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Janine Dahinden, Alexander Bischoff (Hrsg.): Dolmetschen, Vermitteln, Schlichten - Integration der Diversität?

Cover Janine Dahinden, Alexander Bischoff (Hrsg.): Dolmetschen, Vermitteln, Schlichten - Integration der Diversität? Seismo-Verlag (Zürich) 2010. 252 Seiten. ISBN 978-3-03-777083-2. 29,00 EUR, CH: 43,00 sFr.

Reihe: Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus.
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Kultursensibles Dolmetschen und interkulturelle Vermittlung

Auch die traditionell mehrsprachige Schweiz sieht sich im Zuge der Globalisierung der Herausforderung einer diversifizierten Zuwanderung und einer damit einher gehenden „neuen Vielsprachigkeit“ gegenüber gestellt. In diesem Kontext ist die Etablierung von kultursensiblen Dolmetschdiensten, interkulturellen VermittlerInnen und interkulturellen MediatorInnen populär geworden. Sie sollen Brücken bauen zwischen den Fachkräften in schweizerischen Institutionen und den Personen mit Migrationshintergrund, die deren Dienste in Anspruch nehmen. Die Erwartungen sind hoch: Man verspricht sich von ihnen den Abbau von Verständigungsbarrieren sowie Beiträge sowohl zur Integration der Zuwanderergruppen als auch zur interkulturellen Öffnung der Institutionen.

Entstehung

Der Sammelband dokumentiert Ergebnisse einer Tagung zur Frage, ob interkulturelle Vermittlung in öffentlichen Diensten (Gesundheit, Soziales, Erziehung, Justiz) zur Inklusion beiträgt. Viele der vorgetragenen Forschungsergebnisse entstanden im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms „Integration und Ausschluss“. Die TeilnehmerInnen diskutierten darüber, wie öffentliche Institutionen mit Vielfalt umgehen und welchen Stellenwert Dolmetschen, interkulturelle Vermittlung und Mediation in öffentlichen Institutionen einnehmen.

Herausgeberin und Herausgeber

Janine Dahinden, Sozialanthropologin, ist Professorin für transnationale Studien und Direktorin der Maison d'analyse des processus sociaux an der Universität Neuenburg. Alexander Bischoff, Pflegespezialist und Epidemiologe, arbeitet beim Service de médecine internationale et humanitaire, Unikliniken Genf, und ist Lehrbeauftragter am Institut für Pflegewissenschaften der Universität Basel.

Aufbau und Einleitung

Das Buch dokumentiert die theoretisch-empirische Auseinandersetzung mit Fragen der Integration, lässt aber gleichermaßen Akteure aus der Praxis zu Wort kommen. Dieses Pendeln zwischen Theorie bzw. Forschung und dem alltäglichen Vollzug verschiedener Integrationsprogramme spiegelt sich im Aufbau des Sammelbandes wider: Fünf als „Stimmen aus der Praxis“ gekennzeichnete Beiträge sind zwischen die anderen zehn Texte eingestreut. Jeder Artikel beleuchtet einen anderen Aspekt der Fragestellung. Bei der Reihenfolge des Lesens kann man sich daher frei vom eigenen Interesse leiten lassen.

Dass in der Schweiz Mehrsprachigkeit selbstverständlich ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass die drei französischen Beiträge nicht ins Deutsche übersetzt wurden.

