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Konrad Paul Liessmann: Das Universum der Dinge

Cover Konrad Paul Liessmann: Das Universum der Dinge. Zur Ästhetik des Alltäglichen. Zsolnay (Wien) 2010. 206 Seiten. ISBN 978-3-552-05511-7. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Alltägliche Formen der Welt- und Selbstorientierung

Was steckt hinter dem Schein der Welt, der uns umgibt? Eine adäquate Welt- und Selbstorientierung - ein Ziel, das nicht erst mit dem Aufkommen der Idee der Aufklärung im Fokus der Philosophie steht, das aber mit dem Begriff der Autonomie aus dieser Denkrichtung entscheidend beeinflusst worden ist – macht einen sehr großen Teil von unserer Persönlichkeit aus. An dieser Persönlichkeit hängt unser Zugang zur Welt und zu den Dingen, die sich darauf finden: Menschen, Ereignisse, Gegenstände usw.

Nicht umsonst führt die Frage nach der Welt- und Selbstorientierung notwendigerweise zu der Frage, was für ein Mensch man sein will. Der Umgang mit den Welt und ihren Dingen sagt zugleich etwas darüber aus, wie wir uns selber einschätzen, welche Rechte und Pflichten wir uns ihnen und der Welt insgesamt zuschreiben oder wie wir uns von den Dingen zu unterscheiden meinen. (Der deutsche Philosoph Ekkehart Martens spricht von Tieren, anstelle von Dingen (Martens 2005, 106)– die Analogie ist aber überlegenswert). Die Beziehung zum Anderen, zum Äußeren geht nicht ohne Bezug auf einen selbst: Die apollonische Aufforderung „Gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst) zeigt die Bedeutung der Autonomie als Idee – mit „Autonomie“ bezeichnen wir … eine bestimmte Art der individuellen Selbstbeziehung, die es erlaubt, seinen eigenen Bedürfnissen zu vertrauen, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und die eigenen Fähigkeiten als wertvoll zu empfinden … Zur Autonomie gelangen wir … auf intersubjektivem Wegen, indem wir uns nämlich durch die Anerkennung seitens anderer Personen als Wesen verstehen lernen, deren Bedürfnisse, Überzeugungen und Fähigkeiten es wert sind, verwirklicht zu werden.“ (Honneth 2010, S. 60-61)

Die Verwirklichung von Ideen bestimmt die menschliche Art und Weise der Welterfahrung – der individuelle Prozess der Ideenaneignung und Ideenverwendung wird zwar innerhalb der philosophischen Theorien unterschiedlich ausgelegt, deren Bedeutung für das Menschenbild aber nicht geleugnet. Bei dem deutschen Philosophen Axel Honneth wird dieser Gedanke in die prägnante Form gebracht: „Das Ich im Wir“ – als Heranführung an das neue Buch von Konrad P. Liessmann kann man diesen Slogan auch ein wenig erweitern: „Das Ich in der Welt“. Nun, was kann die Beschäftigung mit Philosophie zu dieser Beziehung beitragen? „Was wir in der philosophischen Reflexion erreichen können, ist immer nur eine möglichst adäquate Artikulation der verschiedenen Möglichkeiten. Am Ende stößt man notgedrungen auf Alternativen … das sind Alternativen, die prinzipielle menschliche Haltungen betreffen und sich nicht historisch verstehen lassen.“ (Tugendhat 2009, 75) Unser Welt- und Selbstbezug beginnt und mündet nach Ernst Tugendhat in Entscheidungen – Entscheidungen darüber, was für Menschen wir sein wollen … die Dinge des Alltags bieten uns dabei eine willkommene Matrix, um uns daran zu üben (vgl. dazu Sloterdijk 2009).

Das Buch und sein Autor

Konrad Paul Liessmann ist am Institut für Philosophie der Universität Wien tätig, und ist vor allem durch das Philosophicum Lech, dessen Gründungsmitglied er ist, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen zur Ästhetik bei Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche – aus dieser Beschäftigung entstammt vermutlich sein Hang zum Perspektivismus (vgl. dazu Pauer-Studer 2003). Die Beiträge in seinem Buch über das Universum der Dinge sind in den letzten Jahren für unterschiedliche Anlässe verfasst worden – die ursprünglichen Publikationsorte haben auch dazu beigetragen, dass die Reflexion nicht immer auf demselben Reflexionsniveau stattfindet – aber gewisse Themen persistieren „an der Schnittstelle von Ästhetik und Alltag, von Kunst und Kommerz, von Geld und Gesellschaft.“ (197).

