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Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld (Jugendliche Gewalttäter)

Cover Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. 205 Seiten. ISBN 978-3-451-30204-6. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 25,50 sFr.
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Das kriminogene Leben: Ausnahmesituation oder Tendenz?

Darüber, dass die Jugendgewalt zunimmt, die althergebrachten Normen und Formen moralischen Verhaltens im Umgang miteinander an Bedeutung verlieren, ja sogar abhanden kommen, wird in der Theorie und Praxis des gesellschaftswissenschaftlichen Diskurses heftig gestritten. Die Kontroversen zeigen sich so vielfältig wie die Problematik; und die Analysen reichen, lokal und global, bis hin zu der Einschätzung, dass die „Weltrisikogesellschaft“ sowohl als Allgemeinzustand (Ulrich Beck), als auch als „Ausnahmezustand“ anzusehen ist (vgl. die Rezension zu Markus Holzinger u.a., Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, 2010); dass die gesellschaftlichen Machtverhältnisse neu gedacht und humaner gestaltet werden müssen (vgl. die Rezension zu Lisa Rosen u.a., Hrsg., Macht – Kultur – Bildung. Festschrift für Georg Auernheimer, 2008, Rezension); dass die Zustandsbeschreibung für „Deutschland Deine Bildung“ eher verhalten ausfällt (vgl. die Rezension zu Eberhard Straub, Deutschland Deine Bildung! Essays zur Idee und Geschichte, 2008); dass Kinderrechte ein sperriges Thema sind (vgl. die Rezension zu Heiner Bielefeld u.a., Hrsg., Kinder und Jugendliche. Jahrbuch Menschenrechte 2010); bis hin zu der Frage „Welche Kita`s braucht das Land? (vgl. die Rezension zu Bernd Stickelmann / Hans-Dieter Will, 2007), der aus dem Leben gegriffenen Aussage: „Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen“ (Ahmet Toprak, Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit, 2004, vgl. die Rezension), bis hin zum Praxisbuch Gewaltprävention mit dem provozierenden Titel: „Ich mach euch fertig!“ (Jörg Schmitt-Kilian, 2010, vgl. die Rezension). Der Tenor der Berichte und Bestandsaufnahmen über den Erziehungszustand in unserem Land reicht dabei von der eher resignativen Einstellung, dass bei den negativen Veränderungen im Erziehungsverhalten in unserer Gesellschaft nur bedingt gegengesteuert werden könne, bis hin zu den eher beruhigend wirken sollenden Auffassungen, dass die Extreme, wie sie sich medial darstellen, eben Ausnahmen seien und nicht als Regel des gesellschaftlichen Umgangs betrachtet werden dürften, garniert mit dem Hinweis, dass von den gesellschaftlichen Normen abweichendes jugendliches Verhalten schon immer Aufregungen und Irritationen bei Erwachsenen hervorgerufen habe. Kritische Bilanzen gehen sogar soweit, dass Jugendgewalt aus der Mitte unserer Gesellschaft komme und ihre Ursachen in den Einstellungen und im Verhalten der Erwachsenen habe und deshalb nichts anderes als der gesellschaftliche Spiegel unseres „Wegsehens“ bei den Problemen des Zusammenlebens sei.

Das Ende der Geduld einer Jugendrichterin

Die seit mehr als zwanzig Jahren in der Berliner Strafjustiz arbeitende und Ende Juni 2010 durch einen Freitod aus dem Leben geschiedene Jugendrichterin Kirsten Heisig zweifelte immer wieder daran, ob sie ihrem Auftrag, Strafverfahren gegen junge Menschen zu bearbeiten und dabei Entscheidungen zu treffen, die einerseits zur Verringerung der Jugendkriminalität beitragen und andererseits, den Delinquenten die Chance anzubieten, künftig ein Leben ohne Straftaten führen zu können, angesichts der zunehmenden Verrohung und Kriminalisierung von jungen Straftätern, eigentlich noch gerecht werden könne. Diese Zweifel sind der Anlass des Buches „Das Ende der Geduld“.

Angesichts ihres Todes lässt sich das Buch auch als ein Vermächtnis einer engagierten Jugendrichterin lesen, die, wie es scheint, an den gesellschaftlichen Auswüchsen verzweifelt ist.

