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Chris Paul: Schuld - Macht - Sinn (Trauerprozess)

Cover Chris Paul: Schuld - Macht - Sinn. Arbeitsbuch für die Begleitung von Schuldfragen im Trauerprozess. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-579-06833-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Autorin

Chris Paul, (geb. 1962), war nach einem Studium der evangelischen Theologie, Germanistik und Musikwissenschaften im Verlagswesen, in der Organisation von Ausstellungen und als Autorin tätig. Seit Beginn der 90er Jahre bot sie Seminare und Gruppen in Trauerbegleitung an, und ist nach verschiedenen Weiterbildungen, darunter auch einem Studium in Psychologie und Sozialen Verhaltenswissenschaft (Abschluss B.A.), seit 1998 in freier Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie, sowie in den Arbeitsfeldern Trauerbegleitung und Aus- und Fortbildung in Trauerbegleitung tätig. Sie leitet ab 2002 das Trauerinstitut Deutschland, eine Einrichtung zur Weiterbildung in Trauerbegleitung.

Thema

Nach Todesfällen mit verschiedenen Todesursachen drängen sich den Angehörigen oft Fragen nach Schuld und Verantwortung für den Tod auf. Unabweisbare Gedanken mit Schuldzuweisungen an sich selbst und andere erschweren den Trauernden ihre Situation. Wie ein solcher Vorwurf entstehen kann, welche Auswirkung er auf die Trauernden hat, welche positive Funktion er haben kann, wozu er oft so lange aufrechterhalten wird: Dies wird in diesem Buch beleuchtet – und wie Trauernde und sie Begleitende mit den Schuldvorwürfen umgehen können.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2002 wandte sich die Autorin bei einem Vortrag im Rahmen einer Tagung des Angehörigenverbandes „Angehörige um Suizid e.V.“- erstmals der Frage zu: „Welchen Sinn und welche Funktion können Schuldgefühle in eine Trauerprozess haben?“ Sie ging damals von zwei Annahmen aus:

  1. Alles Verhalten, Denken und Fühlen erfüllt in irgend einer Weise einen Sinn und übernehme eine Funktion im Leben.
  2. Schuldgefühle sind nur in Trauerprozessen nach einem Suizid von Bedeutung; für andere Trauernde sind sie nicht relevant.

Nach verschieden Erfahrungen mit Teilnehmenden in Fortbildungskontexten von Palliative Care und Trauma-Arbeit revidierte sie die zweite der beiden Annahmen.

Die praktische Bedeutung der Zusammenhänge der Themen „Schuld“, „Trauer“ und „Trauma“ bestätigte sich zunehmend in der praktischen Arbeit in verschiedenen Weiterbildungsgängen. 2005 stellte Paul ein Konzept zu diesem Zusammenhang auf der „International Conference on Grieve and Bereavement on Contemporary Society“ in London vor und diskutierte es mit den Teilnehmenden. Das vorliegende Buch entstand vor dem Hintergrund von Dialogprozessen mit Teilnehmenden von Fortbildungen und Fachkolleginnen und -kollegen.

Aufbau

Die Abschnitte 1-4 bieten einen Aufriss der Mechanismen von Schuldzusammenhängen, 5-7 gehen auf praktische Möglichkeiten in der Trauerbegleitung ein, 8-10 auf spezielle Trauerthemen (Suizid, Kinder, Hospiz und Palliative Care).

1. Schuld als Deutungsmuster verstehen

1.1 Die Vorstellung von der realen Schuld. Paul erinnert an eine oft wahrzunehmende Grundannahme: „Schuld existiert tatsächlich.“ Die näheren Zusammenhänge, denen man begegnet, werden weniger einhellig beschrieben. Und „wirkliche“ Schuld wird unterschieden von „eingebildeter“, von „nur gefühlter“, „irrealer“ Schuld. So führt sie Worden an, der schreibt, dass Schuldgefühle weitgehend irrational seien, dass sie sich durch eine Realitätsprüfung entkräften lassen, daneben es auch eine wirkliche Schuldhaftigkeit, der schwerer beizukommen ist. Ebenso Hirsch, nach dem Schuld nicht ungeschehen zu machen und nicht aufhebbar ist, dagegen irrationale, neurotische Schuldgefühle in ihrem Sinn verstanden werden können, unbewusste Motive reflektiert und aufgegeben werden können und das Schuldgefühl wegfällt.

1.2 Grundhaltung für die Begleitung. Die Autorin empfiehlt als Basis für eine Begleitung eine grundsätzliche Einstellung den Trauernden gegenüber einzunehmen und weiterzuentwickeln. Sie benennnt drei Komponenten:

  1. Innehalten – Es geht darum dem Impuls zu widerstehen, gleich zu reagieren, Es ist zunächst weder Nachdenken, noch Hinterfragen nötig, kein (Mit-)anklagen, kein (Mit-)verteidigen, auch dann, wenn wir sicher sind, dass die Schuldthematik völlig unangebracht ist. Alles soll etwas langsamer angegangen werden, und auf eigene Meinungen und Urteile ist vorerst zu verzichten.
  2. Abstand halten – hierbei geht es darum sich einer jeden Wertung zu enthalten, auch in dem Sinn, dass jemand eine Schuld auszureden versucht wird. Auch das wäre eine Wertung, und eine Anmaßung, darüber zu entscheiden, was Schuld und Unschuld ist. Bedingungslose Konzentration auf die individuelle Geschichte des Gesprächspartners ist gefragt.
  3. Aushalten – wenn von Schuld gesprochen wird, ist das mit Schmerz, mit Hilflosigkeit und Chaos verbunden, und all das ist auszuhalten

An späteren Stellen des Buches kommt Paul öfter auf sie zurück und stellt jeweils praktische Impulse zur Selbstreflexion für einen Trauernden Begleitenden, wie für die Gestaltung des Prozesses zur Verfügung, jeweils an den dafür relevanten Stellen des Buches. Auffällig ist, dass sie Gegenpositionen zu einen oft anzutreffenden Helferverhalten darstellen, das sich an „Etwas-Tun-Wollen“, „Nahe-Sein-Wollen“, „Etwas-Machen-Wollen“ orientiert.

1.3 Die Vorstellung Schuld sei ein Gefühl. Worden und Hirsch verwenden den Begriff des „Schuldgefühls“, um zwischen eingebildeten und realen Schuldanteilen abgrenzen zu können. Das Verstehen von Schuld als Gefühl legt die Annahme nahe, es handle sich dabei um etwas Irrationales, das durch rationale Überlegungen beeinflussbar ist,und so auch verkleinert oder ganz zum Verschwinden gebracht werden kann.

