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Elisabeth Badinter: Der Konflikt

Cover Elisabeth Badinter: Der Konflikt. Die Frau und die Mutter. Verlag C.H. Beck (München) 2010. 222 Seiten. ISBN 978-3-406-60801-8. 17,95 EUR.

Originaltitel: Le conflit. La femme et la mère.
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Autorin

Elisabeth Badinter, geboren 1944 in Boulogne-Billancourt als Elisabeth Bleustein-Blanchet, ist die wohl bekannteste, lebende Feministin Frankreichs. Die Professorin für Philosophie an der Pariser Elitehochschule École Polytechnique ist verheiratet mit dem Rechtsanwalt und Politiker Robert Badinter und hat drei Kinder. Neben ihrer Professur ist Elisabeth Badinter seit 1987 im Aufsichtsrat der von ihrem Vater Marcel Bleustein-Blanchet gegründeten internationalen Kommunikationsfirma Publics, seit 1996 ist sie Aufsichtsratspräsidentin. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich mit dem Beauvoirschen Feminismus. Sie befürwortet das Abtreibungsrecht und ein Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsumfeld und in der Familie. Seit 1992, dem Jahr, in dem in Frankreich ein erstes Gesetz gegen sexuelle Belästigung erlassen wurde, hat sich nach Ansicht Badinters der Feminismus geteilt in einen akademisch-theoretischen Zweig, dem auch sie angehört und in eine aktive kämpferische Richtung, deren angelsächsischen Radikalismus sie als den falschen Weg bezeichnet.

Veröffentlichungen

Lieferbare Titel:

  • Der Infant von Parma oder Die Ohnmacht der Erziehung (L‘Infant de Parme, dt.) Beck 2010.
  • Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz. Hrsg. v. Alice Schwarzer. Kiepenheuer & Witsch 2010.

Nicht mehr lieferbar:

  • Emilie Emilie (Émilie, Émilie, dt.) Piper 1984.
  • XY Die Identität des Mannes (XY De L‘Identité masculin, dt.). Piper 1993.
  • Ich bin Du (L‘Un est l‘autre, dt.) Piper 1994.
  • Mutterliebe (L‘Amour en plus, dt.) Piper 1996.
  • Man wird nicht als Frau geboren (Mitarb.) Hrsg. v. Alice Schwarzer. Kiepenheuer & Witsch 2000.
  • Die Wiederentdeckung der Gleichheit (Fausse route, dt.) Ullstein 2005.

Aufbau und Inhalt

Vor über 30 Jahren tat sich mit der alleinigen Kontrolle über ihre Fortpflanzung für die Frauen eine Vielfalt von Lebensweisen auf. Die „stille Revolution“ der folgenden Jahrzehnte bot zur individuellen Selbstverwirklichung die Gleichberechtigung von Mutterrolle und Single-Dasein, von Haushalt und Berufstätigkeit an und gebar die Hoffnung, dass sogar die „Quadratur des Kreises“ gelingen könnte, in dem Männer und Frauen die Anforderungen der Berufswelt und des Familienlebens gerecht untereinander aufteilten. Die Folgen der neuen Freiheit sind bekannt: weniger Kinder, eine steigende Anzahl der Single- und Ein-Kind-Haushalte. Die britische Soziologin Catherine Hakim unterscheidet in den liberalen Gesellschaften des 21. Jahrhundert drei Kategorien von weiblichen Lebensweisen: home-centred (heimorientiert), adaptiv und work-centred (berufsorientiert), wobei die adaptive Gruppe, jene, die Arbeit und Familie verbinden möchte, mit im Durchschnitt 60 % die stärkste ist. Eine andere Typologie schlägt der amerikanische Sozialforscher Neil Gilbert vor, der die Frauen je nach der Anzahl ihrer Kinder in vier Gruppen einteilt. Am einen Ende seiner Skala stehen die Mütter mit drei oder mehr Kindern, die ihre Identität traditionell in der Kindererziehung und der Haushaltsführung begreifen, am anderen Ende jene, von Gilbert als „postmodern“ bezeichneten Frauen, die – kinderlos und durchweg gut ausgebildet – ihre Erfüllung im beruflichen Erfolg suchen und deren Ambitionen nicht von der Aussicht auf ein Ehe- und Familienleben bestimmt sind. In der Mitte dieser beiden Extreme stehen die „Neotraditionellen“ (Mütter mit maximal zwei Kindern) und die „Modernen“, auch hier die größten Gruppen, die Karriere und Kinder vereinen wollen, wobei erstere dem Familienleben, letztere der Karriere die höhere Priorität einräumen. Diese beiden angelsächsischen Klassifikationsmodelle erfahren in der Heterogenität europäischer Lebensformen Veränderungen durch die Abhängigkeiten von regionalen wirtschaftlichen, sozialen und familienpolitischen Situationen.

