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Stefan Dierbach: Jung - rechts - unpolitisch?

Cover Stefan Dierbach: Jung - rechts - unpolitisch? Die Ausblendung des Politischen im Diskurs über rechte Gewalt. transcript (Bielefeld) 2010. 295 Seiten. ISBN 978-3-8376-1468-8. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Theorie bilden - Band 19.
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Lasst doch der Jugend ihren Lauf…?

Im Text des Volksliedes aus dem Hessischen, entstanden um 1860, wird im Walzertakt die Leichtigkeit und Unbeschwertheit hervorgehoben, die von alters her als ein Vorrecht der Jugend gepriesen – und im Politischen als Nachsicht für überzogenes Verhalten, angesichts der Dominanz der Erwachsenenwelt verstanden wird. „Die Jungen müssen sich die Hörner abstoßen“, lautet eine der gönnerhaften Ratschläge; aber auch: In den regelmäßig und zahlreich erscheinenden Jugenduntersuchungen und –analysen, wie etwa die Shell-Jugendstudien, wie auch in den offiziellen Berichten über die Situation und das Verhalten von Jugendlichen in der Gesellschaft, wie z. B. dem Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, wird besonders darauf hingewiesen, dass Gewalt von Jugendlichen zunehme, sich von Ausnahmesituationen hin zu „Normal“-Verhalten entwickele. Eine besondere Aufmerksamkeit erhalten dabei Beobachtungen, wie sie beim Gewaltverhalten von Jugendlichen aus dem politischen und gesellschaftlichen rechten und linken Spektrum auftreten. Entgegen der o.a. Einstellung, dass Gewalt von Jugendlichen eine altersbedingte Krisenreaktion sei und sich „auswachsen“ würde, mehren sich die Stimmen, dass eine solche Analyse in die Irre gehe und die wesentlichen Ursachen und Gründe für jugendliches Gewaltverhalten im Politischen des Gesellschaftlichen gesucht werden müssten (vgl. dazu auch die Rezension zu: Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Herder Verlag, 2. Aufl., 2010, 205 S.).

Autor und Entstehungshintergrund

Stefan Dierbach, Hamburger Lehrer und Diplom-Pädagoge, hat an der Universität Hamburg promoviert mit dem Thema „Der Diskurs des `Jugendlichen` - Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der speziellen Problematik eines jugendtheoretischen Konzepts zur Erklärung Rechter Gewalt unter besonderer Berücksichtigung des pädagogischen Theorie-Praxis-Transfers“. Die überarbeitete, für den wissenschaftlichen und praxisorientierten Diskurs vorgesehene Fassung legt er in der Schriftenreihe „Theorie Bilden“ des transcript Verlags vor. Dort wird formuliert, dass der Zusammenhang von Theorie und Bildung in besonderem Maße für die Erziehungswissenschaft von Bedeutung sei. In der pädagogischen Aus- und Fortbildung komme es darauf an, die Studierenden und Lehrenden zur Theoriebildung zu befähigen. Dierbachs Fragestellung, ob „solch ein primär jugendbezogener und defizitorientierter Blick auf Rechte Gewalt tatsächlich in der Lage (ist), die gesellschaftliche Problematik… adäquat zu erfassen“, lässt sich als Forschungsdesign verdeutlichen und bereits zu Beginn beantworten: „Die dauerhafte Existenz Rechter Gewalt innerhalb der bundesdeutschen Realität könnte nämlich nicht allein das Ergebnis von allgemeinen „Jugendproblemen“ sein, sondern auch als Effekt einer bestimmten politisch-ideologischen Formierung gedeutet werden, die bis in die Mitte der Gesellschaft reicht“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung wird das Buch in vier Kapitel gegliedert und mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick abgeschlossen.

