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Anne-Christin Schondelmayer: Interkulturelle Handlungskompetenz

Cover Anne-Christin Schondelmayer: Interkulturelle Handlungskompetenz. Entwicklungshelfer und Auslandskorrespondenten in Afrika ; eine narrative Studie. transcript (Bielefeld) 2010. 376 Seiten. ISBN 978-3-8376-1187-8. 34,80 EUR, CH: 59,00 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Schlüsselqualifikation Interkulturelle Kompetenz

Der didaktische und weltoffene, wissenschaftliche Diskurs darüber, wie in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Einen (?) Welt das Denken und Handeln der Menschen auf der Erde sich so gestalten kann, dass „Verständnis und Achtung für alle Völker, ihre Kulturen, Zivilisationen, Werte und Lebensweisen“ als Grundlage eines humanen, friedlichen und gerechten Zusammenlebens möglich sind (vgl. dazu: Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, Bonn 1990), chargiert in der Spannweite, wie sie die römischen Philosophen und später Thomas Hobbes gesehen haben: Der Mensch kann sowohl ein Gott für den Menschen, wie auch ein Wolf für ihn sein. In der aristotelischen Auffassung ist der anthrôpos ein vernunftbegabtes Lebewesen, das in der Lage ist, ein gutes Leben zu führen. Und die moderne, menschenrechtliche Sichtweise, dass Menschen, weil sie frei und gleich an Würde und Rechten geboren, mit Vernunft und Gewissen begabt sind, einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen sollen (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1), gilt als allgemeingültige, nicht relativierbare und ethische Norm des Menschseins. Doch zwischen den hehren, normorientierten Ansprüchen und den existierenden Wirklichkeiten klaffen Lücken, das zeigt uns die Menschheitsgeschichte bis heute. Solange die Menschen in national und ideologisch eingegrenzten und kulturell relativ eindeutig definierten Räumen lebten, war die Bestimmung dessen, was eigen und was fremd ist, meist eindeutig: Entweder ist mir das Fremde fremd und ich lehne es an, weil es fremd ist; oder das Fremde und die Fremden üben ein Interesse und eine Faszination für mich aus, dann kann es mir gelingen, Verständnis und Zugang und für das Andere zu finden. Gelingt letzteres, bieten sich mir wieder zwei Möglichkeiten an: Zum einen erkenne ich im Fremden das Anderssein zum Eigenen dadurch, dass ich die Defizite und vermeintlichen Mängel, etwa in seinem Aussehen, seinem Denken und seinen Lebensgewohnheiten, der Sprache, der Kleidung, des Glaubens, wahr nehme und entweder ablehnend oder altruistisch darauf reagiere; zum anderen merke ich, dass das Anderssein des Fremden eine Bereicherung und eine Chance für meine eigene Identitätsentwicklung darstellt, und es gelingt mir, mich darauf empathisch zu beziehen.

Die lokalen und globalen Forderungen in einer offenen und demokratischen Einwanderungsgesellschaft, die individuellen und kulturellen Unterschiede bei der Begegnung der „Einheimischen“ mit den „Zugewanderten“ nicht konfrontativ, sondern empathisch wahr zu nehmen und nicht assimilative, sondern integrative Erwartungen für ein friedliches, gleichberechtigtes und gerechtes Zusammenleben in einer Gesellschaft zu entwickeln, subsumieren sich im wissenschaftlichen Diskurs in den Begriffen: Interkulturalität, Multikulturalität und Transkulturalität. Während im ersteren die kulturelle Auffassung gewissermaßen als („Leit“-)Kultur firmiert und der traditionelle Kulturbegriff vorherrscht, wird mit Multikulturalität zum Ausdruck gebracht, dass die verschiedenen Kulturen in sich homogen und geschlossen sind und sich von daher unterscheiden. Mit dem Begriff der Transkulturalität allerdings wird ein Perspektivenwechsel vollzogen und deutlich gemacht, dass die Kulturen der Welt heute hochgradig miteinander verflochten sind und sich beeinflussen, durch Migrationsprozesse, Reiseaktivitäten, Kommunikationssysteme und ökonomische Interdependenzen (Wolfgang Welsch).

