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Elisabeth List, Harald Stelzer (Hrsg.): Grenzen der Autonomie

Cover Elisabeth List, Harald Stelzer (Hrsg.): Grenzen der Autonomie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-938808-83-2. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Freiheit, Freiheit … das einzige das zählt …

„ER: War das notwendig?
SIE: Nein, aber möglich.“ (Schwab 2010, 21)

Manche Autoren verstehen das menschliche Leben, die menschliche Lebensführung als Kunstwerke – als „works of art”: „Our lives, whether we know is or not and whether we relish the factor bewail it, are works of art. To live or lives as the art of living demands, we must – just as artists must – set ourselves challenges that are difficult to confront up close,http://www.uni-graz.at/">www.uni-graz.at) und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Themenspektrum Natur und Kultur, in das auch das Thema des vorlegenden Sammelbandes passt – die menschliche Autonomie. In ihren zuletzt erschienenen Büchern: „Ethik des Lebendigen“ (2009) und „Vom Darstellen zum Herstellen“ (2007) hat sie sehr ausführlich Stellung zu ihren Ideen bezogen. In dem Sammelband selbst, ist sie mit einem Beitrag zur geistigen Behinderung von Menschen als einem Thema der Moralphilosophie vertreten (in List/Stelzer 2010, 187-214)

Harald Stelzer (www.haraldstelzer.com), studierter Philosoph und Soziologe, ist Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie ebenfalls an der Universität Graz. Ein wichtiges Thema seiner Arbeit ist der Kritische Rationalismus bei Karl Raimund Popper, zu dem er zwei Bücher verfasst hat „Karl R. Popper und kritischer Rationalismus interkulturell gelesen“ (2007) und „Karl Poppers Sozialphilosophie. Politische und ethische Implikationen.“ (2004). In dem Sammelband selbst, ist er mit einem Beitrag zu Autonomie und Determiniertheit vertreten (in List/Stelzer 2010, 71-95)

In dem Sammelband zu den Grenzen der Autonomie finden sich nun weitere Beiträge von Thomas Zoglauer, Herta Nagl-Docekal, Walter Reese-Schäfer, Christian Hiebaum, Brigitte Falkenburg, Theda Rehbock, Wolfgang Jantzen, Sigrid Graumann und Ursula Naue. Die Autoren werden am Ende des Buches kurz vorgestellt und die jeweiligen Publikationslisten liefern einen schnellen Überblick zum Tätigkeitsfeld der Personen (in List/Stelzer 2010, 256-259).

Perspektiven und Aspekte der menschlichen Autonomie

Die Klärung und Bestimmung des Autonomiebegriffs hat weitreichende Folgen – viele verschiedene Themen und Fragestellungen hängen in ihrer Diskussion und Beantwortung an dem zugrunde gelegten Verständnis von Autonomie: „Autonomie ist ein Schlüsselbegriff der Moralphilosophie, mit dem die Frage nach der Freiheit des Menschen thematisiert wird.“ (in List/Stelzer 2010, 11) Sehr oft wird die Diskussion dieser menschlichen Freiheit damit begonnen zwischen positiver und negativer Freiheit zu unterscheiden: Für die positive Freiheit wird die Verkürzung „Freiheit zu XY“ verwendet, für die negative Freiheit „Freiheit von XY“ – Freiheit bedeutet (in einer ersten Annäherung) Möglichkeiten zu haben – die Möglichkeit zu heiraten würde unter den Begriff der positiven Freiheit fallen, die Freiheit von äußeren Bestimmungen in dieser Frage (Heiratsversprechen von Minderjährigen, usw.) kann als negative Freiheit verstanden werden –Freiheit von Manipulation. Doch tatsächlich ist es nicht immer einfach in konkreten Zusammenhängen beide Bestimmungen von Freiheit klar voneinander zu trennen: „Tatsächlich zählt die Unterscheidung von positiver und negativer Freiheit nicht zu den glücklichsten der im politischen Denken mittlerweile fest etablierten Differenzierungen. Nicht dass sie keinerlei Sinn ergäbe, fruchtbarer erweist sich aber, es weitgehend bei negativer Freiheit zu belassen und dafür mehrere Arten von Beschränkungen auseinander zu halten: natürliche und soziale sowie interne und externe.“ (in List/Stelzer 2010, 105) Christian Hiebaum macht sich in seinem Beitrag dafür stark, die negativen Freiheiten genau auszudifferenzieren – das Zitat stammt auch aus seiner Abhandlung der Begriffstrias – „Gleichheit, Freiheit und Freiheitsrechte“ in seinem Aufsatz.

