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Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung

Rezensiert von Dr. Anja Frindt, 04.01.2012

Cover Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung ISBN 978-3-531-16998-9

Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 690 Seiten. ISBN 978-3-531-16998-9. 49,95 EUR.
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Thema

Der Band versammelt eine Vielzahl von Beiträgen, die den Stellenwert und die Möglichkeiten der Förderung von Resilienz für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen thematisieren.

Herausgeberin

Die Herausgeberin ist Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Politikwissenschaft/Sozialpolitik am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. Unterstützt wurde sie von Martin Roemer, der als Schriftsteller und Komponist tätig ist und die redaktionelle Bearbeitung des Handbuches übernommen hat.

Entstehungshintergrund

Margherita Zander hat sich in ihrer im Jahre 2008 erstmals erschienenen Monographie „Armes Kind – starkes Kind?“ mit der Übertragung und Anwendung des Resilienzkonzeptes für Kinder und Familien in Armutslagen befasst. Diese Publikation wurde stark nachgefragt und liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Zudem leitete die Autorin die Evaluation des Programms „Lichtpunkte“, das an 22 Standorten (gefördert von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung) unterschiedliche Ideen zur Resilienzförderung umgesetzt hat.

Aufbau

Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert. Teil 1 „Internationale Beiträge“ versammelt 5 Beiträge angelsächsischer Autoren und trägt so den Wurzeln des Resilienzkonzeptes Rechnung. Im Teil 2 „Zur Grundsatzdiskussion“ kommen 6 Autoren zu Wort, die sich mit begrifflichen Klärungen, gesellschaftlichem Kontext, Chancen und Grenzen des Konzeptes und Implikationen für die Prävention auseinander setzen. Teil 3 „Resilienzförderung auf verschiedenen Praxisfeldern“ nimmt den weitaus größten Teil des Handbuches ein und beinhaltet 17 Beiträge mit unterschiedlichen Beispielen für Resilienzförderung.

Inhalt

Auf die obligatorische Einleitung der Herausgeberin folgend, beginnt Teil 1 mit einem Beitrag der wohl bekanntesten Pionierin der Resilienzforschung Emmy Werner, die gemeinsam mit Ruth Smith die Kauai-Studie geleitet hat. Ihr Beitrag fokussiert auf Resilienz im Leben von Kindern aus multiethnischen Familien und schließt mit einer Warnung vor Patentlösungen, die jedem Kind/Jugendlichen helfen können, das unter schädigenden Bedingungen aufwächst. Werner betont stattdessen die Möglichkeiten der Resilienzförderung, die „realistische Hoffnung“ (S. 45) geben. Ein kurzes Interview der HerausgeberIn mit Emmy Werner stellt noch einmal deren Verständnis von Resilienz und Resilienzförderung klar. Im folgenden Beitrag wird das Manual zur Förderung von Resilienz, das von der inzwischen verstorbenen Pädagogik-Professorin Edith H. Grotberg entwickelte wurde, erstmals ungekürzt in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Ihre „Anleitung zur Förderung der Resilienz bei Kindern“ ist stringent und logisch aufgebaut und präzisiert die Möglichkeiten der Resilienzförderung für drei verschiedene Altersstufen. Die Anleitung – die in gekürzter, anschaulicher Form im Kanon der Ansätze zur Resilienzförderung in keiner wesentlichen Publikation zum Thema fehlt – erschließt sich nicht auf den ersten Blick, dennoch lässt sie sich u.a. durch die Beispiele und Aussagen von Kindern mit Gewinn lesen. Ein weiterer wesentlicher Ansatzpunkt zur Resilienzförderung, der von vielen Projekten aufgegriffen wird, wurde von Daniel und Wassell vorgelegt. Eine der Autorinnen – Brigid Daniel – stellt im nächsten Beitrag gemeinsam mit Kolleginnen die Ergebnisse einer Studie in Großbritannien und Australien vor, die die Umsetzung des Resilienzkonzeptes bei gefährdeten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern untersucht hat. Die beiden letzten Beiträge des ersten Teils des Handbuchs stammen von Michael Ungar, der in Kanada eine Professur für Social Work innehat und das Resilience Research Centre leitet. Einer der Beiträge befasst sich mit Resilienkonzepten für Kinder, die von Sozialdiensten betreut werden und zeigt anhand von drei anschaulichen Fallgeschichten, dass auffälliges Verhalten nicht zwangsläufig ein Indiz für die Verletzlichkeit des Kindes darstellt, sondern Ausdruck für eine durch Lebenskontext und Herkunftskultur des Kindes geprägten Resilienz sein kann. Ungar plädiert dafür, Interventionen in Relation zur jeweiligen Kultur zu betrachten, da Kultur und sozialer Kontext bestimmen, ob Interventionen als hilfreiche Ressourcen anerkannt werden. In seinem zweiten Artikel werden die Phoenix Jugendprogramme aus Halifax, Kanada sowie fünf Prinzipien der Resilienz für die Praxis vorgestellt.