In den 1980er Jahren allerdings gingen Ökologie, Verhaltenwissenschaft und ein neuer „essentialistischer“ Feminismus – erst schleichend – eine unheilige Allianz ein und predigten, jeder auf seine Weise, eine Art „Rückkehr zur Natur“. Es begann ein unterirdischer Krieg, den „Naturalisten“ und „Kulturalisten“ untereinander austrugen und bei dem vor allem die Chemie als der Feind alles Natürlichen in die Schusslinie geriet. Eine gute Mutter, so die „Naturalisten“ ist eine ökologische Mutter. Idealerweise lehnt sie Krankenhaustechnik zugunsten einer Hausgeburt ab und lässt sich während der Schwangerschaft von einer Doula (altgriech.: Dienerin, Sklavin, Magd), einer Schwangerschafts-, Geburts- und Wochenbettbegleiterin betreuen. Periduralanästhesie und Kaiserschnitt sind Erfindungen des Teufels, der Albtraum stundenlanger Wehen ist nichts gegen das Glück der bewusst erlebten Geburt. Bis heute ist diese ökologische Leidenschaft keineswegs erloschen, stehen ihre VertreterInnen – in bestem Einklang mit der Mediziner-Zunft – an vorderster Front und propagieren u. a. die Rückkehr zur Muttermilch gepaart mit dem Stillen nach Bedarf. Sie haben entdeckt, wie verheerend Wegwerfwindeln für die Umwelt sind und scheuen sich nicht, die Verwendung waschbarer Windeln zu propagieren.

In den 1970er Jahren entdeckten zudem unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Studien amerikanische Kinderärzte die alte Mär vom Mutterinstinkt neu, die sich vor allem auf die Tierverhaltensforschung stützte und sich der Unterstützung von Anthropologen, Kinderpsychiatern und der Medien sicher sein durfte. „Mutterinstinkt kam wieder in Mode.“ Vorkämpfer dieser Zurück-zur-Natur-Bewegung sind die beiden Amerikaner Douglas John Kennell und Marshall Klaus, die mit ihrem 1976 erschienenen Buch „Maternal Infant Bonding (dt.: Mutter-Kind-Bindung)“ eine breite Wirkung erzielten. Ursprünglich vor allem auf den ersten Hautkontakt nach der Geburt beschränkt, hat sich der Begriff gut zehn Jahre später erweitert zur Überbetonung der Mutter-Kind-Beziehung während des gesamten ersten Lebensjahres, wird diese Theorie übernommen vom damals berühmtesten amerikanischen Kinderarzt T. Berry Brazelton und findet in Frankreich Verbreitung durch die Leche Liga mit ihrer populären Kinderärztin Edwige Antier, die in den Medien keine Gelegenheit versäumt, auf den angeboren Mutterinstinkt der Frau zu verweisen und an unser Dasein als Säugetiere zu erinnern. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy hingegen betrachtet das Thema Mutterinstinkt differenzierter, spricht von „Phasen der Indifferenz“ auch unter Primaten. Doch auch bei ihr sorgt das Stillen für ein starke Mutter-Kind-Bindung, lässt sie außer acht, dass in den Industriestaaten Millionen von Müttern nicht oder nur sehr kurz stillen können oder wollen. In Wahrheit lässt „Mutter Natur“, die oft beschworene, eine unendliche Vielzahl gelebter Mutterschaft zu und ist zudem abhängig von der individuellen Geschichte und dem kulturellen Umfeld der einzelnen Frau.

