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Melissa A. Click, Jennifer Stevens Aubrey u.a.: Bitten by Twilight

Cover Melissa A. Click, Jennifer Stevens Aubrey, Elizabeth Behm-Morawitz: Bitten by Twilight. Youth Culture, Media, and the Vampire Franchise. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. 302 Seiten. ISBN 978-1-4331-0894-5. 22,70 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Thema

„Twilight“, „New Moon“, „Eclipse“ und „Breaking Dawn“ – deutsche Titel: „Bis(s) zum Morgengrauen“, „Bis(s) zur Mittagsstunde“, „Bis(s) zum Abendrot“ und „Bis(s) zum Ende der Nacht“ – so heißen die vier überaus erfolgreichen Romane der US-Amerikanerin Stephenie Meyer. Sie erzählen die Beziehung zwischen Bella, einer jungen Frau, und dem Vampir Edward. Vor allem unter weiblichen Jugendlichen haben die Romane international viele Fans gefunden.

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes untersuchen eine Reihe von Erscheinungsformen des Phänomens Twilight aus unterschiedlicher fachlicher Perspektive und mit verschiedenen Methoden. Sie gehen auch auf die Verfilmungen der ersten beiden Romane ein. Dabei werden kulturelle, soziale und wirtschaftliche Aspekte in Beziehung gesetzt zu Vorstellungen von Jugend, Geschlechterrollen, Liebe und Sexualität.

Herausgeberinnen

Click, Aubrey und Behm-Morawitz sind Assistenz-Professorinnen für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Missouri, USA. Alle drei verstehen sich als feministische Medienwissenschaftlerinnen.

Entstehungshintergrund

Wie Click, Aubrey und Behm-Morawitz berichten, wurden die Romane bis 2009 in 37 Sprachen übersetzt und es wurden mehr als 85 Millionen Bücher weltweit verkauft. Zusammen mit den Filmen gelten die Romane als das überragende Beispiel einer weiblich ausgerichteten Populärkultur. Für eine feministische Kommunikations- und Medienwissenschaft sind sie quasi Pflichtgegenstand. So wollen die Herausgeberinnen ergründen, warum die Bücher und Filme ein so großes Publikum unter Mädchen und Frauen gefunden haben, welche Ideologien verstärkt und welche zerstört werden und wie die Fans damit umgehen.

Aufbau

Der Haupttext beginnt mit einer längeren Einleitung der Herausgeberinnen, die unter anderem den Inhalt der Twilight-Serie zusammenfasst und über Twilight als popkulturelles Phänomen berichtet. Das Buch gliedert sich sodann in drei Teile. Sie umfassen insgesamt 15 Beiträge (von jeweils knapp 20 Seiten).

  • Am umfangreichsten ist der erste Teil (sieben Beiträge), in dem es um eine wissenschaftliche Lektüre der Romane geht.
  • Der zweite Teil (fünf Beiträge) befasst sich mit einer LeserInnen- und Publikumsanalyse.
  • Am kürzesten ist der dritte Teil(drei Beiträge), der von Praktiken der Kultur- und der Tourismusindustrie handelt.

Es schließt ein Nachwort (Elana Levine) aus einer feministischen Perspektive an. Bemerkenswert ist ein zwölfseitiges Sachverzeichnis.

Inhalt

Die Beiträge, in denen die Romane selbst untersucht werden, streuen inhaltlich breit: Zur Deutung der Romane werden unter anderem Vorstellungen des Mormonentums (der Religion Meyers) herangezogen, wird Twilight mit früheren Vampirerzählungen verglichen, werden die Romane unter rassischen/ethnischen Gesichtspunkten diskutiert. – Im Folgenden sollen vor allem die von den Autorinnen herausgearbeiteten Botschaften zusammengefasst werden, die der weiblichen Leserschaft der Romane vermittelt werden.

Ein zentrales Thema der Twilight-Serie ist die Liebesromantik, weshalb auch hier ein starkes Interesse bei der Zielgruppe vermutet wird. Tricia Clasen kommt zu dem Ergebnis, dass eine Reihe unrealistischer Mythen transportiert wird: dass wahre Liebe eine Liebe auf den ersten Blick ist, dass Liebe für immer und unveränderlich ist, dass Liebesbeziehungen alle anderen Beziehungen ausstechen und dass wahre Liebe keine Worte braucht. Vor allem würden Konflikte in Beziehungen heruntergespielt. Es gebe keine Spannung zwischen Verbundenheit und Autonomie. Das Wachhalten einer Beziehung würde allzu sehr vereinfacht.