Die 1961 geborene Kirsten Heisig bekennt in ihrer Bestandsaufnahme der Situation zur Jugendkriminalität, dass sie in ihrem Leben Bedingungen vorfand, die es ihr ermöglichten, „in Frieden, Freiheit und Gleichheit aufzuwachsen und schulisch, beruflich und privat unbehelligt von äußeren Einflüssen und gesellschaftlichen Zwängen eigene Entscheidungen zu treffen“. Ihr Wunsch, dass diese Möglichkeiten auch die künftigen Generationen haben mögen, wird bestimmt von der Sorge, dass sich die Gesellschaft, und zwar nicht nur die in Deutschland, auseinander entwickele, in arm und reich, unterschiedliche politische, religiöse und ideologische Strömungen, in inhumane Situationen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin geht zunächst auf das Thema „Jugendkriminalität“ ein, indem sie anhand von Fallbeispielen und Statistiken aus zwei Jahrzehnten die Entwicklung, besonders in Berlin aufzeigt. Dabei bestätigt sie die auch in anderen Untersuchungen und Analysen festgestellten Trends: „Kriminalität ist nach wie vor überwiegend männlich, obwohl die junger Frauen in den letzten Jahren zunimmt“. Dazu kommt, dass Straftaten „selbstverständlicher“ geworden sind und die von Intensivtätern dramatisch sich verstärken. Im zweiten Teil diskutiert sie die Zuständigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen von Jugendrichtern; im dritten zeigt die Autorin Gewaltdelikte auf, die von „Rechten“ und „Linken“ begangen werden, und im vierten stellt sie Intensivtäter dar und ihre persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu ihren „Karrieren“. Die skandalösen Schilderungen, wie sie durch Clans organisierte und durch Familienbanden zusammen gehaltene Strukturen sich entwickelt haben, lassen die Autorin resignieren: „Sie haben gelernt, dass es für sie keine Grenzen gibt“. Jugendämter, Polizei und die Gerichte sind angesichts der zunehmenden Organisiertheit von kriminellen Banden in den Drogen- Erpressungsszenen und den Machtkämpfen der Kriminellen untereinander – nicht zuletzt wegen fehlenden Personals und finanzieller Ausstattung – heillos überfordert. Ihre Zwischenbilanz bis zu dieser Stelle fällt deshalb auch äußerst deprimierend aus.

Denn es geht darum, die Ursachen in den Blick zu nehmen, wie kriminelle Strukturen bei jugendlichen Straftätern entstehen und sich entwickeln. Dabei weist Kirsten Heisig auf die prekären Situationen in den Schulen, den Jugendämtern und der Polizei hin; und sie mahnt an, in diesen Bereichen von Erziehung, Bildung, sozialer Betreuung und Sicherheit den Blick in alle Richtungen zu wenden und mit Zuschreibungen, Stereotypen und Vorurteilen behutsamer als bisher umzugehen. In ihrem ureigenen, beruflichen Feld als Jugendrichterin diskutiert sie die Möglichkeiten und Probleme bei der „Umsetzung richterlicher Weisungen und Anti-Gewalt-Maßnahmen bei freien Trägern und Projekten“ und macht auf erprobte und durchaus erfolgreiche Konzepte aufmerksam, die jedoch wegen unzureichender personeller Ausstattung und finanzieller Mittel ihre Wirkungen nicht entfalten können. Mit einem grenzüberschreitenden Blick betrachtet die Autorin die Konzepte und Vorgehensweisen, wie sie in anderen europäischen Städten, in Rotterdam, London und Oslo praktiziert werden. Dabei stellt sie sowohl Möglichkeiten fest, die es lohnten, auch in die hiesigen Überlegungen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität einbezogen zu werden, als sie auch, im Vergleich, auf eine Reihe von positiven Entwicklungen aufmerksam macht, die von ihr und ihren Mitarbeitern entwickelten „Neuköllner Modell“ ausgehen.

Fazit

Kirsten Heisigs (+) Bestandsaufnahme zu den Problemen und Lösungsmöglichkeiten zur Kinder- und Jugendkriminalität in Deutschland, überwiegend aufgezeigt und diskutiert am Beispiel des Berliner Bezirks Neukölln und hier wiederum fokussiert auf Brennpunkte wie etwa dem „Schillerkiez“, ist eine differenzierte Analyse der vorhandenen Wirklichkeiten. Sie geht dabei nicht den (einfachen) Weg und fordert eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, wie dies von den allzu „Einfach-Denkern“ und Law and Order-Vertretern immer wieder als die einzige Lösung des Problems angesehen wird; vielmehr tritt sie ein für eine differenzierte Betrachtungsweise und Handhabe. Sie rückt die Problematik weg von der allzu simpel gedachten individuellen Zuweisung der Auswirkungen von abweichendem Verhalten von Jugendlichen, hin zur Betrachtung im gesellschaftlichen Spiegel: „Gewaltbegünstigende Lebensumstände zeigen sich häufig bereits in der Kindheit. Deshalb muss der Staat zu diesem Zeitpunkt ein Frühwarnsystem entwickeln“, in den Familien, Kitas, in der Schule und Freizeiterziehung. Die von der Autorin vorgeschlagenen Lösungsansätze beziehen die staatlich organisierten Formen, wie Jugend-, Sozialämter, Polizei, Justiz, ein. Was dabei heraus kommen könnte ist eben nicht „Big Brother is watching you“ und der von Anfang bis zum Ende des Lebens der Menschen überwachende Staat, sondern eine andere Betrachtungsweise von Intervention und vor allem von konsequentem Denken und Tun – natürlich nicht nur im Bereich der Jugendkriminalität, sondern in allen Lebens- und Handlungsbereichen menschlichen Daseins. So ist Heisigs Buch mehr als ein Hilferuf oder eine Auseinandersetzung mit kriminellem Verhalten von Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten einiger Großstädte; es ist ein Appell zum gesellschaftlichen Umdenken, das übrigens auch von der „Weltkommission für Kultur und Entwicklung“ als lokale und globale Aufgabe 1995 so gefordert wurde: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – und zwar Denk- und Handlungseinstellungen, die die Würde, die Gerechtigkeit und Einheit der Menschen in den Mittelpunkt humaner Existenz stellt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.10.2010 zu: Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. ISBN 978-3-451-30204-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10135.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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