Die Beiträge lassen sich drei Textgruppen zuordnen:

  1. Theoretische Artikel,
  2. Berichte über Forschungsprojekte und die schon erwähnten
  3. „Stimmen aus der Praxis“.

In der Einleitung problematisieren Dahinden und Bischoff den Integrationsbegriff. Sie weisen nach, dass „Integration“ je nach Kontext ein Panoptikum verschiedener Bedeutungen zugeschrieben wird. Die klassische Sozialtheorie ging der Frage der Integration der Gesellschaft nach, d.h. eine Integration der sich immer weiter ausdifferenzierenden Subsysteme der industrialisierten Gesellschaft in ein Ganzes. Im politischen Feld hat der Integrationsbegriff im Zuge der Einwanderungsdebatte den Begriff der Assimilation abgelöst: Es geht überwiegend um die Frage, wie MigrantInnen in die Gesellschaft – deren Zusammenhalt hier im Unterschied zur vorherigen Bedeutung nicht problematisiert wird – integriert werden können. Schließlich greifen die Autoren die neuere Debatte um Vielfalt (Diversity) auf. Der Diversity-Ansatz nimmt gesellschaftliche Diversität als gegeben an und stellt die Frage, wie diese Vielfalt in die Institutionen der Gesellschaft integriert werden kann.

Auf dieser begrifflichen Grundausstattung aufbauend, geben die Herausgeber einen Überblick über die Beiträge des Sammelbandes.

1. Theoriebeiträge

Weitere theorieorientierte Artikel beschäftigen sich mit der politisch-historischen (Cattacin und Chimienti), juristischen (Achermann und Künzli), organisationssoziologischen (Efionayi-Mäder), machttheoretischen (Leanza) oder begrifflichen (Wüstehube) Dimensionen von Integration bzw. interkultureller Sprach- und Kulturmittlung.

Sandro Cattacin (Universität Genf) und Milena Chimienti (City University London) beleuchten in dem Beitrag „Intégration et diférence – une perspective historique et une focalisation sur l´urbain“ die Frage der Integration und Differenz aus einer historischen Perspektive. Sie vertreten die Auffassung, dass sich die Aufnahmegesellschaft die politische Integrationsfrage erst stellen musste, seitdem die Zugewanderten nicht mehr reibungslos über das funktionale Subsystem Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Erst seit den 70er Jahren treten in der Integrationsdebatte Themen wie soziale Anerkennung, Antidiskriminierung und nicht zuletzt interkulturelle Vermittlung in den Vordergrund.

Alberto Achermann und Jörg Künzli (Universität Bern) gehen der Frage nach, ob die neue Vielsprachigkeit in der Schweiz ein Recht auf Übersetzung nach sich ziehe. Sie weisen auf die hohe Bedeutung hin, welche die Bundesverfassung der Sprache zumisst – z.B. lautet der kürzeste Artikel der Verfassung prägnant: „Die Sprachenfreiheit ist gewährleistet.“ Weiterhin finden sich Rechte für Sprachminderheiten und ein Verbot von Diskriminierung aufgrund von Sprache. Auch für die neuen Sprachminderheiten gelte die individuelle Sprachenfreiheit insofern, als dass ihnen der Gebrauch der Muttersprache auch im öffentlichen Raum nicht verboten werden darf. Die Bundesverfassung enthalte aber keine Antworten auf Probleme im Umgang mit neuen Sprachminderheiten. Relativ klar geregelt sei das Recht auf Übersetzung in Gerichts- oder Verwaltungsverfahren. Etwas unübersichtlicher sei die Situation im Gesundheits- und Sozialwesen. Die Autoren plädieren dafür, von der Frage auszugehen, wie die Betroffenen in den vollen Genuss ihrer Grundrechte gelangen können. Über diese Logik der Chancengleichheit komme man im jeweils spezifischen Fall zu einem Recht auf Übersetzung, auch ohne ein solches in abstrakter Form zu postulieren.

