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Werner Haas: Das Hellinger-Virus

Cover Werner Haas: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. 186 Seiten. ISBN 978-3-89334-538-0. 24,50 EUR.

Reihe: Psychotraumatologie, Psychotherapie, Psychoanalyse - Band 21.
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Thema und Hintergrund

Das „Familienstellen“ Bert Hellingers erregt die Gemüter seit Jahren: die einen sind völlig fasziniert und unterscheiden sich kaum noch von „Jüngern“, andere packen jegliche Form von Aufstellung in den Hellinger-Sack und dreschen heftig drauf. Und dann gibt es noch einige Besonnene, die sich Mühe geben zu differenzieren, zu argumentieren, zu rekonstruieren. Eines sei vorweg gesagt: Werner Haas gehört nicht zu den Jüngern, aber eben auch nicht zu den Besonnenen.

Autor

Werner Haas ist Diplomspychologe und Supervisor, Systemischer Therapeut und Familientherapeut und Leiter einer Psychologischen Beratungsstelle.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Teile gegliedert. Der erste ist mit „Patriarchale Träume“ überschrieben und behandelt Hellingers Grundannahmen zu den Themen Familie, Mann-Frau und Sexualität. Haas stellt die normativen Annahmen Hellingers detailliert und anhand von Originalzitaten dar und berührt damit viele Themen, die seit vielen Jahren auch und vor allem unter Systemischen Therapeuten diskutiert werden.

Der zweite Teil trägt den Titel: „Hellingers Okkult-Ätiologie“ und beginnt bei der Tatsache, dass in Hellingers Aufstellungen auch verstorbene Systemmitglieder aufgestellt werden und eine Stimme bekommen. Weiter beschäftigt er sich mit Hellingers Überzeugungen Schuld und Sühne betreffend sowie seinen Ausführungen zum Krankheitsbegriff, der in engem Zusammenhang mit (auch intergenerationalen) Verstrickungen steht.

Den dritten Teil überschreibt der Autor mit „Die Befragung des Orakels“. Darin hinterfragt er die Praxis, Stellvertreter für bestimmte Personen zu stellen, die im Familiensystem eine wichtige Rolle spielen. Deutungen und Problemeinsichten, die sich daraus ergeben, sieht Haas in direkter Tradition antiker, in jedem Fall aber vorwissenschaftlicher Wahrsager. Das Familienstellen sei keineswegs rationaler als andere okkulte Praktiken.

Das magische Theater“ lautet die Überschrift des vierten Teils, der vor allem ausgewählte Aufstellungsbeispiele enthält. Hier zeigt Haas noch einmal detailliert die Implikationen (häufig religiös inspiriert) auf, die die Hellinger‘sche Aufstellungsarbeit begleiten bzw. ihr zugrunde liegen.

Im fünften Teil reflektiert Haas Hellingers Werdegang und Wirkung. Er beschreibt Hellingers berufliche Entwicklung, seine wissenschaftlichen bzw. therapeutischen Qualifikationen (bzw. das Fehlen derselben). Dann vergleicht er die Arbeitsweise im Familienstellen mit anderen Formen Systemischer Therapie, verortet Hellingers Arbeitsweise in seiner Vergangenheit als Ordenspriester in Afrika und fragt nach dem Faszinierenden seiner Aufstellungspraxis.

Der sechste Teil resümiert: „Das so genannte Auftsellungsphänomen: Erklärungen für das angeblich Unerklärliche“. Hier wird noch einmal die Wahrnehmungsfähigkeit der aufgestellten Stellvertreter kritisch beleuchtet: „Was geht in den Stellvertretern vor, was wirkt auf sie? Was treibt sie um, was treibt sie an?“ (S. 165) Am Ende dieser Teils fragt Haas: „Sind Aufstellungen immer ‚unseriös‘?“ und antwortet: „Grundsätzlich gilt: Auch ‚seriöse‘ Aufstellungen fern hellingerscher Okkultpraktiken unterliegen im Prinzip den oben genannten Mechanismen und Fehlerquellen.“ (S. 172)

Eine kurze Schlussbemerkung sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließen den Band.

Diskussion

Eines vorweg: Ich habe noch nie an einer Familienaufstellung bei Hellinger oder einem seiner Schüler teilgenommen. Meine Perspektive ist ähnlich wie die des Autors: Sie basiert auf der Lektüre einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen von Hellinger selbst sowie von Schülern. Ich komme aus einer integrativen psychologischen Schule, die in der Traditionslinie der Humanistischen Psychologie Perspektiven der Gestalttherapie und der Systemischen Therapie miteinander verbindet. Ich sage das vorweg, um (hoffentlich!) unverdächtig genug zu sein, dass mir niemand unterstellen wird, unter der Hand doch dem Hellinger-Mythos zu huldigen. Ich bin – und ich betone: aufgrund der Lektüre und mancher Diskussion mit FachkollegInnen – der Meinung, dass an der Arbeit Bert Hellingers Vieles und vor allem auch Grundlegendes zu kritisieren ist. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass das Buch von Haas einer sachlichen Auseinandersetzung nicht dienlich ist. Die hohe Emotionalität der Auseinandersetzung macht mich etwas ratlos: Woher kommen diese Emotionen, die ich kaum anders denn als regelrechten Hass wahrnehmen kann? Warum, wenn es denn um eine von wissenschaftlichen Idealen geleitete Kritik geht, wird so ätzend karikiert? Warum darf vom hellingerschen Bau aber auch kein einziger Stein auf dem anderen bleiben? (Darin allerdings ist der Autor gründlich!)

