Wilfried Gruhn: Kinder brauchen Musik
Rezensiert von Prof. Dr. Hubert Minkenberg, 11.11.2003
Wilfried Gruhn: Kinder brauchen Musik. Musikalität bei kleinen Kindern entfalten und fördern.
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2003.
141 Seiten.
ISBN 978-3-407-22867-3.
12,90 EUR.
Beltz-Taschenbuch 867, mit Illustrationen und Noten.
Das Thema
Im Umfeld der zurzeit lebhaften Diskussion um die pädagogischen Konsequenzen der Ergebnisse der PISA Studie ist eine Fülle von Veröffentlichungen zu verzeichnen, die die Entwicklung und Förderung von Intelligenz zum Gegenstand haben. Erst in jüngerer Zeit werden in der musikpsychologischen und musikpädagogischen Forschung vermehrt neurobiologische Ansätze verfolgt. Bekannt ist nunmehr, dass frühes Musikerleben positiven Einfluss auf Synapsenbildung hat und somit im weitesten Sinne als intelligenzfördernd betrachtet werden kann. Wilfried Gruhn führt in seinem Buch in den jetzigen Stand der musikpsychologischen Forschung ein und erläutert die elementare Bedeutung des Musikerlebens für die ganzheitliche Entwicklung des Kindes.
Der Autor
Wilfried Gruhn ist Professor für Musikpädagogik und Leiter des Studiengangs Schulmusik an der Musikhochschule Freiburg. Er ist Initiator des Projekts "Kindliche Lernwelt Musik", das sich der Musikerziehung und dem Musikerleben von Kleinkindern widmet. Gruhn ist Mitglied mehrerer nationaler und internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften und Autor zahlreicher viel beachteter musikwissenschaftlicher und musikpädagogischer Veröffentlichungen u. a. zum Thema (früh)kindliches Musikerleben
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus 15 Kapiteln und einem Glossar.
In vielen Kapiteln werden besondere Empfehlungen und Zusammenfassungen des Autors grau unterlegt und fallen somit schon beim ersten Lesen ins Auge.
Der Autor beginnt in den ersten Kapiteln mit der Beschreibung der erst in jüngster Zeit entdeckten erstaunlichen Fähigkeiten des "kompetenten" Säuglings und erläutert den Zusammenhang zwischen allgemeiner Entwicklung und der Entwicklung spezieller musikalischer Fähigkeiten. Hierbei wird deutlich, dass musikalisches Erleben in Form von Singen und Hören eine für die kindliche Wahrnehmung nahezu idealtypische Verbindung von Klangraum und Klangzeit darstellt, das Erleben von Musik somit schon immer mehrere Erlebnisqualitäten beinhaltet, die der vermehrten Synapsenbildung zuträglich sind.
Gruhn geht auf die Operationalisierung des Musikalitätsbegriffs in der musikpsychologischen Forschung ein und erläutert kenntnisreich die neurobiologische Entwicklung des Kindes bis zum zehnten Lebensjahr.
Der Autor stellt in den ersten zehn Kapiteln ein Fülle von pädagogisch bedeutsamen Forschungsergebnissen vor: Eins der wichtigsten Ergebnisse bezüglich der musikalischen Förderung von Kindern scheint die Tatsache zu sein, dass angesichts der neuronalen Entwicklung ein möglichst differenziertes musikalisches Angebot vor allem in den ersten neun Lebensjahren gemacht werden muss, da bis dahin die Grundlagen für die unter Umständen später erforderlichen Differenzierungsfähigkeiten gelegt werden. Bemerkenswert scheint mir ebenfalls die in den ersten Kapiteln gewonnene Erkenntnis zu sein, dass die kindliche Kompetenz für Musik höher ist als die für Sprache: Schon sechsmonatige Säuglinge können laut Gruhn musikalisch Richtiges von Falschem unterscheiden und musikalische "Segmentierung" und "Gruppierung" vornehmen.
Musikalisches Erleben ist an Motorik gekoppelt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sowohl die Grob- als auch die Feinmotorik bei musikalisch geförderten Kindern besser entwickelt ist als bei Kindern ohne besondere Förderung. Gruhn fordert auf Grund seiner Erkenntnisse dazu auf, "Musik mit Kopf, Herz und Hand zu realisieren É. Statt später Begriffe zu memorieren, für die es keine körperliche Vorerfahrung gibt".
Ein umfangreicher Teil des Buches ist der Darstellung des Schaffens des amerikanischen Musikpsychologen Gordon gewidmet, der bezüglich der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten die drei Stufen Akkulturation, Imitation und Assimilation einführte; die Nähe zu den Begrifflichkeiten Jean Piagets ist hier nicht zu übersehen.
Gruhn erläutert die drei Aneignungsstufen Gordons mit zahlreichen Beispielen und anschaulichen Tabellen und beschreibt dann die kindliche Entwicklung der Aneignung der musikalischen Parameter Rhythmus, Melodik und Harmonik chronologisch.
Das Buch mündet in der Darstellung der sechs Grundprinzipien frühkindlichen Lernens, die darauf gerichtet sind einen differenzierten Repräsentationsaufbau zu ermöglichen, indem erziehende Menschen Kindern möglichst viel verschiedene musikalische vor allem vokale Stimuli anbieten.
Das Buch schließt mit der Forderung, dass die Debatte um die kognitiven Effekte der musikalischen Erziehung nicht das eigentliche Anliegen der Musikpädagogik nämlich die Vermittlung der Musik als elementares Ausdrucksmittel überdecken sollte.
Zielgruppe
Diese Veröffentlichung richtet sich an Eltern, Großeltern, Musikpädagoginnen, Lehrerinnen und Erzieherinnen und alle Berufsgruppen, die ihre Kenntnisse über die Bedeutung von Musik im Erziehungsprozess von Kindern erweitern wollen.
Fazit
Für dieses Buch wurde eine enorme Fülle von Daten und Materialien zum Thema "kindliches Musikerleben" zusammen getragen und auf dem aktuellen Stand der Forschung hervorragend dokumentiert.
Besonders positiv soll hervorgehoben werden, dass der Autor trotz der immensen Fülle von Querverweisen zu den Nachbarwissenschaften Biologie, Psychologie, Medizin und Pädagogik und trotz des ständig auf der Musikpädagogik lastenden Legitimierungszwangs der Versuchung widerstand, Musik nur als Transfermedium für die Verbesserung der Kognition zu sehen.
Die überbordende Komplexität des Themas führte sicherlich auch zu der einen oder anderen Irritation im Aufbau des Buches. Weiterhin sollte die Leserin des Buches mit musikpsychologischen und musikpädagogischen Grundzusammenhängen vertraut sein, da der Autor eine Fülle von Grundkenntnissen voraussetzt. Insofern ist das Anhängen des Glossars nicht nur ein nützlicher sondern für manche Leser ein unumgänglicher Service.
Rezension von
Prof. Dr. Hubert Minkenberg
Professor für Medienpädagogik/Musikpädagogik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Mailformular
Es gibt 31 Rezensionen von Hubert Minkenberg.