Ein Universum der Dinge

Konrad Paul Liessmann sieht sich mit einem Problem der besonderen Art konfrontiert – die Frage nach dem Nutzen von Philosophie und denjenigen, die sich darauf einlassen, nimmt er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. „Aber der eigentliche Luxus in der Philosophie liegt vielleicht ganz woanders: dort nämlich, wo so sie das Lachen der Thrakerin ernst nimmt, den Blick vom Himmel nimmt und in die Zisterne blickt; dort, wo über das nachgedacht wird, was der Philosophie gar nicht gemäß, ihrer nicht würdig erscheint; dort, wo nicht die ersten und letzten Fragen des Daseins abgehandelt werden, nicht das Leben und der Tod, Sinn und Sein, Wahrheit und Gerechtigkeit methodisch streng reflektiert, sondern leichthin über die ephemeren Dinge des Lebens abgehandelt wird; über die Welt der Gebrauchsgegenstände, über den Alltag und seine eigentümliche Ästhetik …“ (9-10). Anders als etwa die Philosophen Ernst Tugendhat oder Peter Sloterdijk – die an dieser Stelle bereits kurz zu Wort kamen – möchte Konrad Paul Liessmann Philosophie vom sprichwörtlichen Ernst der letzten Fragen abziehen, und sich mit den alltäglichen Dingen, die uns umgeben beschäftigen.

„Alles ist da. Wie nichts sonst auf dieser Welt haben sich die Dinge vor dem Menschen ausgebreitet, stehen ihm zur Verfügung, harren ihrer Aneignung, ihres Gebrauchs und ihrer Entsorgung. Unser Alltag ist von der Anwesenheit der Dinge bestimmt.“ (11) Diese Dinge werden von uns aber nicht in ihren Partikularitäten und Singularitäten wahrgenommen, sondern wirken auf uns in ihrer Gesamtheit – „Unsere Wahrnehmung ist … selten auf eine einzelnes Objekt, ein besonderes Ding, ein eng definierte Reizkonstellation konzentriert. Im Alltag nehmen wir weniger Einzelheiten als vielmehr Gesamtheiten wahr …“ (26). Diese wahrgenommenen Gesamtheiten der Dinge bezeichnet Konrad Paul Liessmann auch als „wahrgenommene Atmosphäre“ (26), die im wahrnehmenden Subjekt als „Stimmung“ korrespondiert (26). Über diese Atmosphären und Stimmungen lässt sich nun ein „ästhetischer Diskurs“ (70) führen, ein Diskurs, der je nach Fokus als legitimer (das Objekt zählt als Objekt) bzw. als illegitimer Diskurs (die Ästhetik wird über moralische, politische, biographische oder sonstige Zugänge besprochen) bezeichnet werden kann. (69 ff.) Man könnte es mit dem schottischen Philosophen Andrew McGonigal auch auf die Frage herunter brechen, was e suns oft so schwer macht, die Dinge bloß als Dinge (Kunstwerke bloß als Kunstwerke) zu sehen: “I think it is often useful to approach the question of the nature of aesthetic value via the question of what reasons we have to value works, qua works.” (McGonigal 2010, 546)

Genug ist genug

Konrad Paul Liessmann pflegt seit vielen Jahren den feuilletonistischen Ton in seinen Veröffentlichungen zur Philosophie. Es ist daher nicht überraschend, dass er bereits zu Beginn seiner Aufsatzsammlung Abschied von den großen Fragen der Philosophie nimmt, dass er den ersthaften (scholastischen) Ton der (akademischen) Philosophie bei Seite schiebt, um mit Klarheit, Lockerheit und einer heiteren Jovialität von den Dingen der Welt spricht. Konrad Paul Liessmann schreibt nicht für ein Fachpublikum und das ist auch nicht sein Anspruch – er versteht sich als Mediator philosophischer Ideen – Ideen, die er populär aufbereitet und an alltäglichen Begebenheiten gelungen darstellt. Diese Rolle versteht er sehr gut auszufüllen. Dennoch bleibt der schale Geschmack des Populären – Texte, die sich kaum mit aktuellen (internationalen) Debatten innerhalb der Philosophie beschäftigen (daher auch keine Verweise auf führende Journale im Bereich der Philosophie und der Ästhetik) vermitteln das Gefühl des Antiquierten. Wer die Publikationen von Konrad Paul Liessmann in den letzten Jahren verfolgt hat, findet sich in seinem neuen Buch sehr schnell zurecht – sein Lamento über trockene Methodik philosophischer Reflexion, seine Versuche, den „letzten Dingen der Philosophie“ auszuweichen, um die Leichtigkeit nicht zu verlieren, und seine Ästhetik, die er kaum argumentativ vorträgt, dafür aber perspektivenhaft vorstellt. Konrad Paul Liessmann bleibt in seinen Texten als Autor sehr zurückhaltend – kaum lässt sich seine Position dingfest machen, Argumente finden sich nicht logisch aufgebaut, und Systematik lehnt er ohnedies ab.

Doch es geht auch anders – muss auch anders gehen – Philosophie kann mehr, als das, was Konrad Paul Liessmann seit vielen Jahren als Vermittler zwischen akademischer Philosophie und interessierter Öffentlichkeit über Philosophie schreibt.

