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Katharina Artemis Schmidt: [...] Partizipation und Empowerment [...] durch Family-group-conferencing

Cover Katharina Artemis Schmidt: Steigerung von Partizipation und Empowerment bei straffälligen Jugendlichen und ihren Familien durch Family-group-conferencing. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. 64 Seiten. ISBN 978-3-86676-117-9. 9,80 EUR.

Institut für Angewandte Rechts- und Sozialforschung : Schriftenreihe des Instituts für Angewandte Rechts- und Sozialforschung der Fachhochschule Braunschweig, Wolfenbüttel - Band 5.
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Thema

Die Formulierung des Buchtitels gibt bereits einen Hinweis darauf, was man bei diesem dünnen Bändchen in den Händen hält: eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, genauer gesagt eine Bachelorarbeit, die von der Autorin an der „Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften – Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel“ eingereicht wurde. Sie beschäftigt sich mit der Methode „Family-Group-Conference (FGC)“ als Mittel im Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen.

Eine interessante Geschichte steckt hinter diesem Ansatz (s. Entstehungsgeschichte, S. 17/18), der ursprünglich um 1980 in Neuseeland entstand. Kurz zuvor war dort ein Kinder- und Jugendhilferecht entwickelt worden, das Möglichkeiten der Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen vorsah. Die Maori, die Ureinwohner Neuseelands, hatten Schwierigkeiten, sich mit diesem System zu identifizieren. Dies lag vor allem an ihrem Familienverständnis, demzufolge nicht nur die leiblichen Eltern die Sorge und die Verantwortung für das Wohl von Kindern und Jugendlichen tragen, sondern auch die erweiterte Familie. Für den Umgang mit Problemen innerhalb der Familie wurde von den Maori die FGC entwickelt. 1989 wurde der Ansatz im neuseeländischen Kinder- und Jugendhilferecht gesetzlich verankert.

Autorin und Herausgeber

Die Autorin, Katharina Artemis Schmidt, stellt diese Methode in ihrer Bachelorarbeit näher vor und beleuchtet die Frage, ob die FGC auch in Deutschland eine sinnvolle Ergänzung der Angebotspalette im Jugendhilfebereich sein kann.

Erschienen ist diese Veröffentlichung als fünfter Band der Schriftenreihe des Instituts für angewandte Rechts- und Sozialforschung der Ostfalia. Die Publikationsreihe wird von Prof. Dr. jur. Ingrid Haas, Professorin für Kriminologie und Viktimologie am oben genannten Institut, herausgegeben. Die Reihe dient dazu, Absolventinnen und Absolventen der Fakultät Soziale Arbeit, wie z.B. auch Katharina Artemis Schmidt, deren Werke von mindestens zwei Gutachtern mit „sehr gut“ bewertet wurden und kriminologisch-viktimologische Themen umfassen, ein Forum zur Veröffentlichung ihrer Werke zu geben. Die Schriftenreihe erscheint im Verlag für Polizeiwissenschaft, was ihren interdisziplinären Nutzen erhöht.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst insgesamt vier inhaltliche Schwerpunkte.

Zu Beginn wird der Begriff des abweichenden Verhaltens definiert, wobei die Autorin stringent und im Hinblick auf ihr Thema nur konsequent die Verbindung zur familiären Sozialisation herstellt. Ihre Grundannahmen: Abweichendes Verhalten verweist vorrangig auf die Herkunftsfamilie, die für Kinder und Jugendliche nach wie vor die wichtigste Sozialisationsinstanz ist. Ein Großteil der straffällig gewordenen Jugendlichen erlebt(e) inkonsistente Beziehungsstrukturen und weist mangelnde soziale Kompetenzen auf. Insofern erscheint es schlüssig, im Umgang mit ihnen einen Ansatz zu wählen, der die familiären Strukturen in den Blick nimmt.

