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Denis Köhler (Hrsg.): Neue Entwicklungen der forensischen Diagnostik [...]

Cover Denis Köhler (Hrsg.): Neue Entwicklungen der forensischen Diagnostik in Psychologie, Psychiatrie und Sozialer Arbeit. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. 361 Seiten. ISBN 978-3-86676-127-8. 26,90 EUR.

SRH Hochschule Heidelberg - Schriftenreihe Forensische Sozialwissenschaften.
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Autoren und Überblick

Der Herausgeber des Bandes, Prof. Dr. Denis Köhler, Diplom-Psychologe, lehrt als Professor an der SRH-Hochschule Heidelberg und ist Studiendekan an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften, sowie Leiter des Kontaktstudiengangs „Forensische Sozialwissenschaften“. In den vergangenen Jahren forschte Köhler u. a. zu Risiko- und Schutzfaktoren bei jugendlichen Straftätern und zur psychologischen Diagnostik. 2009 fand an der SRH Hochschule Heidelberg ein erster Workshop zur Thematik statt, einleitend für den damals neu angebotenen Studiengang „Forensische Sozialwissenschaften. Für den vorliegenden Band wurden Beiträge der damaligen Referenten und weiterer im Fach etablierter Autoren aufgenommen. Die Texte greifen exemplarisch neuere Entwicklungen in der Forensischen Praxis bzw. aktuelle Forschungsprojekte auf.

Aufbau

Der Sammelband ist in drei Hauptabschnitte unterteilt:

  1. Abschnitt A greift die Grundlagen und aktuelle Entwicklungen in der Forensischen Diagnostik auf;
  2. Teil B fokussiert auf diagnostische Aspekte im Zusammenhang von Psychopathy;
  3. In Abschnitt C erfolgt die praxisnahe Darstellung von Diagnostik und Intervention im Strafvollzug.

Zu A.

Der Eröffnungsbeitrag im ersten Abschnitt „Rückfälligkeit von Jugendlichen und Heranwachsenden mit schwerwiegenden Sexual- und Gewaltstraftaten“ von Denis Köhler und Ina Rotermann greift die neueren Forschungsergebnisse der Rückfallforschung bei jugendlichen Straftätern auf. Die Autoren beziehen sich im Wesentlichen auf eigene, andernorts (vgl. Rezensionen www.socialnet.de/rezensionen/7541.php und www.socialnet.de/rezensionen/7542.php) ausführlich publizierte Ergebnisse. Zentral ist bei dieser Forschungsstrategie die gleichzeitige Berücksichtigung von Risiko- und Schutzfaktoren, welche vor dem Hintergrund eines biopsychosozialen Störungsverständnisses als Prädiktoren für erneute Delinquenz identifiziert werden. Der Beitrag beinhaltet neben der Darstellung des theoretischen und empirischen Hintergrunds die zentralen Ergebnisse der von den Autoren selbst durchgeführten Studien, u. a. Listen zu den erhobenen Risiko- und Schutzfaktoren.

Eva Stoll, Sozialarbeiterin und Bachelor-Psychologin greift in ihrem Artikel „Gefährlichkeitsdiagnostik in der Sozialen Arbeit?“ die Frage nach dem Beitrag der Sozialen Arbeit zur Diagnostik von Rückfallrisiken auf. Einführend geht sie zunächst auf die Entwicklungsgeschichte von Sozialarbeit und Sozialpädagogik zur Sozialen Arbeit ein und die teilweise mit dieser Geschichte verbundene Entwicklung einer Sozialen Diagnostik. Dabei wird deutlich das Diagnostizieren und Soziale Diagnostik in der Profession zu einer mitunter ambivalenten Haltung, teilweise Spaltung geführt haben. Einige Aspekte aktueller Verfahren und Methoden Sozialer Diagnostik werden benannt. Die zentralen diagnostischen Stärken liegen, so Eva Stoll vor allem in der interdisziplinärer Ausrichtung Sozialer Arbeit, welche wie keine andere Fachdisziplin auf die Zusammenschau unterschiedlicher wissenschaftlicher und fachlicher Aspekte, etwa psychologischer, soziologischer, pädagogischer Sichtweisen abziele. Weitere Grundmotive Sozialer Diagnostik, z. B. Ressourcenorientierung und Lebensweltorientierung werden knapp angerissen. Abschließend werden konkrete Arbeitsfelder (Justizvollzug, Maßregelvollzug, Bewährungshilfe, Jugendhilfe, Suchtberatung) im Kontext einer „Gefährlichkeitsdiagnostik“ aufgegriffen, teilweise mit Fallbeispielen illustriert.

