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Alexandra Lange: Beziehungsfähig trotz geistiger Behinderung

Cover Alexandra Lange: Beziehungsfähig trotz geistiger Behinderung. Ein pädagogisches Konzept für die Beziehungsarbeit. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 115 Seiten. ISBN 978-3-8288-2288-7. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Thema

Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um eine von der Autorin Alexandra Lange verfasste Diplomarbeit, die sich mit der Beziehungssituation von professionellen BeraterInnen / BetreuerInnen und Menschen mit einer „geistigen Behinderung“ auseinandersetzt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Zunächst wird über die Grundlagen von zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie von Beziehungsaufbau und Beziehungsstörungen referiert. Aufbauend im sechsten Kapitel soll ein pädagogisches Konzept für eine gelungen Beziehungsarbeit zwischen professionellen Bezugspersonen und Menschen mit einer „geistigen Behinderung“ entwickelt werden. Im siebten Kapitel erfolgt abschließend als Resümee eine zusammenfassende Betrachtung auf den vorgestellten Themenkomplex.

Nach der Einleitung im ersten Kapitel setzt sich die Verfasserin im zweiten Kapitel zunächst allgemein mit dem Begriff der Beziehung auseinander. Beginnend mit einer grundlegenden Differenzierung zwischen funktionalen und persönlichen, sowie horizontalen und vertikalen Beziehungen, beschreibt die Autorin als Basis einer jeden Beziehung die soziale Interaktion, in welcher die individuellen Bedürfnisse, Vorstellungen und Erwartungen der einzelnen PartnerInnen Berücksichtigung finden müssen und aufeinander abgestimmt sein sollten. Eine erfolgreiche Gestaltung von Beziehungen erfordert Alexandra Lange zufolge somit zusätzlich zu der grundlegenden Motivation und Gelegenheit soziale Kompetenzen, die im Verlaufe des Lebens – unter anderem durch eigene Beziehungserfahrungen – erworben werden und die Beziehungsfähigkeit einer Person ausmachen. Im weiteren Verlauf beschreibt die Autorin die Wesensmerkmale der pädagogischen Beziehung. Die Beziehung als Grundlage des pädagogischen Handelns hat zunächst einen dialogischen Anspruch, ist aber aufgrund ihres Bildungsauftrags keinesfalls symmetrisch. Verantwortlich für den Beziehungsaufbau ist die pädagogische Fachkraft. Dessen ungeachtet hängt eine gelungen pädagogische Beziehung allerdings auch von den Beziehungskompetenzen des Klienten ab. Diese sind unterschiedlich gut ausgebildet. Bei Menschen mit „geistiger Behinderung“ kann der Autorin zufolge die Beziehungsfähigkeit aufgrund verschiedener Faktoren beeinträchtigt sein.

Diese werden im dritten Kapitel näher betrachtet.Zunächst wird eine Bestimmung des Begriffs „geistige Behinderung“ vorgenommen. Als Arbeitsdefinition für das vorliegende Buch stellt die Autorin die Annahme auf, dass Menschen mit der Zuschreibung „geistige Behinderung“ oftmals (…)„ soziale, kulturelle und interaktionistische Isolation erfahren.“ (S.23) Diese erschwert die Entwicklung von Kompetenzen, wie sie zur Herstellung und Pflege sozialer Beziehungen benötigt werden.Die Beziehungsfähigkeit wird durch eigene Beziehungserfahrungen geprägt. Diese Erfahrungen können bei Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung auf verschiedenen Beziehungsebenen Prägungen erleben, die sich negativ auf die eigene Beziehungsfähigkeit auswirken. Folgende Ebene werden genannt: Der Aufbau einer Eltern-Kind-Beziehung ist bei Kindern mit einer „geistigen Behinderung“ und ihren Bezugspersonen Alexandra Lange zufolge oft größeren Belastungen ausgesetzt, als bei Kindern ohne Behinderung. Der Beziehungsaufbau bei Kindern und Säuglingen mit „geistiger Behinderung“ wird durch eine oft vorhandene, verminderte Fähigkeit, Kontaktsignale der Bezugsperson zu deuten, erschwert. Auch für die Eltern kann sich die Kontaktaufnahme als schwierig erweisen, wenn sich das Kind auf elterliche Zuwendung anders als erwartet verhält. Außerdem ist das Erkennen und Deuten von Bedürfnissen für die Eltern oftmals schwer. Schon die Diagnose „geistige Behinderung“ kann der Autorin zufolge für die Eltern eine traumatische Erfahrung darstellen und sich negativ auf die Beziehungsebene auswirken. Freundschaftsbeziehungen sind bei Menschen mit „geistiger Behinderung“ von der Autorin zitierten Untersuchungen zufolge oft weniger ausgeprägt und in Rollenbeziehungen erfahren betroffene Personen durch den relativen Zwangskontext, einer oft vorhandenen Abhängigkeit und einem regelmäßigen Wechsel der Bezugspersonen keine verlässliche Beziehungsgröße. Die soziale Partizipation und damit die Gelegenheit, positive Erfahrungen in Beziehungen zu erleben, kann bei Menschen mit „geistiger Behinderung“ eingeschränkt sein und begrenzt die Kompetenz in Bezug auf erfolgreiche Beziehungsgestaltung.

