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Brigitte Geißler-Piltz, Jutta Räbiger (Hrsg.): Soziale Arbeit grenzenlos

Cover Brigitte Geißler-Piltz, Jutta Räbiger (Hrsg.): Soziale Arbeit grenzenlos. Festschrift für Christine Labonté-Roset. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 256 Seiten. ISBN 978-3-940755-53-7. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Herausgeberinnen

Brigitte Geißler-Piltz ist Supervisorin (DGSv, DVG) und Professorin für Sozialmedizin an der Alice Salomon Hochschule mit den Schwerpunkten Gesundheit und Soziale Ungleichheit, Gesundheitstheorien sowie Klinische Sozialarbeit

Jutta Räbiger ist Professorin für Gesundheitsökonomie und –politik an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Schwerpunkten Qualitätstransparenz und Verbraucherinformationen im Gesundheitswesen, neue integrierte Versorgungsformen, Integration von Berufsausbildung und Studium, Anrechnungsverfahren im Bildungswesen

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung ist Christine Labonté-Roset gewidmet, als Festschrift zu ihrer Verabschiedung in den Ruhestand im Frühjahr 2010. Christine Labonté-Roset ist seit 1977 Professorin für Soziologie und Sozialpolitik an der heutigen Alice Salomon Hochschule und hat diese 4 Jahre als Prorektorin und dann 16 Jahre bis 2010 als Rektorin geleitet.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation enthält 15 Beiträge in drei Teilen, die den Themen „Soziale Anwaltschaft“, „Inter- und Transnationalität“ sowie „Aktuelle Perspektiven auf Lern- und Bildungsprozesse“ zugeordnet sind. Diese Überschriften bilden zugleich die Schwerpunkte ab, die Christine Labonté-Roset in ihrem hochschulpolitischen Wirken gesetzt und verkörpert hat. In der Einleitung und der den Band abschließenden Curriculum vitae können sich die Leserinnen und Leser ein Bild von der wissenschaftlichen Vita und dem beeindruckenden Engagement von Christine Labonté-Roset als international engagierter Rektorin einer Hochschule machen. Ausdrücklich erwähnt sei an dieser Stelle, dass sie von 1995-1999 Generalsekretärin und von 1999-2007 Präsidentin der European Association of Schools of Social Work (EASSW) war. „Soziale Arbeit grenzenlos“ spiegelt das Profil Labonté-Rosets im wörtlichen, grenzüberschreitenden und metaphorischen Sinn. Die Herausgeberinnen konnten Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Arbeitszusammenhängen und Netzwerken für einen Beitrag gewinnen.

Der erste Teil der Festschrift zu „Sozialer Anwaltschaft“ oder social advocacy beginnt mit einem Beitrag von Ruth Großmaß „Soziale Arbeit- eine Menschenrechtsprofession? Zur ethischen Dimension der beruflichen Praxis“ in dem sie drei Aspekte des Transfers von Menschenrechtsbezügen in die sozialarbeiterische Praxis erläutert. Hier wird das Spannungsverhältnis zwischen der Legitimität von menschenrechtlich begründeten Forderung und einer moralisch-intuitiven Menschenrechtshaltung auf der einen Seite und geringen Möglichkeiten der verrechtlichten Einforderung auf der anderen Seite diskutiert. Darüberhinaus setzt sich Ruth Großmaß mit der Schwierigkeit der Kodifzierung von Bedürfnissen und dem Menschenrechtsbezug in der professionellen Arbeit mit Klientinnen und Klienten auseinander. Silvia Staub-Bernasconi zeigt in ihrem Beitrag „Macht in der Sozialen Arbeit“ als erstes die Gefahr der Verwässerung des Begriffs Empowerment, skizziert dann machttheoretische Begründungen von Empowerment um schließlich Beispiele des sinnvollen und gezielten Einsatzes von Machtquellen im Interesse der AdressatInnen nach verweigerten Ansprüchen oder unfairen Verhandlungen aufzuzeigen. Heinz Cornel nimmt den Titel der Festschrift auf, in dem er seinen Beitrag „Grenzenlos statt Grenzen und Ausgrenzung – zur Bedeutung der Überwindung von Grenzen in der Kriminologie und Kriminalpolitik“ nennt. Dabei geht es ihm zum einen um das Überwinden von Disziplingrenzen, er plädiert für einen interdisziplinären Diskurs als Qualitätsmerkmal kriminologischer Theoriebildung. Zum anderen beschreibt er die Notwendigkeit eines internationalen Austausches zur Kriminalpolitik beispielsweise in der Dunkelfeldforschung und der evidence based crime prevention. Seine dritte Perspektive der Überwindung von Grenzen gilt Fragen von Flucht und der Migration im Kontext von Kriminalpolitik. Auch der folgende Beitrag von Susanne Gerull bezieht sich in der Überschrift „Grenzenlos helfen? Barrieren in der Arbeit mit psychisch kranken Wohnungslosen“ auf das Bild der Grenzenlosigkeit, um damit auf Grenzen hinzuweisen, an die Soziale Arbeit in einem Hilfesystem mit engen Zugangsvoraussetzungen stößt. Den Abbau von Grenzen durch Grenzöffnungen zwischen verschiedenen Teilsystemen untersucht Hans Günther Homfeldt am Beispiel der Ermöglichung von institutionellen Kooperationen zur Förderung des gesunden Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Der Ausgangspunkt seines Beitrages sind der 13. Kinder- und Jugendbericht von 2009 mit dem Titel „Mehr Chancen für ein gesundes Aufwachsen“ und die Stellungnahme der Bundesregierung zu dem Bericht. In dieser heißt es, dass die gesellschaftlich Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen und die Entwicklung einer lebenslagenbezogen, biographischen Handlungsfähigkeit im Zentrum des professionellen und institutionellen Handelns stehen solle. Die dafür notwendige Kooperation von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheitssystem sowie deren Möglichkeiten und Grenzen untersucht Homfeldt sehr pointiert.

