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Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch: Rollenbilder im Museum

Cover Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch: Rollenbilder im Museum. Was erzählen Museen über Frauen und Männer? Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2010. 191 Seiten. ISBN 978-3-89974-593-1. 13,80 EUR.

Reihe: Museum konkret. Wochenschau Geschichte.
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Thema

Die Autorinnen spüren praxisnah dem Gender-Thema im Museum nach. Frauen und Männer sind in Museen nicht gleichgewichtig repräsentiert. Der Großteil der in Museen dokumentierten Geschichte ist männlich. Frauen sind in der Geschichte allenfalls das Salz in der Suppe.

Doch mit der Emanzipation ist in den Museen ein neues Verständnis gewachsen, werden Forderungen laut und Strategien entwickelt, um der Verfestigung von Rollenbildern entgegenzuwirken. Die Autorinnen beschreiben und bewerten Ausstellungen dahingehend, wie sie gender-Aspekte aufnehmen. Die umfangreiche Bestandsaufnahme hilft, den geschlechtersensiblen Blick zu schärfen und zukunftsweisende Ansätze zu entwickeln.

Autorinnen

Roswitha Muttenthaler, geb. 1958, Studium der Geschichte mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeschichte 18.-20.Jahrhundert und Germanistik in Wien, Weiterbildung im Bereich Museologie, ist Kustodin und Kuratorin am Technischen Museum Wien. Neben dieser Tätigkeit ist Frau Muttenthaler vermittelnd und forschend auf folgenden Arbeitsfeldern tätig: Technikgeschichte und -kultur (v.a. Haushaltstechnik), Museologie, visuelle Kultur, Gender Studies.

Regina Wonisch, geb. 1965, Historikerin mit Forschungsschwerpunkt Museologie, Visual Culture und Gender Studies arbeitet überwiegend freiberuflich und ist seit 2003 außerordentliches Mitglied der IFF, Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (Klagenfurt - Graz - Wien) der Universität Klagenfurt.

Entstehungshintergrund

Insbesondere Roswitha Muttenthaler muss dem Thema „Rollenbilder im Museum“ schon jahrelang nachgespürt haben. Sie hat zahlreiche Ausstellungen in den vergangenen 30 Jahren besucht, dokumentiert und ausgewertet. Insofern wundert sich der Leser, warum dieses Buch nicht viel früher erschienen ist. Stoff wäre genug gewesen und den Zenit der Aktualität hat der Emanzipationsgedanke auch hinter sich. Deswegen darf angenommen werden, Muttenthaler und Wonisch nutzen den zeitlichen Abstand, um unaufgeregt ihre eigentliche Botschaft zu formulieren: ihnen geht es nicht um das Aufzeigen von Rollenbildern, sondern um deren Überwindung.

Aufbau und Inhalt

Roswitha Muttenthaler untersucht zunächst Sammlungen, also die Substanz von Museen. Da der Rollenblick auf die Geschlechter erst im Zuge der Emanzipation zu einem differenzierteren Handeln führt, sind die meisten und vor allem die alten Museumsbestände unter anderen Gesichtspunkten und zumeist von Männern ausgewählt worden. Bei der Bewertung von Sammlungsbeständen, die immer auch ein Bewertungsmaßstab für Museen ist, spielt dieser Aspekt aber eine nachgeordnete Rolle. Wissenschaftliche Sammlungen in Museen sind nicht den Vorlieben der Museumsdirektion unterworfen oder sollten es zumindest nicht sein. Doch die meisten historischen Exponate sind männlich.

Historische Leistungen und Lebensbedingungen von Männern sind viel besser dokumentiert als jene von Frauen. „Um dieses Manko zu beheben, wurden einerseits Frauenmuseen gegründet und ansatzweise auch Sammlungspolitiken von Museen um Frauengeschichte erweitert.“ (S.20.) Andererseits wird ein Dilemma deutlich, Frauen sehen Frauen mit anderen Augen als Männer.

