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Nico Stehr, Reiner Grundmann: Expertenwissen

Cover Nico Stehr, Reiner Grundmann: Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. 120 Seiten. ISBN 978-3-938808-82-5. 14,80 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Experten sind Wissensproduzenten, deren Arbeitsbereiche sich zunehmend ausdifferenzieren und deren Dienstleistungen immer stärker nachgefragt sind. Der Anstieg des Wissens in der modernen Gesellschaft ist längst schon ein unaufhaltsamer Prozess, der neben positiven Effekten das Paradoxon einer Unüberschaubarkeit des Wissbaren kreiert. Somit sind skills und know-how zwar in allen gesellschaftlichen Teilsystemen gefragte Ressourcen, jedoch ist kaum mehr überschaubar, wo und wie sehr Experten und Berater mit ihrem Wissen Einfluss auf den sozialen Wandel nehmen. Letztlich lässt sich die moderne Expertenkultur, so eine Grundthese des vorliegenden Buches, nicht frei von Machtaspekten denken – und zwar auch und gerade dort nicht, wo es scheinbar um nichts anderes als um „reines Wissen“ geht.

Herausgeber

Nico Stehr ist Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kulturwissenschaften an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. Reiner Grundmann lehrt Soziologie an der Aston University Birmingham.

Entstehungshintergrund

Der Band ist die Vertiefung eines Spezialproblems, das bereits in den vier Bänden über „Society“ angesprochen wurde, die die Autoren der vorliegenden Monographie 2009 (bei Routledge) in englischer Sprache gemeinsam heraus gegeben haben.

Aufbau

Auf eine Einführung, die die wachsende Bedeutung der Expertise in den modernen Gesellschaft vorstellt, folgen fünf Kapitel und eine Schlussbetrachtung, die auf jeweils circa 20 Seiten über

  • „Wissen und Expertentum“,
  • „Wissensarbeiter“,
  • „Experten“, die
  • „Hierarchie der Expertise“ und die
  • „Krise der wissenschaftlichen Expertise“

unterrichten.

Inhalt

„Wissensarbeit“ ist eine Sparte, die die klassischen Produktionsfaktoren zunehmend verdrängt und im Gegenzug immer größere Bedeutung auf das Gesellschaftsleben ausübt. Mit der Zunahme des Wissensvolumens steigt der Einfluss der Wissenselite, jener Akteure also, die Wissen produzieren und einsatzfähig machen. Mit der erfolgreichen Wissensanwendung wiederum wird das Wissen von den Anwendern re-produziert und damit in seiner „Handlungsfähigkeit“ bestätigt. In einer Welt, in der sich mit Recht von der Produktivkraft der „Wissensökonomie“ (27) sprechen lässt, scheint der klassische (und häufig missinterpretierte) Satz von Francis Bacon, wonach Wissen für Macht stehe, endgültig bestätigt zu sein; und schon Max Weber sprach im Kontext seiner Bürokratietheorie von „Herrschaft kraft Wissen“ (vgl. 32). Tatsächlich jedoch müssen Experten, so legen Stehr und Grundmann dar, als Vermittler von Wissensinhalten verstanden werden (43), die überdies gezwungen sind, ihre Wissensanwendungsvorschläge Geldgebern schmackhaft zu machen, und die das moralische Kapital von Expertenwissen einkalkulieren müssen. (Nur ein Beispiel: Die Relevanz der Expertisen eines ökologischen Forschungsinstituts vor dem Hintergrund der Laufzeiten für Atomkraftwerke; vgl. 48).

Tatsächlich liefern Experten mittlerweile für alle gesellschaftlichen Bereiche Expertisen – und sind zugleich in der Lage, jede andere Expertenmeinung zu relativieren und zu kritisieren. In der Politik ist dies besonders prekär, weil Entscheidung hier auf der Basis einer Legitimation durch Wissen gefällt werden, und dies auch dann, wenn das fragliche Wissen weitaus ungesicherter ist, als es nach Ansicht des Wissensreferenten sein sollte (vgl. 99). In der Wissenschaft hingegen, die schon dem Namen nach der Expertenkultur verpflichtet ist, fehlen solche Entscheidungszwänge; dafür lassen sich die internen Debatten und science wars, die zur Präzisierung des Wissens beitragen, außerhalb des akademischen Elfenbeinturms aber schwerlich nachspielen (103).

