Lotte Rose: Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit
Rezensiert von Dr. Barbara Stiegler, 22.07.2003
Lotte Rose: Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit.
Beltz Votum
(Weinheim, Berlin, Basel) 2003.
124 Seiten.
ISBN 978-3-407-55999-9.
14,90 EUR.
Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe, Band 4.
Entstehungshintergrund und Überblick über die Inhalte
Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat Lotte Rose diese Expertise erarbeitet. Dabei geht es generell um die Frage, was die neue Strategie des Gender Mainstreaming im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit bedeutet. Im ersten Teil stellt sie das Konzept GM (Gender Mainstreaming) und die Diskussionen um das Konzept in den letzten zwei Jahren im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit dar. Sie hält Gender Mainstreaming für ein Konzept mit vielen Chancen, insbesondere sollen ihrer Meinung nach, althergebrachte Vorstellungen und Werte in der Kinder- und Jugendarbeit infrage gestellt werden. Im zweiten Teil reflektiert sie den fachlichen Diskussionsprozess der letzten zehn Jahre unter der Fragestellung, in welcher Weise eine erfolgreiche "Genderisierung" der Kinder- und Jugendarbeit bereits erfolgt ist. Hier würdigt sie die Institutionalisierung der Mädchenarbeit und die Ausbreitung der Jungenarbeit, kritisiert aber, dass es nicht zu einer durchgängigen, geschlechterkritischen Praxis gekommen ist. In den letzten beiden Kapiteln geht es dann um Schlüsselfragen und neuralgische Punkte des Gender Mainstreamings in der Kinder - und Jugendarbeit. Zu den Schlüsselfragen zählt Lotte Rose die Fragen nach dem Ziel bzw. der Perspektive von Zielgruppen von Gender Mainstreaming. Neuralgische Punkte sind für sie polarisierende Fragen wie: "Geschlechtertrennung als Fachstandard?" oder "Pädagogik versus Infrastrukturbildung", "separierte versus integrale Genderansätze", das "Denken der Vielfalt" oder "sozialräumliches Gender Mainstreaming". Bei der Behandlung dieser neuralgischen Punkte wirft sie eine Menge Fragen auf, - und auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ließe sie es bei den offenen Fragen. Das ist aber nicht der Fall, - und das scheint mir auch das Problem dieser Expertise zu sein.
Diskussion und kritische Würdigung
Die Expertise zeigt, was passieren muss, wenn die Fachdiskussion über die Umsetzung von Gender Mainstreaming eröffnet wird: Es melden sich unterschiedliche geschlechterpolitische Standpunkte zu Wort.: Gefährlich wird es aber, wenn der Versuch unternommen wird, den eigenen geschlechterpolitischen Standpunkt für die einzig richtige Anwendung des Konzeptes zu empfehlen. "Ein effektives Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit ist nur über eine sozialräumliche Perspektive zweckmäßig zu praktizieren "(Seite 88). Es ist eine falsche Interpretation des Gender Mainstreaming Konzeptes, wenn die geschlechterpolitischen Zielsetzungen nicht getrennt von der Umsetzung des Konzeptes behandelt werden. Das führt Lotte Rose sogar in ihrem dritten Kapitel recht deutlich aus. Für den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit kann damit die Definitionsmacht über die geschlechterpolitischen Ziele nur bei demokratisch legitimierten Gremien wie Parlamenten, Jugendausschüssen oder Vorständen, auch in parlamentarisch kontrollierten Ministerien liegen. Nicht die Fachwissenschaftlerinnen können als Wissenschaftlerinnen die richtigen Ziele bestimmen, sie können allerdings in diskursivem Raum ihre Vorstellungen argumentativ und empirisch vortragen und belegen. Wichtig ist dabei, dass sie die eigenen Vorannahmen auch klar als solche ausweisen.
