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Kirsten Fuchs-Rechlin: [...] zum professionellen Selbstverständnis von Pädagoginnen [...]

Cover Kirsten Fuchs-Rechlin: "Und es bewegt sich doch ...!". Eine Untersuchung zum professionellen Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-8309-2314-5. 24,90 EUR.

Reihe: Empirische Erziehungswissenschaft - Band 21.
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Autorin

Kirsten Fuchs-Rechlin, Dr. phil. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung ist die Dissertation der Autorin, mit der sie sich 2009 an der Technischen Universität Dortmund promoviert hat. Die Arbeit entstand im Kontext eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Verbundprojekts „Beruflicher Verbleib, Berufskarrieren und berufliches Selbstverständnis von Absolvent/inn/en erziehungswissenschaftlicher Hauptfachstudiengänge“, das in den Jahren 2000 bis 2003 unter der Leitung von Thomas Rauschenbach und Heinz-Hermann Krüger durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung gliedert sich in drei Teile:

  1. Zur Einleitung „Alte Fragen in neuem Gewand“
  2. Die theoretische und konzeptionelle Rahmung der Untersuchung
  3. Das Untersuchungsdesign und die Untersuchungsergebnisse.

Im ersten der insgesamt 10 Kapitel skizziert Kirsten Fuchs-Rechlin die Zielsetzung ihrer Arbeit. Ihre übergeordnete Fragestellung gilt dem professionellen Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen, sie fragt nach handlungsbezogenen Leitbildern für konkrete Handlungsprobleme und nach der Bedeutung der Ausbildung für das pädagogische Handeln. Im zweiten Kapitel fasst die Autorin theoretische Diskurse aus der Professionsdiskussion in der Pädagogik zusammen und stellt empirische Befunde aus verschiedenen Untersuchungen zur Professionalisierung vor, um darauf aufbauend im dritten Kapitel ihre forschungsleitenden Fragen zu formulieren.

Die theoretische Rahmung der Untersuchung beginnt im vierten Kapitel unter der Überschrift „Professionelles Selbstverständnis als beruflicher Habitus“ mit einer Erläuterung von Bourdieus Habituskonzept und der Bourdieu-Rezeption in der Sozialen Arbeit. Hier bestimmt die Verfasserin die Ausbildung des professionellen Selbstverständnisses als einen Prozess der Habitualisierung von professionellen Wahrnehmungs-, Denk und Handlungsmustern. Daran anschließend fasst die Autorin „Paradoxien und deren Bearbeitung als Indikator für das professionelle Selbstverständnis“ (5.) zusammen. Dabei orientiert sie sich stark an den Veröffentlichungen von Fritz Schütze. Die Entwicklung professioneller Handlungsorientierungen wird im Prozess von beruflicher Sozialisation verortet, deshalb stellt Fuchs-Rechlin „Sozialisation als Rahmenkonzept der empirischen Analyse“ (6.) vor. Alle drei theoretischen Rahmungen schließen jeweils mit einer Zwischenbilanz ab, in der die Autorin Folgerungen für ihre Untersuchung herausarbeitet.

Der dritte Teil der Publikation fängt mit einer ausführlichen Darstellung des methodischen Vorgehens an. Die Dissertation - wie das gesamte DFG Forschungsprojekt - basiert auf einem quantitativen Forschungsdesign. Hier weist Fuchs-Rechlin zu Beginn kurz auf die mögliche Kritik an einer Untersuchung habitueller Muster auf der Grundlage quantitativer Daten hin: die Befunde seien „in vielerlei Hinsicht interpretationsbedürftig (...), ohne dass zugleich nähere Erläuterungen der Befragten zu ihren Antworten vorliegen, die dann als Interpretationshilfe und zur Kontextualisierung dienen könnten“ (S. 97). Dann werden zusammenfassend alle Studien des DFG-Projekts vorgestellt. Es handelt sich um eine bundesweite Befragung von Diplom-PädagogInnen und AbsolventInnen von MagisterabsolventInnen der Pädagogik, befragt wurden alle AbsolventInnen der Diplom- und Magisterjahrgänge 1996 und 1997. Darüber hinaus wurden eine Studiengangsvergleichsstudie unter dem Einbezug von Fachhochschulstudiengängen sowie eine Kohortenvergleichsstudie durchgeführt. Die Struktur der Fragebögen stellt die Verfasserin differenziert vor. Sie weist darauf hin, dass die Fragebögen mit dem Ziel konzipiert wurden, spezifische Fragen des pädagogischen Arbeitsmarkts zu untersuchen. Lediglich ein Teil des Fragebogens gilt ausgewählten Paradoxien professionellen Handeln, die in zwei Szenarien und Arbeitsbereichen (Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung) operationalisiert wurden. Die Darstellung der Auswertung beginnt mit einer schematischen Darstellung von Einflussgrößen auf die Ausbildung des professionellen Selbstverständnisses. Fuchs-Rechlin erläutert die Kontexte bzw. die Indikatoren der ausgewählten Dimensionen „Soziale Herkunft und berufliche Vorerfahrungen“, „Studium und Hochschule“ sowie „Arbeit und Beruf“. Im Rahmen der Auswertung hat die Autorin Typen professioneller Handlungsorientierungen aus den Daten konstruiert. Bevor sie diese vorstellt nimmt sie eine deskriptive Darstellung der Antworten zum Umgang mit paradoxen Handlungsanforderungen vor. Bei einzelnen der untersuchten Paradoxien lassen sich Arbeitsfeld und Zielgruppen übergreifende Handlungsschemata erkennen, die nach Fuchs-Rechlin als „allgemeingültige Handlungsnormen interpretiert werden“ (S. 115). Die Typenbildung erfolgt für das Szenario ‚Sozialpädagogik‘, Einzelfragen werden mit einer „Hauptkomponentenanalyse“ zu Faktoren und Indizes zusammengefasst, aus Indexvariablen wurden mit einer Clusteranalyse Typen gebildet. Die aus den paradoxen Handlungsanforderungen zusammengefassten Faktoren erhalten folgende Label bzw. Handlungsorientierungen: Klientenautonomie, Expertise und Fallbezug. Hier lautet das Zwischenergebnis, dass die befragten PädagogInnen einer hohen Orientierung am Einzelfall Rechnung tragen, einen eher direkten, steuernden Weg der Problembearbeitung angeben und „einen eher zurückhalten Umgang mit dem eigenen Fachwissen“ (123). Auf der Basis der unterschiedlichen Ausprägungen der drei Handlungsorientierungen entwickelt die Autorin vier Typen innerhalb einer Gesamtgruppe von 1.642 Befragten:

