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Alfred Schultz: [...] Heilsames Singen als therapeutische Ressource

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 30.12.2010

Cover Alfred Schultz: [...] Heilsames Singen als therapeutische Ressource ISBN 978-3-936255-23-2

Alfred Schultz: Singe JA, lebe JA Heilsames Singen als therapeutische Ressource. Canto Verlag (Eichen) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-936255-23-2.
Mit Audio CD von Karl Adamek
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Thema

Der Autor, Alfred Schultz, hat das „Heilsame Singen“ bei Karl Adamek gelernt und hier offenbar ein Schlüsselerlebnis für sich, seine Arbeit und sein Leben erfahren. Dieses möchte er nun im vorliegenden Buch mit den sieben JAs im „Heilsamen Singen“ als therapeutische Ressource beschreiben. Sein Anspruch ist es, den LeserInnen „auf verschiedene Weise gut (zu) tun, um die Quellen der JAs zu finden und zu nutzen.“ (21)

Autor/en

Alfred Schultz ist psychoorganischer Analytiker und arbeitet in eigener Praxis auch als Supervisor und Managementcoach. Sein Lehrer, Karl Adamek, hat ein Vorwort, ein eigenes Kapitel und eine CD mit den sieben gesungenen JA-Mantras zu diesem Buch beigesteuert. Karl Adamek lebt freiberuflich als Musiker und Sozialwissenschaftler.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Hauptbereiche, die auch unabhängig von einander gelesen werden können.

Der erste Teil trägt zusammen, was man inzwischen über das Singen und seine Wirkungen weiß. Intention und Inhalt verfolgen die gleiche Stoßrichtung wie der in Kap. 6 angehängte Aufsatz von Karl Adamek (Singen als Lebenselixier – oder wie aus Wunden Wunder werden): Singen ist das „kostengünstigste Stressmanagement“, stärkt das Immunsystem, versetzt uns in eine positive Stimmung und löst Glücksgefühle aus, es ist ein „Antiagingelixier“, es mindert Ängste, fördert unsere Intelligenz und die soziale Bindungsfähigkeit (25) sowie Empathie.

Das von K. Adamek und C. Eckes so genannte „heilsame und lauschende Singen“ bestimmt Alfred Schultz als das Fundament für seine JAs auf persönlicher, menschlicher, sozialer und spiritueller Ebene, die das ganze Buch durchziehen: „Dieses JA ist ein JA zu einem JA, das schon in der Schwingung enthalten ist. Dieses JA ist ein heilsames JA. Ein stimmiges Fundament.“ (32)

Wohl weil ihn die eigene Erfahrung mehr als jede Statistik über Singewirkungen überzeugt (35), hat er eine Darstellungsweise gewählt, die persönliche Erfahrungen und Gespräche mit belehrenden Passagen, Anleihen aus Mythologien, Geschichten (z.B. Kapitän Seebär erzählt), Bildchen und Comics sowie den Liedern von der beiliegenden CD mischt.

Im zweiten Kapitel, dem Hauptteil des Buches werden dann die einzelnen JAs auf oben genannte Weise durchquert („Jedes JA transportiert seine eigenen Schwingungen und Aussagen“ (21), Schultz nennt sie „essenzielle Kraftquellen“ (56): 1. Das JA zum Leben, 2. das JA zu mir selbst, 3. Das JA zum Wandel, 4. Das JA zum Augenblick,5. Das JA zur aktiven Selbstheilung, 6. JA zu Freude und Sehnsucht, 7. JA zur Empathie.

Im dritten Kapitel und im vierten Kapitel von Karl Adamek gibt es dann Hinweise, was bei der Anwendung des Heilsamen Singens im therapeutischen Rahmen zu beachten ist, hier kann man „weiter Honig für sich saugen“ (21).

Der fünfte Teil besteht aus Erfahrungsberichten, wie und wo das Heilsame Singen bereits praktiziert wird.

Im sechsten Kapitel beschreibt Karl Adamek – wie oben erwähnt – Singen als Lebenselixier und begibt sich auf Spurensuche nach einem versunkenen Schatz.

In Kapitel sieben findet man noch einmal die sieben JA-Mantren der beigefügten CD und in Kapitel 8 Literaturhinweise, Filme, Hörbücher und CDs.

Diskussion

Alfred Schultz scheint zu wissen, wo es langgeht, was die „Quelle des Lebens“ (20) ist und wie aus ihr zu trinken ist. Er weiß, worin „das Kernthema für Menschen unserer Zeit besteht“ (20) und dass „Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen oder auch Selbstwertprobleme“ einen „Mangel an einem JA zum Leben“ (20) bedeuten.