Ein inhaltlicher Überblick

Die einzelnen Beiträge des Buches widmen sich den unterschiedlichen Themenfeldern in der Diskussion : Thomas Zoglauer („Freiheit zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung“) und Herta Nagl-Docekal („Über Selbstgesetzgebung und das Glück“) greifen in ihren Beiträgen die Frage auf, welches Grundverständnis von Freiheit und Autonomie herausgearbeitet werden kann – im Anschluss an Philosophen wie Immanuel Kant und Isaiah Berlin werden Begriffsfelder und Themenschwerpunkte abgegrenzt, die (wie sich im weiteren Verlauf des Buches noch zeigen wird) maßgeblichen Einfluss auf die Diskussionen um die Anwendung und Nutzbarmachung der Konzepte von Freiheit und Autonomie im praktischen Leben (Politik, Gesundheitsfürsorge, Hirnforschung, usw.) haben. Walter Reese-Schäfer und Harald Stelzer gehen in ihren Beiträgen der Frage nach, auf welche Weise Gemeinschaft bzw. die Anderen Einfluss auf unser Verständnis und unsere Ausübung von Freiheit und Autonomie haben. Christian Hiebaum diskutiert die Implikationen von Freiheit und Autonomie im Rahmen der politischen Philosophie – im Diskurs der Gerechtigkeit und Gleichheit. Zum Spannungsverhältnis von Naturalismus und Freiheit bzw. Autonomie beinhaltet der vorliegende Sammelband drei Beiträge: Brigitte Falkenburg, Theda Rehbock und Wolfgang Jantzen gehen auf sehr unterschiedlichen Wegen der Frage nach, welchen Bedingungen menschliche Freiheit und Autonomie unterworfen ist – tatsächlichen Bedingungen menschlicher Physiologie bzw. Neurologie (als sehr interessanter Sammelband gilt in diesem Zusammenhang Köchny 2006), begrifflichen Bedingungen (zum Beispiel im Rahmen einer naturalistischen Deutung von Autonomie und Freiheit), sowie moralischen Bedingungen (die Würde des Menschen lässt sich ja als wichtiges Element des Freiheitsbegriffes verstehen). In den letzten drei Beiträgen des Bandes werden die Begriffe Freiheit und Autonomie in ein lebensnahes Feld gebracht: Physische und psychische Beeinträchtigungen bedeuten für viele Menschen eine Verringerung ihrer Freiheit und Autonomie – Elisabeth List stellt sich in ihrem Aufsatz dem Thema „Geistige Behinderung“ als Frage der Moralphilosophie. Sigrid Graumann geht der Frage nach, welche Bedeutung unterstützende technische Maßnahmen für behinderte Menschen und ihre Freiheit haben können (das Thema AAL wird zwar nicht explizit angesprochen, kann aber hier nachgelesen werden: Kratochvila 2010). Im letzten Beitrag setzt sich Ursula Naue geht der Frage nach, wie es um das Konzept der persönlichen Verantwortung für Gesundheit und Krankheit bestellt ist und expliziert diese Überlegungen an der Alzheimer-Erkrankung. (zum Thema moralische Verantwortung im Hinblick auf die Diskussion um Kompatibilismus und Inkompatibilismus siehe Lohmar 2005 und zum Thema Freiheit, Autonomie und Demenz am Beispiel der künstlichen Ernährung Rappold 2004)