Der im Maßregelvollzug tätige Dipl. Psychologe Fritjof von Franqué beschreibt in seinem Beitrag ein „Prozessmodell der professionellen Urteilsbildung“ zur Einschätzung der Rückfallgefahr von Straftätern. Das aus dem angelsächsischen Raum stammende und breit publizierte Verfahren zielt auf eine mehrstufige Erfassung und Bewertung von Risikofaktoren und die Entwicklung möglicher, darauf aufbauender Rückfallszenarien. Auf Basis dieser Falleinschätzung werden Bedingungen und Maßnahmen für ein Risikomanagement entwickelt. Von Franqué bewertet das mehrstufige Vorgehen zur Risikoeinschätzung als geeignetes Mittel, die Vielzahl von Einzelaspekten die bei der Rückfalleinschätzung betrachtet werden müssen, zu beachten und strukturiert zu bewerten. Als Nachteile benennt er den damit verbundenen hohen Aufwand und die Notwendigkeit einer fachlichen Spezialisierung (was freilich für fast alle Instrumente zur Rückfalleinschätzung gilt), aber auch, dass die Methode ausschließlich auf Risikoaspekte fokussiert, mögliche Schutzfaktoren, welche die Rückfallgefahr verringern könnten, unberücksichtigt bleiben. Der Autor stellt abschließend aktuelle Beiträge zur Integration einer Ressourcenorientierung in der Rückfalleinschätzung von Straftätern vor.

Zum Abschluss des ersten Abschnitts stellen Niels Habermann und Bernd Borchard, beide tätig im Schweizer Strafvollzug „Diagnostik, Prognostik und milieutherapeutische Behandlung gefährlicher Straftäter im geschlossenen Strafvollzug in der Schweiz“ vor. Ihr Konzept basiert auf zentralen Bausteinen der Milieutherapie, wodurch eine selbstverantwortlichere Alltagsgestaltung, besserer Zugang zu Gefühlen und Konflikten und schließlich eine stärkere Selbstverantwortung erreicht werden sollen. Zur Messung der Behandlungseffekte kommt das von Urbaniok (2007) eingeführte „Forensische Operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluationssystem – FORTRES“ zum Einsatz, ein System zur standardisierten Erfassung und Dokumentation des Rückfallrisikos von Straftätern, der Behandelbarkeit und des Therapieverlaufs. Anhand von zwei Fallbeispielen werden grundlegende Aspekte der Diagnostik, Prognostik und der milieutherapeutischen Behandlung erläutert.

Zu B.

Sechs Einzelbeiträge fokussieren in Abschnitt B auf die mit dem Konstrukt „Psychopathy“ verbundenen Fragen der Genese des Störungsbildes, seiner Symptomatik und Diagnostik. Die Autoren der einzelnen Kapitel referieren jeweils die Entwicklungsgeschichte und den gegenwärtigen state of the art in Bezug auf das nordamerikanische Psychopathy-Konstrukt und seiner Bedeutung im deutschsprachigen Raum.

Denis Köhler und Günter Hinrichs fokussieren dabei auf psychopathische Eigenschaften und Persönlichkeitsanteile im Kindes- und Jugendalter. Sie warnen vor der Übernahme des Psychopathy-Konstrukts aus dem Bereich der Erwachsenenpsychiatrie für die Belange der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo auf der Grundlage entwicklungspsychologischer Ansätze von Persönlichkeitsstörung i. e. S. nicht gesprochen werden kann. Andererseits weisen die Autoren nach, dass einzelne Aspekte des Psychpathy-Modells, etwa unemotional-kaltherzige Persönlichkeitseigenschaften auch bei jugendlichen Patienten diagnostiziert werden können (und müssen) um sie einer frühzeitigen Therapie zuzuführen und um zutreffende Risikoeinschätzungen, etwa zur Identifizierung von Kriminalität und späteren Kriminalitätskarrieren, durchführen zu können.