1.4 Schuld und Gefühl. Paul beleuchtet die Frage, was ein Gefühl ist und wie es zustande kommt, und setzt Gefühle, speziell die Gefühle von Schuld in Beziehung mit den Funktionen und Möglichkeiten von drei verschiedenen Regionen des menschlichen Gehirns:

  • Emotionen. Hülshoff definiert Emotionen als „körperlich.seelische Reaktionen, durch die ein Umweltereignis aufgenommen, verarbeitet, klassifiziert und interpretiert wird,“ also ein Zusammenspielen von sinnlichen Wahrnehmungen, kognitiver Verarbeitung und körperlichem Ausdruck. Dabei sind sogenannte Grundemotionen bei jedem Menschen vorhanden (Angst, Aggression, Ekel und Freude), andere Emotionen bzw. Gefühle differenzieren sich erst im Laufe des Älterwerdens aus, auch beeinflusst von Erziehung (z.B. Scham und Schuld). Bei diesen „kongnitiv-affektiven Konstrukten“ (Hülshoff) ist die Großhirnrinde aktiv beteiligt.
  • Das „Reptilienhirn“ – mit der Funktion, für das Überleben zu Sorgen. Das entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Gehirns, das Stammhirn, in der Literatur auch als Reptilienhirn benannt, steuert alle lebenswichtigen Funktionen. Die Reaktionen dieses Gehirnteils erfolgen reflexartig, ohne zeitliche Verzögerung, wie etwa die Impulse zu Flucht und Aggression in gefährlichen Situationen. In der Ebene des Stammhirns ist Schuld nicht notwendig zum überleben, und es gibt keine Hinweise, dass Tiere, die auch über diesen Gehirnteil verfügen (Echsen, Reptilien, Schildkröten) so etwas wie Schuldgefühle empfinden.
  • Das Limbische System – mit der Funktion, Gefühle im Körper auszudrücken. In einem entwicklungsgeschichtlich jüngeren Teil des Gehirns, das auch bei höheren Säugetieren existiert, wird das Empfinden grundlegender Emotionen (Wut, Angst, Lust) organisiert, ebenso deren Ausdruck in Mimik und Gestik. Hier wird für grundlegende kommunikative Abläufe gesorgt, wie Unterwerfungs- und Demutsgesten, ein erstes Lernen, Erinnern und Kommunizieren wird möglich, ebenso nonverbale Kommunikation. Auf Schuldgefühle hinweisende Körperreaktionen, die beim Menschen sich zeigen, sind eine Mischung aus Reaktionen, die durch Scham, Unterwerfung und Stress ausgelöst werden. Eine eindeutiger körperlicher Ausdruck von Schuld ist nicht zuordenbar.
  • Das Limbische System – mit der Funktion des Lernens. In der hier örtlich zugewiesenen Fähigkeit zum Erinnern und zum Lernen kann eine zentrale Voraussetzung zum Entwickeln von Schuldsystemen gesehen werden. Die vielen kleinen und großen, ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln werden gelernt, eingehalten, durch „Belohnung“ und „Strafe“ stabilisiert. Bei vielen Regeln haben wir die Kontrolle internalisiert. Ein „schlechtes Gewissen“ sorgt für „Schuldgefühle“ auch dann wenn man selbst nur ganz allein vom eigenen regelwidrigen Verhalten weiß. Auch erlebte tiefe Empfindungen in diesem Zusammenhang sind Folge von Denken und Erinnern.
  • Großhirnrinde – Bewusstsein. Im Großhirn, dem entwicklungsgeschichtlich jüngsten Teil des Gehirns, auch bei als lernfähig bekannten Säugetieren vorhanden (Delfinen, Elefanten, Menschenaffen) geht es um das Ermöglichen von sprachlicher Kommunikation, abstraktem Denken, Bewusstsein und sozialer Kompetenz, Reflektieren von dem, was gedacht und gefühlt wird. Zum Thema Schuld bedeutet dies, dass Schuldgefühle keine unmittelbaren Wahrnehmungen sind, dass Leistungen des Verstandes notwendig sind, um Schuldzusammenhänge herzustellen, Schuldkonstrukte zu aktivieren. Körperliches Empfinden sind Folge, nicht Ursache für die quälenden Schuldgedanken. Paul verweist auch darauf, dass strafrechtlich jemand, der nicht, bzw. zu wenig denken kann, deshalb als schuldunfähig, bzw. vermindert schuldfähig angesehen wird. Schuld ist kein Gefühl, das in direktem Widerspruch zu rationalem Denken gesehen werden kann. „Schuldgefühle“ sind also eher Schuldgedanken, die Gefühle und Körperreaktionen auslösen.

2. Schuld als Mechanismus verstehen

Das Verstehen von Schuld wird in drei verschiedenen Aspekten gezeigt.

  1. Die Sichtweise „Schuld als Konstrukt“ stellt das Ruhende und Statische der Situation in den Vordergrund.
  2. Der Aspekt der Aktivität und der ständigen Wiederholung findet sich in der Sichtweise „Schuld als Mechanismus“.
  3. Als dritter Aspekt wird der „Schuldzusammenhang“ genannt, der zwischen den beiden anderen Aspekten angesiedelt wird: Der Zusammenhang aktiviert die das bereitstehende Konstrukt und setzt den Mechanismus in Gang; er aktiviert das, was als Konstrukt bzw. Mechanismus bereitsteht.

2.1 Schuldkonstruktion

Jeder verfügt über seine individuelle Form einer solchen Konstruktion, die jeweils aus zwei Teilen besteht, zum Einen den verinnerlichten Regeln und zum Anderen den potentiellen Strafmaßnamen für Übertretungen dieser Regeln: Verinnerlichte Regelwerke – wie sie zustande kommen. Teile von Regeln, Gesetzen, Glaubenssätzen und Überzeugungen, die den Menschen in Herkunftsfamilie und anderen prägenden sozialen Systemen in frühen Lebensabschnitten vermittelt wurden, werden ergänzt mit Teilen, die uns über Medien aller Art vermittelt wurden. Schließlich wird all das, was wir gelernt haben, von uns verinnerlicht und von uns selbst für gültig erklärt. Einfluss haben hier auch besonders positive und negative Lebenserfahrungen auf das, was wir schließlich als „recht und gerecht“ empfinden. Potentielle Strafmaßnahmen. Je nach individueller Konstruktion sieht ein Mensch für andere bei Überschreiten von Regeln ab einem individuell festliegenden Grad Maßnahmen vor, die sich je nach dem stärker oder schwächer, kürzer oder länger auf die Gestaltung der sozialen Beziehung auswirken. Ebenso sieht das individuelle Schuldkonstrukt für den Menschen sich selbst gegenüber ebenfalls Sanktionen vor, z.B. die Sicht, dass Glück eine Belohnung darstellt, Unglück eine Strafe. Schuldzusammenhänge. Das Regelsystem der individuellen Schuldkonstruktion verfügt auch über Reaktionen auf Verstöße gegen diese Regeln, egal ob dies durch andere oder einen selbst geschieht. Es ist dabei sowohl eine Grenze des Tolerierbaren festgelegt, wie die Art der Reaktion. Die Art des Regelsystems, die Toleranzgrenze und die Reaktionsformen sind unter den Menschen individuell, Übereinstimmung nicht selbstverständlich, und unter Umständen es es nötig diese Unterschiede zu kommunizieren.

