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Mareike Baumann: Selbst- und Fremdbilder von Arbeitslosigkeit

Cover Mareike Baumann: Selbst- und Fremdbilder von Arbeitslosigkeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. 304 Seiten. ISBN 978-3-631-60478-6. D: 49,80 EUR, A: 51,20 EUR, CH: 73,00 sFr.

Europäische Hochschulschriften - Reihe 6, Psychologie - Band 763.
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Thema

Mareike Baumann untersucht in ihrer empirischen Studie die Selbst- und Fremdbilder von arbeitslosen Menschen. Dabei versucht sie herauszufinden, ob diese beiden Wahrnehmungen übereinstimmen oder ob sich Stereotypen und Vorurteile gegenüber Arbeitslosen identifizieren lassen. Sowohl die Selbst- als auch die Fremdwahrnehmung untersucht sie anhand einer ausführlichen Literaturrecherche sowie durch Interviews und Befragungen von Arbeitslosen und Nicht-Arbeitslosen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin ist Diplom-Kauffrau und promovierte von 2006-2009 an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um ihre Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Mareike Baumann beleuchtet in der vorliegenden Publikation nach einer kurzen Einleitung (Kap. 1) zunächst den Forschungsstand zum Thema Arbeitslosigkeit (Kap. 2), um in den folgenden Kapiteln die sozialpsychologischen Grundlagen ihrer Arbeit (Kap. 3), die Selbstbilder von Arbeitslosen (Kap. 4) und die Fremdbilder von Arbeitslosen (Kap. 5) darzustellen. Das sehr kurze Kapitel 6 ist ein Fazit zur Literaturrecherche. Teil II der Publikation ist der Empirie gewidmet, so stellt sie ihr methodisches Vorgehen vor (Kap. 7) und anschließend die Ergebnisse ihrer Untersuchung (Kap. 8). Die Arbeit endet mit einem kurzen Resümee (Kap. 9).

In Kapitel 1 stellt die Autorin ihr Forschungsvorhaben vor und beschreibt den Aufbau ihrer Arbeit (s. o.).

Anschließend erläutert sie in Kapitel 2 zunächst ausführlich die unterschiedlichen Begrifflichkeiten Arbeitslosigkeit/Erwerbslosigkeit, die sie selbst in ihrer Arbeit synonym verwendet. Die strukturellen Ursachen für Arbeitslosigkeit in Deutschland werden von ihr benannt und sie zeichnet kurz den historischen Wandel von Arbeit als Strafe zu „ora et labora“ nach. Die hauptsächliche Bedeutung von Arbeit heute sieht sie in deren Funktion für Sozialisation und Selbstverwirklichung. Mit den „Problemgruppen“ des Arbeitsmarktes wie Schwerbehinderte und Langzeitarbeitslose sowie einer kurzen Zusammenfassung schließt dieses Kapitel.

In den sozialpsychologischen Grundlagen des dritten Kapitels stellt Mareike Baumann Erklärungskonzepte zum Erleben von und zu den Vorstellungen über Arbeitslosigkeit vor, u. a. Alltagsattributionen und Zuschreibungen sowie die jeweiligen Ursachen und Folgen wie Stolz und Scham. Interessiert ist sie vor allem an den negativen Attributionen, den Stereotypen und Vorurteilen. Eine sehr anschauliche Grafik zeigt die Individualisierungstendenzen im Kontext von Arbeitslosigkeit und die Folgen für Individuum und Gesellschaft auf. Anschließend erläutert sie die Psychologie der Emotionen, zu der nach ihrer Einschätzung derzeit keine komplexe Theorie, sondern lediglich Denkmodelle existieren. In dem umfangreichen Kapitel geht es weiterhin um sogenannte soziale Repräsentationen als kollektiv geteilte (Alltags-)Vorstellungen in einer sozialen Gruppe. Die Mechanismen der Vorurteilsbildung – auch gegenüber Eigengruppen wie von Arbeitslosen über Arbeitslosen – werden von ihr ausführlich nachgezeichnet. Durch Selbst- und Fremdstigmatisierung komme es laut Baumann zu Verhaltensweisen, die die Vorurteile gegenüber Arbeitslosen bestätigen.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Selbstbildern von Arbeitslosen. Baumann beschreibt Folgen und Wirkmechanismen anhand ausgewählter Modelle und Theorien der Arbeitslosenforschung, z. B. die Auswirkungen der Arbeitslosigkeitsdauer auf die Selbstbilder der Betroffenen. Die einschlägigen empirischen Studien wie die von den Arbeitslosen von Marienthal aus den 1930er Jahren werden vorgestellt wie auch aktuelle Untersuchungen zum Erleben von Arbeitslosigkeit.

In Kapitel fünf geht es dann um die Fremdbilder zu Arbeitslosen. Baumann stellt fest, dass es hierzu sehr viel weniger Forschung als zu den Selbstbildern gibt und fokussiert in diesem Kapitel vor allem auf die Beeinflussung der Fremdbilder durch die öffentlichen Medien. In diesem Zusammenhang beschreibt sie auch die vier „Faulheitsdebatten“ seit 1975, die ihres Erachtens nach vor allem durch Einzelfalldarstellungen befeuert wurden. Baumann kommt zu dem Schluss, dass die Fremdbilder grundsätzlich negativer seien als die Selbstbilder von Arbeitslosen.

Das sechste Kapitel ist lediglich 1 ¼ Seiten lang und wurde von ihr als kurzes Fazit zum Forschungsstand ihrer Arbeit geschrieben.

