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Rüdiger Retzlaff: Familien-Stärken. Behinderung, Resilienz und [...]

Cover Rüdiger Retzlaff: Familien-Stärken. Behinderung, Resilienz und systemische Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-94635-2.
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Thema

Ausgehend von Konzepten der systemischen Therapie, der Familien- und Kohärenzforschung sowie Praxisbeispielen vermittelt das Buch ein Verständnis davon, welche Familienmuster und Einstellungen hilfreich sind, um mit der Behinderung eines Kindes positiv leben zu können.

Autor

Dr. sc. hum. Dipl.-Psychologe Rüdiger Retzlaff ist Leiter der Ambulanz für Paar- und Familientherapie der Universitätsklinik Heidelberg und Lehrtherapeut am Helm-Stierlin-Institut in Heidelberg.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch gliedert sich in drei Teile, die durch einzelne Kapitel untergliedert sind:

  • Teil I Grundlagen
  • Teil II Theoretische Modelle
  • Teil III Beratungspraxis.

Teil I umfasst eine kurze Einleitung, ein Kapitel über Behinderung sowie ein Kapitel zur Frage von Familie und Behinderung. Dabei geht es Retzlaff um folgende Fragen:

  • Welche Auswirkungen haben Behinderungen eines Kindes auf das Leben von Familien?
  • Was hilft Familien, mit der Behinderung eines Kindes zurechtzukommen?
  • Wie gelingt es manchen Familien, »trotz alledem« ein gutes Leben zu führen?
  • Welche Familienfunktionen, Haltungen, Rollenverteilungen und familiären Glaubenssysteme helfen ihnen dabei? (S. 18)

Teil II fokussiert in fünf Kapiteln auf theoretische Konzepte, die für die Bewältigung der Lebensbelastungen durch Behinderung eines Kindes eine wesentliche Rolle spielen. Jedem dieser Kapitel hat der Autor eine kurze Einführung vorangestellt, die die nachstehenden Ausführungen rahmen soll. Er behandelt hier ausführlich

  • Familien-Stresstheorie
  • Familienresilienz
  • Familien-Kohärenzgefühl
  • Narrative Ansätze
  • Kohärenzerleben aus Familiensicht

Die Ausführungen zu den einzelnen Kapiteln sind sehr detailreich und beziehen die Vorarbeiten vieler Autorinnen und Autoren ein, so dass ein umfassender Überblick über die Konzepte Stress, Resilienz und Kohärenz entstehen kann. Eingearbeitete kurze Fallbeispiele machen die theoriebezogenen Ausführungen sehr anschaulich. Eine kurze Schilderung einer eigenen Untersuchung in der Universitäts-Kinderklinik Heidelberg (S. 127 ff.) verdeutlicht, dass der Autor nicht nur ein ausgezeichneter Praktiker, sondern auch ein versierter Wissenschaftler ist.

Teil III fokussiert sehr praxisbezogen auf die Leitfrage des Buches: Was hilft Familien mit Kindern, die Behinderungen haben, gesund zu bleiben? Nach einer verständlichen Vorstellung allgemeiner systemischer Beratungsprinzipien werden mit Hilfe eines Phasenmodells – Aufgaben der akuten Anpassungsphase, Aufgaben der mittleren Anpassungsphase, Aufgabe in der langen Anpassungsphase – sehr praxisbezogen unterschiedliche Methoden und Settings vorgestellt, die Familien bei der Bewältigung ihrer schweren Aufgabe unterstützen können.

Diskussion

Es steht wohl außer Zweifel, dass das Leben mit einem behinderten Kind in jeder Familie eine außergewöhnlich große Belastung darstellt, die enorm viele Kräfte erfordert und bindet. Der Titel „Familien-Stärken“ ist daher zugleich auch die programmatische Aussage des Buches. Es geht darum, jene Stärken und Überzeugungen (wieder)zu gewinnen, die dabei helfen, den schwierigen Alltag erfolgreich bewältigen zu können. Es geht nicht nur darum, sich der Tatsache einer Behinderung eines Kindes zu stellen und sie anzunehmen, sondern vielmehr darum, das behinderte Kind als eine Bereicherung des eigenen Lebens empfinden zu können. Ohne die vielzähligen Anforderungen und Belastungen zu ignorieren, weist Retzlaff gehbare Wege auf, wie Familien »trotz alledem« ein erfülltes Leben führen können. Durch eine Stärkung der Bewältigungskompetenz, der Entwicklung eines angemessenen Familienkohärenzgefühl und der Schaffung positiver familiärer Überzeugungen kann ein Familienklima entstehen, welches Werte beinhalten kann, die weit über Materielles oder Eigennütziges hinausgehen und zu einer ganz anderen Form von Reichtum führen können.

Da seine systemische Position konsequenterweise die Eltern in eine Therapie mit einschließt, kann dieses Buch allen Personen nutzen, die sich für eine praxisbezogene Information hinsichtlich einer systemischen Familientherapie bei Behinderung interessieren. Eine umfassende Literaturliste sowie ein Personen- und Sachregister erleichtern die Orientierung im Buch.

Zielgruppen

Fachkräfte, die mit behinderten Kindern und Jugendlichen arbeiten oder sich in Weiterbildung diesbezüglich qualifizieren möchten. Studierende der Studiengänge Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie. Last but not least interessierte Eltern von behinderten Kindern, die dieses Buch als eine wertvolle Ressource nutzen können.

Fazit

Es ist ein hervorragendes Buch, welches im Bücherregal von Menschen, die systemisch mit behinderten Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern arbeiten, auf keinen Fall fehlen sollte. Darüber hinaus wäre zu wünschen, dass es in sehr vielen Bibliotheken für Menschen auf der Suche nach entsprechenden Informationen präsent ist.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 26.01.2011 zu: Rüdiger Retzlaff: Familien-Stärken. Behinderung, Resilienz und systemische Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-94635-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10148.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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