  1. die Fürsorgerin/den Fürsorger (41%)
  2. die Pragmatikerin/den Pragmatiker (23%)
  3. die Fachfrau/den Fachmann (21%)
  4. die Begleiterin/den Begleiter (16%).

Eine Beschreibung der sich leicht ändernden Verteilung dieser empirisch gewonnenen Typen in einer Differenzierung mit anderen Stichprobenmerkmalen nimmt Fuchs-Rechlin sehr gewissenhaft vor und sie prüft deren Plausibilität mit verschiedenen anderen Indikatoren zum professionellen Selbstverständnis, wie der beruflichen Selbstetikettierung, den Rollenbildern oder den Zielvorstellungen. Im neunten Kapitel untersucht Fuchs-Rechlin die Ausbildung von Handlungsorientierungen anhand der Faktoren „Übergang“ (z.B. Berufseinstieg, Stellenwechsel, Berufsdauer) und „Kontext“ (z.B. soziale Herkunft, Studium, Hochschultyp). Hier liegt eine Vielzahl von Tabellen (bivariate Analysen) aus der Studiengangs-Vergleichstudie 2001 zugrunde, die differenziert und kleinschrittig bearbeitet werden. Darüber hinaus werden Teilstichproben untersucht, gefragt wird beispielsweise nach der sozialisierenden Wirkung der Berufseinmündung, der ersten Stelle nach dem Studienabschluss. Dabei kommt die Verfasserin zu dem Ergebnis, dass die Einsozialisation in einen professionellen Habitus stärker durch die Herkunftsfamilie, einer beruflichen Erstausbildung oder dem Studium bestimmt ist, als bisher angenommen. Der Einfluss des Studiums auf die professionellen Leitbilder beschränkt sich aber nicht auf die Berufseinmündungsphase, auch „nach einem Stellenwechsel, also im weiteren Berufsverlauf, erweist sich das Studium von seiner Wirkkraft her als gleichrangig gegenüber der aktuellen beruflichen Situation. Mehr noch, vom Studium geht auch nach einem Stellenwechsel ein größerer Einfluss auf die Ausbildung professioneller Leitbilder aus als von der ersten beruflichen Tätigkeit nach Ende des Studiums“ (S. 206). In ihren „Schlussbemerkungen“ thematisiert die Verfasserin methodische Schwierigkeiten: geringe statistische Relevanzen in der bivariaten und multivariaten Auswertung und die Tatsache, dass die Befragung auf einem Querschnittsdesign basiere. So eröffnet sie abschließend zwei Perspektiven einer weiterführenden Forschung: Zum einen gelte es die Entwicklung und Verankerung des professionellen Selbstverständnisses in einer Längsschnittstudie bzw. einem Paneldesign zu untersuchen. Zum anderen könnten die Ergebnisse der vorliegenden Studie „in einer Art >reflexiven Schleife< an Berufspraktiker/innen" (S. 212) zurückgespiegelt und diskutiert werden.

Diskussion und Fazit

Die Dissertation ist eine aufschlussreiche und anregende Studie für die gegenwärtige Professionsdebatte, die dazu einlädt über Verknüpfungen von qualitativer und quantitativer Forschung in diesem Feld neu nachzudenken. Als kritische Anmerkung sei jedoch darauf hingewiesen, dass offensichtlich viel Zeit verstrichen ist, zwischen Erhebung, Verschriftlichung und Veröffentlichung der vorliegenden Publikation im Jahr 2010. Bis auf eine Ausnahme endet die Aktualität der verwendeten Literatur im Jahr 2004.


Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 16.08.2011 zu: Kirsten Fuchs-Rechlin: "Und es bewegt sich doch ...!". Eine Untersuchung zum professionellen Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. ISBN 978-3-8309-2314-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10121.php, Datum des Zugriffs 17.05.2021.


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