Frauen sammeln anders als Männer, folgert die Autorin aus einer Analyse von Sammlungskonzepten privater Sammler. Folgen die Männer hier mehr seriellem oder taxonomischem Denken, sammeln Frauen eher unter ästhetischen oder milieubezogenen Gesichtspunkten. Frauenmuseen sind so gesehen konsequent, doch haben sie Bestand? „Die bisher gegründeten Frauenmuseen mussten jedoch in prekären Verhältnissen bestehen“ (S. 21), schreibt Muttenthaler. Doch die Existenzfrage beschreibt sie unabhängig von der finanziellen Situation als Sinnkrise: „“…stellt sich mir die grundlegende Frage nach deren Potenzial: Inwiefern können Frauenmuseen zur Verschiebung der Sammlungswürdigkeit in Bezug auf die materielle Kultur von Frauen beitragen?“ (S.23). Den Autorinnen geht es um den selbstverständlichen Einbezug des Emanzipationsgedankens in Arbeit und Alltag aller Museen, nicht darum, dieses Denken in musealen Nischen auszuleben.

Im zweiten Teil widmet sich Roswitha Muttenthaler dem Ausstellungswesen. Wer an die Frau im Kontext von Männerfantasien denkt, weiß, jede Darstellung ist kontextual getrübt. Mit großem Fleiß hat sie Ausstellungen ausgewertet und auf Rollenbilder befragt. Vor allem in historischen Museen, in Kunstmuseen, in Arbeits- und Industriemuseen dominiert der Mann. Die Autorin beschreibt mit guten Beispielen, wo der differenzierte Blick auf die Rolle von Frau und Man mehr und wo er weniger gelungen ist.

Im Ausblick beschreibt Regina Wonisch einen Ausweg. Museen sind nicht länger als Orte der wissenschaftlichen Dokumentation zu verstehen, die eine Geschichte abschließend erzählen. Museen sollten als Schulen des Sehens verstanden werden, in denen Kuratierende, also Kuratorinnen und Kuratoren, Guckfenster auf Sachverhalte öffnen, die den Betrachter durch die Brille des Kurators schauen lassen, der sich aber die Freiheit bewahrt, eigene Sichten zu entwickeln. Wonisch wendet zwei verschiedene Methoden zur Ausstellungsanalyse an:

  1. die „Dichte Beschreibung“ nach Clifford Geertz
  2. die „semiotische Zugangsweise“ nach Jana Scholze

„Erst durch den Prozess der Re-Lektüre, der Re-Interpretation wird aus einer dünnen Beschreibung eine dichte Beschreibung“ (S. 135). Der Fragenkatalog über zwei Seiten beschreibt ein differenziertes Analyseverfahren, mit dem man eine Ausstellung systematisch auswerten kann. Dabei wird nicht allein der Inhalt, sondern auch die visuelle Umsetzung, ja vor allem die Bezugnahme der Ausstellungsarchitektur auf das auszustellende Thema betrachtet.

Die semiotische Zugangsweise trennt die Analyseschritte in Denotation, Konnotation und Metakommunikation. Sie geht davon aus, dass die visuelle Umsetzung abhängig ist von den Codes, die der Ausstellungsmacher sendet und die der Betrachter knacken kann.

Beide Methoden führen zu Betrachtungen, die die Autorin zu Recht in den Feuilletons der Zeitungen vermisst: „Im Unterschied zur Film- und Theaterkritik … ist (bei der Ausstellungskritik, Erg.d.Verf.) der Fokus zumeist auf die inhaltliche Ebene gerichtet, wobei die visuelle Umsetzung ausgeklammert bleibt. … Bei Theaterkritiken wird sehr klar zwischen der Auseinandersetzung mit dem Stück und der Inszenierung – also Inhalt und Form – unterschieden, wobei der Schwerpunkt bei letzterem liegt. Bei Ausstellungskritiken ist es genau umgekehrt: hier steht der Inhalt im Vordergrund, während die Gestaltungsebene weitgehend unberücksichtigt bleibt, doch damit wird man dem Medium Ausstellung nicht gerecht“ (S.133).