Teil 2 beginnt mit einem Beitrag von Norbert Wieland, der Probleme in der Debatte um Resilienz und Resilienzförderung diagnostiziert, das Konstrukt Resilienz theoretisch verortet und präzisiert und seinen Nutzen klärt. Michael Fingerle, der seit langem zum Thema arbeitet und gemeinsam mit Opp und Freytag den Sammelband „Was Kinder stärkt“ (erste Aufl. 1999) herausgegeben hat, das Thema damit erstmals einem breiten Leserkreis zugänglich machte und die Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum maßgeblich anregte, fasst in seinem Beitrag „Resilienz deuten – Schlussfolgerungen für die Praxis“ präzise den aktuellen Forschungsstand und Implikationen für die Praxis zusammen. Thomas von Freyberg liefert in seinem Beitrag eine scharfe Kritik zu Resilienz als problematischem Modewort aus psychoanalytischer Sicht. Antje Richter-Kornweitz beschäftigt sich mit der Relation zwischen Resilienz, Geschlecht und Gesundheit und fordert für künftige Forschungsarbeiten, dass sie Kinder und Jugendliche als Mädchen und Jungen und v.a. als handelnde Subjekte in den Mittelpunkt stellen. Die Herausgeberin Margherita Zander thematisiert in ihrem Beitrag isb. die Chancen der Resilienzförderung für von Armut betroffene Kinder im Grundschulalter und spricht hinsichtlich der Frage wer Resilienz letztendlich definiert (Wissenschaft, pädagogische Fachkraft, gefördertes Kind selbst) der subjektiven Perspektive einen hohen Stellenwert zu. Den Teil 2 beschließenden Beitrag „Nimmer sich beugen – kräftig sich zeigen…“ hat C. W. Müller in wie gewohnt wunderbar zu lesender Weise verfasst. Der Autor sieht in der kritischen Auseinandersetzung mit der Resilienzforschung eine wichtige Quelle zur Anbahnung einer professionellen Sichtweise: „Dann sähe man endlich der Hilfe bedürftige Kinder und Jugendliche nicht nur als wehrlose Opfer von Sachen, Menschen und Umständen, sondern auch als Mit-Gestalter ihres eigenen Lebenslaufes, den zu gestalten es Kräfte erfordert, der aber auch selber Kraft generiert“ (S. 323) und fordert als nächsten Forschungsschritt vertiefende, qualitative Rekonstruktionen von Einzelfällen.