Hier setzt der Coach und Berater dann in teilweise prophetischem Pathos an, diesem Mangel entgegenzutreten. Es wird zwar zu einer Reise (21) eingeladen, es werden Freiheiten in der Benutzung des Buches zugestanden[1]: „Sie können die Einladung annehmen, Ihre innere Stimme und Ihren Gesang unhörbar und hörbar schwingen zu lassen.“ (21). Auch will er nicht moralisierend oder verurteilend werden. Aber wenn es mit den JAs dann nicht so klappt, kommt die therapeutische Deutungshoheit ins Spiel, es ist die Rede von Widerstand und Abwehr (212). Der Therapeut soll die Wahlmöglichkeit zum JA erfahrbar machen: „Der Therapeut trifft dabei die Entscheidung, dass er Unterstützung gibt, zum JA zu kommen. Der Klient hat immer die Freiheit, auch dazu Nein zu sagen. Allerdings stellt sich irgendwann die Frage, welchen Sinn es dann noch macht, sich einer Therapie zu unterziehen.“ (213)

Der Sinn (man beachte den Singular!) von Therapie besteht also in einer „positiven“ Ausrichtung aufs JA-Sagen, sonst hat der Klient verspielt, hat seine Freiheit überdehnt. Er bekommt die Freiheit vom Therapeuten zugesprochen, Nein sagen zu dürfen, muss dieses Nein aber möglichst umgehend in ein JA überführen: „Wer den Sinn seiner Verneinung findet, der wird belohnt durch das JA, das sich ihm dann wieder zeigt.“ (212)

Hier zeigt sich mangelndes Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte eines Menschen, wenig Zuversicht, dass das für einen Klienten Passende in der richtigen Weise und Zeit passieren wird in einer stimmigen, nicht pushenden therapeutischen Begleitung.

Von diesem JA-Sagen geht ein totalisierender Impetus aus, der sich mit einfachen Formeln und vermeintlich essentiellen Wahrheiten (212) der Leser und Klienten zu bemächtigen sucht. Vor einem solchen Propheten kann man auf der Hut sein.

Aus unserer Geschichte wissen wir, wie das Singen missbraucht wurde, um Angst und Widerstand zu unterlaufen, JA zu sagen zu Dingen und Verhaltensweisen, bei denen mehr Rationalität zu widerstehen geholfen hätte. Auch heute wäre sehr zu wünschen, dass Menschen sich ihr kritisches Nein nicht ausreden (oder weg-singen) lassen und im Sinne Bertholt Brechts[2] achtsam zu differenzieren trachten, wo sie ein JA sagen und wo ein Nein viel angemessener ist. Im bewussten Nein-Sagen liegt ja ganz viel Kraft. Und gerade in einer Therapie, die zu wissen vorgibt, was der Sinn des Lebens ist, wird das Nein zu einer Frage der Menschenrechte.

A. Schultz sieht die Kraftquellen für therapeutische Arbeit im Unbewussten. „Das heißt, heilsam kann nur wirken, was unser Unbewusstes erreicht“ (47) und vermeintlich sieht er sich über das Heilsame Singen im Besitz eines Schlüssels direkt zu diesem in der Psychologie äußerst umstrittenen Bereich. Ein angenommenes Unbewusstes bleibt eine Hypothese, in die vieles hinein projiziert wird, weil es sich ja dem Bewusstsein entzieht.

Da wird ein bisschen Jung und Freud mit Hüther und Drewermann zusammengemixt und durchaus umstrittene psychologische und soziologische Begriffe in fraglosem Gültigkeitsanspruch benutzt.

Fazit

Lernt man Heilsames Singen mit so einem Buch? Wohl kaum! Auch wenn die beiliegende CD in Teilen schön anzuhören ist, geht der Impuls zum heilsamen Tönen wohl kaum von einem Tonträger aus (aus der Forschung zum Kindersingen weiß man dies nur zu gut).

Als jemand, die selbst das Singen als eine wunderbare Methode und einen Weg des Selbstausdrucks lebt, frage ich mich, ob ein solches Buch sein muss. Kommen nicht im vorgezeichneten JA-Weg durch die Hintertür genau die Normierungen, die das freie lauschende Singen auflösen möchte, wieder hinein?

Dieses ist kein wissenschaftliches Buch, sondern ein Ratgeber, wie man über das Singen zu einer lebensbejahenden Haltung kommen solle. Neben wiederholten Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Lehrer K. Adamek zeichnet sich das Buch durch Längen, eine teilweise banale Sprache (z.B. S. 39, Abs. 4[3]) und Besserwisserei aus.

Für wen könnte dieses Buch nützlich sein? Für jemand, der/die auf solchem „JA-Sager-Weg“ des Singens nach Erfahrungsbeschreibungen, Ratschlägen und Gebrauchsanweisungen sucht.


[1] „Sie können beim Lesen entdecken, welche Kraftquellen in Ihnen vorhanden sind. (…) Sollten Sie sie schon nutzen, fühlen Sie sich ermuntert, das auch weiterhin zu tun. (…) Ich möchte Sie einladen, das Buch mit möglichst entspannter Haltung zu lesen. (…) Wenn Sie schmunzeln oder gar lachen müssen bei der einen oder anderen Geschichte, die Ihnen hier erzählt wird, ist das wunderbar! Das ist heilsam. (…) Die Wirksamkeit hängt ganz entscheidend davon ab, mit welcher inneren Haltung wir sie machen.“ (22)

[2] Brecht, Bertholt (1999)27: Der Jasager und Der Neinsager: Vorlagen, Fassungen, Materialien. Frankfurt/M., suhrkamp

[3] „Wenn wir uns auch noch gedanklich, womöglich ausschließlich, mit unserem Knast beschäftigen, hilft uns das nicht. Im Gegenteil: wir kommen immer übler drauf…“

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 30.12.2010 zu: Alfred Schultz: Singe JA, lebe JA Heilsames Singen als therapeutische Ressource. Canto Verlag (Eichen) 2009. ISBN 978-3-936255-23-2. Mit Audio CD von Karl Adamek. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10141.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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