Eine Expertise zu Gender Mainstreaming kommt wohl nicht um eine Analyse der Geschlechterverhältnisse umhin, -und diese zu erarbeiten, ist die vornehmste Aufgabe von Wissenschaftlerinnen. Das muss jedoch offen und mit der Vorlage der Vorannahmen erfolgen. Lotte Rose macht es den LeserInnen nicht ganz einfach bei der Suche nach den Vorannahmen, sie stellt immer wieder Fragen, dennoch lässt sich folgendes erkennen. Lotte Rose plädiert dafür, die vorhandene spezifische Jungen- und Mädchenarbeit nicht zum Prototyp für Gender Mainstreaming zu nehmen, sondern vielmehr die gesamte Kinder- und Jugendarbeit auf ihre Genderbezüge hin umzustrukturieren. Das bedeutet aber für sie nicht, die gendersensible Kinder und Jugendarbeit in allen Bereichen zu propagieren, sondern vielmehr sich zu fragen, ob Geschlecht überhaupt thematisiert werden muss. Sie hält es für sekundär, ob ein Mann oder eine Frau Angebote leitet, ob geschlechtsgetrennt oder gemischt gearbeitet wird, wichtig ist für sie im letzten eine attraktive Infrastruktur von Angeboten für die Jugendlichen. Sie wehrt sich gegen eine Standardisierung, setzt aber selber dennoch neue Standards. Sie suspendiert alles, gender ist für sie ein offener Begriff und damit kann sie auch infrage stellen, ob "Mädchenförderung und Jungenförderung tatsächlich heißt: Freisetzung aus traditionellen Rollenbildern" (Seite 67). Sie befürchtet, dass dabei eine "Entwertung bestimmter Geschlechterstile" erfolgt. Dagegen betont sie das Lustvolle an geschlechtsspezifischer Normierung, wobei sie damit natürlich nicht die Gewaltbereitschaft von jungen Männern meint, sondern eher die Freude, die junge Frauen an der Mode haben. Ihr Plädoyer zur Offenheit führt dann dazu, dass alles möglich sein kann und dass insbesondere die Jugendarbeiter und Jugendarbeiterinnen keinen geschlechterpolitischen Standpunkt haben dürfen. Offenbar hat sie Angst, dass die geschlechtsspezifische Jungen- und Mädchenarbeit als Dreh- und Angelpunkt von Gender Mainstreaming behandelt wird (Seite 69). Damit verkennt sie aber, dass dies die einzigen Felder der Jugendarbeit sind, in denen bisher eine Genderanalyse vorliegt: und diese Analyse verweist auch auf spezifische Gewalt- und Ausgrenzungsverhältnisse. Lotte Rose unterstellt den feministisch orientierten Mädchenarbeiterinnen den Aleinvertretungsanspruch für Gender Mainstreaming, ein Anspruch, der von dieser Seite gar nicht erhoben wird, im Gegenteil, es herrscht eher die Befürchtung, dass Gender Mainstreaming in der Umsetzung mehr zu einem Aus oder einem Zusammenschrumpfen für geschlechtsspezifische Jungen- und Mädchenarbeit führt.
Auch im Diskurs um die Methoden spiegelt sich ihre nur scheinbar auf Offenheit ausgerichtete Haltung wider: eine feministische Sozialforschungsmethode, die parteilich und geschlechtsspezifisch vorgeht, möchte Lotte Rose ablösen durch die ethnographische Methode. Sie präferiert diese Methode, weil hier vom Jugendlichen her gedacht wird ("Der suchend, offene Blick", S. 106), während die feministische Geschlechterforschung die Situation von Jugendlichen nach ihrer Ansicht offenbar unter bestimmten Vorannahmen erhebt. Hier liegt ein Missverständnis vor. Gerade die Anwendung der ethnographischen Methode zeichnet sich ja dadurch aus, dass der Standpunkt des Beobachtenden ganz klar herausgearbeitet werden muss, denn nur dann, wenn die Brille bekannt ist, durch die hindurchgeguckt wird, können die Ergebnisse richtig eingeordnet werden. Feministische Sozialforschung, die parteilich und geschlechtspezifisch forscht, legt ihren Standpunkt, ihre Analyse der Geschlechterverhältnisse offen. Über solche Standpunkte kann man politisch streiten, rein wissenschaftlich ist das nicht zu klären. Im letzten Kapitel plädiert Lotte Rose dafür, die Jugendarbeit auf die Füße zu stellen, indem die Orientierung an den Jugendlichen im Vordergrund steht. Da bekommt man den Eindruck, dass nicht nur im methodischen Vorgehen sondern auch in der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit vor lauter "Erkunden" diejenigen, die Kinder- und Jugendarbeit leisten, offenbar gar keinen eigenen Standpunkt mehr haben sollen. Ihnen wird empfohlen, sich in allem nach dem zu richten, was die Jugendlichen wünschen. Angebote entstehen nicht mehr in einem Abgleichen von pädagogischen Zielen und den Interessen von Jungen und Mädchen, vielmehr soll Jugendarbeit als Dienstleistungsarbeit an den Kundinnen und Kunden orientiert werden.
Fazit
Dieses Buch ist ein Beitrag, aus dem deutlich wird, dass die geschlechterpolitische Debatte notwendig wird und notwendiger als vielleicht gedacht. Die Kinder- und Jugendarbeit bietet als Fachgebiet dazu auch reichhaltige Möglichkeiten, denn hier gibt es eine lange Tradition sowohl der geschlechterpolitischen Debatte als auch der konkreten Umsetzung bestimmter Standpunkte in die Arbeit. Eines darf die Anwendung von Gender Mainstreaming nicht bringen: die Verwischung und Unkenntlichmachung geschlechterpolitischer Standpunkte.
Die Expertise ist für alle, die in der Kinder- und Jugendarbeit konkret oder administrativ arbeiten, interessant. Darüber hinaus könnte sie die geschlechterpolitische Diskussion bereichern, wenn sie nicht als "Expertise" sondern als ein Beitrag mit einer bestimmten Absicht gelesen wird.
Rezension von
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
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