Der umfangreiche Teil 3 fasst eine Fülle von Beispielen zur Resilienzförderung. Hans Weiß beschäftigt sich mit Resilienz in der interdisziplinären Frühförderung und stellt den Nutzen des Konzeptes für dieses Handlungsfeld dar. Corina Wustmann setzt bei der Förderung von Resilienz auf verlässliche Beziehungsangebote und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Lebensalltag und präsentiert das Beobachtungsverfahren der „Bildungs- und Lerngeschichten“ als Möglichkeit einer stärkenden Pädagogik im Elementarbereich. Im Gegensatz zu diesem Ansatz der sich darum bemüht Resilienzförderung kontinuierlich und verlässlich im Beziehungsumfeld des Kindes zu verankern, stellt der folgende Beitrag von Rönnau-Böse und Fröhlich-Gildhoff das Projekt „Kinder stärken!“ vor, das stärker den Charakter eines Trainingsprogramms aufweist. Die Resilienzförderung setzt hier auf vier Ebenen (Arbeit mit pädagogischen Fachkräften, Netzwerkarbeit, Arbeit mit Kindern, Arbeit mit Eltern) an, wobei die Arbeit mit Kindern und Eltern auf Manualen mit sechs bis zwanzig Einheiten, die innerhalb weniger Wochen zu absolvieren sind, basiert. Ein Evaluationsergebnis zeigt, dass es nicht ausreicht, isolierte Kurse zu realisieren, sondern dass sich die Perspektive der Fachkräfte auf die Kinder grundsätzlich wandeln muss. Rolf Göppel, der sich bereits 1997 mit einer Arbeit zum Thema Resilienz habilitiert hat, befasst sich mit Resilienzförderung in der Schule und benennt acht zentrale „Gebote“ (S. 403) für Lehrer und Lehrerinnen. Stefanie Roos und Matthias Grünke thematisieren Resilienz in Förderschulen. Marie Luise Conen beantwortet die Frage, inwiefern aufsuchende Familientherapie als Beitrag zu Resilienzförderung gelten kann. Bruno Hildenbrand fragt, ob Resilienz auch eine Perspektive bei Kindeswohlgefährdung sein kann. Er betrachtet Resilienzorientierung als Korrektur zur Defizitorientierung, deren Wiederkehr er in der Kinder- und Jugendhilfe konstatiert. Mit Fragen nach den Autonomiepotentialen der Klientinnen und Klienten möchte er den Blick auf das Gelingen eines im Prinzip schwierigen Lebens lenken, dass das professionelle Handeln auch in schweren Krisen stärkt. Wolfgang Jaede befasst sich mit Resilienzförderung in der Erziehungs- und Familienberatung. Sein Beitrag schlägt u.a. eine resilienzorientierte Hilfeplanung vor und widmet sich der Frage, wie die Resilienz von BeraterInnen gestärkt werden kann und mit welchen Möglichkeiten die eigenen Ressourcen erhalten werden können. Georg Kormann stellt Ergebnisse seiner Studie zu Resilienzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen vor, die im SOS-Kinderdorf aufgewachsen sind und etwa 25 Jahre später dazu befragt worden. Margherita Zander, Nicole Alfert und Bettina Kruth präsentieren das Programm „Lichtpunkte“ für benachteiligte Kinder und Jugendliche und stellen sich der spannenden Frage der Abgrenzung der Konzepte Ressourcenorientierung und Resilienzförderung. Eine interessante Lektüre bietet der Beitrag von Manfred Liebel, der mit Hilfe des Resilienzparadigmas einen anderen Blick auf Kinder in Straßensituationen wirft und den lateinamerikanischen Resilienzdiskurs aufgreift. Die drei folgenden Artikel widmen sich der Förderung von Ressourcen und Resilienzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Haci-Halil Uslucan betrachtet bikulturelle Identität und Bilingualismus als Entwicklungschance. Dorothea Irmler stellt die Arbeit des Therapiezentrums für Folteropfer (TZFO) zur Resilienzförderung von Flüchtlingskindern und ihren Familien vor. Uli Hahn tut dies für die Arbeit mit Roma-Flüchtlingskindern von Amaro Kher. Mirja Silkenbeumer widmet sich der Biografiearbeit mit delinquenten Jugendlichen, eine Arbeitsmethode, mit der sich Resilienz aufspüren lässt. Die letzten beiden Beiträge des Buches sind keine klassischen Aufsätze. Zum einen handelt es sich um ein Interview mit Birgit Averbeck vom Jugendamt Dortmund, das mit der Frage überschrieben ist, ob Jugendämter Kinder stärken können. Zum anderen beinhaltet das Handbuch ein Nachwort des Mitherausgebers Martin Roemer, der Verbindungslinien zwischen den einzelnen Beiträgen herausarbeitet, aber auch Trennendes benennt.