Denise Efionayi-Mäder (Universität Neuchâtel) nähert sich dem Umgang mit Vielfalt in öffentlichen Institutionen aus einer organisationssoziologischen Perspektive. Sie stellt verschiedene Konzepte der transkulturellen Öffnung wie diversity management oder einer an Chancengleichheit orientierten Politik vor. Sie geht auf Chancen und Hindernisse der transkulturellen Öffnung von Institutionen ein und nennt drei Schlüsselbereiche, in denen Instrumente der Öffnung sinnvoll verankert werden können: Erstens könne die Qualitätssicherung und Evaluation, sofern sie gezielt die Meinungen von MigrantInnen einbeziehe, wertvolle Erkenntnisse für die transkulturelle Öffnung hervorbringen. Zweitens trage die Personalpolitik und die Förderung transkultureller Kompetenz eine große Verantwortung für Fortschritte beim Umgang mit Vielfalt. Als dritte Komponente nennt die Autorin professionelle Dolmetschdienste. Ihrer Einschätzung nach gebe es insbesondere in Krisensituationen keine Alternative zur Ermöglichung effektiver Kommunikation: „Der gezielte Einsatz sprachlicher und transkultureller Vermittlung wird in Zukunft ebenso selbstverständlich zu einer kundenorientierten Leistungserbringung in Verwaltungen gehören, wie die Nutzung moderner Technologien, welche ebenfalls maßgebliche materielle und personelle Ressourcen sowie institutionelle Anpassungen erfordert.“ (95)

Yvan Leanza (Universität Laval, Kanada) untersucht auf der Basis der Theorie von Michel Foucault in einem französischsprachigen Artikel die in die Dolmetschtätigkeit eingewobene Macht. Da die DolmetscherInnen in den verdolmetschten Gesprächen die einzigen sind, die alles Gesprochene verstehen, übernehmen sie aus der Sicht der Fachkräfte die Kontrolle über den Diskurs. Diesen so empfundenen Machtverlust müssen die Institutionen versuchen zu begrenzen. Ein adäquates Mittel dazu sieht der Autor in der Formalisierung und Professionalisierung der Ausbildung. Erst wenn sich die Institution sicher sein kann, dass die von ihr akzeptierten Standards eingehalten werden, verhelfen die DolmetscherInnen ihr letztlich zu einer Erweiterung der Funktionsmacht: Dort, wo vorher Sprach- und damit Machtlosigkeit herrschte, gewinnt die Institution nun ihre Handlungsfähigkeit zurück.

Ljubjana Wüstehube nimmt sich der mehrdeutigen Begriffe „interkulturell“ und „Mediation“ an. Die Mediationsausbilderin diagnostiziert eine Gefahr der Rollenvermischung, wenn den Beteiligten nicht klar ist, ob „etwas“ vermittelt werden soll oder ob es um eine Vermittlung „zwischen“ Personen geht. Die Verwirrung potenziere sich, wenn die Mediation mit dem ebenfalls mehrdeutigen Kulturbegriff verknüpft werde. Anhand mehrerer Beispiele erläutert die Autorin, wie man der Kulturalisierungsfalle entgeht und den Blick für den eigentlichen Konfliktstoff und entsprechende Lösungsmöglichkeiten frei halten kann.

2. Berichte aus der empirischen Forschung

Janine Dahinden untersucht die Voraussetzungen, unter denen Dolmetschen, interkulturelle Vermittlung und Mediation den Zugang von MigrantInnen zu öffentlichen Institutionen verbessert. Die Studie fand in Basel und Genf statt. Bei einer Stichprobe von Institutionen aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Bildung und Justiz wurde anhand von Fragebögen eine Bestandsaufnahme der oben genannten Dienstleistungen durchgeführt. Ferner fragten die ForscherInnen, warum man sie eingeführt und welche Effekte man sich von ihnen versprochen hatte. Die Daten aus dieser schriftlichen Befragung wurden durch acht qualitative Fallstudien ergänzt. Dahinden fand drei Spielarten, nach denen Sprach- und KulturmittlerInnen integrativ wirkten: An der Dolmetschfunktion schätzten die Befragten vor allem, dass sie die Funktionsweise der Institution trotz Sprachbarrieren garantiere und somit integrativ wirke. Die zweite Spielart sei Integration durch Empowerment der MigrantInnen. Sie komme vor allem in solchen Institutionen vor, die sich die Teilhabe von MigrantInnen als politisches Ziel setzten. Die dritte Variante nennt die Autorin „Informationsübermittlung und Assimilation“. Dabei geht es darum, den MigrantInnen die Spielregeln der Institution, z.B. des Schul- oder Gesundheitssystems, zu erklären. Der integrative Effekt stelle sich dadurch ein, dass diejenigen, die die Spielregeln kennen, besser am Spiel teilnehmen können. Eine Chance, die Regeln zu ändern, sei bei dieser Variante jedoch nicht vorgesehen.