Natürlich ist nicht das „Gutmenschtum“, das im Kommunikationsprozess der Menschen selbstverständlich auftretende Konflikt- (Missverständnis-, Fettnäpfchen-) Potential nicht wahr nimmt und damit den Andersartigen in seiner Identität missachtet, die Lösung ( vgl. dazu: Wilhelm Berger, u.a., Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten. Gewaltverhältnisse im Spannungsfeld von Geschlecht, Klasse und Ethnizität, transcript Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, http://www.socialnet.de/rezensionen/10333.php ), sondern die Auseinandersetzung in Schule und Gesellschaft ( siehe dazu u.a.: Andreas Joppich, Think global! Projekte zum globalen Lernen in Schule und Jugendarbeit, Verlag an der Ruhr, Mühlheim 2010, in: socialnet Rezensionen, http://www.socialnet.de/rezensionen/10161.php, sowie: Jürgen Wilhelm, Hrsg., Kultur und globale Entwicklung. Die Bedeutung von Kultur für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung, Berlin University Press, Berlin / Köln 2010, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10774.php). Es sind nicht zuletzt die politikwissenschaftlichen Fragestellungen, die sich im Umfeld der Transkulturalismusdiskussion damit auseinandersetzen, wie viel lokales und globales, politisch-soziales Handeln für einen interkulturellen Dialog notwendig und möglich ist ( Willi Jasper , Hrsg., Wieviel Transnationalismus verträgt die Kultur? Berlin 2009, in: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/8437.php ).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die an der Freien Universität Berlin Interkulturelle Erziehungswissenschaft lehrende Anne-Christin Schondelmayer hat mit ihrer Dissertation ein Forschungsprojekt durchgeführt, bei dem sie – ähnlich wie der Sichtwechsel bei der passiven und aktiven Toleranz (Kofi Annan) – den Aufklärungs- und Bildungsauftrag „Interkulturelle Kompetenz“ mit der handelnden Aufforderung versieht: Interkulturelle Handlungskompetenz. Es geht also nicht nur um die Haltung – „Ich hab` ja nichts dagegen…!“ – sondern um die Herausarbeitung von Motiven, Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen, die qua beruflichem Engagement und Einsatz interkulturelle Kompetenzen beherrschen müssen, um ihre Arbeit verrichten zu können, also um „eine empirische Rekonstruktion verschiedener Dimensionen der Praxis interkulturellen Handelns von EntwicklungshelferInnen und AuslandskorrespondentInnen sowie der ihnen zu Grunde liegenden Orientierungen des Handelns und Reflektierens“. Mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung analysiert die Autorin, „wie EntwicklungshelferInnen und AuslandskorrespondentInnen als transnationale MigrantInnen in interkulturellen Situationen handeln, ihr Handeln reflektieren und die Situation und Andere wahrnehmen und darstellen“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist, neben der Einleitung und dem Literaturverzeichnis, in sechs Kapitel gegliedert. Zuerst diskutiert die Autorin den Themenkomplex, der sich um den Begriff und die verschiedenen Konzeptionen zur interkulturellen Kompetenz aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive darstellt. Danach formuliert sie „grundlagentheoretische Überlegungen zum Handeln in interkulturellen Situationen“, um im folgenden Kapitel das methodologische Design der Studie vorzustellen. Im weiteren Teil differenziert sie verschiedene „Typen interkulturellen Handelns“ heraus und zeigt auf, wie die unterschiedlichen Formen des interkulturellen Handelns reflektiert werden. Mit der „Darstellung des Anderen“ werden die Selbst- und Fremdzuschreibungen der Probanten in Bezug auf ihr transkulturelles Handeln problematisiert, um schließlich in letzten Kapitel die Ergebnisse der Studie zu diskutieren.

Didaktisch ist es interessant, interkulturelles Handeln mit der Triade „Selbst – Situation – Anderer“ darzustellen, um die Reflexion über das eigene Denken und Handeln zu verbinden mit der jeweiligen Handlungssituation und der Identität, den Interessen, Wissen, Erwartungshaltungen und Erfahrungen des Anderen. Die Expatriates (AuslandskorrespondentInnen und EntwicklungshelferInnen), die in Afrika tätig sind, kommen in der Studie durch Interviews und analysierende Beobachtungsmethoden zu Wort. Inwieweit die geringe Anzahl der Beteiligten generalisierende Aussagen zulassen oder nicht, ist dabei in erster Linie nicht bedeutsam; vielmehr bieten die typisierten und kategorisierten Beobachtungs- und Analysekriterien die Möglichkeit, von privaten und beruflichen Haltungen und Handlungen auf Selbst- und Fremdverstehen zu rekurrieren und Handlungskompetenz zu verstehen als die Fähigkeit, „dass die Interaktion neue Interaktionen möglich macht“, also dialogfähig zu sein. Inwieweit ein „Sich-existentiell-Einlassen“ möglich, notwendig oder gar schädlich, andererseits die Distanz hilfreich ist, zeigt die Autorin im Hauptteil der Untersuchung „Typen interkulturellen Handelns“ an zahlreichen Beispielen und Aussagen auf.

