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Barbara Ehrenreich: Smile or Die

Cover Barbara Ehrenreich: Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2010. 253 Seiten. ISBN 978-3-88897-682-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Autorin und Buch

Barbara Ehrenreich, Jahrgang 1941, ist studierte Naturwissenschaftlerin und eine der bedeutendsten US-amerikanischen Journalistinnen und Sachbuchautorinnen. Bekannt wurde sie in Deutschland mit den Büchern „Angst vor dem Absturz“, 1994, und „Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft“, 2001 (vgl. die Rezension). Vgl. auch die Rezension zur Veröffentlichung "A History of Collective Joy".

Das Buch „Smile or Die“ besitzt einen bibliografischen Apparat von ca. 300 Titeln. Es ist also mehr als ein Feuilleton, aber eine wissenschaftliche Abhandlung ist es nicht. Vielleicht vergleicht man es am besten mit Richard Sennets „Der flexible Mensch“ (1998). Leider hat es nicht den Esprit von Sennet und ist stilistisch allzu monoton.

Das Gute am Krebs

Kann einem Besseres im Leben widerfahren, als arbeitslos zu werden, kaum mehr Geld in der Tasche zu haben und an Krebs zu erkranken? Nein, wird der Anhänger des positiven Denkens sagen, schönere Herausforderungen lassen sich in eines Menschen Leben gar nicht denken! Nur ein mutloser Deutscher wird die jämmerliche Frage stellen: Warum gerade ich? Der US-Amerikaner reagiert anders. Der Arbeitslose fühlt sich nun frei, „neue Karrierechancen“ (S. 137) in Angriff zu nehmen und Ratgeber-Büchern zu folgen, die Titel wie diesen tragen: „Entlassen! – Das Beste, was mir passieren konnte“ (S. 206). Der Krebskranke wird „den Krebs begrüßen“ (S. 37) und als „Geschenk“ (S. 39) annehmen. Eine „Überlebende“ (die „Opfer“ verschweigt das positive Denken) wird mit den Worten zitiert, dass sie, wenn sie noch einmal von vorne anfangen müsste, sich die Krankheit geradezu wünschen würde, denn „der Brustkrebs hat mich feinfühliger und überlegter“ gemacht, so dass „ich heute weit glücklicher (bin) als zuvor“. (S. 37)

Positives Denken versetzt Berge

Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen und mit einem durch nichts einzutrübenden sonnigen Gemüt behandeln, denn: „Lachen macht gesund“. (S. 44) Jeder ist seines Glückes Schmied. So wie du allein und niemand anderes sonst für deine Krankheit (oder deine Entlassung) verantwortlich bist, so stehst du allein auch für deine Gesundung (und einen neuen Job) gerade. Verbanne alle negativen Gedanken, hüte dich vor Schuldzuweisungen an andere oder gar „die Verhältnisse“, meide den Umgang mit Kritikern und anderen Misanthropen, sei einfach optimistisch, dann schaffst du es!

Angehende Verkäufer von Lebensversicherungen werden beim Training für den Beruf dazu angehalten gemeinsam zu singen und dabei die Siegerfaust gen Himmel zu recken: „Ich fühle mich gesund, ich bin glücklich, ich fühle mich großartig.“ (S. 122) Viel wirksamer als alle Fachkunde, so wird ihnen eingetrichtert, sei für den Verkauf von Policen „die Kraft des positiven Denkens.“ (S. 122) Selbst Restaurants machen vor dem grassierenden „Positive Thinking“ nicht halt und nennen sich zum Beispiel „Positive Pizza and Pasta Place“ (S. 224) – Das alles ist für den intellektuell angekränkelten deutschen Leser natürlich starker Tobak. Das Wort „Optimismus“ ist in diesen Kreisen seit langem schon nur ein anderes Wort für „Bildungslücke“.

Opium fürs Volk

In den USA, sagt Barbara Ehrenreich, ist an die Stelle der von Karl Marx kritisierten Religion der besinnungslose Optimismus getreten: „Optimismus ist Opium fürs Volk“. (S. 231) Das Buch geißelt die „Tyrannei des positiven Denkens“ (S. 54) als Ausdruck einer Ideologie, „die uns auffordert, die Realität zu leugnen, uns fröhlich in unser Unglück zu fügen und nur uns selbst für unser Schicksal verantwortlich zu machen.“ (S. 55)

Warum machen so viele Amerikaner mit? Ist es ein Erbe der Gründerväter? Ist es die calvinistische Neigung zur Selbstgeißelung (vgl. S. 88ff), die hier ihren spätkapitalistischen Ausdruck findet? Oder darf man es sich einfacher machen: Zwei Drittel des Weltmarktes für Antidepressiva entfallen auf die USA. Viele Amerikaner stehen also beständig unter dem Einfluss von Happy Pills. (vgl. S. 11)

Fazit

„Lächeln Sie!“ „Denken Sie ‚Ja‘!“ „Lernen Sie, im ‚Ja‘ zu leben!“ (vgl. S. 61ff) Die geistigen und mentalen Verheerungen des fassadären Optimismus und des Negativitätsverbots werden in dem Buch rücksichtslos enttarnt, angefangen mit dem Pionier des positiven Denkens, Dale Carnegie (1936), bis hin zu den geschäftstüchtigen Scharlatanen des zeitgenössischen Coaching- und Motivationsgewerbes, die Ehrenreich schlicht „Folterknechte“ (S. 121) nennt. – Eine schonungslose Abrechnung mit der Bewusstseinsindustrie!


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 15.11.2010 zu: Barbara Ehrenreich: Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2010. ISBN 978-3-88897-682-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10151.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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