Im vierten Kapitel werden verschiedene psychische Störungen, welche die Beziehungsfähigkeit einschränken können, vorgestellt und näher beschrieben. Genannt werden hier Kontaktstörungen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Bindungsstörungen. Diese Störungen können sich aus den im vorherigen Kapitel beschriebenen negativen Beziehungserfahrungen entwickeln. Ausgewählte psychotherapeutische Erklärungsansätze werden im fünften Kapitel dahingehend betrachtet, in wie weit sie handlungsanleitend für die Entwicklung eines pädagogischen Konzepts sind, mit dem Ziel, Strategien zu entwickeln die dazu beitragen können, trotz evtl. vorhandener Beziehungsstörungen eine pädagogische Beziehung aufzubauen.

Das sechste Kapitel widmet sich abschließend der Ausarbeitung eines pädagogischen Handlungsmodells zur Beziehungsgestaltung von Professionellen und Menschen mit „geistiger Behinderung“, wobei von der Autorin ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es sich dabei lediglich um den „Versuch eines Konzeptentwurfs“ (S.85) handelt. Als Leitziel wird die „Wiederherstellung der Beziehungsfähigkeit“ (ebd.) bei Menschen mit „geistiger Behinderung“ genannt. Im ersten Teil widmet sich die Autorin zunächst der Charakteristik pädagogischer Beziehungsgestaltung. Großen Stellenwert wird hier der Haltung und der Selbstwahrnehmung des Pädagogen eingeräumt. Für eine erfolgreiche und empathische Beziehungsgestaltung durch den Professionellen ist es notwendig, dass sich der Pädagoge über seine eigene Haltung in der Beziehungssituation, sein eigenes Denken und Wollen im Klaren ist. Als weitere Voraussetzung wird eine auf die Beziehung vorbereitende pädagogische Diagnostik durch den Professionellen hingewiesen.

Im zweiten Teil wird der Beziehungsverlauf betrachtet. Dieser wird von der Autorin in insgesamt fünf Phasen unterteilt und beschrieben. Abschließend werden drei pädagogisch- therapeutische Interventionsmöglichkeiten dargestellt, welche bei vorliegender Beziehungsstörung dazu beitragen können, die Beziehungsfähigkeit der Klienten zu verbessern.

Diskussion

Das vorliegende Buch „Beziehungsfähigkeit trotz geistiger Behinderung – Ein pädagogisches Konzept für die Beziehungsarbeit“ wird seinem Titel nicht gerecht. Wie die Autorin selbst betont, kann es sich hier lediglich um einen Konzeptentwurf handeln, mit dem Ziel, die Grundlagen pädagogischer Beziehungsarbeit und verschiedener pädagogisch- therapeutischer Interventionsmöglichkeiten bei Beziehungsstörungen aufzeigen. Mehr Tiefe darf allerdings auch von einer Diplomarbeit nicht erwartet werden. Das Buch möchte einen handlungsorientierten Zugang auf problematische Beziehungssituationen zwischen Professionellen und Menschen mit „Geistiger Behinderung“ aufzeigen. Dieser Aufgabe stellt sich die Autorin Alexandra Lange sehr sorgfältig. Sie beleuchtet die Hintergründe von Beziehungsstörungen und bietet Ideen, wie auf pädagogischer Seite Menschen mit „geistiger Behinderung“ dabei unterstützt werden können, Beziehungen aufzubauen und zu halten. Trotz kleinerer Ungenauigkeiten und teilweise fehlender Präzision in den Formulierungen, hinterlässt das Buch als Gesamtbild eine fundiert erarbeitete Darstellung einer Konzeptidee zur Verbesserung der Beziehungsfähigkeit von Menschen mit „geistiger Behinderung“ und Professionellen.

Fazit

Für interessierte Leser, die sich in ihrer beruflichen Praxis dem Aufbau und Erhalt von pädagogischen Beziehungen zu Menschen mit „geistiger Behinderung“ widmen, bietet das Buch „Beziehungsfähigkeit trotz geistiger Behinderung – Ein pädagogisches Konzept für die Beziehungsarbeit“ von Alexandra Lange einen guten ersten Zugang zu den Grundlagen pädagogischer Beziehungsarbeit mit ihrem Klientel.


Rezension von
Björn Brünink
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Zitiervorschlag
Björn Brünink. Rezension vom 13.04.2011 zu: Alexandra Lange: Beziehungsfähig trotz geistiger Behinderung. Ein pädagogisches Konzept für die Beziehungsarbeit. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2288-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10183.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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