Der zweite Teil der Festschrift „Inter- und Transnationalität“ beginnt mit einem programmatischen Beitrag von Isidor Wallimann - „Transnationale Soziale Arbeit: Paradigma zur Renaissance der Sozialen Arbeit in der Praxis, Forschung und Ausbildung“. Transnationale Soziale Arbeit orientiert sich nach Wallimann an Prozessen über den nationalen Fokus hinaus, subsumiert internationale und globale Soziale Arbeit und kann zu neuen Erkenntnissen, Paradigmen und Interventionsstrategien beitragen. Johannes Kniffki macht darauf aufmerksam, dass allein im deutschsprachigen Raum in den Jahren 2007 bis 2009 zahlreiche Publikationen erschienen sind, die international oder transnational im Titel ausweisen, dass transnationale Soziale Arbeit „en vogue“ sei. Er entwickelt einen „Referenzrahmen transnationaler Sozialer Arbeit in Studium und Praxis“, der versucht ohne national-, sozial- oder wohlfahrtsstaatliche Verfasstheit auszukommen. Transnationale Soziale Arbeit müsste sich selbst beauftragen und legitimieren. Theda Borde konkretisiert eine transnationale Perspektive in ihrem Artikel „Migration im Alter – Perspektiven regionaler und transnationaler Netzwerke“ für die Gruppe älterer MigrantInnen im Ruhestand in Deutschland und deutscher RuhestandsmigrantInnen in der Türkei. Um einen offensiveren und transparenteren Umgang mit der Familiengeschichte, der zu einem offeneren Zugang zur NS-Geschichte in den nachfolgenden Generationen in Israel und in Deutschland führen kann, geht es den AutorInnen Silke Birgitta Gahleitner, Eli Somer, Iris Wachsmuth und Mandy Baumann in ihrem Beitrag über ein gemeinsames Projekt:„65 Jahre nach dem Holocaust: Israel und Deutschland im Austausch – ein Forschungs-Erfahrungs-Projekt“.

Der Beitrag von Brigitte Geißler-Piltz über Form und Funktion von (Ausbildungs-)Supervision in der Sozialen Arbeit eröffnet den dritten Teil des Bandes „Aktuelle Perspektiven auf Lern- und Bildungsprozesse“. GeißlerPiltz diskutiert das Modell der Alice Salomon Hochschule, der Supervision von Studierenden im Praktikum durch externe SupervisorInnen im internationalen Vergleich und im Hinblick auf den hochschulpolitischen Wandel. Hilde von Balluseck plädiert für eine Auseinandersetzung mit und den Einbezug von „Körperlichkeit und Sinnlichkeit in der Pädagogik“. Fragen der grundsätzlichen Anrechnung informellen Lernens auf Hochschulstudiengänge untersucht Sieglinde Machocki unter der Überschrift „Informelles Lernen. Zur Geschichte des Begriffs und seiner (Nicht-)Verwendung in britischen und deutschen Hochschulen“. Jutta Räbiger zeigt in ihrem Beitrag „Kompetenzanrechnung: Ein Brückenschlag von der beruflichen zur hochschulischen Bildung“ wie die Anrechnung berufsschulisch und berufspraktisch erworbener Kompetenzen am Beispiel von Gesundheitsstudiengängen umgesetzt werden kann. Elke Kraus stellt ein interdisziplinäres Erasmusprojekt vor, an dem die Alice Salomon Hochschule beteiligt ist: Employability for all (EEE4all) zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit. Dabei geht es um die Kooperation von Studiengängen in den Gesundheitsberufen Pflege, Physiotherapie und Ergotherapie und der Sozialen Arbeit. Im Rahmen des Projekts wurden vier gemeinsame Module entwickelt. Im letzten Beitrag diskutiert Ingrid Kollak Ausbildung und Beschäftigtenstruktur im Pflegebereich im Kontext von Migration.

Diskussion

Die Festschrift vereint sehr heterogene Beiträge, deren Autorinnen und Autoren (fast) alle einen Dank oder eine Widmung für Christine Labonté-Roset aussprechen. Gedankt wird beispielsweise ihrem Engagement für die Unterstützung im Aufbau von Studiengängen, Forschungsprojekten und internationalen Kooperationen, die Promotionen ermöglichen. So erschließt sich beim Lesen die Bedeutung des Engagements von Christine Labonté-Roset für die Entwicklung und das Ansehen der Alice Salomon Hochschule, für den Ausbau von neuen Studienrichtungen sowie für die Öffnung der Hochschule für beruflich qualifizierter Bewerber_innen und die Anrechnung von beruflich erworbenen Kompetenzen auf ein Studium. Einzelne Beiträge beziehen sich unmittelbar auf die Aktivitäten von Labonté-Roset, andere nutzen nur die Metapher der Grenze bzw. der Grenzenlosigkeit für ihr eigenes Thema. Die thematische Vielfalt spiegelt jedoch aktuelle Diskussionen in der Sozialen Arbeit und die Artikel sind lesenswert.

Fazit

Die Veröffentlichung - als Festschrift für Christine Labonté-Roset - vereint sehr unterschiedliche Beiträge, die nationale, internationale und hochschulpolitische Perspektiven und aktuelle Fragestellungen beinhalten.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida in Rosswein/Sachsen
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 20.04.2011 zu: Brigitte Geißler-Piltz, Jutta Räbiger (Hrsg.): Soziale Arbeit grenzenlos. Festschrift für Christine Labonté-Roset. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-940755-53-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10167.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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