Der Ausblick von Regina Wonisch endet in der Forderung, ein Museum möge sich nicht in der Funktion, populäres Medium der Wissensvermittlung zu sein, erschöpfen. Das Buch zeigt am Besipiel der gender-Forschung auf, wie zufällig nur Erkenntnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen Eingang in ein Museum finden. „So finden auch die ausdifferenzierten Diskurse in der Frauen- und Geschlechterforschung wenig Niederschlag in Museen und Ausstellungen“ (S. 188), doch wäre gerade das wünschenswert. Die häufig anzutreffende Trennung zwischen inhaltlicher Erarbeitung einer Ausstellung und visuelle Umsetzung muss aufgehoben und stärker den Wechselbeziehungen von Form und Funktion, von innen und außen, von Inhalt und Verpackung nachgespürt werden. „Vielleicht liegt die Bedeutung von Museen und Ausstellungen gerade darin, Orte eines „anderen Wissens“ zu sein, Orte, die über die Auseinandersetzung mit reinem Faktenwissen hinausgehen und so etwas wie eine „Schule des Sehens“ werden“ (S. 191).

Diskussion

Als ich, männlicher Rezensent, das Buch „Rollenbilder im Museum“ zum ersten Mal in die Hand genommen habe, liefen vor meinem geistigen Auge alle Klischees ab, die die Autorinnen vielleicht befürchtet haben: Emanzipationsliteratur, Betroffenheitslyrik, Männerfeindlichkeit. Davon musste ich mich erst einmal verabschieden. Dann dachte ich daran, dass ich eigentlich mehr Frauen kenne, die in Museen arbeiten, als Männer. Mir fiel ein: Sammler und Jäger. Wikipedia schreibt dazu: „Vorwiegend gingen die Männer der Jagd nach, die Frauen dem Sammeln – daher hat sich in der modernen Matriarchatsforschung der Ausdruck „Jäger und Sammlerinnen“ eingebürgert, um die Rollenverteilung in diesen Kulturen zu betonen“ (http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4ger_und_Sammler – Stand: 4.10.2010). Wenn also die Frauen Sammlerinnen sind, ist das Museum nicht vielleicht eher weiblich als männlich? Mit dieser Frage habe ich das Buch aufgeklappt und mit der Lektüre begonnen.

Muttenthaler und Wonisch gelingt es sehr rasch, von allen Klischees abzulenken. Das Buch bleibt sachlich und ausgewogen, stellt die eine Seite, aber auch die anderen Seiten dar. Und wenn der Hinweis, dass weibliche Exponate in historischen Sammlungen selten sind, mit dem Satz erläutert wird: „Das Produkt des Kochens wird beispielsweise verzehrt, das Produkt des Putzens ist unsichtbar.“ (S.28), wird der unverkrampfte Umgang mit Geschlechterrollen spürbar.

Es geht den Autorinnen nicht darum, Diskriminierung aufzuzeigen. Sie wollen anhand von Denkschleifen und –blockaden, denen wir alle leicht erliegen können, zu einem jederzeit differenzierten Blick auffordern. Sie wollen für ein Museum werben, dass sich seiner ganzen Verantwortung bewusst wird, das nicht bei seinem Thema stehen bleibt, sondern die immer wieder neue, aktuelle Auseinandersetzung sucht. Museale Wirklichkeiten sind immer Konstruktionen der Ausstellungsmacher, musealer Wahrheiten sollte sich niemand niemals sicher sein. Die Autorinnen schreiben über Rollenbilder im Museum, gelesen habe ich ein Werk über Rollen von Museen, über die Notwendigkeit, Museen und Ausstellungen ganzheitlich zu betrachten, offen und unvoreingenommen.

Fazit

Das Thema des Buches verspricht heute keine Sensation mehr. Dass das Buch dennoch erscheint, verweist darauf, es geht nicht um Frauenpower, nicht um ein Aufbegehren gegen Übermacht oder Unterdrückung, es geht nicht um Geschlechterkampf oder -gegenwehr, sondern um ein Bemühen um Selbstverständlichkeit von Augenhöhe zwischen Frauen- und Männerthemen und wie Museumsleute und Ausstellungsbesucher dieses gewinnen oder bewahren.

Das Buch bietet mehr als eine nüchterne Analyse. Es ist ein Plädoyer für ein erweitertes museales Rollenverständnis und schon deshalb jedem Museumsmacher zur Lektüre empfohlen.


Rezensent
Prof. Peter Vermeulen
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Zitiervorschlag
Peter Vermeulen. Rezension vom 19.10.2010 zu: Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch: Rollenbilder im Museum. Was erzählen Museen über Frauen und Männer? Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-89974-593-1. Reihe: Museum konkret. Wochenschau Geschichte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10130.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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