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Jutta Hartmann: Perspektiven professioneller Opferhilfe

Cover Jutta Hartmann: Perspektiven professioneller Opferhilfe. Theorie und Praxis eines interdisziplinären Handlungsfelds. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 329 Seiten. ISBN 978-3-531-17290-3. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Zielsetzung und Thema

Das Ziel der Herausgeberin, mit diesem Band „die gesellschaftliche Bedeutung des interdisziplinären Handlungsfeldes der Opferhilfe“ weiter ins Bewusstsein zu heben und „im weiten Feld zwischen Wissenschaft und Praxis die im Feld der Opferhilfe notwendigen fachbezogenen Grundlagen und Handlungskompetenzen vertiefend zu erörtern“ (S. 33) muss insgesamt und zusammenfassend betrachtet als gelungen ausgewiesen werden.

So ist der thematische Bogen, den die Herausgeberin über die Auswahl der Beiträge spannt, als heterogen sowie differenziert zu bezeichnen. Viktimologische und psychotraumatologische Grundlagen, rechtlich relevante Aspekte für Deutschland, Techniken und Methoden der Opferhilfe und Opferberatung sowie Fragen und Angebote fundierter Supervision und Weiterbildung sind von facheinschlägigen AutorInnen behandelt worden. Auch wurde eine der möglichen internationalen Entwicklungsperspektiven des Opferschutzes für Europa präsentiert und damit dem eigens gestellten Anspruch der Unterscheidung verschiedener Perspektiven des Opferschutzes (S. 33) Rechnung getragen.

Überraschend ist in diesem Zusammenhang, dass die Frauenhaus-Bewegung weder namentlich in der AutorInnenschaft noch als Perspektive in den Ausführungen der Autorin repräsentiert ist. Die Bewegung, ihr Einfluss auf die Professionalisierungsbemühungen der Sozialen Arbeit insgesamt sowie auf die Entwicklung methodisch-technischer Standards, auf die Bedeutung eines Empowerment-Ansatzes, bleiben im gegenständlichen Werk unerwähnt. Dieses Faktum verwundert, sind es doch diskursführende SoziologInnen, KriminologInnen und ViktimologInnen, die der Frauenhausbewegung seit jeher entscheidendes Gewicht zugestehen, insbesondere was die Platzierung des Opferhilfe-Diskurses in der öffentlichen Darstellung anlangt (vgl. dazu Cremer-Schäfer 1995; Honig 1986, 1992 u.a.).

Aufbau und Inhalt

Besondere Anerkennung verdient der im Band an den Beginn gestellte anwendungsorientierte Zugang zum Feld und zu den „Standards professioneller Opferhilfe“. So interessiert sich Jutta Hartmann genuin aus einer Perspektive von ProfessionistInnen für das Feld und bietet Berufsein- und UmsteigerInnen, PraktikerInnen der Opferhilfe bzw. an Weiterbildung interessierten ProfessionistInnen auf rund 300 Seiten einen systematisch geordneten Einblick in ein Feld, das sich aus seiner bezugswissenschaftlichen Vielfalt heraus im Verlauf der letzten fünf Dekaden im deutschsprachigen Mitteleuropa konstituiert hat. Jutta Hartmann nimmt von Beginn weg einen Standpunkt ein, wie er für den Handlungsdruck und die Praxisbezogenheit von ProfessionistInnen charakteristisch ist: Es geht in erster Linie um die Bearbeitung des Beratungs-, des technischen und des rechtsbezogenen Anwendungswissens, das interessiert. Das für akademisch etablierte Disziplinen typische Erfordernis, die jeweils vorliegenden Fachdiskurse zu einem bestimmten Thema einschlägig zu rezipieren, bevor auf konkrete Handlungsprobleme eingegangen werden kann, erweist sich vielfach als Hindernis für die an Betreuung und Begleitung orientierten LeserInnen. So ist in Jutta Hartmanns Band Wissen nicht erst nach der Rezeption empirischer Entdeckungen gereiht, sondern zielt von Beginn an auf Anwendungsbezug ab.

Uneingelöst bleibt Jutta Hartmanns Anspruch, mit dem Band eine „dialogische Begegnung“ (S. 33) unterschiedlicher Wissenstypen zu schaffen. Hier fehlt es entscheidend an der Formulierung jener Forschungsperspektiven, die für eine interdisziplinäre Opferhilfe und die Entwicklung ihrer Wissensbestände erforderlich ist. Welche Themen sind unterbelichtet? Wo wird Erkenntnisbedarf verortet? Welche Diskurse sind in der Opferhilfe unbedingt und aus Perspektive einer anwendungsorientierten Opferhilfe zu führen? Wo genau bedarf es der Weiterentwicklung von grundlagen- sowie anwendungsbezogener Techniken? Wie ist die soziohistorische Entwicklung der Opferhilfe in Deutschland zum Arbeitskreis der Opferhilfen insgesamt entstanden und gewachsen und welche Brückenschläge ergeben sich zu einer Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit insgesamt? Diese Fragen müssten explizit gestellt werden und wären von der Herausgeberin genauso wie von den MitautorInnen in Ansätzen zu behandeln bzw. in Forschungsfragen zu überführen. Da hinter dem gegenständliche Werk der „ado“, also der Arbeitskreis deutscher Opferhilfe, steht, der es sich zum Ziel erhebt, Wissen und Fortbildung rund um das Handlungsproblem „Opferhilfe“ anzubieten, kann es nicht nur um die Benennung von Minimalstandards in diesem Buch gehen. Vielmehr müsste es auch um eine systematische Formulierung jener Fragen gehen, die aus der Perspektive von ProfessionistInnen und Opfern zum Gegenstand von weiterführender Analyse gemacht werden sollten.