Im zweiten Abschnitt wird daher die Family-Group-Conference definiert (wobei kein Bezug zum bekannten Buch „Familienkonferenz“ des US-amerikanischen Psychologen Thomas Gordon hergestellt wird) und ihre Entstehungsgeschichte, ihre Beteiligten und ihr Ablauf vorgestellt. Sie wird eingeordnet in die Methoden der Restorative Justice, der ausgleichenden Wiedergutmachung, zu denen auch z.B. der Täter-Opfer-Ausgleich gehört. An der FGC nehmen eine möglichst neutrale Moderation, Verwandte, Freunde, enge Bezugspersonen sowie nach Möglichkeit der/die betroffene Minderjährige und ggf. involvierte Opfer teil. Die beiden letztgenannten können sich auch durch jemanden vertreten lassen oder ihre Ansichten schriftlich in den Prozess einbringen. Das Ziel ist, die Adressaten und ihre Familien nicht nur an den Hilfeentscheidungen teilhaben zu lassen, sondern sie selbst zu Trägern dieser Entscheidungen zu machen. Dazu ist in der FGC eine „profifreie Phase“ vorgesehen, in der die Beteiligten des Netzwerkes zunächst selbst Lösungen überlegen und beraten. Die fallzuständige Fachkraft behält aber ein Vetorecht, sollte durch die vorgeschlagenen Lösungen z.B. das Kindeswohl nicht gesichert sein.

Ein dritter Schwerpunkt beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Family-Group-Conference. Hier interessiert die Autorin speziell die Frage, die auch im Titel ihrer Arbeit formuliert ist: Wird durch die FGC eine Steigerung von Partizipation und Empowerment bei den straffällig gewordenen Jugendlichen und ihren Familien erwirkt? Beides beantwortet sie mit „Ja“ und führt zur Begründung u.a. an, dass die Partizipation der Familie dazu führt, dass diese zu einem großen Teil ihre selbst erhaltenen Pläne einhält.

Der letzte inhaltliche Abschnitt widmet sich Möglichkeiten der Implementierung in die Soziale Arbeit. Angesprochen wird die Frage nach einer Etablierung der Methode in Deutschland sowie möglichen weiteren Einsatzfeldern neben den Umgang mit straffälligen Jugendlichen. Dabei wird deutlich, dass die Jugendämter, die in Modellprojekten bereits mit der Methode gearbeitet haben, sich diese eher als eine Ergänzung denn als eine echte Alternative zum bestehenden Hilfeplanverfahren vorstellen können.

Diskussion und Fazit

Was bleibt, wenn man diese Veröffentlichung gelesen hat? Einen kleinen Wermutstropfen stellt zunächst das wenig sorgfältige Lektorat dar. Sätze wie z.B. der folgende könnten sicher lesbarer gestaltet werden: „Die Sozialarbeiterin / der Sozialarbeiter setzt an den Defiziten ihrer Klienten [bzw. dann auch ihrer/seiner Klienten/Klientinnen, G.B.] an, denn sie / er nimmt ihre /seine Klienten als hilflos und unfähig wahr“ (S. 40).

Darüber hinaus bleibt insgesamt der Eindruck einer sehr guten Bachelorarbeit, die sich mit einem interessanten Thema beschäftigt. Sie gibt in Kürze einen guten Einblick in eine für die Jugendhilfe durchaus bedenkenswerte Methode, ihren Hintergrund, ihre Ausgestaltung und ihre Einsatzmöglichkeiten. Eine Forschungslücke schließt sie damit nicht, was von einer Bachelorarbeit aber auch nicht erwartet werden kann. Der Leser, der sich mit dem Thema bereits an anderer Stelle auseinandergesetzt hat, sollte diesen Band daher nicht mit zu hohen Erwartungen aufschlagen.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 18.07.2011 zu: Katharina Artemis Schmidt: Steigerung von Partizipation und Empowerment bei straffälligen Jugendlichen und ihren Familien durch Family-group-conferencing. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-86676-117-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10170.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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