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Rolf Göppel: Pädagogik und Zeitgeist

Cover Rolf Göppel: Pädagogik und Zeitgeist. Erziehungsmentalitäten und Erziehungsdiskurse im Wandel. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 319 Seiten. ISBN 978-3-17-020955-8. 28,00 EUR.

Reihe: Kohlhammer Pädagogik.
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Thema

Erziehung und Bildung sind immer wieder nicht nur Themen der fachlichen Diskussion, sondern auch der öffentlichen Meinung. Es sind „Themen, die ‚unser aller Leben‘ irgendwie berühren“ (17). „Zum einen sind wir in gewissem Sinne als Erzogene und als Erziehende immer schon langjährige ‚Experten in Erziehungsfragen‘, zum anderen betreffen Fragen, die sich auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft und die Gestaltung des Erziehungs- und Bildungswesens beziehen, ja auch Aspekte der ‚res publica‘ und verdienen deshalb unsere Aufmerksamkeit als Staatsbürger.“ (17)

Die neuerlichen öffentlichkeitswirksam verbreiteten Szenarien sowohl einer Erziehungs- als auch einer Bildungskatastrophe zeigen, „dass gerade der Bereich der Pädagogik in hohem Maße den Konjunkturen des Zeitgeistes ausgeliefert ist“ (S. 13). Der jüngste Rollback vom Fördern zum Fordern, nämlich zur Unterordnung in der Erziehung und zur Leistung in der Bildung, zeugt davon. Wieder einmal wandeln sich Erziehungsmentalitäten in der Bevölkerung und die auch von ihnen geprägten Erziehungsdiskurse unter den Experten.

Rolf Göppel begibt sich im Felde solcher unterschiedlichen Mentalitäten und Diskurse auf Spurensuche. Er identifiziert und diskutiert verschiedene, durch entsprechende Wandlungen hervorgerufene kognitiv-emotionale Spannungsfelder.

Autor

Rolf Göppel ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit den Tätigkeitsschwerpunkten Allgemeine Pädagogik, Psychoanalytische Pädagogik, Pädagogische Kinder- und Jugendkunde und Pädagogische Biographieforschung. Er ist, akademisch gesehen, ein Sohn der Universität Würzburg. Göppel hat an dieser Universität seinerzeit Pädagogik und Sonderpädagogik (insbesondere Verhaltensgestörten-/Lernbehindertenpädagogik) studiert, dort 1989 bei dem Psychologen und Psychoanalytiker Günther Bittner mit der Arbeit „‘Der Friederich, der Friederich…‘ Das Bild des ‚schwierigen Kindes‘ in der Pädagogik des 19. und 20. Jahrhunderts“ promoviert und sich, wiederum an der Universität Würzburg, 1997 mit der Schrift „Die Ursprünge der seelischen Gesundheit. Risiko- und Schutzfaktoren in der kindlichen Entwicklung“ habilitiert. Seine weiteren Monographien kennzeichnen sein Interesse für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen („Das Jugendalter“, 2005; „Aufwachsen heute“, 2007) und dabei auftretende Schwierigkeiten („Eltern, Kinder und Konflikte“, 1998; „Wenn ich hasse, habe ich keine Angst mehr…“, 2002; „Lehrer, Schüler und Konflikte“, 2007).

Entstehungshintergrund

Göppel führt in seinem neuesten Buch zehn schon zwischen 2000 und 2010 veröffentlichte Zeitschriftenartikel und Sammelwerkbeiträge unter der Thematik des Wandels von Erziehungsmentalitäten und –diskursen zusammen und ergänzt sie um fünf bisher unveröffentlichte Texte. Die bereits publizierten Artikel und Beiträge hat er, einschließlich der Titel, überarbeitet.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile und fünfzehn Kapitel unterteilt. Es folgt weniger einer linearen als einer zyklischen Logik. Die Teile und Kapitel folgen nicht logisch aufeinander, sondern sind alle auf einen thematischen Mittelpunkt bezogen, den sie immer wieder neu und anders aufgreifen und variieren: den Wandel von Erziehungsmentalitäten und –diskursen. Die vier Teile lauten:

  1. Wandel der Problembeschreibungen und Problemlösungsstrategien,
  2. Wandel der einzelnen pädagogischen Felder,
  3. Wandel der grundlegenden Begriffe und Konzepte,
  4. Wandel der übergreifenden Zielperspektiven.