2.2 Schuld als Mechanismus

  • „Strafe muss sein“. Das Prinzip „Verantwortung“ unterscheidet sich vom Prinzip „Schuld“ : Wenn jemand für ein Ereignis „verantwortlich“ ist, muss er „die Folgen tragen“. Wenn jemand an etwas „schuldig“ ist, dann muss er über die Folgen hinaus auch noch eine Bestrafung akzeptieren
  • Ausgleichskonten – Durch einen aktivierten Schuldmechanismus werden Aktivitäten ausgelöst, die anderen Strafe zumessen, bzw. sich selbst Buße zumessen um die „Wage der Gerechtigkeit“ wieder ins Lot zu bringen. Die Modelle der Vergeltung „Gleiches mit Gleichem“, Schlechtes mit Schlechtem“ und das der auferlegten Wiedergutmachung werden beschrieben und auf die Situation Trauernder umgesetzt: Rachephantasien, Beziehungsabbruch und -einschränkung, die Abwertung von anderen, auch in öffentlicher Weise, Entzug von positiven Vorteilen, wie auch bewusste und unbewusste Formen der Selbstbestrafung und -vernachlässigung finden so ihren logischen Sinn.
  • Vagabundierende Schuld“ - Dieser Begriff schildert ein Phänomen, das bei Schuldvorwürfen, Schuldzusammenhängen und Schuldmechanismen auftritt: Sie wechseln die Richtung, bleiben nicht stabil, richten sich manchmal gegen eine, dann wieder gegen eine andere Person. Jeder kann dann jede Rolle einnehmen: Ankläger gegen alle anderen, auch gegen den Verstorbenen, auch gegen sich selbst, Beschuldigter durch jemand anderen, Opfer aller anderen, Täter, der den Tod mit verursacht hat, Richter, der die Urteile spricht und die Strafen zuteilt. Innerhalb einer Gruppe kann das von allen gegen alle gerichtet sein, und auch von jedem gegen sich selbst möglich. Beratende benötigen in diesen Situationen ein besonderes Maß an innerer Stabilität und gut ausgeprägte Kritikfähigkeit, um wenigstens im Setting der Beratung die Situation frei von Schuldzuweisungen zu halten.

3. Normative und instrumentelle Schuldzuweisungen

Chris Paul geht hier auf Auslöser ein, die Schuldkonstrukte aktivierten, und Handlungen von Buße, Strafe, Rache und Wiedergutmachung auslösen. Sie unterscheidet zwei Formen:

3.1 Normative Schuldzuweisungen

Sie beziehen sich auf den Bruch einer Norm, also einer Regel oder eines Gesetzes beziehen.

Regeln – als Voraussetzung einer Schuldzuweisung – sind gelernt.Sie helfen uns im Leben zurecht zu kommen, und sind Grundlage dafür urteilen zu können, und wir werden nach ihnen beurteilt. Sie gelten für einen bestimmten Raum, eine bestimmte Zeit, wirken in diesem Rahmen ewig gültig, nicht veränderbar – und sie ändern sich ständig, außerhalb dieses Rahmens. Sie sind Voraussetzungen für Schuldmechanismen. Sie werden durch verschiedene Mechanismen gelernt, an Modellen, durch Einsicht oder durch Strafe und Belohnung.

Unter den kollektiven Regeln finden sich solche aus dem religiösen und philosophischen Bereich, es gibt Gesetze von Staaten (und seiner Untereinheiten), Regeln aus Brauchtum, Tradition und dem, was als Anstandsregeln bezeichnet wird, ebenso kollektive Regeln, die innerhalb von Gruppen und Familien gelten.

Aus den kollektiven Regeln bildet jeder Mensch sein eigenes individuelles Regelwerk. Bewusst werden solche Regeln oft erst, wenn es nicht möglich wird, sie einzuhalten – wie etwa die empfundene Regel, dass Eltern vor ihren Kindern sterben.

Die internalisierten individuellen Regelwerken haben massiven Einfluss auf Schuldzuweisungen, die ein Mensch an andere und an sich selbst richtet. Ein Verstehen dieser Zusammenhänge im Prozess der Begleitung ist Voraussetzung für eine mögliche wirkliche Entlastung Trauernder.

3.2 Instrumentelle Schuldzuweisungen – ein größerer Teil der in Zusammenhang mit Trauer vorgebrachten Vorwürfe – sind ein meist unbewusst eingesetztes Instrument zur Bewältigung einer Situation. Paul nennt dabei mehrere Varianten:

Erklärungszusammenhänge – Erlebte existenzielle Unsicherheit, Verwirrung und Ratlosigkeit, besonders angesichts von nicht erklärbaren Verlusten, wie etwa dem Tod eines Kindes, Partners oder Geschwisters, ist eigentlich nicht zu ertragen. Durch einen unbewusst eingesetzten konstruierten Schuldzusammenhang kann Übersicht und Ordnung in die chaotische Situation gebracht werden.

Herstellung und Definition von Verbindung – Schuldzusammenhänge sind in der Lage Beziehungen (erneut) herzustellen, aufrechtzuerhalten, den Wunsch nach Nähe auszudrücken und auch die Beziehung der Beteiligten (neu) zu definieren – in die Rollen Opfer, Täter, Richter, u,a. Schuldvorwürfe (gegen sich selbst, gegen jemand anderen und durch jemand anderen) können zu einer starken gefühlsmäßigen und emotionalen Beschäftigung mit jemand anderen führen, und können so – unbewusst – Nähe und Verbundenheit, herstellen, auch über den Tod hinaus.