Fazit – Uneingelöste Ansprüche

Nimmt man den Anspruch der Herausgeber als Maßstab dafür, ob das Buch insgesamt als gelungen oder misslungen zu bezeichnen sei, dann fällt das Gesamturteil negativ aus – die angekündigten Revisionen von etablierten Deutungen des Autonomiebegriffs kommen in dem Sammelband über knapp skizzierte Möglichkeiten nicht hinaus. Was sich im Vorwort der Autoren so schön liest: „Insgesamt eröffnen die Beiträge Perspektiven zur Revision gängiger Lehrbuchversionen des Begriffs Autonomie und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Klärung von Problemen, die er aufwirft.“ (in List/Stelzer 2010, 9) – führt nach dem Lesen des Buches zur Einsicht: Das habe ich in anderen Publikationen schon besser, weil detaillierter und argumentativ ausgereifter lesen können. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – auch von den im Sammelband vertretenen Autoren gibt es bessere Arbeiten zum Thema Autonomie zu lesen – insgesamt machen die vorgelegten Beiträge aber einen „lieblosen“, nur mäßig engagierten Eindruck.

Für Einsteiger in das Thema empfiehlt sich ohnehin noch immer das Buch des Schweizers Peter Bieri (Bieri 2001), für thematisch eingearbeitete Leser ist der Griff auf die hervorragenden Arbeiten von Barbara Guckes (z.B. Guckes 2003) und den Sammelband von James Stacey Taylor (Taylor 2005) zu empfehlen. Um die - zugegeben schon etwas ältere - Aufsatzsammlung von John Philip Christman kommt man aber in keinem Fall umhin (Christman 1989). Einen besonders aktuellen Überblick und damit einen gelungenen Einstieg in das Thema findet man bei Stephen Darwall (Darwall 2006).

Literatur

  • Bauman, Z. (2008). „Does Ethics Have a Chance in a World of Consumers?” Cambridge, MA (USA) & London (UK), Harvard University Press
  • Bieri, P. (2001). „Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens.“ München (GER) & Wien (AUT), Carl Hanser Verlag
  • Christman, J. P., Hrsg. (1989). „The Inner Citadel. Essays on Individual Autonomy.” New York, NY (USA), Oxford University Press
  • Darwall, S. (2006). „The Value of Autonomy and Autonomy of Free Will.“ Ethics 116(2): 263-284
  • Guckes, B. (2003). „Ist Freiheit eine Illusion? Eine metaphysische Untersuchung.“ Paderborn (GER), Mentis
  • Horn, C. und G. Löhrer, Hrsg. (2010). „Gründe und Zwecke - Texte zur aktuellen Handlungstheorie.“ Berlin (GER), Suhrkamp Verlag
  • Köchny, K. und D. Stederoth, Eds. (2006). Willensfreiheit als interdisziplinäres Problem. Lebenswissenschaften im Dialog. Freiburg/München (GER), Verlag Karl Alber
  • Kratochvila, H. G. (2010). „Ambient Assisted Living (AAL) – Ein kritischer Blick auf den Einsatz von Technologie “ (www.socialnet.de/rezensionen/10020.php)
  • Lohmar, A. (2005). „Moralische Verantwortlichkeit ohne Willensfreiheit.“ Frankfurt/Main (GER), Vittorio Klostermann
  • Rappold, E. und H. G. Kratochvila (2004). „Aspekte der künstlichen Ernährung bei demenzkranken Patienten in der Geriatrie.“ Ethik in der Medizin 16(3): 253-264
  • Schwab, W. (2010 [1992]). OFFENE GRUBEN OFFENE FENSTER EIN FALL von Ersprechen. „Königskomödien.“ W. Schwab. Graz (AUT) & Wien (AUT), Literaturverlag Droschl: 5-64
  • Seel, M. (2002). Sich bestimmen lassen. Studien zur theoretischen und praktischen Philosophie. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Taylor, J. S., Ed. (2005). „Personal Autonomy. New Essays on Personal Autonomy and Its Role in Contemporary Moral Philosophy.” Cambridge (UK), Cambridge University Press
  • Whitehead, A. N. (2000 [1933]). „Abenteuer der Ideen.” Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Vierkant, T., Hrsg. (2008). „Willenshandlungen - Zur Natur und Kultur der Selbststeuerung.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 01.02.2011 zu: Elisabeth List, Harald Stelzer (Hrsg.): Grenzen der Autonomie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. ISBN 978-3-938808-83-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10192.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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