Hans Verrept vom belgischen Gesundheitsministerium präsentiert eine Studie über die Wirksamkeit von interkulturellen VermittlerInnen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung in Belgien. Derzeit arbeiten dort 76 VermittlerInnen (51 Vollzeitstellen) in 47 allgemeinen Krankenhäusern und 11 psychiatrischen Kliniken. Den größten Anteil (rund 2/3) stellen Personen marokkanischer und türkischer Herkunft, insgesamt sind 17 Sprachen vertreten. Im Jahr 2006 gab der öffentliche Gesundheitsdienst rund 2 Mio € für die interkulturelle Vermittlung aus. Die Befragung von Gesundheitsfachkräften ergab, dass das interkulturelle Vermittlungsprogramm zu messbaren Verbesserungen in der Versorgungsqualität marokkanischer PatientInnen führte. Die Interviewten hoben hervor, dass die DolmetscherInnen den Austausch korrekter und detaillierter Information zwischen Fachkräften und PatientInnen erleichterten. Ferner werde die Effektivität der Kommunikation dadurch erhöht, dass die PatientInnen weniger gehemmt seien, Persönliches im Gespräch preiszugeben. Verrept berichtet auch über Probleme im Zusammenhang mit der Einführung des Programms. So könne die Effektivität des Dolmetschdienstes erhöht werden, wenn belastenden Faktoren wie manchen psychologischen und biographischen Merkmalen der VermittlerInnen, der mangelnden Bereitschaft des medizinischen Personals zur Zusammenarbeit, den begrenzten Dolmetschkompetenzen und dem niedrigen Berufsstatus der VermittlerInnen verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet würde.

Alexander Bischoff und Silvie Schuster (Universitätsspital Basel) präsentieren Daten aus einer Befragung von Leitungspersonen öffentlicher Institutionen in Basel und Genf sowie aus qualitativen Interviews mit Dolmetscherinnen in der Universitätsfrauenklinik Basel. Vor allem die Fallstudien veranschaulichen, belegt durch Auszüge aus den Interviews, einige Details der Tätigkeit interkultureller VermittlerInnen. Sie zeigen, dass die professionellen Dolmetscherinnen gleichzeitig verschiedene Rollen des Vermittelns bis hin zur Konfliktmediation übernehmen. Aus der Sicht der Autoren seien DolmetscherInnen „im Alltagsbild von Gesundheitsinstitutionen nicht mehr wegzudenken“ (187), während die Kompetenzen der Konflikt- und der interkulturellen Mediation nur vereinzelt explizit nachgefragt würden. DolmetscherInnen wüchsen jedoch mit zunehmender Erfahrung und Ausbildung in diese Rollen hinein, da sie insbesondere von den PatientInnen als wichtige Mittelsperson anerkannt seien.