Im ersten Teil geht es um eine Bestandsaufnahme und Analyse über den Diskurs über „Rechte Gewalt“ als Forschungsgegenstand; und zwar sowohl unter dem Aspekt „Rechte Gewalt als konkrete gesellschaftliche Problemlage“, als auch als „Rechte Gewalt und `Jugend` im Kontext der Forschung“; sowie der Darstellung des diskursanalytischen Zugangs für die Forschungsarbeit. Hier vor allem wird deutlich, dass in den Theoriebildungen, Konzepten und Analysen, wie sie bisher zugrunde gelegt wurden, eine diskursive Thematisierung von „Jugend“ stattfindet, mit der Begründung, dass Rechte Gewalt aus Gründen verübt wird, die nicht aus der politischen Intention der Täter rekonstruierbar sind.

Im nächsten Kapitel wird „Jugend“ als Erklärungsfaktor im Diskurs über Rechte Gewalt thematisiert. Dabei weist der Autor in zahlreichen Analysen und Praxisbeispielen nach, dass die gängige Argumentation in der Rechtsextremismusforschung, es handele sich überwiegend um eine „krisenhafte Grundverfasstheit von Jugendlichen“, zu kurz greife; denn: „Rechtsmotivierte Täter könnten eben nicht nur ganz normale Jugendliche mit besonderen Problemen sein, sondern Menschen, die ihre Gewalt als Ressource innerhalb eines bestimmten politischen Konzepts nutzbar machen“ – eine wichtige Einschätzung für eine pädagogische, ob schulische oder außerschulische, akzeptierende, sozialpädagogische Bildungsarbeit.

Weiter geht es um die Darstellung von Begründungszusammenhängen und Strategien, wie die „De-Thematisierung des Politischen“ im Zusammenhang von Rechter Gewalt-Ausübung zu erklären ist. Die Faktoren, die dabei herangezogen werden, reichen von der bereits benannten und kritisierten Annahme, dass die Täter von Rechter Gewalt „sozial und/oder psychisch deformierte Existenzen“ seien, bis hin zu der Beobachtung, „wonach vor allem die Existenz von Feindbildern das Vorhandensein einer politischen Gesinnung markiert“. Die These, „dass Rechte Gewalt nicht von unpolitischen Jugendlichen verübt wird, sondern von Tätern, die im Kontext eines politischen Weltbildes handeln“, hat zweifelsohne Auswirkungen auf politische und pädagogische Strategien.

Mit diesen Überlegungen und Nachweisen leitet Dierbach im weiteren Kapitel über zu „Vorschlägen für die praktische Arbeit gegen Rechte Gewalt“, und zwar sowohl für die wissenschaftliche Forschungsarbeit mit der Empfehlung, „Jugend“ als dominanten Erklärungsfaktor in Frage zu stellen, als auch die gesellschaftliche Bildungs- und Erziehungspraxis, rechtsideologische Täter als politische Subjekte ernst zu nehmen; ebenso: „Rechte Gewalt als Erbschaft der NS-Vergangenheit (zu) begreifen“. Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger, als „den Spielraum rechtsideologischer Gruppen und Positionen kontinuierlich zu beschränken durch den Aufbau und die Förderung einer demokratischen und pluralistisch begründeten Gegenkultur“.

Fazit

Stefan Dierbach legt den Finger in eine analytische Wunde bei der Betrachtung von Rechter Gewalt in unserer Gesellschaft. Sein Ansatzpunkt, dass eine Überwindung von Rechter Gewalt nur durch das In-den-Blick-nehmen des Politischen erfolgreich sein kann, hat ohne Zweifel Konsequenzen für die Theoriebildung und Forschungsarbeit, wie auch für die pädagogische Prävention und Politische Bildung. Der Konsequenz ist beizupflichten: Die Tätergruppen der Rechten Gewalt agieren rechtsextremistisch. Ihre Aktivitäten richten sich gegen das Konzept einer pluralistischen Einwanderungsgesellschaft und gegen eine demokratisch-humane Entwicklung. „Sie brauchen aus diesem Grund keine `besondere` pädagogische Behandlung, sondern eine Gesellschaft, die sich ihnen auf allen Ebenen entgegenstellt“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.10.2010 zu: Stefan Dierbach: Jung - rechts - unpolitisch? Die Ausblendung des Politischen im Diskurs über rechte Gewalt. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1468-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10189.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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