Das siebte Kapitel ist der Einstieg zu Teil II ihrer Publikation und beschreibt das methodische Vorgehen ihrer eigenen empirischen Forschung. In dieser hat sie sowohl Fokusgruppen interviewt (qualitatives Vorgehen) als auch mit zwei Fragebogen, einen davon erstellt von der Uni Augsburg, gearbeitet. Ihre quantitativen Daten erhielt sie u. a. über eine Internetbefragung und die Kooperation mit der Agentur für Arbeit München.

Im achten Kapitel stellt sie die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung vor und vergleicht sie mit den Erkenntnissen ihrer Literaturrecherche. Hier beschreibt sie parallel auch ihre statistischen Auswertungsverfahren. Detailliert beschreibt sie Zusammenhänge wie die zwischen der Dauer der Arbeitslosigkeit und den negativen Erlebnisdimensionen. Auch die Häufigkeit der Arbeitslosigkeiten hat nach ihren Erkenntnissen Einfluss auf das Befinden der Arbeitslosen. Bei den Fremdbildern zeigt sie Zusammenhänge, z. B. zwischen dem früheren eigenen Erleben von Arbeitslosigkeit und den Fremdbildern von Arbeitslosen, auf. So sind hier weniger Vorurteile zu finden als bei den Menschen, die noch nie arbeitslos waren. Die Konzessionsbereitschaft sowie die arbeitsbezogene Werthaltung wird nach ihren Ergebnissen im Fremdbild durchgängig unterschätzt im Vergleich zu den Selbstbildern. Dagegen werden die destruktiven Bewältigungsstrategien wie Alkoholkonsum im Fremdbild deutlich höher bewertet. Eine kurze Zusammenfassung sowie praktische Konsequenzen beenden das achte Kapitel.

Das neunte Kapitel ist sehr kurz und fasst die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammen.

Diskussion

Mareike Baumann greift mit ihrer Publikation ein wichtiges Thema auf. Sowohl Selbst- als auch Fremdbilder von Arbeitslosen sind vielfach empirisch untersucht worden, jedoch noch nie in einer gemeinsamen Studie. Der Forschungsstand wurde von ihr akribisch zusammengetragen und detailliert beschrieben. Vor allem der konkrete Bezug auf ihr Thema macht den ausführlichen Abschnitt zu den relevanten Theorieansätzen ihrer Forschung sehr viel lesbarer für die nichtwissenschaftliche Leser(innen)schaft, als dies andere publizierte Dissertationen vermögen. Etwas zu kurz kommt dafür die Bedeutung von Arbeit, ohne die sowohl Selbst- als auch Fremdbilder von Arbeitslosen nicht verstanden werden können. Auch die alleinige Fokussierung auf die strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit ist nicht ganz nachvollziehbar, denn auch individuelle Gründe existieren wie z. B. eine Suchtmittelabhängigkeit oder ein Verhalten, das zur fristlosen Kündigung berechtigt. Eine Grafik taucht gleich zweimal auf, ohne dass deutlich wird, was daran das Versehen ist – Zweitverwertung oder falsche Grafik an einer der beiden Stellen? Das empirische Vorgehen von Mareike Baumann ist spannend, wird aber nicht an allen Stellen plausibel begründet und beschrieben, hier bleiben einige Fragen offen. Insgesamt geht die Struktur an einigen Stellen durcheinander, so wird das methodische Vorgehen, das von ihr eigentlich in Kapitel sieben verortet ist, z. T. erst im anschließenden achten Kapitel beschrieben. Dieses trennt wiederum nicht in Ergebnisdarstellung und Diskussion der Ergebnisse mit dem vorher beschriebenen Forschungsstand. Dadurch geht z. T. der rote Faden verloren; ein klassischer Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit in Theorie/Forschungsstand, Empirie und Diskussion der Ergebnisse hätte allen Leser(inne)n, nicht nur den wissenschaftlich orientierten, die Rezeption der Ergebnisse sicherlich erleichtert. Auch verbleibt Mareike Baumann in ihrer Analyse zu sehr in der kleinteiligen Darstellung einzelner Untersuchungsergebnisse. Sichtbar wird dies bereits daran, dass ihr Zwischenfazit in Kapitel 6 und ihr Resümee in Kapitel 9 zusammen nur etwa drei Seiten umfassen. So wird letztendlich nicht ganz klar, was aus ihrer Sicht die wesentlichsten Ergebnisse ihrer Untersuchung sind – außer dass sich die Selbst- und Fremdbilder von Arbeitslosen unterscheiden.

Fazit

Insgesamt ist das Buch von Mareike Baumann lesenswert für alle diejenigen, die sich mit den Selbst- und Fremdbildern von Arbeitslosen beschäftigen – mit einem wissenschaftlichen Fokus, als Student/-in oder aufgrund einer praktischen Arbeit im Bereich der Arbeitslosenberatung und -unterstützung. Etwas Eigenarbeit muss allerdings aufgewendet werden, um alle Ergebnisse ihrer Forschung zu erfassen, da die Arbeit nicht durchgängig nachvollziehbar strukturiert ist. Als Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit dem Thema dagegen ist es eine wahre Fundgrube.


Rezensentin
Prof. Dr. Susanne Gerull
Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und niedrigschwellige Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin
Homepage www.susannegerull.de
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Zitiervorschlag
Susanne Gerull. Rezension vom 24.10.2011 zu: Mareike Baumann: Selbst- und Fremdbilder von Arbeitslosigkeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. ISBN 978-3-631-60478-6. Europäische Hochschulschriften - Reihe 6, Psychologie - Band 763. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10200.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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