Die diagnostischen Besonderheiten und die damit verbundene Verantwortung in der Diagnostik greifen Kathrin Sevecke und Maya Krischer in einem Beitrag „Psychopathy und die Komorbidität zu anderen psychiatrischen Störungen im Jugendalter“ auf. Sie stellen zunächst forschungsbasierte diagnostische Instrumente zur Erfassung psychopathischer Persönlichkeitsanteile bei Jugendlichen vor, bevor Aspekte der Komorbidität von Psychopathy, bzw. antisozialer Persönlichkeitsstörung und weiteren Störungen (Störung des Sozialverhaltens, ADHS, Substanzmissbrauch, selbstverletzendes Verhalten, traumabedingte Störungsbilder) aufgegriffen werden. Sie kritisieren, dass „Psychopathy“ als dimensionales Maß ein zu grobes Raster für die Erfassung kategorialer Aspekte der Persönlichkeit im Bereich der Jugendpsychiatrie darstellt, fordern gleichzeitig, dass Unterkategorien des Konstrukts, etwa Probleme der Emotionsverarbeitung und ihre Bedeutung für die Persönlichkeitspsychopathologie stärker erforscht und in der Diagnostik berücksichtigt werden müssen.

Auf die Bedeutung von Selbstbeurteilungsverfahren zur Diagnostik von Psychopathie geht Hedwig Eisenbarth (Uni Regensburg) ein. Derartige Diagnoseinstrumente sind mit dem Problem der Unehrlichkeit der Probanden behaftet. Die aktuell verfügbaren Selbstbeurteilungsinstrumente „Kieler Psychopathie Inventar (KPI-R)“ und „Psychopathic Personality Inventory (PPI-R)“ verfügen derzeit nicht über ausreichende Validitätsnachweise, so dass ein umfassender Einsatz derzeit noch von weiterer „aktiver Forschungstätigkeit, vor allem auch der Entwicklung von Alters- und vor allem Bildungsspezifischen Normen“ (192) abhängen dürfte.

Eine „umfassende Beurteilung der Psychopathy-Persönlichkeit“ mittels eines komplexen Interviewbogens (Comprehensive Assessment of Psychopathic Personality, CAPP) stellen Hanna Heinzen und Christian Huchzermeier in einem weiteren Beitrag vor. Der recht neue Ansatz des CAPP basiert im Gegensatz zu anderen Diagnoseinstrumenten nicht auf einem der klassischen Faktorenmodelle der Psychopathy, sondern fokussiert auf mehrere Persönlichkeitsbereiche (Kognition, Bindung, Emotion, Verhalten etc.), wodurch beschreibend das Vorliegen und das Ausmaß psychopathischer Persönlichkeitsanteile erhoben werden. Das Verfahren stützt sich auf einen Interviewleitfaden und einen Mitarbeiterbeurteilungsbogen. Umfassende Validitätsnachweise fehlen derzeit noch, erste Studien zeigen jedoch, dass gute bis sehr gute Gütekriterien erreicht werden können.

Zwei weitere Unterkapitel geben einen differenzierten Einblick in aktuelle Forschungsthemen im Bereich der Psychopatie-Diagnostik und beschließen den zweiten Abschnitt des Sammelbandes. Andreas Mokros (Uni Regensburg, Institut für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie) entwirft unter Bezugnahme auf den Ansatz der Probabilistischen Testtheorie des dänischen Statistikers Georg Rasch aus den 1960er Jahren die Idee einer Analyse zur Messungsinvarianz der in der Praxis breitflächig eingesetzten „Psychopathy-Cheklist“ (PCL-R) von Hare. Die Probabilistische Testtheorie untersucht, wie man aus zugrundeliegenden manifesten kategorialen Daten, z. B. den Antworten auf Testitems (trifft zu-trifft nicht zu), auf zugrunde liegende metrische (latente) Variablen, z. B. Persönlichkeitseigenschaften der Probanden, zurückschließen kann; "probabilistisch" leitet sich dabei aus der stochastischen Beziehung zwischen dem Antwortverhalten der Probanden und der latenten Variable ab.

Hanna Heinzen, Denis Köhler, Tom Smeets, Günther Hinrichs und Christian Huchzermeier berichten von einem Studienprojekt zur „Diagnostik von Emotions-Regulation bei Inhaftierten des Jugendstrafvollzugs mit psychopathischen Persönlichkeitsmerkmalen“. Ihre Studie an 104 inhaftierten Jugendlichen belegt den Zusammenhang zwischen Psychopathy-Persönlichkeitsmerkmalen und der Qualität von Emotions-Regulationsstrategien der Betroffenen.

Zu C.