Die viel beschworene „Macht des Wissens“ wirkt sich heutzutage eher subtil aus: Es ist die Macht der Selektion (59), mit der Experten umgehen können. Wie ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt (beispielhaft ersichtlich am Werk Michel Foucaults), ist die traditionelle Trennung zwischen marginalem und dominantem Wissen (69 ff.) mittlerweile nicht mehr zu halten; ein Trend, der auch die Alltags- und Freizeitkontexte erreicht hat, wo Spezialwissen über Meditationen, Yoga und Homöopathie davon „überzeugt“, bestimmte Handlungsalternativen zu wählen und andere zu verwerfen. Die Vision der 1960er Jahre, dass einmal ein „technologischer Staat“ regieren werde, der alternatives Wissen unterdrückt (und nur solches Wissen zu Macht werden lässt, dem die herrschende Expertenkaste zustimmt; 81 f.), ist längst passé. Nicht minder antiquiert ist jedoch ebenfalls der Glaube, dass Experten – im Weber‘schen Sinne – rein der Sache selbst verpflichtet sind und sozusagen als entpolitisierte Akteure nicht mehr und nicht weniger tun, als neutrale Ratschläge zu geben (96 f.). Wo es um Reputationen und Chancenzugewinne geht, sind auch Experten nichts anderes als Beutegreifer mit ideologischer Jagdausstattung.

Das Fazit der Autoren am Ende der knapp einhundert Seiten lautet: „Wissen ist ein besonderes Gut, das einerseits im Überfluss vorhanden ist (man denke nur an die wissenschaftlichen Fachpublikationen), andererseits schwierig zu bekommen ist (gerade weil soviel davon existiert).“ (110)

Diskussion

Gewiss haben Stehr und Grundmann Recht, wenn sie hervorheben, dass die Professionen der Wissen-Schaffenden an Universitäten und in Forschungseinrichtungen ein autonomes Sozialsystem schaffen, das sich aufgrund seiner besonderen Umstände von alle anderen Wissensformen unterscheidet (65 f.). Gerade mit dieser Betonung im Hintergrund wären jedoch selbstreflexive Kommentare zur Praxisnähe und interne Verzweigung von jenen Wissensinhalten zu erwarten gewesen, die sich – wie das vorliegende Buch – mit der Generierung von Wissensinhalten beschäftigen! Der nüchtern-sachliche Ton der Monographie legt indes nahe, dass es den Autoren stärker darum geht, aus soziologischer Perspektive das Problem des Expertenwissens von der Warte der „Beratungsprofis“ aus – die sie als Soziologen sind – so zu thematisieren, als handele es sich um ein externes Phänomen. Dass auf die Wissenssoziologie, einer der wichtigsten Sparte der Disziplin, trotzdem nicht weiter eingegangen wird, überrascht. Auch zum Sachverständigerwesen und seinen Einfluss vor Gericht oder zu internetbasierten „demokratischen“ Wissensspeichern wie Wikipedia hätte man sich Anmerkungen gewünscht – Soziologie ist schließlich nicht bloß „Wissen von Experten für Experten“, wie Pierre Bourdieu einmal festgehalten hat (und erst Recht dann nicht, wenn sie Kritik an der „Kultur und Macht“ der Experten betreibt!). Mit anderen Worten, das Buch weist in seinem Ideenreichtum mehr Potential auf, als letztendlich in seinen (wenigen) Seiten verwirklicht wurde. Gedenkt man des schönen Satzes von Descartes: „Wer sein Wissen vergrößert, vergrößert seinen Schmerz“, dann hätte das Bändchen, um in der Sprache der Metapher zu bleiben, durchaus noch ein wenig „schmerzhafter“ sein dürfen.

Fazit

Ein kompakter Überblick über den Rang des Expertenwissens, der angesichts des fraglos gegebenen gesellschaftlichen Einflusses von Beratern und Sachverständigen ein wenig zu alltagsfern daher kommt, der aber dennoch Anregungen zum Weiterdenken und –forschen zu liefern vermag.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 15.10.2010 zu: Nico Stehr, Reiner Grundmann: Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. ISBN 978-3-938808-82-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10190.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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