Aus demselben Forschungsprojekt berichten Elisabeth Kurth, Sybille Tschudin und Elisabeth Zemp (Universitätsfrauenklinik Basel). Sie unterzogen die Aussagen von fünf Dolmetscherinnen und 17 ausgewählten Fachpersonen aus den Bereichen Leitung, Administration, Pflege, Schwangerenvorsorge und Medizin einer qualitativen Inhaltsanalyse mit dem Fokus auf divergierende Geschlechtervorstellungen. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass unterschiedliche, manchmal widersprüchliche Gendervorstellungen bei der Behandlung fremdsprachiger Patientinnen regelmäßig zu Reibereien zwischen Behandlungsteam, Patientin und eventuell auch noch Ehemännern oder anderen Familienmitgliedern führten. Dieses Konfliktpotenzial stellt hohe Anforderungen an die Dolmetsch- und interkulturellen Vermittlungsleistungen, die in der Universitätsfrauenklinik zum Regelangebot gehören. Die Forscherinnen unterteilen den typischen Ablauf der Sprechstunden in vier Phasen: Problem erfassen, Informationen geben & verstehen, über Vorgehen entscheiden und anleiten und behandeln. In jeder dieser Phasen trägt die Tätigkeit der Dolmetscherin wesentlich zum Gelingen oder Scheitern der Arzt-Patient-Kommunikation bei. So verbessert kultursensibles Dolmetschen nach Einschätzung der InterviewpartnerInnen das Herstellen einer Vertrauensbasis, es stärkt die Patientenautonomie und ermöglicht erst eine offene Kommunikation über sensible Themen, die aufgrund von Tabu- und Schamgrenzen ohne die Dolmetscherin unausgesprochen blieben. Allerdings bestünden nach wie vor Hürden, die sich durch unterschiedliche Geschlechtervorstellungen zwischen Behandlungsteam und Patientin aufbauen, insbesondere wenn Partner die Patientin begleiten und mit entscheiden wollen.

3. Stimmen aus der Praxis

Die Beiträge der PraktikerInnen beleuchten die pragmatischen Aspekte der Dolmetsch- und Vermittlungstätigkeit: Wie sind Dolmetschdienste organisiert? Welche Kompetenzen benötigen die interkulturellen VermittlerInnen? Mit welchen Problemen kommen MigrantInnen in die Sprechstunden?

Nancy-Gaelle Barras und Gabriele Rutschmann stellen in ihrem auf französisch geschriebenen Beitrag die Schweizerische Interessengemeinschaft für Interkulturelles Übersetzen und Vermitteln INTERPRET vor. Seit zehn Jahren ist der Verband Sprachrohr für die interkulturellen VermittlerInnen, stellt Zertifikate aus, wacht über die Berufsstandards und hat eine staatliche Anerkennung des Berufsbildes in Form des „eidgenössischen Fachausweises Interkulturelles Übersetzen“ erreicht.

Der Integrationsbeauftragte des Kantons Luzern, Hansjörg Vogel, berichtet über den Aufbau von Vermittlungszentralen für DolmetscherInnen, welche die Abläufe in den Institutionen erheblich vereinfachten, unter anderem durch den Einsatz einer eigens entwickelten Software. Außerdem kümmern sie sich um die Qualitätssicherung der Einsätze und engagieren sich für die Sensibilisierung und Förderung des Dolmetschens in öffentlichen Institutionen.

Der Beitrag von Heinricht Kläui und Rahel Stuker thematisiert interkulturelles Übersetzen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Der Arzt und die Ethnologin stellen die Arbeit des Berner Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes vor. Sie schildern eindrücklich, unter Verwendung von Fallbeispielen und Zitaten von Therapeuten, wie den gefolterten und kriegstraumatisierten Flüchtlingen in einer „Therapie zu Dritt“ geholfen werden kann.

Monika Eicke (Caritas Schweiz) begründet in ihrem Artikel, warum sich die Schweiz für ein Berufsbild „Interkulturelles Dolmetschen“ entschieden hat. Sie stellt fest, dass „im Gesundheits-, Sozial und Bildungsbereich (.) zunehmend Dolmetschende gesucht (werden), die mehr können als nur die zur Verständigung erforderlichen Sprachen.“ (168) Das breite Kontextwissen, erweiterte Methodenkompetenzen in den Bereichen Dolmetschtechniken und interkulturelle Kommunikation sowie die mit der Berufsrolle einher gehende Garantie von Objektivität und Verschwiegenheit heben die professionellen DolmetscherInnen von weniger qualifizierten Laien- oder ehrenamtlich Dolmetschenden ab.