Die Zuordnung der fünfzehn Kapitel zu den vier Teilen erfolgt nur lose. Die Teile haben wohl mehr die Funktion, die Übersichtlichkeit für die einzelnen Kapitel zu erhöhen. Im ersten Teil werden Wege der Erziehung allgemein (Kap. 2) und unter vermeintlich (Kap. 1) oder wirklich schwierigen Bedingungen (Kap. 3, 4) erörtert. Der zweite Teil enthält Texte, die sich auf pädagogische Felder der Kindheit und Jugend beziehen: die Familie (Kap. 5), Vorschulerziehung (Kap. 6), Schule (Kap. 7, 8) und Jugendarbeit (Kap. 9). Den grundlegenden Begriffen der Ungezogenheit, Sozialisation und Bildung und ihren konzeptionellen Alternativen Verhaltensstörung, Selbstsozialisation und Kompetenz gilt der dritte Teil. Zuletzt, im vierten Teil, werden Grundfragen der Erziehungstheorie angesprochen: die Struktur der Erziehung (Kap. 13) und die ihr entsprechende Haltung (Kap. 14). Das letzte Kapitel (15.), das vor allem dem Selbstverständnis der Psychoanalyse gewidmet ist, schert ein wenig aus dem Reigen der pädagogischen Themen aus.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Überleitung, in der auf das jeweils vorhergehende verwiesen wird. So entsteht, wenn man das Buch von vorn nach hinten durchliest, ein gewisser narrativer Zusammenhang.

Inhalt

Da ich im Rahmen einer Rezension nicht auf jedes Kapitel einzeln eingehen kann, begnüge ich mich mit der Nennung der Titel und einer grundsätzlichen Leseanleitung. Die Titel lauten:

1. Von einstmals intakten erzieherischen Verhältnissen zur „Erziehungskatastrophe“ der Gegenwart? – Brauchen Kinder heute wieder mehr Erziehung, Disziplin und Gehorsam?

2. Von der Beschreibung der „Grundbedürfnisse des Kindes“ zur Reflexion über die „Konstruktionen der Kindheit?“ – Was brauchen Kinder für ein gelingendes Aufwachsen?

3. Von der Ausnahme zur Normalität von „Erziehungsschwierigkeiten“? – Grenzen und Grenzüberwindung in der schulischen Erziehungshilfe

4. Von der Fürsorglichkeit zur Konfrontation? – Kulturen und „Unkulturen“ des Grenzensetzens in der Pädagogik

5. Von der Partnerschaftlichkeit zur Unterordnung in der Familie? – Fragwürdige Tendenzen in aktuellen Erziehungsratgebern

6. Vom Kindergarten zum „Bildungshaus“ … oder zum „Kinderdepot“? – Aktuelle Entwicklungstrends und Kontroversen in der Pädagogik der frühen Kindheit

7. Von der „Unterrichtsvollzugsanstalt“ zum „emotionalen Raum“? – Die Bedeutung emotionaler Aspekte beim schulischen Lehren und Lernen

8. Vom Risikofaktor zum Schutzfaktor? – Resilienzförderung als schulische Aufgabe?

9. Von der Verleugnung zur Propagierung des Bildungsanspruchs in der Jugendarbeit? – Welche Motive stehen hinter dem aktuellen „Bildungsboom“ im Bereich der Jugendarbeit

10. Von der „Ungezogenheit“ zur „Verhaltensstörung“? – Das Bild des „schwierigen Kindes“ in der Geschichte der Pädagogik

11. Von der Sozialisation zur „Selbstsozialisation“? – Die Sozialisationsforschung und die „Eigentätigkeit des Subjekts“

12. Von der „Bildung“ zur „Kompetenz“? – Realer Fortschritt oder bloßer Wechsel des Jargons?

13. Von der „Verfolgung von Erziehungszielen“ zur „Kultur des pädagogischen Umgangs“? – Was leisten „Erziehungsziele“ in der pädagogischen Realität?

14. Von der normativen Pädagogik zur „Erziehungsethik“? – Gibt es einen „kategorischen pädagogischen Imperativ“?

15.Von der „Leidabwehr“ zur „Lebenskunst“? – Die Psychoanalytische Pädagogik und die Frage nach dem Glück

Schon der flüchtige Überblick zeigt, dass alle Kapitel formal gleich formuliert sind. Mit den temporal gemeinten Präpositionen „von“ und „zu“ wird jeweils ein Wandel von Erziehungs- oder Bildungsmentalitäten oder –diskursen angedeutet und in Untertiteln präzisiert. Das „von“ markiert eine Vergangenheit, das „zu“ die Gegenwart, wobei erstere auch noch in die Gegenwart hineinreicht und zweitere sich auch noch in die Zukunft ausstreckt. Die historischen Entwicklungen „von – zu“ suggerieren zugleich mit der Art der Formulierung systematische Entweder-Oder. Göppel unterläuft in jedem Kapitel mit differenzierten Analysen diese schroffen Alternativen, schon im Titel durch die Fragezeichen markiert. Dabei weicht er die Entweder-Oder nicht in einem Sowohl-Als-Auch auf, sondern versucht mit einem Weder-Noch auf einer tiefer angesetzten Ebene der Sache selbst auf den Grund zu gehen.

