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Thomas Olk, Birger Hartnuß (Hrsg.): Handbuch Bürgerschaftliches Engagement

Rezensiert von Prof. Dr. Heinz Bartjes, 23.02.2012

Cover Thomas Olk, Birger Hartnuß (Hrsg.): Handbuch Bürgerschaftliches Engagement ISBN 978-3-7799-0795-4

Thomas Olk, Birger Hartnuß (Hrsg.): Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Juventa Verlag (Weinheim ) 2011. 843 Seiten. ISBN 978-3-7799-0795-4. 78,00 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Reden über Engagement hat zweifellos Konjunktur. Die hier zu verzeichnenden Diskurse sind vielfältig und widersprüchlich: Der Diskurs um die Zukunft der Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft fragt z.B. danach „Was moderne Gesellschaften zusammenhält“. Angesichts einer verstärkten Individualisierung wird das Ehrenamt hier zum wertvollen sozialen Kit für die Gesellschaft, das Ausmaß des geleisteten Engagements gleichsam zum Gradmesser für eine intakte Gesellschaft mit hohem Sozialkapital. Der demokratietheoretische Diskurs sieht das (bürgerschaftliche) Engagement der BürgerInnen als konstitutives Element einer lebendigen Zivil- bzw. Bürgergesellschaft. Im sozialpolitischen Diskurs wird, gerade auch mit Blick auf die prognostizierten demographischen Veränderungen, auf eine Dienstleistungslücke verwiesen und eine Verstärkung des ehrenamtlichen Potentials gefordert. In einer anderen Lesart wird angesichts zu beobachtender Privatisierungs- und Deregulierungsstrategien das Ehrenamt zum Instrument des Abbaus sozialstaatlicher Ansprüche. Auf arbeitsmarktpolitischerEbene wird – vor dem Hintergrund eines prognostizierten Endes der Vollerwerbsgesellschaft – die Vision einer „Bürgerarbeit“ entwickelt, die nicht entlohnt, dafür aber belohnt werden soll, orientiert etwa an der Höhe des Sozialhilfesatzes. Geschlechterpolitisch wird u.a. problematisiert, dass sich die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung im Ehrenamt stabiler halte als in anderen gesellschaftlichen Feldern.

Vor diesem Hintergrund konstatieren die Herausgeber des vorgelegten Handbuchs im Vorwort zu Recht eine „unübersichtliche Debatte“, der es an Systematisierung mangele und erheben den Anspruch, mit dem vorgelegten Handbuch diese Lücke zu schließen: „Es ist das erste Handbuch im deutschsprachigen Raum, das den Versuch unternimmt, das Spektrum bürgerschaftlichen Engagements in einer systematischen Analyse derart aufzubereiten, dass auch Leserinnen und Leser, die nicht zum ‚inneren Zirkel? des Diskurses um die Zivil- und Bürgergesellschaft gehören, sich rasch einen Überblick über die politische und wissenschaftliche Debatte zum bürgerschaftlichen Engagement sowie Einblicke in einzelne Felder, ihre Grundlagen und Rahmenbedingungen, in Strukturen und Methoden der Engagementförderung verschaffen zu können“ (S. 6)

Entsprechend werden als Zielgruppen angegeben: engagierte Bürgerinnen und Bürger, für das Thema Verantwortliche in Politik, Verwaltung, Verbänden etc. sowie Lehrende und Studierende unterschiedlicher Disziplinen (Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, etc.).

Die Herausgeber sind zum einen durch vielfältige Publikationen einschlägig ausgewiesen zum Thema und waren bzw. sind zum anderen involviert in relevante Erhebungs- bzw. Organisationszusammenhänge des bürgerschaftlichen Engagements: die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags sowie im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE). Thomas Olk ist Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Birger Hartnuß an der Leitstelle Bürgergesellschaft und Ehrenamt in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz tätig.

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen

Die insgesamt 61 Beiträge der 67 Autoren und Autorinnen sind in thematisch orientierten unterschiedlich großen sieben Kapiteln gruppiert:

Kap. 1 versammelt sechs Beiträge, die sich mit historischen Zugängen (Traditionslinien bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland) und zentralen Begriffen (Zivilgesellschaft/Bürgergesellschaft, Bürgerkommune, Sozialkapital, Geschlechterdifferenz, Partizipation) beschäftigt.

Kap. 2 bietet vier Beiträge zu rechtlichen Rahmenbedingungen (Versicherungsschutz, Gemeinnützigkeits- und Spendenrecht, Vereinsrecht, Stiftungsrecht).

Kap. 3 (Formen und Felder bürgerschaftlichen Engagements) stellt mit 23 Beiträgen das größte Kapitel. Kap. 3.1 versucht anhand der verschiedenen Erscheinungsformen von Engagement (bürgerschaftliches Engagement, Ehrenamt, Selbsthilfe, Freiwilligendienste, Bürgerbeteiligung, gesellschaftliches Engagement von Unternehmen) auch das begriffliche Feld zu klären. Kap. 3.2 sichtet unterschiedliche Felder und Bereiche bürgerschaftlichen Engagements (wie Sport, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Soziale Arbeit, Schule, Gesundheitswesen, Justiz, Migration und Integration, Arbeit mit behinderten Menschen, Stadt- und Dorfentwicklung, etc.).

Kap. 4 lenkt den Blick auf Organisationen (Vereine, Verbände, Stiftungswesen, Soziale Bewegungen, Genossenschaften, Netzwerke) und Strukturen (Selbsthilfe und Selbsthilfekontaktstellen, Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser, Formen lokaler Infrastruktureinrichtungen wie Bürgerbüros etc.) bürgerschaftlichen Engagements.

Kap. 5 gibt einen Überblick über die in den letzten Jahren entwickelten Methoden und Strategien der Engagementförderung (Freiwilligenmanagement, Netzwerkmanagement, Qualifizierung, Anerkennungskultur, Organisationsentwicklung, Internet, Öffentlichkeitsarbeit).

Kap. 6 führt ein die Forschung zum bürgerschaftlichen Engagement: Es werden Instrumente (Freiwilligensurvey), Ansätze (Qualitative Forschung) und ausgewählte empirische Daten (Engagement im internationalen Vergleich, Organisationsbezogene Daten, Engagement und soziale Ungleichheit) vorgestellt.

Kap. 7 skizziert Eckpunkte, Dimensionen und Bereiche einer sich langsam abzeichnenden Engagementpolitik (Kommune, Bundesländer, Bundespolitik, Engagementpolitik in Europa).

Fazit

Das vorgelegte Handbuch wird seinem selbstformulierten Anspruch in vollem Umfang gerecht: Es stellt eine gute, fundierte und aktuelle Zusammenstellung zentraler Begriffe Diskurse, Daten und Entwicklungen dar. Dabei bietet – auch darauf weisen die Herausgeber selbst hin - schon die Gliederung des Handbuches eine erste grobe Systematisierung des unübersichtlichen Feldes. Die einzelnen Beiträge bieten jeweils eine grundlegende, angemessen differenzierte Einführung in den jeweiligen Gegenstand. Insofern ist das Handbuch für die anvisierten Zielgruppen (s.o.) eine passgenaue Handreichung geworden. Hilfreich ist bei der vorgelegten Datenfülle auch das umfangreiche Sachregister.

Rezension von
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
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Es gibt 17 Rezensionen von Heinz Bartjes.

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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 23.02.2012 zu: Thomas Olk, Birger Hartnuß (Hrsg.): Handbuch Bürgerschaftliches Engagement. Juventa Verlag (Weinheim ) 2011. ISBN 978-3-7799-0795-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10143.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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