Frank Egle (HEKS Basel) gewährt Einblicke in die Ausbildung von interkulturellen ÜbersetzerInnen und VermittlerInnen nach den Standards von INTERPRET. Er schildert ein im Unterricht besprochenes Fallbeispiel für medizinisches Dolmetschen und ein soziales Projekt zur Ernährungsberatung, in dem die VermittlerInnen die Aufgabe übernahmen, den Zugang zu MigrantInnengruppen herzustellen und deren Partizipation an der Maßnahme zu ermöglichen.

Diskussion

Sprachliche und kulturelle Hürden zwischen den Institutionen der Aufnahmegesellschaft und den Zugewanderten sind seit vielen Jahren als Ursache für mangelnde Integration identifiziert. Eine politische Debatte, die von den Migranten verlangt, „sich“ sprachlich und kulturell „zu integrieren“, ignoriert sowohl die begriffstheoretischen Implikationen von Integration als auch die Realität in Behörden, Kliniken und sozialen Diensten. Längst ist sich die Wissenschaft einig, dass Integrationsprozesse Veränderungen auf beiden Seiten erfordern. Die interkulturelle Öffnung der Fachdienste ist ein in diesem Zusammenhang viel zitiertes Stichwort. Dieser Prozess scheint ohne kompetente DolmetscherInnen und VermittlerInnen aber nicht so recht in Gang zu kommen.

Der Sammelband zeigt in erfreulicher Vielfalt der Perspektiven, wie professionelle Sprach- und Kulturmittler zur erfolgreichen Anpassung gesellschaftlicher Institutionen an die bereits erfolgte und zukünftig unweigerlich fortschreitende Diversifizierung beitragen können. Theoretische und empirische Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen wechseln sich mit anschaulich geschilderten Fallbeispielen und Projektberichten ab. So entsteht für die Leserschaft aus den einzelnen Berichten ein Gesamtbild aus Ideen, Erfahrungen, Argumenten und Strategien.

Lesenswert sind auch die aktuellen Literaturverzeichnisse. Wer an dem Thema der kultursensiblen Sprach- und Integrationsmittlung interessiert ist, findet hier eine ausführliche und multidisziplinäre Übersicht der neueren deutschsprachigen und internationalen Diskussion. Die einzige Einschränkung für das Publikum aus Deutschland und Österreich ist, dass der juristische Aspekt sich auf die Rechtslage in der Schweiz bezieht. Die in dem Artikel aufgeworfenen Fragen dürften aber wohl für jede Rechtsordnung relevant sein.

Fazit

Es wäre sicherlich zu euphorisch, die Schweiz aufgrund der in diesem Buch geschilderten Erfahrungen nun als Musterland für gelungene Integration zu bezeichnen. Einer solchen Einschätzung stehen schon die kritischen Bemerkungen der AutorInnen entgegen.

Jedoch sind gerade die Praxisberichte ein Beleg dafür, dass die professionellen Vermittlungsdienste im Gesundheits- und Sozialwesen funktionieren und – nach Aussagen des befragten Fachpersonals – die Qualität der Versorgung verbessern. Das Buch kann sowohl PraktikerInnen als auch denjenigen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen, neue Impulse für ihre Arbeit geben. Wie so oft bewahrheitet sich der Spruch „Der Blick über die Landesgrenzen erweitert den Horizont“.


Rezensent
Dipl.-Soz. Miguel Tamayo


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Zitiervorschlag
Miguel Tamayo. Rezension vom 08.11.2010 zu: Janine Dahinden, Alexander Bischoff (Hrsg.): Dolmetschen, Vermitteln, Schlichten - Integration der Diversität? Seismo-Verlag (Zürich) 2010. ISBN 978-3-03-777083-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10136.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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