Allgemeine Anforderungen an psychosoziale Diagnostik im Strafvollzug beschreibt Joachim Obergfell-Fuchs in seinem Eingangsartikel zum dritten Abschnitt des Bandes, der praktische Fragen in Diagnostik und Intervention in Jugendstrafvollzug und Strafvollzug aufgreift. Der Autor beschreibt eine grundlegende Uneinheitlichkeit der psychosozialen Diagnostik in den deutschen Justizvollzugsanstalten, die sich auf die Eingangsdiagnostik (und damit auf die Behandlungsplanung) und auf die Frage der Kriminalprognostik (und damit auf die Sicherheit der Bevölkerung) bezieht. Als Arbeitsinstrumente schlägt Obergfell-Fuchs eine Reihe von Qualitätsstandards bei Eingangs- und Verlaufsdiagnose, sowie bei prognostischen Fragestellungen vor, u. a. eine „Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse – MIVEA“, welche bereits in einigen Justizvollzugsanstalten etabliert sein dürfte.

Den speziellen Bereich der Eingangsdiagnostik im Jugendstrafvollzug beleuchten Sandra Kuska und Denis Köhler. Der Beitrag gründet auf einer 2007 von Kuska verfassten Diplomarbeit im Fach Psychologie, erfasst die vorrangig im Jugendstrafvollzug auftretenden Störungsbilder (Depression, ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Substanzmissbrauch, Persönlichkeitsstörung, Intelligenzminderung) und präsentiert ein breites diagnostisches Instrumentarium zur Erfassung eben dieser Störungen. Das vorgeschlagene Vorgehen zur Eingangsdiagnostik wurde anhand einer repräsentativen Stichprobe überprüft, so dass erste Hinweise für eine Praxistauglichkeit vorliegen.

Christian Huchzermeier und Hanna Heinzen befassen sich in einem weiteren praxisbezogenen Kapitel mit der Frage der Notwendigkeit psychiatrisch-psychologischer Diagnostik im Justizvollzug. Die Autoren beschreiben, dass im Strafvollzug die Zunahme von Gefangenen mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen zu verzeichnen ist. Zudem haben umfangreiche Gesetzesänderungen einen Behandlungsauftrag mit den Mitteln des Strafvollzugs, z. B. in Sozialtherapeutischen Anstalten erbracht. Spätestens durch diese Entwicklung ergab sich die Notwendigkeit einer fachlich-professionellen Beschreibung psychischer Störungen, bzw. zugrundeliegender Problembelastungen, in deren Kontext delinquentes Verhalten aufgetreten ist. Die Autoren geben einen Überblick über die im kriminaltherapeutischen Bereich vertretenen und üblichen Diagnoseinstrumente zur Störungserfassung und Kriminalprognostik, auf deren Grundlage Vorschläge einer modifizierten Psychotherapie erarbeitet werden. Als Eckpunkte einer solchen Kriminaltherapie werden die Entwicklung von Behandlungsmotivation, die Fokussierung auf Risikomerkmale und kriminogene Faktoren und der Einsatz strukturierter, eher verhaltenstherapeutisch orientierter Therapieverfahren, sowie die Erfassung von Behandlungsergebnissen durch konsequente Therapieevaluation genannt.

Ein abschließender Beitrag von Denis Köhler, Matthias Bauchowitz, Silvia Müller und Günter Hinrichs spannt den Bogen von der forensischen Diagnostik zur Intervention im Jugendstrafvollzug anhand eines Praxisbeispiels aus der Jugendanstalt Schleswig/Teilanstalt Neumünster. Das dortige Behandlungskonzept gründet auf einer seit 20 Jahren bestehenden Kooperation zwischen einer Jugendstrafanstalt und einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein in Deutschland einmaliges, beispielhaftes Projekt. Die u. a. im Rahmen dieser Kooperation entwickelte psychotherapeutische Arbeit fußt auf einem multimodalen Therapiekonzept mit vorwiegend kognitiv-behavioralen, psychodynamischen und systemischen Interventionen. Basisansatz ist eine konsequent deliktorientierte Arbeitsweise mit Fokussierung auf rückfallpräventive Maßnahmen.

Zielgruppe

Der Sammelband richtet sich an alle psychologischen, pädagogischen und psychiatrischen Fachkräfte und Wissenschaftler die mit Fragen forensischer Diagnostik und Behandlungsplanung beschäftigt sind. Die Einzelbeiträge differieren stark hinsichtlich wissenschaftlicher Tiefe und Abstraktion, so dass einzelne Kapitel für Berufseinsteiger ungeeignet sein dürften. Als Arbeitsbuch für StudentInnen der neuen Vertiefungsstudiengänge im forensisch-psychiatrischen/kriminaltherapeutischen Bereich wird der Band unverzichtbar sein.

