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Ulrich Becker, Hans Günter Hockerts u.a. (Hrsg.): Sozialstaat Deutschland

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 04.11.2010

Cover Ulrich Becker, Hans Günter Hockerts u.a. (Hrsg.): Sozialstaat Deutschland ISBN 978-3-8012-4198-8

Ulrich Becker, Hans Günter Hockerts, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Sozialstaat Deutschland. Geschichte und Gegenwart. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2010. 354 Seiten. ISBN 978-3-8012-4198-8. 38,00 EUR.
Unter Mitarbeit von Ulrike Haerendel und Christiane Reuter-Boysen. Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte - Band 87
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Aufbau

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine Sammlung von achtzehn Aufsätzen. Sie teilen sich auf in drei Kapitel:

  1. I Akteure und Adressaten des deutschen Sozialstaats
  2. II Der Sozialstaat in vergleichender und internationaler Perspektive
  3. III Der Sozialstaat vor neuen Herausforderungen

Dank und Laudatio(hier wird das Schaffen des Historikers Gerhard A. Ritter gewürdigt, dem die Verfasser den vorliegenden Band zum 80. Geburtstag widmen).

I Akteure und Adressaten des deutschen Sozialstaats

Wolfgang Ayaß untersucht in seinem überaus interessanten Beitrag das Verhältnis von Sozialdemokratischer Arbeiterbewegung und Sozialversicherung. Er bestätigt anhand zahlreicher, vielfach unbekannter Quellen, dass die anfängliche Ablehnung der Bismarckschen Sozialpolitik seitens der SPD nur halbherzig war. Vor allem die Beteiligung der Arbeitervertreter in der Selbstverwaltung der Sozialversicherung trug zur allmählichen Integration auch der sozialdemokratischen Arbeiterschaft in Staat und Gesellschaft bei.

In ihrem Beitrag Frauen, Männer und die Konstruktion der Rentenversicherung im Kaiserreich fragt Ulrike Haerendel nach der Behandlung der Geschlechter in der Bismarckschen Invaliditäts- und Altersversicherung und kommt zu dem Schluss, dass schon früh die Weichen für eine „geschlechtsspezifische Spaltung des Sozialstaats“ gelegt worden seien.

Klaus Tenfelde überschreibt seinen Beitrag mit Arbeiterschaft, Unternehmer und Mitbestimmung in der frühen Weimarer Republik. Auf 13 Seiten wird das Betriebsratsgeschehen bei Krupp und Bayer im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik dokumentiert.

Christiane Reuter-Boysen beschäftigt sich mit der Artikulation von Fraueninteressen – Die Rentendiskussion in der frühen DDR im Spiegel von Eingaben. Sie wertet Briefe aus, vorwiegend an den Staatspräsidenten Wilhelm Pieck gerichtet, in denen Frauen ihre Nöte und Erwartungen an die Rentenpolitik der DDR vor dem Bau der Mauer artikulierten.

Friederike Föcking untersucht in ihrem interessanten Beitrag Expertenwissen, Politikberatung und die Entstehung des Bundessozialhilfegesetzes von 1962, wobei sie bei der Schaffung des Gesetzes mehr als bei allen anderen Sozialgesetzene in Expertennetzwerk aus Ministerialbürokratie und Wohlfahrtsverbänden am Werk sieht.

Winfried Süß überschreibt seinen Aufsatz Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft? Armut als Problem der deutschen Sozialgeschichte 1961-1989. Er vertritt die These von der „Wiederkehr der Armut“ und konstatiert eine veränderte Zusammensetzung der Armutsbevölkerung.

Wilfried Rudloff untersucht Akteurssysteme, organisierte Betroffenheitsinteressen und sozialpolitische Innovationspfade – Modelle aus der Behindertenpolitik. Der Autor bildet verschiedene Typen der bundesdeutschen Behindertenbewegung, wobei er denjenigen, die sich nicht an der Funktionstüchtigkeit etablierter Sozialsysteme orientieren, größere Erfolgschancen einräumt

II Der Sozialstaat in vergleichender und internationaler Perspektive

Hartmut Kaelble skizziert in seinem Beitrag Historischer Vergleich und Wohlfahrtsstaat – Ein Essay den Stand von Forschungstrends bezüglich des historischen Sozialstaatsvergleichs.

Bernd Schulte untersucht Das „Europäische Sozialmodell zwischen Realität und Normativität, wobei er das Schwergewicht auf die Gemeinsamkeiten in der Sozialpolitik der europäischen Staaten legt.

Hans-Jürgen Puhle überschreibt seinen Aufsatz mit Die „Konstruktion“ neuer Sozialstaaten in der Auseinandersetzung mit alten Modellen: „Pfadabhängigkeiten“, Entscheidungen und Lernprozesse. Er beschreibt die Lernprozesse, die von den sozialpolitischen „Kernländern“ in die Peripherie Europas und anschließend in die ganze Welt gegangen sind.

Peter A. Köhler versieht seinen Beitrag Das Ende des schwedischen „Volksheims“? mit einem Fragezeichen. Er untersucht, ob die für die schwedische Sozialpolitik der Nachkriegszeit typische „Volksheim-Idee“ unter den gewandelten Bedingungen überlebensfähig ist.

Ulrike Lindner untersucht Gesundheitssysteme und Geschlecht: Die Versorgung von Patientinnen und Patienten in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, wobei erwartungsgemäß vor allem die Schwangerenvorsorge der Bundesrepublik Deutschland in den 50er und 60er Jahren schlecht abschneidet.

