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Andreas Ette (Hrsg.): Potenziale intergenerationaler Beziehungen

Cover Andreas Ette (Hrsg.): Potenziale intergenerationaler Beziehungen. Chancen und Herausforderungen für die Gestaltung des demografischen Wandels. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. 371 Seiten. ISBN 978-3-89913-765-1. 57,00 EUR.

Reihe: Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft - Band 40.
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Thema

Angesichts einer alternden Bevölkerung und der damit verbundenen ansteigenden Belastung für die sozialen Sicherungssysteme wird vielerorts einem Konflikt zwischen den Generationen das Wort geredet (vgl. Gronemeyer 2004, Klöckner 2003, Schirrmacher 2004). Diese Einschätzungen beruhen jedoch häufig auf einer verengten Perspektive, nämlich der alleinigen Betrachtung von Einnahmen und Ausgaben öffentlicher Sicherungssysteme – ein Bereich, in dem die älteren Generationen unzweifelhaft Nettoempfänger sind. Unbeachtet bleiben dabei private Unterstützungsleistungen – materiell wie immateriell –, die zwischen den Generationen einer Familie ausgetauscht werden. Berücksichtigt man diese Transferleistungen, bei denen die älteren Generationen häufig Nettogeber sind, bietet der demografische Wandel und das damit verbundene längere Zusammenleben der Generationen durchaus vielfältige Chancen für eine Gesellschaft. Diese Aspekte werden in dem Sammelband „Potenziale intergenerationaler Beziehungen. Chancen und Herausforderungen für die Gestaltung des demografischen Wandels“ beleuchtet. Mittels empirischer Untersuchungen gehen die Aufsätze in diesem Band der Frage nach, wie sich die direkten Austauschbeziehungen zwischen den Generationen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gestalten. Übereinstimmender Tenor der Untersuchungen ist, dass die intergenerationalen Beziehungen in Deutschland trotz mancher Probleme sehr gut sind und sie somit ein breites Spektrum an Potenzialen für die Gestaltung des demografischen Wandels bieten.

Herausgeberin und Herausgeber

Der Sammelband wird durch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) herausgegeben und ist in dessen Schriftenreihe „Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft“ erschienen. Diese Reihe ist im Zuge einer grundsätzlichen Neuausrichtung aus der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervorgegangen.

Das BiB ist ein Ressortforschungsinstitut und hat als solches den Auftrag, wissenschaftliche Forschung zu Bevölkerungsfragen durchzuführen und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft in bevölkerungsrelevanten Themen beratend zur Seite zu stehen. Zudem gehört es zu seinen Aufgaben, wissenschaftliche Debatten im Bereich der Bevölkerungsforschung anzustoßen und zu unterstützen.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ging aus einer Konferenz des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor, die vom 19.-20. Juni 2008 unter dem Titel „Bedingungen und Potenziale intergenerationaler Beziehungen“ in Wiesbaden stattgefunden hat.

Inhalt

Die im Sammelband enthaltenen Beiträge sind quantitative Untersuchungen, die empirische Aussagen über die Potenziale intergenerationaler Beziehungen machen. Dies erfolgt auf der Datenbasis der drei wichtigsten deutschen Bevölkerungsumfragen zu Generationenbeziehungen – dem Deutschen Alterssurvey (DEAS), dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) und dem durch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung durchgeführten Generations and Gender Survey (GGS).

Der Sammelband ist in drei Teile untergliedert.

Die Aufsätze im ersten Teil untersuchen die Funktionen und Leistungen intergenerationaler Beziehungen und fragen somit nach der Leistungsfähigkeit des familiären Umfeldes bei der Gestaltung des demografischen Wandels. Bis auf zwei Ausnahmen untersuchen alle Beiträge die Beziehungen in multilokalen Mehrgenerationenfamilien, das heißt Familien, in denen die Generationen nicht mehr unter einem Dach wohnen, aber trotzdem persönliche Beziehungen unterhalten. Dabei untersucht Juliane Roloff in ihrem Aufsatz – erstmals aus Sicht der Kindergeneration – inwiefern die Kontakthäufigkeit, die Beziehungszufriedenheit und die emotionale Unterstützung zwischen den Generationen auf verschiedene soziodemografische und sozioökonomische Merkmale zurückzuführen sind (u.a. Wohnort, Bildungsabschluss, Verwandtschaftsgrad). Anja Steinbach und Johannes Kopp vertiefen in ihrem Beitrag die Frage nach den Determinanten der Zufriedenheit intergenerationaler Beziehungen. Dabei testen sie den Einfluss verschiedener erklärender Variablen auf die Beziehungszufriedenheit, aufgeteilt nach Merkmalen der Kindergeneration (u.a. Geschlecht, Einstellung zur Familie, Religionszugehörigkeit) und der Elterngeneration (Geschlecht, Gesundheitszustand, Alter) sowie relationaler Variablen wie der Wohnentfernung oder der Kontakthäufigkeit. Beat Fux verfolgt die Frage, unter welchen Umständen alleinerziehende Eltern Unterstützung im erweiterten sozialen Beziehungsgefüge suchen (d.h. von ihrem Sozialkapital Gebrauch machen) bzw. sich auf die eigene Kernfamilie konzentrieren. Der Beitrag von Angelika Tölke widmet sich der Fragestellung, ob Männer, die zu einem späten Zeitpunkt ihres Lebens Vater werden, eher eine aktive Vaterrolle übernehmen als junge Männer.