Bindungsfaktor über den Tod hinaus – Schuldzusammenhänge können den nicht bewussten, geheimen Nutzen für den Trauernden haben, eine innere Verbindung – im Erleben möglicherweise die letzte - zum Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Dabei entsteht ein sich selbst stabilisierender Teufelskreis, der um den Preis von einseitig ausschließlich auf Negatives ausgerichteten Erinnerungen und der massiven Abwertung der Beziehung (und dabei auch mindestens einer der beteiligten Personen) die innere Verbundenheit aufrechterhält. Voraussetzung für eine Veränderung ist das Verstehen und Akzeptieren des Bedürfnisses nach Aufrechterhaltung der inneren Bindung und ein Freilegen positiver Bindungsfaktoren. Wenn die Nähe zum Verstorbenen auch unabhängig vom Schuldmechanismus erlebt werden kann, verliert der Teufelskreis seine Notwendigkeit.

Sich selbst Schuld zuweisen als Ermächtigung – Das Erleben von Ausgeliefert-Sein und Ohnmacht löst Panik und Abwehr aus. Die Betroffenen können sich nicht wehren, weder gegen Schicksalsschläge noch gegen körperliche Gewalt. Sie erleiden körperliche und seelische Verletzungen. Um die Wirkung des Erlebens des Ausgeliefert-Seins zu begrenzen (zumindest im Bereich von Deutung und Erinnerung), machen sich die äußerlich betrachtet als Opfer wirkenden Menschen innerlich zu handelnden, verursachenden Tätern. Das Schuldig sein wird weniger schlimm erlebt als das Ausgeliefert-Sein. Dieser Mechanismus wird beobachtet bei Menschen, die als Kind oder Erwachsener körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalterfahren haben, ebenso aber auch bei Angehörigen oder Hinterbliebenen nach plötzlichem Tod oder langem unaufhaltsamen Sterben. Die Schuldvorwürde dienen hier als Mechanismus, der das Überleben von Menschen sichert, die sich in ihrem Leben und ihrer Identität bedroht sehen. Hier helfen nur bedingungsloser Respekt, Geduld und Freiräume, die die Betroffenen mit eigenen Entscheidungen füllen können. Wenn – vielleicht auch nur in sehr kleinem Maß - Handlungsmöglichkeit erlebt werden, kann das Ausgeliefert-Sein (auf anderem Gebiet) ertragen werden.

Schuldvorwürfe als Ventil oder Platzhalter – In akuten Not- und Überlastungssituationen (z.B. Entgegennehmen einer Todesnachricht, Erleben von Tod nach langer erschöpfender Krankheit) können Schuldzuweisungen als Ventil dienen für Erschütterung, Abwehr und Nicht-Wahr-Haben-Können. Sie können sich gegen jeden beliebigen richten, sich schnell aufbauen und ebenso schnell wieder aufhören. Ebenso können sie langfristig als Platzhalter für andere Gefühle, Gedanken und drängende Probleme dienen, denen sich der Trauernde nicht stellen kann. Auch hier ist mit erheblichem Leidensdruck zu rechnen,

Ein Lebensmuster – Viele Menschen sehen ihr Leben nur unter dem Aspekt Schuld und organisieren alle Erlebnisse, selbst die kleinsten, um dieses Leitmuster herum. Das Mühen um Ausgleich bleibt erfolglos, Verbitterung und mangelnder Selbstwert stabilisieren das Grundmuster der eigenen Schlechtigkeit. Trauerbegleitung kann solche Muster nicht auflösen, auch lange und wirksame Therapie kann es nur in einzelnen Teilen, Begleitende sind sehr mit ihrer eigenen Hilflosigkeit konfrontiert.

4. Macht und Sinn in Trauerprozessen

4.1 Das Aufgabenmodell des Trauerprozesses nach Worden

Die Autorin greift das Modell des Trauerprozesses von William Worden (1986) auf , das sich an vier Aufgaben orientiert, die sich Trauernden stellenden:

  • Die Wirklichkeit des Todes und Verlustes begreifen
  • Trauerschmerz und die Vielfalt der Gefühle durchleben
  • Sich an veränderte Umwelt anpassen
  • Den Verstorbenen einen neuen Platz zuweisen.

Sie erweitert das Aufgabenmodell um zwei weitere auf sechs Aufgaben und fügt (als zusätzliche) am Anfang der Reihe die Aufgabe „Überleben“ an, sowie am Ende der Reihe die Aufgabe „Sinn geben und Bedeutung rekonstruieren“.

4.2 Traueraufgabe „Überleben“

Vor dem Hintergrund ihrer Arbeit mit Menschen mit Trauma-Erfahrungen beschreibt Paul, dass Aufgaben, die im Modell von Worden sich stellen, in manchen Situationen für Menschen eine Überforderung und eine Bedrohung des eigenen Überlebens darstellen. Ein Sich-Verweigern der Realität gegenüber, wie auch andere Formen von Abwehr und Widerstand, können Maßnahmen zur Rettung des eigenen physischen und psychischen Überlebens sein. In diesem Kontext erläutert sie Schuldzuweisungen in ihren Funktionen als Abwehr von Ohnmacht, geht auch auch auf das Phänomen der „Überlebensschuld“ ein, und weist den Schuldmechanismen ihre Funktion in einem brauchbaren Modell des Trauerprozesses zu.

4.3 Die Traueraufgabe „Sinn und Bedeutung rekonstruieren“

Von Robert Neymeyer (2003) nimmt sie für ihre zweiter Erweiterung des Worden-Modells den Begriff der «reconstruction of meaning» auf. Im Sinn des Modells des Konstruktivismus (Der Mensch konstruiert ständig seine individuelle Welt, muss sie z.B. durch einen Verlust re- und anschließend rekonstruieren) geht es dabei darum, Bedeutungszusammenhänge und Sinnerleben zu rekonstruieren. Im konkreten Prozess wird dies (in diesem Zusammenhang von Trauernden) als kreativer Akt erlebt, dieses Erleben kann in kreativen methodischen Angeboten unterstützt werden.

4.4 Schuldzusammenhänge und Sinngebung

Die Autorin stellt zwei Arten vor, durch Schuldzusammenhänge eine Lebensgeschichte zu rekonstruieren, die durch einen Verlust als zersplittert erlebt wird, und erläutert die Phänomene auch hier durch Beispiele aus der Praxis:

  • Der Todesfall wird als Strafe interpretiert – für für den Hinterbliebenen, oder auch (z.B. durch die Umstände des Todes) für den Verstorbenen selbst.
  • Der Schuldzusammenhang wird auf einen anderen Menschen verlagert, um durch den Sündenbock-Mechanismus vagabundierende Schuld (zusammen mit dem Sündenbock, auf den die Schuld übertragen wurde ) aus einer Gruppe herausbracht und ausgeschlossen wird. Die Wirkung hält aber nur für eine gewisse Zeit an.

In einem Exkurs geht Chris Paul anschaulich auf Schuldzusammenhänge bei Erschwerter und Traumatischer Trauer ein, indem sie auch hier begriffliche Abgrenzungen, Symptomatik, Ressourcen und Zusammenhänge skizziert.