In den 1980er Jahren vollzog auch die zweite Welle des Feminismus eine Wende weg von der Auffassung Beauvoirs, die in der Mutterschaft nur eine Begleiterscheinung im Leben der Frau sah und den Mutterschaftsbegriff als Ursache der Unterdrückung ansah. Eine neue Generation von Feministinnen begriff nun die Mutterschaft als zentrale Erfahrung von Weiblichkeit und darüber hinaus als Grundlage einer menschlicheren und gerechteren Welt. Sie verherrlichte die biologische Erfahrung der Frauen und feierte als Maternalismus den Primat der Natur und die weiblichen Eigenschaften. Die Psychologin Carol Gilligan („In a Different Voice, dt.: Die andere Stimme“) stellte die Ethik der weiblichen Fürsorge der der männlichen Gerechtigkeit gegenüber: Sanftheit und Mitgefühl als Erneuerer gesellschaftlicher Moral und Gegenpol zur liberalen männlichen Welt mit ihrem Individualismus, Egoismus und ihrer Grausamkeit. In Frankreich erklärte die militant-feministische Psychoanalytikerin Antoinette Fouqué in ihrem extremen Naturalismus die Biologie zur Grundlage aller Tugenden und verdammte all jene, die die Mutterschaft missachten.

Das Verhalten einer Mutter – so will es scheinen – ist seitdem der strengen Aufsicht von Medizinern und Psychologen unterworfen, Alkohol und Zigaretten während der Schwangerschaft sind verdammt als lasterhafte Gewohnheiten. „Wie die Nonne, die den Schleier nimmt, gehört die künftige Mutter nicht mehr sich selbst.“ Im Zentrum aber dieser seit etwa 20 Jahren zu beobachtenden „Revolution der Mutterschaft“ steht immer wieder das Stillen, was die Frauen vor allem der Strategie eines Verbandes amerikanischer Mütter zu verdanken haben: der Leche League, deren Gründungsmitglieder (konservative Katholikinnen) sich seit 1961 als Stillberaterinnen verstehen und mit dem bereits 1958 von der League veröffentlichten Ratgeber „The Womanly Art of Breastfeeding“ die Bibel der Stillenden verfassten – mit bis 1990 zwei Millionen verkauften Exemplaren. Stillen nach Bedarf ist ökonomischer, da billiger und ökologischer, denn es spart Wasser und Strom. Der Krieg gegen Fläschchen und Milchpulver weitet sich aus zum Kampf gegen Krippen und in Folge gegen die Berufstätigkeit der „Mamis“. Die gute Mutter ist Vollzeitmutter. Die Erzeugung von Schuldgefühlen und die Stigmatisierung all jener Mütter, die sich in dieser Rolle nicht wiederfinden, ist die Kehrseite dieser maternalistischen Ideologie. Seit den 1970er Jahren ist die League – im Verbund mit Ärzten und Feministinnen und einem eindrucksvollen Netzwerk in den USA und in Europa – im Begriff, die „Schlacht um die Milch“ und gegen die Milchpulverindustrie zu gewinnen: der Anteil der Stillenden steigt in allen westlichen Ländern. Nicht ohne Stolz stellt Badinter fest, dass die Französinnen in den angeführten Statistiken die „größten Faulpelze“ sind.

Bisher hat allein die amerikanische Soziologin Linda Blum den – von den Medien kaum beachteten – Bildersturm gewagt und erklärt, dass die Vorteile des Stillens aufgebläht seien und der Muttermilchersatz, stetig verbessert, ihnen in nichts nachstünde. Zudem sind es immer noch 40 % der Mütter, die das „Bild der stillenden Mutter“ ebenso wenig anspricht, wie die Aussicht auf einen täglich 24stündigen Kontakt mit ihrem Baby, die nicht bereit sind, ihre Freiheit der Rolle als „milchspendendes Ökosystem“ unterzuordnen.

Auch die Definition der Vaterrolle, die noch vor 30 Jahren eine gleichmäßige Verteilung der Lasten der Kinderaufzucht versprach, hat sich in der Ideologie der Leche League verändert: Der Vater ist nicht mehr die Zweitmutter, sondern der „Beschützer und Wertschätzer“ der Mutter, der sich aus der Zweierbeziehung von Mutter und Kind herauszuhalten hat – eine Wiederbelebung also des längst überwunden geglaubten patriarchalischen Paarmodells: Ist das Baby ausschließlich Angelegenheit der Mutter, kann der Vater „guten Gewissens seinen Geschäften nachgehen“. Da die Leche League als Verfechterin gar des Co-Sleepings nicht nur den Kampf um die Brust, sondern auch um das Bett der Mutter führt, befürchten inzwischen nicht nur Psychologen, dass das Kind Gefahr läuft, die Eltern als Paar gar nicht mehr wahrzunehmen.