Die Aufsätze in Teil zwei befassen sich mit den Mechanismen und Dynamiken intergenerationaler Beziehungen. Im Gegensatz zum ersten Teil wird nicht nur die Beschaffenheit der Beziehungen zwischen den Generationen thematisiert, sondern vor allem nach den Faktoren gefragt, von denen diese beeinflusst werden. Im Zentrum steht also die Frage, wie sich das beobachtete Verhalten erklären lässt. So ergründen Heribert Engstler und Oliver Huxhold, inwieweit die Wohnentfernung nicht nur Auswirkungen auf die Kontakthäufigkeit und Beziehungsenge zwischen den Generationen hat, sondern ob nicht vice versa auch gute Beziehungen untereinander ausschlaggebend für ein geografisch näheres Zusammenwohnen sind. In dem Beitrag von Andreas Motel-Klingebiel, Katharina Mahne und Oliver Huxhold wird zum einen untersucht, unter welchen Umständen Eltern ihren Kindern Geld- und Sachleistungen zukommen lassen, aber auch, was passiert, wenn sich diese Rahmenbedingungen ändern. Mögliche negative Effekte der intergenerationalen Beziehungen werden im Aufsatz von Rainer Unger und Alexander Schulze thematisiert, die den Einfluss alternder Eltern auf die Gesundheit ihrer erwachsenen Kinder überprüfen. Ingmar Rapp und Thomas Klein gehen der Frage nach, ob der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus das Trennungsrisiko der Eltern erhöht. Der Auszug aus dem Elternhaus wird zudem in dem Beitrag von Michael Windzio und Can Aybek unter dem Aspekt untersucht, inwiefern übereinstimmende bzw. abweichende Wertvorstellungen zwischen den Generationen für den Zeitpunkt des Auszuges von türkischen und deutschen jungen Erwachsenen eine Rolle spielen.

Der dritte Teil des Buches fragt nach den Wechselwirkungen zwischen innerfamiliären und wohlfahrtsstaatlichen intergenerationalen Beziehungen. Dabei wird in den Aufsätzen untersucht, ob sozialstaatliche Leistungen private Unterstützung eher beschneiden (crowding-out-These) oder sogar befördern (crowding-in-These). Christian Deindl untersucht diese Thesen in Bezug auf intergenerationale finanzielle Transfers während Karsten Hank und Isabelle Buber-Ennser sich dem Aspekt der Betreuung der Enkelkinder durch deren Großeltern widmen. Der Beitrag von Claudia Vogel erweitert den Generational Accounting Ansatz (Auerbach, Kotlikoff & Leibfritz 1999), der die Generationenbilanz bezüglich der Einnahmen und Ausgaben öffentlicher Sicherungssysteme misst, um den Aspekt intergenerationaler privater Unterstützungsleistungen. Zu guter Letzt analysieren Marcel Raab, Michael Ruland und Christopher Schmidt in ihrem Aufsatz, welche Einflussfaktoren Transferleistungen zwischen den Generationen wahrscheinlicher machen und ergänzen bestehende Erklärungsansätze um den Einfluss von Motivstrukturen.

Zudem ist dem Sammelband ein Kapitel von Kurt Lüscher vorangestellt, welches sich dem Konzept der Generationenpotenziale theoretisch annähert und so die größtenteils empirisch gehaltenen Beiträge theoretisch verortet.

Fazit

Der Sammelband zieht seine Stärke aus der empirischen Fundierung der Beiträge. Damit gelingt es dem Band, die vielerorts emotional geführte Debatte um die Herausforderungen des demografischen Wandels zu versachlichen und seine Zielsetzung, „sich einer Antwort auf die übergeordnete Frage nach den Potenzialen intergenerationaler Beziehungen zu nähern“, zu erfüllen.

Der soziologische Blickwinkel auf private intergenerationale Transferleistungen bietet dabei eine willkommene Erweiterung der Diskussion um die Probleme und Potenziale des demografischen Wandels, die häufig einseitig auf die Ebene der öffentlichen Sicherungssysteme verengt ist. Der Fokus auf intergenerationale Familienbeziehungen ist dabei nicht nur für Soziologen von Interesse, sondern bietet wertvolle Einblicke für Sozialwissenschaftler im Allgemeinen, insbesondere für Politologen. Denn wie die Beiträge zeigen, bieten die guten Beziehungen zwischen den Generationen ein breites Spektrum an Potenzialen für die Gestaltung des demografischen Wandels. Erste Ankündigungen der Bundesfamilienministerin zeigen deutlich, dass die Politik diese Potenziale erkannt hat und in Zukunft nutzen möchte. Dabei wird es jedoch darauf ankommen, die Fragilität der intergenerationalen Beziehungen zu berücksichtigen und diese nicht zu überfordern. Die Ergebnisse des Sammelbandes können dabei helfen, das richtige Maß zu finden.

Zitierte Literatur

  • Auerbach, Kotlikoff & Leibfritz 1999: Generational Accounting around the World. Chicago, London.
  • Gronemeyer, Reimer 2004: Kampf der Generationen. München
  • Klöckner, Bernd W. 2003: Die gierige Generation: Wie die Alten auf Kosten der Jungen abkassieren. Frankfurt a.M.
  • Schirrmacher, Frank 2004: Das Methusalem-Komplott: Die Macht des Alterns 2005-2050. München.

Rezensent
Volquart Stoy
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Zitiervorschlag
Volquart Stoy. Rezension vom 22.12.2010 zu: Andreas Ette (Hrsg.): Potenziale intergenerationaler Beziehungen. Chancen und Herausforderungen für die Gestaltung des demografischen Wandels. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. ISBN 978-3-89913-765-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10199.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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