5. Räume ohne Strafe schaffen: Arbeiten mit Schuldzuweisungen

Nach den grundsätzlichen Überlegungen wendet sich Paul nun der konkreten Begegnung mit Schuldkonstrukten und – zusammenhängen bei Trauernden zu. Ziel von Beratung und Begleitung ist es, den Trauernden neue Erfahrungen im Umgang mit ihren Schuldmechanismen zu ermöglichen. In der Begegnung soll über Schuldzusammenhänge und -mechanismen gesprochen werden können, ohne dass diese dadurch aktiv werden.

5.1 Voraussetzungen der Arbeit

Das wird möglich, indem in der Beratung jede Beschuldigung, wie auch jede Entschuldigung unterbleibt. An Stelle eigener subjektiver Urteile gegenüber geäußerten Schuldvorwürfen tritt eine konstant respektvolle, wertschätzende, mitfühlende und interessierte Haltung. Auf der Basis dieser Grundhaltung lasst sich eine Begleitung von Schuldkonstrukten in vier Komponenten aufbauen:

  • körperliche und emotionale Stabilisierung – mindert Folgen des Leidensdrucks, wie das Kreisen der Gedanken, Nervosität und innere Lähmung. Sie ist als gemeinsames Zentrum der Komponenten zu sehen.
  • Indirektes Arbeitenan den Schuldvorwürfen - es geht hier um die gemeinsame Suche nach dem Nutzen, den den ein Schuldzusammenhang für den Trauernden hat (Aufrechterhalten von Bindung an den Verstorbenen, Abwehr von erlebter Ohnmacht, bzw. Abwehr des Erlebens von eigener Bedrohtheit durch den Tod), nicht um die Details der jeweiligen Mechanismen.
  • Direktes Arbeiten an Schuldkonstrukt, -zusammenhängen und -mechanismus, Vorwürfe und sie begründende Normen – Hier werden in einem gemeinsamen Prozess, die Zusammenhänge und daraus folgenden Mechanismen untersucht. Möglicherweise im Prozess eingetretene Veränderungen können auf der Basis der Grundhaltung reflektiert werden. Eine Grenze findet diese Arbeit, wenn ein zu Grunde liegendes Konstrukt tief verwurzelt in der Biographie ist ; dann ist eine ergänzende psychotherapeutische Behandlung nötig.
  • Psychoedukation – eine verständliche Erklärung der Komplexität der Zusammenhänge, besonders der möglichen positiven Funktionen von Schuldmechanismen entlastet die Betroffenen meist unmittelbar.

Paul nennt zwei begleitende Voraussetzungen dieses Vorgehens:

  • ein ständiges Selbst-Reflektieren der eigenen Deutungen und Impulse der begleitenden Person (die unbewusst ständig ohnehin erfolgt)
  • ein Klären der Veränderungsbereitschaft des Trauernden

5.2 Wichtige Elemente wirksamer Begleitung

Die Autorin nennt in Kontakt kommen und bleiben, stellt als Mittelpunkt der Arbeit Stabilisierung und Ressourcen vor , führt Rahmenbedingungen auf, wie die Einbeziehung der Körperlichkeit,die Stimulierung positiver Erlebnisinhalte und Erinnerungen bei verschiedenen Zielgruppen und in verschiedenen Settings. Sie spricht das Thema Kraftquellen an, wie auch das Thema des „geschützten Abschieds“ nach jeder einzelnen Sitzung.

5.3 Was tun bei Trauernden ohne aktuelle Veränderungsbereitschaft?

Für eine solche Situation wird ermutigt, die beschriebenen Grundeinstellungen weiter zu bewahren, und beschrieben, was dennoch möglich ist, obwohl die Trauernden nichts verändern wollen.

6. Lücken füllen, Bedürfnisse stillen: Individuelles Arbeiten mit Instrumentellen Schuldzuweisungen

Indirektes Arbeiten meint hier ein Arbeiten ohne ein Thematisieren des Begriffs Schuld, ohne direktes Eingehen auf die Schuldzusammenhänge, das dennoch auf dem Schuldmechanismus Einfluss nimmt.

6.1 Zur Unterscheidung von Normativen und Instrumentellen Schuldvorwürfen

Die Autorin schlägt vor, darauf zu achten, ob die Thematisierungen der Schuld durch den Trauernden eine grundsätzliche Antwort auf eine Lebenssituation geben. Als sicheres Anzeichen für Instrumentelle Vorwürfe können Generalisierungen gelten. Sie sind leicht erkennbar durch Wörter wie „immer“, „alles“, „nie“, „nichts“. Auch unvernünftig und unrealistisch klingende Vorwürfe zeigen an, dass die jeweiligen Trauernden mit den Schuldzusammenvorwürfen Antworten auf existenzielle Fragen zu geben versuchen.

6.2 An Voraussetzungen für die Arbeit sind nötig:

  • Aktuelle Veränderungsbereitschaft
  • Kontaktbereitschaft
  • Zumindest (wieder) beginnende innere und äußere Stabilität

6.3 Verschiedene Aspekte Indirekten Arbeitens in der Praxis

Die Autorin betont die Notwendigkeit des prozessorientierten Arbeitens.

Das Bedürfnis nach Erklärungszusammenhängen ist eine Quelle des Entstehens von Schuldzuweisungen. Das Ernst-Nehmen der dem zu Grunde liegenden Bedürfnisses ist wichtiger Teil der Arbeit ein.

Wenn Informationen fehlen – über Teile des Sterbeprozesses, der Vorgeschichte oder der Gerichtlichen Untersuchung – brauchen Trauernde Unterstützung und Ermutigung bei ihrer Suche nach der Möglichkeit, die Lücken zu füllen, etwa durch Gespräche, Akteneinsicht, Aufsuchen von Orten und anderem. Strategische Vorgehen und Planung kann das erleichtern, dazu gehört die Motive der Informationssuche geklärt zu haben, die Suche nach passendem Ort und Zeit für das Gespräch, den passenden Gesprächseinstieg. Ebenso ist es hilfreich für Trauernde, Zugang zu Sachinformationen, auch vom Fachpersonal und anderen Quellen zu erhalten,

Informationen werden gedeutet – es ist möglich Deutungszusammenhänge anzubieten,die ohne Schuld als Komponente auskommen. Als Möglichkeiten des Vorgehens verweist Paul auf einige auch hier brauchbare Methoden aus der Systemischen Therapie, wie z.B. das „Zirkulären Fragen“ und das „Reframing“.