Das heutige Idealbild der Mutter stellt höchste Anforderungen an die Frauen, da es einem dreifachen Widerspruch unterliegt. Der erste ist gesellschaftlicher Art und bedeutet die Abwertung der Mutterschaft im Alltag z. B. durch Arbeitgeber, die sich über wiederholte Schwangerschaften von Arbeitnehmerinnen beschweren. Der zweite Widerspruch betrifft die Eltern als Paar, deren Beziehung sich oftmals überfordert sieht durch die Verpflichtungen und Opfer, die ein Kind ihr auferlegt. Der schmerzhafteste Widerspruch jedoch lauert im Inneren der Frau, die sich hin- und hergerissen fühlt zwischen der Mutterrolle und den eigenen Wünschen. Diese Widersprüche finden bei den VertreterInnen der naturalistischen Ideologie keinerlei Beachtung und könnten somit ebenfalls ein Grund dafür sein, dass die Zahl der Frauen, die der Mutterschaft den Rücken kehren, stetig steigt.

Denn sie ist ja nicht aus der Welt, die Vielfalt weiblicher Ambitionen, der propagierte Mutterinstinkt erstickt keineswegs den Wunsch der Frau nach finanzieller Unabhängigkeit, nach eigenem Sozialleben und der individuellen Selbstbestätigung. Das „Kind als Lebenswerk“ und die „exclusive“ bzw. „intensive“ Mutterschaft, wie sie Brazelton oder Antier befürworten, diese Einstellung hat, rein statistisch gesehen, ihre Grenzen. Und dennoch hat sie dazu geführt, dass Kinderlosigkeit – ob erlitten oder gewählt – zunehmend auf einen Mangel, eine Unvollkommenheit verweist. „Nullipara“ nennt man jene Frauen, die sich „nicht für ihre Kinder aufteilen wollen“, sich damit zur Zielscheibe öffentlicher Kritik und Missbilligung machen. Toleriert wird gerade noch die wachsende Zahl der „Aufschieber“ (postponers): Paare, die sich in ihrem Kinderwunsch nicht festlegen wollen, ihn erst einmal vertagen.

Ein weiterer Aspekt des „Gebärstreiks“ in den westlichen Ländern ist neben dem Modell der guten Mutter nicht zuletzt auch das Fehlen einer entschlossenen Familienpolitik. Wo Mutterschaft und Karriere sich als schwer vereinbar erweisen, ist oft die Entscheidung für eine „childfree“-Existenz naheliegend, scheuen Frauen die mütterliche Verantwortung, schätzen sie umso mehr die emotionale wie die ökonomische Unabhängigkeit, die Vorteile der Zweisamkeit und die höhere Zufriedenheit im Paarleben. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass diese Frauen in der Regel ein höheres Bildungsniveau haben, akademische Abschlüsse besitzen, einen interessanten Beruf ausüben, es also einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Geburtenrate gibt. Könnte es also eines Tages so sein, dass die Mutterschaft Last und Privileg der kulturell weniger Begünstigten sein wird, oder gar, wie es der amerikanische Demograph Phillip Longman schreibt, „in die Verantwortung besonders religiöser, traditionell und konservativ eingestellter Frauen“ gerät?

Wird uns die Zukunft also wieder eine neue Definition der Weiblichkeit bringen? Manche Experten (Mardy S. Ireland oder Rosemariy Gillespie) sprechen heute schon von einer dritten Etappe des Feminismus, in der die Mutterschaft nicht mehr die eigentliche Verwirklichung von Weiblichkeit oder die Voraussetzung für die Erfüllung des weiblichen Ichs ist, sondern lediglich ein wichtiger Aspekt der weiblichen Identität.