Mit ihrem Konzept unterschlägt Jutta Hartmanns die Explizierung von Forschungsfragen, was in der Konsequenz bedeutet, dass wiederum nur die AutorInnen aus den Bezugsdisziplinen aus ihrer jeweiligen akademischen Perspektive heraus solche formulieren und anwendungsbezogene, interdisziplinär zu stellende Fragen der Opferhilfe nicht behandelt werden. Damit verbleiben auch die Themen einer Innovationsbildung eher im Bereich der Bezugsdisziplinen sowie facheinschlägige ProfessionistInnen in der Rolle derjenigen, die mittels Appell und Zuruf rechtspolitische Änderungen fordern, aber ihre Ansprüche nicht aufgrund empirisch gesicherter Erkenntnis ausweisen. Eine Professionalisierung der Opferhilfe, wie sie Jutta Hartmann fordert, würde aber bedeuten, dass an der Entwicklung des interdisziplinären Wissensbestandes zu anwendungsbezogenen Fragen genuin gearbeitet wird.

Während die Beiträge der AutorInnen insgesamt den Anspruch der Herausgeberin nach „Professionalisierung“ des Feldes als Forderung aufgreifen und diese im Gleichklang auch erheben, unterscheidet sich ein Aufsatz vom allgemeinen Argumentationszug im Buch. So formuliert Barbara Kavemann nicht nur empirisch entwickelte Typen unterschiedlicher Unterstützungsbedarfe sondern expliziert auch organisations- und berufsständische Fragen der Opferhilfe. Als einziger Beitrag thematisiert Kavemann das Eigeninteresse von Organisationen sowie von Professionen in der Opferhilfe und macht den damit angesprochenen „weissen Fleck“ vieler sozialarbeitsbezogener Selbstthematisierungen zu einem Punkt ihrer Erörterung. Kavemanns Forderung nach einer perspektiven- und professionsübergreifenden Form der Analyse von Organisationslogiken und –kulturen könnte insgesamt für Netzwerke und Organisationen der Opferhilfe gelten; gleichermaßen wie für den „ado“ selbst.

Fazit

Zusammenfassend: OE-Ansätze genauso wie empirisch deskriptive Interessen bleiben im Band tendenziell unterbelichtet. Das evaluative Praxisforschungsprojekt, das die Herausgeberin als idealtypisch an das Ende ihres Buches setzt, kann die Entwicklung von Forschungsfragen und -strategien nicht ersetzen. Zentrale Impulse liefert der Band aber vor allem mit seinen an internationalen Standards der Opferhilfe, an rechts-, sozial- und gesundheitspolitischen Markern und an konkreten Handlungs- und Beratungsproblemen der Opferhilfe ausgerichteten Aufsätzen. Ein soziohistorischer Streifzug durch die Opferhilfe in Deutschland sowie in dessen benachbartes Ausland sowie ein Eingehen auf die wesentlichste gesellschaftspolitische Säule des Opferschutzes in Gestalt der Frauen(haus)bewegung hätte den breiten Bogen komplettiert und vor allem dem selbstgestellten Anspruch auf „Interdisziplinarität“ Rechnung getragen.

Was die Autorin meint, offen zu lassen, behandelt sie mit den eingeworbenen Beiträgen zur Gänze. So hat Jutta Hartmann umfassend die Diskrepanz zwischen ausstehenden rechts- und sozialpolitischen Errungenschaften und den Erfordernissen bzw. Standards (S. 27) professioneller Opferhilfe erörtert. Mit ihren beiden Beiträgen am Beginn und Ende des Bandes sowie im Themencluster „Reformimpulse“ finden sich spannende Ansätze hierzu genauso wie die FachautorInnen dazu aussichtsreiche Forderungen formuliert haben.


Rezension von
Mag. Dr. Manuela Brandstetter
Homepage www.sozialraum.at
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Zitiervorschlag
Manuela Brandstetter. Rezension vom 16.05.2011 zu: Jutta Hartmann: Perspektiven professioneller Opferhilfe. Theorie und Praxis eines interdisziplinären Handlungsfelds. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17290-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10168.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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