Lebensfragen, der Bereich der Sinnfindung und Spiritualität (im Sinne einer Einordnung jeden Geschehens in größeres Ganzes) werden durch die Deutungen ebenfalls berührt. Paul weist hier auf Möglichkeiten hin z.B. auch bei plötzlichem und gewaltsamem Tod, wenn der enge, bedrängende Blickwinkel erweitert werden kann, z.B. wenn neben ein belastendes Bild von der Situation auch ein heilsames Bild dazugestellt werden kann.

Das Mühen um ein Erkennen von Kausalitäten führt oft zu belastenden Fragen und lädt zu Entstehen von Schuldzusammenhängen ein. Manchmal kann die Sinnsuche von Trauernden auch dazu führen, dass nicht mehr nach einer Ursache für einen Verlust gesucht wird, und – aus Initiative des Trauernden selbst – in den Blick gerät, was ohne den Verlust an Positivem im Leben des Trauernden nicht geschehen wäre. Bei manchen Menschen findet sich so auch Trost in einer höheren Kausalität, in Gott.

Wer nach dem „Wozu“ des Lebens fragt, fragt nach (s)einer Lebensaufgabe, dem „Gebraucht werden“. Mögliche Fundorte liegen u.a. im Bereich von Bindungen an Menschen (nicht nur oder in erster Linie Bindungen an Partner und/oder Kinder, an (neue) Partnern), und im Bereich Arbeit (hier ist auch „Arbeit“ jenseits von „Erwerbsarbeit“, wie etwa im Ehrenamt, gemeint). Dem Bedürfnis nach Bindung kann nachgekommen werden – auch ohne Schuldzusammenhänge zu fördern:

Wenn im Prozess der Begleitung das Gespräch auf positive Erinnerungen (Glücksmomente, positiv bewertete Ereignisse und besondere Augenblicke gemeinsamen Erlebens) und auf ganzheitliche Erinnerungen (die einen Menschen in seiner Ganzheit und Widersprüchlichkeit wahrnehmen können) gelenkt werden kann, wird die Tendenz der Trauenden die Bindung in Schuldzusammenhängen zu suchen langsam schwinden. Paul nennt als Gesprächshilfe eine Reihe von typischen positiven Erinnerungssituationen, sowie Gestaltungshilfen für ganzheitliches Erinnern.

Das Bedürfnis nach Handlungsfähigkeit führt zunächst ausschließlich zu Schuldvorwürfen gegen sich selbst. Das Spiel „Vagabundierende Schuld“ mit dem Täter-Opfer-Richter-Dreieck – wird aktiviert. Ein Ansprechen von traumatischen Inhalten erscheint in der Trauerbegleitung ohne spezielle traumatherapeutische Qualifikation nicht angezeigt. Dennoch ist ein Stabilisieren und Kontakthalten – neben der Weitervermittlung der Trauernden - dennoch möglich ist.

Unter dem Stichwort Ermächtigen finden sich Anregungen, Trauernde dabei zu unterstützen, sich als selbstständig, aktiv und wirksam zu erleben. Ausdrücklich wird nicht Mitleid angeraten, sondern empfohlen, Möglichkeiten zu schaffen in verschiedenen Sozialformen eine Erfahrung von Wertschätzung, Wahlmöglichkeiten und Ermutigung zu erleben. Auch ein gemeinsamer zusammenfassender Rückblick auf bereits erfolgte positive Entwicklungen ist möglich. Im Blick nach vorn können Strategien entwickelt werden, wie etwa das Bewusstmachen von existierenden unterstützenden Netzwerken und positiven Erfahrungen mit anderen Menschen.

7. Direktes Arbeiten mit Normativen Schuldzuweisungen

Der Fokus der Arbeit mit Normativen Schuldzuweisungen liegt nach Paul auf der Stabilisierung und dem Direkten Arbeiten (an im Gespräch thematisierbaren Schuldzuweisungen).

7.1 Voraussetzungen für ein Direktes Arbeiten sind

  • Veränderungsbereitschaft - entsteht, wenn ein ausreichendes Maß an Stabilität erreicht ist, und andererseits der Leidensdruck durch die inneren Strafmaßnahmen als so unerträglich erlebt wird, dass er den deren inneren Nutzen übersteigt.
  • Kontaktbereitschaft – wenn sie fehlt bleibt, nur eine Stabilisierung des Trauernden,
  • relative äußere und innere Stabilität – sie ist nicht gegeben in akuten Notsituationen, unter großem wirtschaftlichem und existenziellem Druck, bei eigener akuter psychischer oder physischer Erkrankung. Bei traumatisierten Trauernden empfiehlt Paul die Arbeit an den Schuldkonstrukten anderen Fachleuten zu überlassen, die sich auf Bearbeitung von Traumata speziell qualifiziert haben.

Paul weist auf das notwendige prozessorientierte Arbeiten hin: In einem komplexen Prozess sind ständig Veränderungen möglich, die auch Einfluss auf die Veränderungsbereitschaft haben können. Oft kann nur ein Teil des individuellen Schuldkonstrukts verändert werden, Änderungen können ebenso eintreten durch eine andere Bewertung der Ereignisse und eine Auflösung des Schuldzusammenhangs.

  • Stabilisierung – steht am Anfang des Begleitungsprozesses und begleitet ihn kontinuierlich. Nur solange ein Betroffener sich relativ stabil und sicher fühlt, kann er den Schutz der bewährten Schuldkonstruktion aufgeben ist, ansonsten kehrt er wieder zu ihr zurück. Ein direktes Arbeiten mit Schuldvorwürfen auf dieser Basis kann mit verschiedenen Methoden erfolgen, wie etwa Kreativem Schreiben, Aufstellungs- und Symbolarbeit, Malen, Ritualen.

7.2 Arbeitsansätze zum Umgang mit Informationen und Tatbeständen:

Die Liste der Schuldigen erstellen – Diese Gestaltungsidee zu einem Gespräch mit Erwachsenen wendet sich den verschiedenen Menschen zu, die im Zusammenhang mit einem Tod möglicherweise schuldig geworden sind.

Ein Erzählen lassen von Gedanken und Erinnerungen – mit zwei Ausnahmen:
Falls die Erinnerung, die mit Schuld zu tun haben, das Miterleben von Gewalt (auch Unfälle, Suizidhandlungen) zum Inhalt haben, kann eine detaillierte Erzählung zu einer zu großen Belastung werden. Hier ist spezielles methodisches Handwerkszeug von Nöten, um angemessen mit dieser Gefahr umzugehen.
Beim Anschein von Überforderung oder Überanstrengung der Trauernden ist eine Pause im Erzählen angezeigt, es wird etwas Stabilisierendes angeraten.