Diskussion

Das Handbuch zeigt wie die Resilienzdebatte lebt und atmet und sich der Fokus inzwischen deutlich von der Resilienzforschung zur Resilienzförderung verschoben hat. Das Sammelwerk greift in seiner Dreiteilung offene Fragen und Debatten auf und stellt eine Verbindung von Forschung und Förderung her. Das ist m.E. unabdingbar und zwingend notwendig. Gerade weil das Konstrukt der Resilienz vage und hochkomplex ist, macht es Sinn, die unterschiedlichen Definitionen und offenen Fragen des Diskurses (u.a. die Frage, welche gut fassbaren Kriterien künftig gelungene Anpassung repräsentieren können) zu thematisieren, bevor Praxisbeispiele aus einer Vielzahl von Handlungsfeldern vorgestellt werden. Einige Weiterentwicklungen der Debatte sind sehr interessant und bieten gerade für die Soziale Arbeit wichtige Anknüpfungspunkte. Ich denke dabei z.B. an die Sichtweise Michael Ungars, riskantes Verhalten als Resilienz zu betrachten. Oder aber an die Bewertungsprobleme im Umfeld von Resilienz, bei denen Autoren wie Liebel, Ungar, Wieland und Zander die Definitionsmacht stärker dem Individuum zusprechen oder die Frage bezüglich des Resilienzbedarfes von Fachkräften. Neben all den Chancen des Konzepts kommen auch die Grenzen deutlich zum Vorschein. Mehrere Autoren warnen vor einer politischen Instrumentalisierung und dem Außer-acht-Lassen der Kontexte, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Das Konzept darf nicht dazu missbraucht werden, „unter Bedingungen struktureller Verantwortungslosigkeit“ (Freyberg, S. 234) verantwortliches Handeln einzufordern.

Fazit

Der Gewinn des Handbuches liegt darin, für den deutschsprachigen Bereich erstmals umfassend Ansätze zur Resilienzförderung für die konkrete Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu bündeln und vorzustellen. Durch die Dreiteilung der Aufsätze in internationale Beiträge, Grundsatzdiskussion und Resilienzförderung in verschiedenen Praxisfeldern wendet es sich an eine Vielzahl von Lesern, d.h. sowohl an eher theoretisch als auch an eher praktisch Interessierte. Sehr gut gelungen ist die Reihung der Beiträge, manchmal wirft ein Aufsatz Fragen auf, die im nächsten beantwortet werden. Der umfangreiche Praxisteil beginnt mit Resilienzförderung in der Frühförderung, bevor Beispiele aus unterschiedlichen Feldern der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wie Kindertageseinrichtungen, Schule, Erziehungshilfen, Beratung und bestimmten Zielgruppen wie Flüchtlingskindern und delinquenten Jugendlichen folgen. Damit stellt er eine breite Palette resilienzfördernder Beratungsmodule und Arbeitsmodelle vor. Teilweise tut er das konzeptionell für ein Handlungsfeld, teilweise wird das ganz konkrete praktische Handeln im Feld beschrieben. Das Handbuch zeigt deutlich auch die Interdisziplinarität des Resilienzdiskurses auf. Es bietet für den Leser eine erste Orientierung und einen Überblick über die Resilienzförderung und zeigt Voraussetzungen, Grenzen und offene Fragen auf. Sowohl die damit verbundenen Fallstricke als auch die Perspektiven kommen differenziert zur Sprache.

Rezension von
Dr. Anja Frindt
Dipl. Päd., Dipl. Sozarb./Sozpäd.
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Es gibt 7 Rezensionen von Anja Frindt.

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Zitiervorschlag
Anja Frindt. Rezension vom 04.01.2012 zu: Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-16998-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10117.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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