Ich denke, es ist gut und richtig, die Fragen zu stellen, die Haas stellt. Sie sind berechtigt und legen nicht selten den Finger wirklich auf die Wunde – wobei ich glaube, dass Hellinger über ein grundsolides Autoimmunsystem verfügt… Aber Haas macht das so: „Aufgestellt wird inzwischen neben den obligatorischen Familien samt Uropas und abgetriebenen Kindern geradezu alles, was nicht mehr niet- und nagelfest ist: Organisationen, Körperteile, Völker, Gott und, bei Hellingers Hang zum Morbiden nicht verwunderlich, der Tod höchstpersönlich“ (S. 10), „Das Gros der Hellingerjünger ist zwar der Eso-Szene zuzurechnen und die akademische Psychologie nimmt den Spuk – aus wissenschaftlicher Sicht zu Recht – nicht ernst“ (S. 13), „Aufstellungszauber“, „Okkulttechnik“, „Besessenheit wird geheilt durch Geisterbeschwörung und demütiges Annehmen der von Hellinger geoffenbarten Ordnung“ (S. 105), „Dass Hellinger – ein ausgestiegener Missionar, der sich fasziniert vom vorwissenschaftlichen Weltbild indigener afrikanischer Kulturen zu noch höherem berufen fühlte, auf eine psychotherapeutische Okkult-Praktik verfallen ist, überrascht uns nicht weiter… „ etc.

Haas merkt bei seiner intensiven Hellinger-Kritik nicht, dass er selbst ein ganz bestimmtes Bild von Wissenschaft ebenso quasireligiös verehrt und unhinterfragt gelten lässt. Aber die Psychologie im Sinne einer empirischen Wissenschaft zu verstehen, verkürzt sie riskant: Psychologie ist ihrem Wesen nach vielmehr eine hermeneutische Wissenschaft. Leider packt Haas gleich noch einige im Grunde sehr respektable Konzepte und Ansätze mit in seinen Dreschsack, auf den er dann beherzt einschlägt, so z.B. NLP und Eric Bernes Skripttheorie (S. 135ff). Solche Rundumschläge dienen nicht der Qualität. Und auch nicht die pauschale Aussage, auch andere Formen von Aufstellungen seien keinen Deut wissenschaftlicher als die Aufstellungsarbeit Hellingers. Das trifft dann auch Autoren wie Gunthard Weber, Gunther Schmidt und Fitz B. Simon, die sich in dem Band „Aufstellungsarbeit revisited …nach Hellinger?“ intensiv mit Hellinger auseinandergesetzt haben und eine m.E. sehr differenzierte und ausgesprochen hilfreiche Sicht auf systemische Aufstellungen ermöglichen. Und wenn man einem ganz gewiss keine wissenschaftstheoretische Fahrlässigkeit unterstellen kann, dann Matthias Varga von Kibéd – ein ausgewiesener Logiker und Wissenschaftstheoretiker, der gleichwohl um den „Körper als Wahrnehmungsorgan“ (Sparrer/Varga von Kibéd, Klare Sicht im Blindflug) weiß und in Strukturaufstellungen eben damit arbeitet. Man kann Aufstellungsarbeit nicht so pauschal vom Tisch fegen.

Ein renommierter Systemiker wie Arist von Schlippe kann dagegen in einem Offenen Brief an Bert Hellinger schreiben: „‘Aufstellungsarbeit nach Hellinger‘ hat mit systemischer Therapie, so wie ich sie verstehe, nichts zu tun! … Und viele der Gedanken, die ich bei dir kennengelernt habe, finde ich auch heute noch anregend und oft auch als hilfreiche Möglichkeiten. Doch erlebe ich, dass du alles, was du an Gutem aufgebaut hast, selbst entwertest…“ (http://www.thiesstahl.de/old/pdf/vSchlippeHellinger.pdf) Hellinger ist zu kritisieren: wegen seiner normativen Grundannahmen, wegen seiner Äußerungen zu Missbrauch, zum „heilsamen“ Umgang von Juden mit Hitler (immerhin von einem Mann, der Hitlers Kleine Reichskanzlei als Wohnhaus nutzt!), wegen seiner offenbaren „Allwissenheit“ in Bezug auf eine „richtige“ Ordnung etc. Eine Kollegin hat Bert Hellinger, nachdem sie seine Arbeit kennengelernt hat, gefragt, wie er es vermeiden könne, größenwahnsinnig zu werden – eine gute Frage.

Ich erwähne das alles, weil ich meine, dass die Auseinandersetzung mit Hellinger geführt werden muss – schon allein deshalb, damit die gute und hilfreiche Aufstellungsarbeit ihr eigenes Profil zeigen kann. Ich glaube allerdings nicht, dass das Buch von Haas dazu einen weiterführenden Beitrag liefert!

Fazit

Ganz sicher gut gemeint, aber wegen der hochemotionalen Polemik nur eingeschränkt hilfreich!


Rezension von
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 28.03.2011 zu: Werner Haas: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-89334-538-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10134.php, Datum des Zugriffs 20.01.2020.


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