7.3 Arbeitsansätze zum Umgang mit Details und Deutungen.

Paul anhand von Beispielen Wege zu Realitätsprüfungen.

Zum Thema Verzeihen werden die dabei möglichen und nötigen Rollen (aus der Opfer-Täter-Richter-Dynamik) entfaltet, und Voraussetzungen und einzelne mögliche Schritte anschaulich erläutert.

8. Die Frage nach Schuld bei Suizidtrauernden

Hier werden einige praktische Aspekte des Themas Schuld mit Blick auf die besondere Situation besprochen. Paul merkt an, dass bei den direkten Angehörigen und Freunden von durch Suizid gestorbenen Menschen grundsätzlich auf die Frage nach dem „Wie kann es dazu kommen?“ zunächst nicht mit einem Schuldzusammenhang reagiert wird, sondern mit Angst und Verunsicherung. Eine der Selbstverständlichkeiten des Lebens – der Selbsterhaltungstrieb - wird im Einzelfall existentiell in Frage gestellt. Eher außenstehende Menschen empfinden die Verunsicherung ebenfalls und reagieren anders: Mit Schuldzusammenhängen versuchen sie, sich die Situation zu erklären. Zugleich entlasten diese Zusammenhänge durch eine entstehende Distanz. Für die nahen Angehörige werden so die Instrumentellen Schuldzuweisungen noch verstärkt.

Angehörige möchten wissen, was und wie so etwas geschehen ist. Es hilft, im Rahmen des Möglichen, die Informationlücken zu schließen, auch mit Hilfe der beteiligten helfenden Dienste. Instrumentelle Schuldzuweisungen werden durch fehlende Informationen gefördert und verstärkt.

Der Aspekt der Aufrechterhaltung der Bindung durch die Schuldzuweisung ist ebenfalls bedeutsam: Ein Angehöriger bricht durch seinen Suizid auch die Beziehung zu einem selbst ab; das wird als massive Kränkung, als Abwertung der Beziehung und der Person des Hinterbliebenen erlebt. Dieser steht dem ohnmächtig gegenüber. Die erlebte Ohnmacht wird durch Schuldzuweisung an sich selbst begrenzt. Hier kann erst durch Wiedereinbeziehen der (durch die Schuldzuweisung ausgeblendeten) positiven Beziehungsanteile die Beziehung zum Verstorbenen gestärkt und der Zuweisung die Macht genommen werden.

In einem angefügten Anschnitt wird zusätzlich auf auch mögliche Normative Schuldzuweisungen im Kontext Trauer nach Suizid eingegangen.

9. Schuldzuweisungen in der palliativen und hospizlichen Arbeit

9.1 Phänomene – Auch in diesem Praxisfeld

  • gehören Schuldzuweisungen zum Alltag, und zwar
  • in vagabundierender Weise; sie richten sich möglicherweise gegen alle Beteiligten und von allen Beteiligten, gegen mehrere zugleich, und die jeweiligen Konstellationen und Richtungen können stets wechseln,
  • sie untergraben den Umgang miteinander.
  • Sie haben in der Regel instrumentellen Charakter, und dienen für Angehörige, Erkrankte und Pflegende weitgehend unbewusst zur aktuellen oder langfristigen Bewältigung der Situation.
  • Sie belasten die Beteiligten zusätzlich zur an sich schon belasteten Situation.

9.2 Praktische entlastende Möglichkeiten zur Reaktion auf der Ebene des indirekten Arbeitens:

Neben einem Ermutigung zu angstfreiem Zuhören geht die Autorin auch ein auf die notwendige Sicht, dass Beschuldigungen eher zu subjektiven Entlastung geäußert werden. Sie ermutigt, offen Informationen zur Verfügung zu stellen (Das reduziert möglicherweise Ängste bei Angehörigen und Patienten), ebenso zu einer selbstkritischen Prüfung, auch gegenüber dem Anspruch auf Perfektion sich selbst gegenüber und lädt ein, (Selbst-)Zweifel zu trennen von Vorwürfen von Patienten bzw. Angehörigen – diese sind jeweils unterschiedlich zu bearbeiten. Im Besonderen wird eingegangen auf:

  • Die Auseinandersetzung mit den eigenen moralischen Ansprüchen – hierzu wird u.A: empfohlen, Unterschiede zwischen eigenen und fremden Wertvorstellungen wahrzunehmen und aufrechtzuerhalten, wertfrei zuzuhören, Informationen anzubieten, die für eine Norm von Bedeutung sind (z.B. Anwesenheit / Abwesenheit von Angehörigen im Moment des Sterbens als individuell), die Vermittlung weiterer Gesprächspartner, auch zu Menschen,die direkt mit den Beschuldigungen betroffenen sind, die Entlastung innerhalb des Teams und die Überprüfung der eigenen Maßstäbe.
  • Den Umgang mit Zweifeln an der eigenen Professionalität
  • Schuldfragen im Sinne von Selbstbezichtigung Sterbender am Lebensende zeigen sich im häufig im Alltag von Hospiz und Palliative Care, oft gegenüber Pflegenden im Nachtdienst und gegenüber ehrenamtlich Begleitenden. Respektvolles, nicht-wertendes Zuhören und wertschätzender Umgang auch nach einem Geständnis können eine Hilfe zum Sich-Selbst -Verzeihen werden. Für Pflegende kann in solchen Situationen ein Konflikt entstehen zwischen mehreren wertorientierten Haltungen, z.B. der Ablehnung von Gewalt (auch sexueller Gewalt gegenüber Kindern) und dem Wert, allen Patienten gleichermaßen ein selbstbestimmtes, würdevolles und begleitetes Sterben zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist auch der notwendige Selbstschutz zu nennen, wenn bei Pflegenden eigene Gewalterfahrungen durch Kontakt mit einem „Täter“ die Gefahr einer Retraumatisierung mit sich bringen würde – hier kann eine andere Verteilung der Arbeit Mitarbeitende schützen.
  • Instrumentelle Schuldzuweisungen durch Erkrankte und Angehörige können besonders leicht kurz nach den Versterben, nach einer wichtigen Diagnosestellung, oder auch in länger dauernden Prozessen von Krankheit und Sterben auftreten. Hier kann die Annahme, jeder Schuldvorwurf sei tatsächlich eine Feststellung von (Un-)Schuld in normativem Sinn, wie auch mangelnde Möglichkeiten, Schuldvorwürfe durch anderes zu ersetzen zu schwierigen kommunikativen Situationen führen.
  • Schuldvorwürfe schaffen Erklärungen, besonders, wenn andere Informationen subjektiv fehlen, sei es weil etwas an den Informationen über Diagnose, Behandlung oder organisatorischem Ablauf im Stress nicht verstanden werden konnte, oder bestimmte Personen aus dem Wunsch sie zu schonen nicht informiert werden konnten. Die Vorwürfe bekommen die Funktion, eine erlebbare Logik herzustellen. Ob Informationsdefizit oder die mangelnde Möglichkeit sie aufzunehmen – ein wiederholtes Informieren, auch mit anderen Worten, kann die Situation entspannen.
  • Vorwürfe als Lebensmuster – Menschen, die sich nur in einer Welt aus Opfern und Tätern bewegen können, können dies auch zuletzt nicht mehr ändern. Pflegende haben hier die Möglichkeit, sich nicht in das Schema einordnen zu lassen und in ihrer vorurteilsfreien, wertschätzenden Haltung bleiben.