Ein kleiner Ausflug in die französische Frauengeschichte bildet den Schluss des Buches. Frankreichs Frauen haben „einen schlechten Ruf“: sie vertrauen ihre Babys fremden Frauen an und bevorzugen die Milchflasche. Frankreich ist „Weltmeister im Verhüten“ und hat zugleich die höchste Geburtenrate Europas. Und das, obwohl in der französischen, ähnlich wie in der oft gepriesenen skandinavischen Familienpolitik, wichtige Anreize fehlen, um Hausarbeit und Kinderbetreuung für Mann und Frau gerechter zu verteilen und die Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt (z. B. durch ein System flexibler Arbeitszeiten) unzureichend ist. Ein Blick in die Geschichte liefert der Autorin die Erklärung für diese Phänomene: Die Aristokratinnen vergangener Jahrhunderte überließen den Ammen und später den Kinderfrauen die Aufzucht der Kinder. Diese von materiellen Sorgen freien Frauen hielten die Mutterschaft auf Distanz, begriffen sie als Pflicht, geschuldet dem Namen und Besitz der Familien. Ihre Rollen als Frau und Gattin hatten Vorrang. Im 18. Jahrhundert taten es ihnen die Frauen des Großbürgertums nach, und ein Jahrhundert später übernahmen alle Schichten der städtischen Gesellschaft diese Praxis. Die perfekte Französin des 19. Jahrhunderts war zuerst Gattin, dann eine Person mit gesellschaftlichen Pflichten und erst danach Mutter. Die Betreuung von Kindern galt als ein Hindernis, eine eher lästige Aufgabe, sein Kind fremder Betreuung zu überlassen als ein Zeichen von Vornehmheit. Und auch im 20. Jahrhundert gelingt es der französischen „Rabenmutter“, durchs Netz zu schlüpfen, trotz der postulierten Verpflichtung, eine gewissenhafte und verantwortungsvolle Mutter zu sein, weiterhin in ihrer dreifachen Rolle als Partnerin, Mutter und Berufstätige ihre Selbstverwirklichung zu leben und dem seit drei Jahrzehnten unterschwelligen ideologischen Krieg, der dem Konzept vom Mutterinstinkt zu neuen Ehren verhelfen soll und eine Bedrohung der weiblichen Emanzipation bedeutet, die Stirn zu bieten, sich den Weisungen der, von angesehenen globalen Institutionen kraftvoll unterstützen, „Naturalisten“ entgegenzustellen, sich gegenüber dem schleichenden Diskurs von Schuld, schlechtem Gewissen und Diskriminierung zu behaupten und das zu bleiben, was sie im Chor der Europäerinnen seit langer Zeit schon war: ein „französischer Sonderfall“, bei dem die Frau es gewohnt ist, eine wertfreie Anerkennung ihrer weiblichen Identität zu genießen.

Fazit

Es geht Elisabeth Badinter vor allem um das Recht der Frau auf ihre individuelle Selbstbestimmung und -verwirklichung und um die Ablehnung von Werturteilen (Rabenmutter contra Pelikanmutter). Die Reduzierung weiblicher Existenz auf das Muttersein ist ihr ein Gräuel, die Vernachlässigung der vielen Facetten weiblichen Daseins im maternalistischen Weltbild geißelt sie als schlimmen Schritt zurück in längst überwunden geglaubte weibliche Lebenswelten. Unbestritten, wenn auch hier nur am Rande und eher beiläufig erwähnt, sind die Freuden der Mutterschaft, das einmalige Erlebnis der Geburt eines neuen Menschen. Das aber ist nicht das Thema der Autorin. In einem Interview mit Jeanne Rubner (Süddeutsche Zeitung, 28./29. August 2010) führt Badinter aus: „Ich wehre mich dagegen, dass Frauen ein Lebensmodell aufgezwungen bekommen… Das konterkariert doch jegliche Gleichberechtigung.“ Und auf die Frage, ob nicht die Wirtschaftskrise stärker noch als die ökologische Bewegung die Frauen zurück an den Herd dränge, antwortet sie: „Genau davor warne ich. Die Frauen begeben sich freiwillig in die Lage, in der sie die Schwächeren sind. Sie sind es, auf die man in Unternehmen zuerst verzichten wird… Die Mutterrolle nimmt doch höchsten 15 Jahre des Lebens ein. Das gesamte eigene Schicksal darauf auszurichten, ist extrem kurzsichtig… Ich bin wütend, weil der Druck auf sie [die Männer] abgenommen hat, auch weil die Frauen sich ihrer Mutterrolle hingeben und die Männer so von ihrer Pflicht entbinden. Deshalb nenne ich das Baby den besten Verbündeten der männlichen Vorherrschaft“.

Gegen die Verbissenheit der „reinen Lehre“ und ihrer VertreterInnen wird Badinter also weiterkämpfen für die selbstbewusste, individuelle Entscheidung der Frau. Dass sie dabei manchmal sich die Polemik ihrer GegnerInnen zu eigen macht und ihre zahlreichen Statistiken ihre Theorien nicht immer zweifelsfrei belegen mögen, sei ihr dabei nachzusehen. Wieder einmal, so die Überzeugung der Autorin, „müssen wir die Weiblichkeit neu definieren und die Frau neu erfinden.“


Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 26.11.2010 zu: Elisabeth Badinter: Der Konflikt. Die Frau und die Mutter. Verlag C.H. Beck (München) 2010. ISBN 978-3-406-60801-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10144.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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