Diskussion

Der von Denis Köhler herausgegebene Sammelband vereint teils bekannte, teils neuere Aspekte der Diagnostik und Behandlungsplanung im Arbeitsfeld der Täterbehandlung. Neu ist die Zusammenstellung der unterschiedlichen Ansätze und die Herstellung eines Kontextes „Forensische Sozialwissenschaften“; das Buch erscheint als Band 1 einer „Schriftenreihe Forensische Sozialwissenschaften“ im Umfeld eines gleichnamigen Studiengangs an der SRH Hochschule Heidelberg. Der Hauptschwerpunkt der Einzelbeiträge befasst sich mit der psychologischen Perspektive in diesem Arbeitsfeld. Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem möglichen Beitrag der Sozialen Arbeit zur Diagnostik in diesem Kontext. Die Autorin Eva Stoll fokussiert dabei vorrangig auf die Netzwerkfähigkeit und das multiperspektivische Grundkonzept der Profession, vergibt aber die Chance eine stärkere Ressourcenorientierung in der Diagnostik von Straftätern einzufordern und zu entwickeln. Genau hier läge aber (auch) eine Basiskompetenz der Sozialen Arbeit begründet. Weitere zentrale Aspekte wie Lebensweltorientierung, Umgang mit Selbstdeutungsmustern der Patienten etc. werden kurz angerissen und bedürfen einer weiteren Ausformulierung, etwa in weiteren Bänden der ambitionierten Fachbuchreihe. Im ersten Band der Schriftenreihe vermisse ich Beiträge aus dem ambulanten Bereich der Täterarbeit (Bewährungshilfe, Fachambulanzen, Forensische Nachsorgeambulanzen). Dieser Arbeitsbereich hat in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung durchlaufen, mit teilweise neuen Arbeitsansätzen und Methoden, auch im diagnostischen Bereich (z. B. Netzwerkdiagnose). Die Darstellung dieser neuen Entwicklung findet in der vorliegenden Publikation kaum Erwähnung; wünschenswert wäre auch hier die Aufnahme der Thematik in künftigen Bänden der Reihe.

Die in den letzten Jahren verstreut publizierten Ansätze in Diagnostik und Behandlung straffälligen Verhaltens werden hier zusammengeführt und einer gemeinsamen Betrachtung unter dem Oberbegriff einer psycho-sozialen Therapie zugeführt. In den Abschnitten B und C kommt es dabei zu deutlichen Redundanzen. Die Autoren der Einzelbeiträge beschäftigen sich jeweils –mehr oder weniger intensiv- mit den vorherrschenden diagnostischen und kategorialen Aspekten des Psychopathy-Konstrukts und stellen dessen Hauptvertreter dar. Ein zusammenführendes Einleitungskapitel, auf dessen Grundlage weitergehende Überlegungen, etwa zur Anwendung im Bereich der Jugendpsychiatrie, unterschiedliche diagnostische Erweiterungsansätze und Fragen der Besonderheiten bei der Übertragung des nordamerikanischen Psychopathy-Konstrukts in Deutschland ergäben, hätte hier für mehr Übersichtlichkeit gesorgt. In den Darstellungen zu Behandlungsstrategien wurden insbesondere stark strukturierte, standardisierte Verfahren aufgegriffen; dies entspricht dem kriminalwissenschaftlichen mainstream. Hinweise auf Verfahren die eine stärkere Fokussierung des Einzelfalls unter Bindungsaspekten aufgreifen, auch der Bereich der traumaorientierten Therapie, bleiben unterrepräsentiert.

Fazit

Der Sammelband gibt einen spannenden Einblick in die aktuellen Forschungsströmungen und –projekte, sowie ausgewählte Behandlungsansätze in der Arbeit mit strafffälligen Menschen.

Die in der Praxis weiter anstehende Notwendigkeit verlässliche diagnostische Methoden und Verfahren umzusetzen und dabei neuere forschungsbasierte Ansätze zu berücksichtigen wird durch diese Publikation nicht nur unterstütz, sondern erfährt einen deutlichen Input, der über die mittlerweile umfangreich vorliegenden Standardlehr- und Handbücher hinausgeht. Als Arbeitsbuch für StudentInnen der neuen Vertiefungsstudiengänge im forensisch-psychiatrischen und kriminaltherapeutischen Bereich wird der Band unverzichtbar sein.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 21.12.2010 zu: Denis Köhler (Hrsg.): Neue Entwicklungen der forensischen Diagnostik in Psychologie, Psychiatrie und Sozialer Arbeit. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-86676-127-8. SRH Hochschule Heidelberg - Schriftenreihe Forensische Sozialwissenschaften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10149.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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