Diskussion

In den meisten Fällen kann man Göppels Analysen, die dicht entlang am Zeitgeschehen erfolgen, gut folgen und zustimmen, zumal er mit vorsichtigen Formulierungen plakative Zuspitzungen, aber keine begründeten Vermutungen vermeidet.

Für ein Kapitel, in dem er sich von einem zweckrationalen Erziehungsbegriff abgrenzt, wie ihn z.B. Wolfgang Brezinka maßgeblich geprägt hat, möchte ich Göppel mit einer längeren Passage selbst zu Wort kommen lassen. Hier stößt er ins Zentrum erzieherischen Denkens vor:

“Der Begriff ‚Erziehung‘ bezieht sich … auf den ganzen Komplex von reflektierter Verantwortungsübernahme, von Lebensraum-, Alltags- und Beziehungsgestaltung von Erwachsenen für/mit Kinder(n) und Jugendlichen. So wird er in der Regel in der Alltagssprache auch verwendet. Und er bezieht sich damit eben weniger auf spezifische isolierte singuläre Akte, auf spezielle Formen von Handlungen, die von anderen Formen des zwischenmenschlichen Handelns klar zu unterscheiden wären oder die deshalb herausgehoben wären, weil sie ganz ausdrücklich unter der bewussten Intention stehen, bestimmte psychische Dispositionen beim Zögling zu erreichen. Letztere kommen zwar vor, aber sie stellen in der Regel eher den prekären Fall dar, wo bereits Fehlentwicklungen eingetreten sind und pädagogische ,Notbremsen‘ gezogen werden sollen. Es ist ja durchaus bezeichnend, dass in diesem Sinne von expliziten ,Erziehungsmaßnahmen‘ meist dann die Rede ist, wenn es um Sanktionen geht. Wenn es dagegen um die gemeinsamen Mahlzeiten, um das Albern, Kuscheln und Spaß haben mit Kindern geht, um das Trösten und Ermutigen, um das Phantasieren, Fragen-Beantworten, Geschichtenerzählen und Vorlesen, um Ausflüge machen, Feiern gestalten und Urlaub planen - dann ist kaum explizit von ,Erziehungsmaßnahmen‘ die Rede, obwohl all diese Dinge in ihren Wirkungen auf die Kinder wohl sehr viel bedeutsamer sind als die gelegentlichen ,Exempel‘ von gezielten ,Erziehungsmaßnahmen‘, die mit der bewussten Intention vollzogen werden, die psychische Dispositionen beim Zögling zu verändern…“ (267)

“Im Hinblick auf viele Ziele, die Menschen für sich anstreben…, gibt es einen durchaus eindeutigen, mehr oder minder linearen Zusammenhang zwischen der Klarheit der Zielvorgabe, der Intensität des Zielstrebens und der Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung. Im Feld der Erziehung ist dieser Zusammenhang sehr viel weniger klar. Denn es ist hier ja keineswegs so, dass ein Erziehungsziel umso sicherer und zuverlässiger erreicht wird, je kräftiger es von den Erwachsenen beschworen, je genauer es beschrieben, je tiefgründiger es begründet, je schärfer es ins Auge gefasst und je vehementer und rigoroser es verfolgt wird. Insofern ist Brezinkas Formel ‚Je genauer ein Erziehungsziel bestimmt worden ist, desto größer ist die Aussicht, daß geeignete Mittel zur Erreichung des Ziels gefunden werden können‘ … bei genauerer Betrachtung höchst fragwürdig. Es könnte sich hier sogar letztlich ein paradoxer Zusammenhang ergeben: Dass Erziehung nämlich umso besser gelingt, je weniger der explizite Rekurs auf bestimmte Erziehungsziele, die möglichst planmäßig angestrebt und erreicht werden sollen, die Beschwörung von erwünschten Sollenszuständen - und damit die Unzufriedenheit mit den realen Seinszuständen der Kinder - darin überhaupt eine Rolle spielt…“ (268f.)

Fazit

Göppels Buch bietet einen sowohl spannenden als auch hilfreichen Querschnitt durch verschiedenste pädagogische Fragestellungen. Sein besonderer Wert besteht darin, dass der Autor durch die Zeitfragen hindurch immer wieder auf möglicherweise gleichbleibende Grundfragen der Pädagogik vorstößt. Göppel erweist sich als Kenner aktueller pädagogischer, immer wieder psychologischer und auch soziologischer Diskurse und ist zugleich differenziert in der Lage, diese auf systematische Fragestellungen zurückzubeziehen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 02.02.2011 zu: Rolf Göppel: Pädagogik und Zeitgeist. Erziehungsmentalitäten und Erziehungsdiskurse im Wandel. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020955-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10185.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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