhof des Gefühls. Solang man noch unglücklich sein kann, kann man auch noch glücklich sein.“[1]

Fazit

Das Liederbuch ist klar strukturiert und lohnend für alle, die Noten können oder sich die Lieder anderweitig beibringen können. Mit den oben erwähnten Einschränkungen kann ich das Liederbuch für die sozialarbeiterische Gesundheitspraxis empfehlen. Die CD-Aufnahmen sind sicher mit viel Liebe und Engagement produziert worden und mein Eindruck ist als sehr subjektiver wohl nicht verallgemeinerbar. Aber mir gefallen sie nicht.


[1] Ildikó von Kürthy (2009). Schwerelos, Reinbek b. Hamburg, S. 165

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 06.10.2010 zu: Wolfgang Bossinger (Hrsg.): Das Buch der heilsamen Lieder. Liederbuch zur Förderung seelischer und körperlicher Selbstheilung. Traumzeit-Verlag (Battweiler) 2010. ISBN 978-3-933825-86-5. Dazu gehörig, aber separat zu bestellen: Wolfgang Bossinger, Katharina Neubronner (Herausgeber): Audio CD: 12 Seiten. Verlag: Traumzeit-Verlag (2009). Sprache: Englisch, Deutsch. ISBN-10: 3933825903. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10090.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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