Carrie Anne Platt arbeitet vor allem an der Beziehung zwischen Bella und Edward Botschaften bezüglich Gender und Sexualität heraus. Die Romane bekräftigten althergebrachte Geschlechterrollen, priesen konservative soziale Werte an (wie Bewahrung der Keuschheit, Wichtigkeit der Heirat, Heiligkeit des Lebens) und kontrollierten das weibliche Begehren. Dieses werde, was ungewöhnlich sei, immerhin als eine Realität anerkannt! Bekräftigt würden rückschrittliche Ideologien von Liebesbeziehungen, in denen junge, verletzliche Frauen die zu besitzenden Objekte sind, die von den Männern in Ehren zu halten und zu hüten und stets vor jeder Gefahr zu schützen sind. Das gelte hier auch für die weibliche Sexualität. Die pauschale ideologische Botschaft laute: „Jung, weiblich und sexuell zu sein, heißt Gefahr, Zerstörung oder sogar Tod herauszufordern.“ (S. 80; Übersetzung C.B.)

In einem weiteren Beitrag geht es um die Darstellung körperlichen Erlebens weiblicher Jugendlicher am Beispiel von Bella. Danielle Dick McGeough konzentriert sich auf drei Erfahrungen: auf Bellas intensives Sexualverlangen, auf Schwangerschaft/Geburt – der Kinderwunsch werde als angeboren weiblich suggeriert – sowie schließlich auf die Transformation in eine Vampirin. Bellas jugendlicher Körper werde als unbändig, chaotisch und unkontrolliert geschildert, und deshalb benötige er eine Regulierung, letztlich durch Edward. Erst die Transformation in eine Vampirin bringe gleichsam die „Problemlösung“: die Verwandlung – nur durch einen gewaltsamen Eingriff möglich – in einen perfekten, disziplinierten und gleichbleibenden (dabei für immer unfruchtbaren) Körper.

Die Publikumsanalysen des zweiten Teils untersuchen, wie Fans und Anti-Fans die Serie diskutieren, interpretieren und unter anderem in eigenen Erzählungen („fanfiction“) weiterentwickeln oder wie Twilight einen Austausch zwischen Müttern und Töchtern anstiftet. Dabei liefert insbesondere eine große Befragung, die die Herausgeberinnen unter jugendlichen und erwachsenen weiblichen Fans durchgeführt haben, Anhaltspunkte dafür, dass Fans sich mit den dargestellten Liebesbeziehungen identifizieren, vor allem mit der Beziehung zwischen Bella und Edward.

Im letzten Teil geht es um Wirtschaftspraktiken der Filmindustrie und des Verlagswesens rund um die Twilight-Serie und schließlich um den Tourismusboom, den der Handlungsort der Geschichte im Nordwesten der USA erlebt. In ihrem Beitrag über die Verfilmung der Romane zeigen Aubrey, Scott Walus und Click, wie auch die Filme, ihr Marketing und ihre Promotion konsequent auf die Fanbasis jugendlicher Mädchen zugschnitten ist.

Diskussion

Geht man davon aus – wie auch andere Studien über Medienaneignung nahelegen –, dass jugendliche Leserinnen die Twilight-Romane nicht nur zur Unterhaltung lesen, sondern oft auch, um etwas über das Erlebnis von Liebe und über Partnerschaft zu erfahren oder darüber, wie sich die vermeintlichen Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers bewältigen lassen, dann werden in den Romanen, Filmen, in Fanfiction und Anschlussgesprächen sozialisatorisch bedeutungsvolle Themen behandelt. Deshalb geben die hier vorgelegten wissenschaftlichen Analysen wichtige Aufschlüsse und zeigen die Problematik der Darstellung von Bella, falls diese fraglos als eine Art Rollenmodell übernommen und ihre Beziehung zu Edward idealisiert wird.

Leider macht kaum eine der Autorinnen, vor allem bei der Romananalyse, genauere, nachvollziehbare Angaben zur wissenschaftlichen Methode, sodass unklar bleibt, wodurch sie sich von einer privaten Lektüre unterscheidet. Mitunter besteht die Gefahr, dass Perspektiven oder Einschätzungen aus anderer theoretischer Literatur oder aus Rezensionen der Romane zu schnell übernommen werden. Zu den Befragungen der Fans ist anzumerken, dass sich kaum einschätzen lässt, inwieweit die Ergebnisse verallgemeinerbar sind, weil mit willkürlichen Stichproben gearbeitet wurde. Dies wird auch von einer der Autorinnen angemahnt: als etwas, das bei künftiger Forschung zu verbessern sei.

Fazit

Das Buch ist eine spannende Lektüre für alle, die sich vom popkulturellen Phänomen Twilight faszinieren lassen, sei es aus fachlichem oder persönlichem Interesse. Insbesondere den (erwachsenen) LeserInnen der Romane und dem Filmpublikum bieten die Analysen viele Möglichkeiten, die Ergebnisse mit eigenen Eindrücken zu vergleichen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 28.10.2010 zu: Melissa A. Click, Jennifer Stevens Aubrey, Elizabeth Behm-Morawitz: Bitten by Twilight. Youth Culture, Media, and the Vampire Franchise. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. ISBN 978-1-4331-0894-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10124.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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