10. Schuldzuweisungen bei trauernden Kindern und Jugendlichen

10.1 Einige Aspekte zum leichteren Verstehen der Situation:

  • Bei Kindern ist das Schuldkonstrukt noch nicht komplett ausgeformt. Sie sind leichter beeinflussbar.
  • Schuldzuweisungen (gegen das Kind, gegen andere, gegen die verstorbene Person) werden von Kindern sehr leicht als objektiv gültige Urteile wahrgenommen.
  • Nicht ausgewogene, ausschließlich negative, abwertende und Schuld zuweisende Erinnerungen an Kindern besonders familiär, bzw. persönlich nahestehende Verstorbene beeinträchtigen das Selbstbewusstsein der Kinder, Sie erschweren ihre positive Verbundenheit mit den Verstorbenen. Eine Abwertung von wichtigen Bezugspersonen in frühem Alter führt z.B. bei Kindern, auch später im Erwachsenenalter zu einem abwertenden Zugang zu sich selbst, das kann kann das Vertrauen zu sich selbst nachhaltig schwächen.
  • Aussagen von Autoritätspersonen werden können leicht Einfluss auf Kinder und ihren Umgang mit dem Thema Schuld nehmen. So kann ein Kind von einer Schuldzuweisung an sich selbst unmittelbar entlastet werden, wenn es jemanden für sich selbst als Autoritätsperson erlebt, es in einer geeigneten Gesprächssituation aufnahmebereit ist und die Person direkt sagt kann: „Das hat mit Dir nichts zu tun.“
  • Wie ist tot?“ – Kinder haben Fragen, sie stellen sie, auf sie brauchen sie Antworten. Paul erläutert, wie Kinder sowohl in sinnlichem Erleben, als auch in kognitivem Wissen und Verstehen sich den Tod eines nahen Menschen eher erklären können. In dieser Situation können unmittelbare Anwesenheit und Mitgestalten-Können eine kleine Hilfe gegen die erlebte Ohnmacht werden. Bezugspersonen, die Kinder (aus dem Bedürfnis sie schonen zu wollen), fernhalten, können ihnen so das Begreifen erschweren. Kinder greifen dann zu Instrumentellen Schuldzuweisungen, um sich den Tod erklären zu können.
  • Ich hab ihn totgewünscht“ - Im Rahmen eines altersgemäßen „magischen Denkens“ von Kindern kommt es vor, dass das ausgelieferte Erleiden von ihnen aus Abwehr der sie existentiell bedrohenden Ohnmacht umgedeutet wird in ein verursachtes Erleiden. Sie erleben sich selbst als Auslöser des Todes, ihre Instrumentellen Schuldzuweisungen an sich selbst können sie bis ins Erwachsenenalter begleiten, und ein Lebensmuster „Schuld“ entstehen lassen.

10.2 Möglichkeiten, die hier zur Verfügung stehen:

Normative Schuldzuweisungen können bei Kindern durch klare Aussagen entlastet werden, bei Instrumentellen Schuldzuweisungen ist dies direkt nicht möglich. Paul nennt mögliche Handlungsweisen:

  • Angebote zu intensiven, positiven Bindungsfaktoren mit dem Verstorbenen,
  • Angebote zu schuldfreien Erklärungsmöglichkeiten der Situation,
  • Angebote zur Ermächtigung des Kindes, seinen Alltag und seinen Trauerprozess gestalten zu können,
  • Kontakt und Erziehung nach verständlich kommunizierten Regeln,
  • Akzeptanz, bedingungslose Zuneigung und Aufmerksamkeit.

Zielgruppe

Das Buch hat, ohne ein Selbsthilfebuch zu sein, in seinem ersten, theoretischen Teil Leser in Trauersituationen im Blick, die einen neuen Zugang zu Schuldzuweisungen finden wollen. Für sie finden sich in den Falldarstellungen im zweiten Teil viele Möglichkeiten zu Identifikation. Die Anschließenden drei Kapitel halten Anregungen für Interessierte an den Themen Trauer nach Suizid und Kindertrauer bereit. Nachdem aber die Thematik in beruflichen, wie privaten Zusammenhängen stets wiederzufinden ist, lädt das Buch auch Fachleute, z.B. aus den Gebieten Therapie, Beratung und Trauerbegleitung ein, ihre eigenen inneren Haltungen zum Thema Schuld, und die dahinter liegenden eigenen Gedankenkonstrukte zu reflektieren und so die eigenen Möglichkeiten des Handelns zu erweitern. Wer die Phänomene der Schuldgefühle, ihre Zusammenhänge mit inneren Konstruktionen und den möglicherweise guten Sinn dahinter besser verstehen möchte, ist hier an einer richtigen Adresse.

Fazit

Das Buch ist eine wertvolle Hilfe für alle, die dem Phänomen Schuld in Trauersituationen begegnen: Mehrere wichtige Mechanismen (Schuld als Gedankenkonstrukt, der „heimliche Gewinn“ des Erlebens von Schuld zur Abwehr von Ohnmacht, Chaos und Verlust von Beziehung) werden erfahrungsbezogen erschlossen; es werden auch mögliche Wege aufgezeigt mit dieser Situation umzugehen, und auch wie eine Beratung bzw. Begleitung in professioneller Weise hierin unterstützen kann.


Rezensent
Dipl. Theol. Christian Fleck
M.Sc. in Supervision, Pastoralreferent, Krankenhaus- und Altenheimseelsorger, Supervisor DGfP, dipl. TZI-Gruppenleiter (ruth-cohn-institut international), Psychotherapie HPG, außerdem tätig in Supervision u. Fortbildung (u. a. in den Bereichen Hospizarbeit, Palliative Care und Trauerbegleitung)


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Zitiervorschlag
Christian Fleck. Rezension vom 10.09.2012 zu: Chris Paul: Schuld - Macht - Sinn. Arbeitsbuch für die Begleitung von Schuldfragen im Trauerprozess. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-06833-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10155.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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