III Der Sozialstaat vor neuen Herausforderungen

Hans Günter Hockerts nennt seinen überaus informativen, mit deutlichen Worten Stellung beziehenden Beitrag Abschied von der dynamischen Rente – Über den Einzug der Demografie und der Finanzindustrie in die Politik der Alterssicherung. Er weist nach, dass die „demografische Keule“ auch geschwungen wurde, um „Verteilungsstrukturen aus ganz anderen Gründen zu ändern“.

Hans Jürgen Kocka plädiert in seinem BeitragZivilgesellschaft und Sozialstaat dafür, neben den (behaupteten) Spannungen zwischen beiden Bereichen die Möglichkeiten der wechselseitigen Befruchtung nicht aus dem Auge zu verlieren.

Franz Ruland, ehedem Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger, stellt die Frage nach dem Ausbau der Rentenversicherung zu einer allgemeinen Erwerbstätigenversicherung? Es geht ihm dabei nicht zuletzt darum, „die Allgemeinheit vor wachsenden Kosten der Grundsicherung“ zu bewahren – weil ein zunehmend größer werdender Teil auch von „Selbständigen“ so niedrige Einkommen bezieht, dass private Vorsorge kaum möglich ist. Der Autor plädiert für eine Einbeziehung der „Soloselbständigen“ in die Rentenversicherung, hat indes stärkste Bedenken, letztere auch auf Beamte und Mitglieder berufsständischer Versorgungswerke auszudehnen.

Ulrich Becker schließlich prüft in seinem Beitrag Der Sozialstaat in der Europäischen Union, ob letztere die Fundamente des Sozialstaats untergräbt, ob die zunehmenden supranationalen Einwirkungen auf das nationale Sozialrecht die Voraussetzungen der Sozialstaatlichkeit erschüttern. Der Autor stellt zwar Gefährdungen fest, kommt aber zu dem Schluss: „Wer … glaubt, von Brüssel wehe der kalte Wind des Marktes und treibe ein neoliberales Mahlwerk an, in dem sozialstaatlich Errungenschaften zermalmt zu werden drohen, muss sein Bild korrigieren“.

Dank und Laudatio

Klaus Tenfelde und H.F.Zacher äußern sich dankend und lobend zu Leben und Werk von Gerhard A. Ritter.

Diskussion

Der Titel des Buches ist irreführend. Es wird nicht der Sozialstaat Deutschland in Geschichte und Gegenwart beschrieben, sondern hier führt die Mehrzahl der achtzehn Autoren ihre wissenschaftlichen Steckenpferde auf dem Gebiet der Sozialpolitik vor. Nur mühsam gelingt es den Herausgebern, sie zu bändigen und im Zaum zu halten. Es bedarf schon großer geistiger Anstrengung, einen inneren Zusammenhang zwischen den Beiträgen herzustellen. Wenigstens werden, mit einer begründeten Ausnahme, nicht, wie bei solcherart Sammelbänden manchmal üblich, bereits gehaltene Vorträge recycelt oder gar schon erschienene Publikationen wiederaufbereitet.

Der Erkenntnisgewinn beim Lesen der Beiträge ist unterschiedlich. Ein gewisses „Altersgefälle“ ist unverkennbar, fast ist man geneigt zu sagen: je jünger die Autoren, umso beliebiger, umso ferner der eigentlichen Sozialpolitik und ihren Kernproblemen ist oft ihre Themenwahl. Während die Aufsätze von Ayaß, Föcking, Köhler, Hockerts, Ruland und Becker uneingeschränkt zu empfehlen sind, dem Leser neue Perspektiven eröffnen und ihn zum selbständigen Nachdenken anregen, wiederholen die übrigen Beiträge entweder bereits bekannte Standpunkte, bieten bereits Publiziertes in neuem Gewand, sind allzu abstrakt oder bewegen sich bestenfalls an der Peripherie von Sozialpolitik. In diesem Zusammenhang noch einmal ein deutliches Wort zum „Gender“-Forschungsansatz in der wissenschaftlichen Sozialpolitik, hier am Beispiel des Aufsatzes von Ulrike Haerendel: die Sozialversicherung hat noch nie Frauen, nur weil sie Frauen sind, diskriminiert. Unter sonst gleichen Voraussetzungen werden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seit Bismarcks Zeiten gleich behandelt. „Höhere Töchter“ und ihre Mütter brauchten allerdings noch nie sozialstaatlichen Beistand, genau so wenig, wie reichen Familien Kindergeld gewährt werden sollte. Die entsprechenden Forschungsinstitute könnten sich im übrigen „gendermäßig“ auch einmal mit der Tatsache beschäftigen, ob frühere Arbeitnehmerinnen (beispielsweise bei Bosch) deren Männer im Krieg gefallen sind, eine Vierfachversorgung (eigene Rente, Witwenrente, Kriegsopferrente, Betriebsrente) tatsächlich brauchen. Eine Rentenkumulation, von der Männer nur träumen können. (Um nicht missverstanden zu werden: die Renten seien den Frauen von Herzen gegönnt!!)

Fazit

Ein Sammelband mit interessanten und weniger interessanten Beiträgen.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 04.11.2010 zu: Ulrich Becker, Hans Günter Hockerts, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Sozialstaat Deutschland. Geschichte und Gegenwart. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2010. ISBN 978-3-8012-4198-8. Unter Mitarbeit von Ulrike Haerendel und Christiane Reuter-Boysen. Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte - Band 87. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10177.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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