Das Thema „Das Universum der Dinge“ böte ja eine gute Gelegenheit dazu – doch dazu gehört mehr, als bloß von der bestimmenden Kraft der Dinge zu sprechen („Unser Alltag ist von der Anwesenheit der Dinge bestimmt.“) (11) Man könnte es auch mit dem deutschen Philosophen Christoph Menke sagen: „Der Prozeß der Ästhetisierung richtet sich auf die soziale Praxis des Bestimmens von Gegenständen; der Prozeß der Ästhetisierung unterläuft die soziale Praxis des Bestimmens. Der Mechanismus dieser ästhetischen Unterlaufung besteht in einer Selbstreflexion ebenjener Vermögen, durch die das Subjekt die Praxis des Bestimmens vollzieht. Dabei ist die ästhetische Selbstreflexion im Gegensatz zur (philosophischen) Selbsterkenntnis, kein subjektiver Akt … Im Prozeß der Ästhetisierung geschieht eine Selbstverwandlung: vom Subjekt, dem Teilnehmer und Ausübenden sozialer Praktiken, zum Selbst der Instanz dunkel spielender Kräfte.“ (Menke 2008, 83) Wir stehen den Dingen nicht fatalistisch gegenüber – und der Verweis auf die Perspektivenhaftigkeit unseres Seins (vgl. die bereits oben angeführte Anmerkung zum Perspektivismus bei Friedrich Nietzsche), kann diesen Fatalismus auch nicht plausibel machen. Der Anspruch der Philosophie (auch wenn dieser Anspruch postmodernen Angriffen ausgesetzt ist) liegt nicht darin, es sich im Schein zurecht zu machen – das Wahre, Gute, Schöne als leitbildende Trias menschlicher Reflexion ist nicht obsolet. „Die Philosophie bewegt und entfaltet sich also in einen Prozeß der Verständigung, den sie nicht selbst noch von einer neutralen Warte außerhalb seiner zu überschauen vermag, obwohl eben dies zu versuchen doch zu dem Unternehmen gehört, welches sie definiert, wesentlich gehört.“ (Henrich 2001: 96)

Genug ist genug – die philosophische Schönschreiberei mag sich gut verkaufen, nährt sich von Mal zu Mal aber einem Gebiet, über das Konrad Paul Liessmann so gerne nachdenkt: dem, wenn auch philosophischem, Kitsch!

Fazit

„Die Kunst ist unser Dank an die Welt und Leben. Nachdem beide sinnliche und geistige Auffassungsformen unseres Bewußtseins geschaffen haben, danken wir ihnen, indem wir mit deren Hilfe noch einmal eine Welt und ein Leben schaffen.“ (Simmel 1993, 166) Konrad Paul Liesmann ist ein philosophischer Populist – im positiven, wie negativem Sinn des Wortes. Er versteht es sehr gut, philosophischen Ideen Raum zu geben, diese Ideen begreiflich zu machen und sie in unser Alltagsverständnis zu überführen. Dabei bleibt aber ein Großteil der Bemühungen im Dunkeln, die es in der philosophischen Disziplin gibt, diese Ideen, diese Phänomene tatsächlich zu verstehen. Die akademische Philosophie ist ein Fachdiskurs und beruht daher auf fachinternen Konventionen, die es Außenstehenden nicht einfach machen, einen Überblick zu bekommen. Mediatoren wie Konrad Paul Liessmann können einen guten Anfang darstellen, man sollte sich aber auch klar sein, dass es sich dabei auch tatsächlich um einen Anfang handelt.

Nehmen wir das Schreiben von Konrad Paul Liessmann als Dank an die Welt und das Leben – nicht als Philosophie.

Literatur

  • Hegel, G. W. F. (2003 [1833-1836]). Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie II. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Honneth, A. (2010 [2009]). Das Gewebe der Gerechtigkeit. Über die Grenzen des zeitgenössischen Prozeduralismus. Das Ich im Wir - Studien zur Annerkennungstheorie. A. Honneth. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag: 51-77
  • Martens, E. (2005 [1997]). Zwischen Gut und Böse. Elementare Fragen angewandter Philosophie. Stuttgart (GER), Philipp Reclam jun.
  • McGonigal, A. (2010). "Art, Value and Character." The Philosophical Quaterly 60(240): 545-566
  • Menke, C. (2008). Kraft - Eine Grundbegriff ästhetischer Anthropologie. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Pauer-Studer, H. (2003). Einführung in die Ethik. Wien (AUT), WUV-Universitätsverlag
  • Simmel, G. (1993 [1957]). Das Individuum und seine Freiheit - Essais. Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag
  • Sloterdijk, P. (2009). Du mußt Dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Tugendhat, E. (2009). Der moralische Universalismus in der Konfrontation mit der Nazi-Ideologie. Moralität des Bösen - Ethik und nationalsozialiostische Verbrechen. W. Konitzer and R. Gross. Frankfurt/Main (GER) & New York, NY (USA), Campus Verlag: 61-75

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 27.10.2010 zu: Konrad Paul Liessmann: Das Universum der Dinge. Zur Ästhetik des Alltäglichen. Zsolnay (Wien) 2010. ISBN 978-3-552-05511-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10139.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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