Diese nun quergespiegelt zu den Motiven, Fremderwartungen, –aufträgen und den eigenen Reflexionen und Einschätzungen der hochqualifizierten (deutschen) TransmigrantInnen, die in Südafrika und Kenia beruflich tätig sind, zeigt einen für interkulturelle Handlungskompetenz bedeutsamen Zusammenhang: „Werden eigene Deutungs- und Interpretationsleistungen sowie eigene Wissensbestände nicht weiter in Frage gestellt, so führt dies zu einer selbst gesetzten Erhabenheit des eigenen Wissens“, mit dem Ergebnis, dass das Verhalten der Anderen nicht mehr nur beobachtet, sondern auf der Grundlage eigener Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten bewertet.

Wie der Andere in seiner Existenz und Situation wahrgenommen wird, korrespondiert direkt mit den Darstellungs-, Deutungs- und Reaktionsformen im Dialog. Die Autorin arbeitet aus ihren Beobachtungen drei „differente Darstellungsformen des Anderen“ heraus: Die „kulturalisierende Perspektive“ unterscheidet zwischen dem Ich oder Wir und dem Anderen, die zu hierarchisierenden bis rassistischen Einstellungen führen können, aber auch Formen des (distanzierten) Aufeinanderzugehens ermöglichen. Mit der politik-ökonomisierenden Perspektive wird die Distanz zur bestimmenden Größe im sozialen Miteinander; und bei der individualisierenden Perspektive sind ökonomische Unterschiede, Machtasymmetrien oder Fragen postkolonialer Interaktionen nicht so bedeutsam wie alltägliche und gleichartige Erfahrungen und Arbeitszusammenhänge, die einen kooperativen Umgang mit den Anderen bieten.

Diskussion

Den Blick aus unterschiedlichen Perspektiven auf die vielfältigen Situationen, Gründe, Ursachen und Auswirkungen der Migrationsthematik zu werfen, ist, angesichts der globalen Bedeutung von modernen Wanderungsbewegungen, hilfreich. Die Grundfrage bei den je verschiedenen Motiven, die angestammte Heimat zu verlassen und „anderswo“ sein Glück zu versuchen, bleibt: Es ist die Hoffnung auf das Gelingen des Orts- und Existenzwechsels. Die dazu erforderlichen Kompetenzen bedürfen des grundlegenden „Zusammenspiel(s) von Handeln, Reflektieren und Interpretieren der Anderen“ und damit einer zwiefachen Bereitschaft: Der Fähigkeit zur Akzeptanz und Anpassung, und damit eben auch der Bereitschaft zur Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Die in der Studie betrachteten Situationen von hochqualifizierten transnationalen Migrantinnen und Migranten, von freiwillig und aus beruflichen Gründen, von EntwicklungshelferInnen und AuslandskorrespondentInnen, die in Afrika zeitweise, aber längerfristig tätig sind, unterscheidet sich natürlich von der Situation des Bootflüchtlings, der sich von Ost- oder Westafrika auf den Weg macht, um auf gefahrvollen und lebensbedrohlichen Wegen die europäischen Küsten zu erreichen; es geht in der Untersuchung also nicht um Ursachen und Bedingungen von Migration, sondern um die Darstellung von „heterogenen Formen des interkulturellen praktischen `Könnens`“ am Beispiel der Probantengruppe. Man könnte also annehmen, dass gerade bei dieser Gruppe der TransmigrantInnen die Bereitschaft und Fähigkeit stark ausgeprägt ist, die „Perspektive des Anderen wahrzunehmen und anzuerkennen“, also interkulturell kompetent zu handeln. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit allerdings provozieren eine Reihe von Fragen und Infragestellung von „Selbstverständlichkeiten“, die in den Diskurs und in die Praxis von Interkulturellem, Globalem Lernen und interkulturellem Training eingehen sollten. Es sind letztlich die Fähigkeiten zur Reflexion des Wissens um das eigene Nicht-Wissen und damit der Sensibilisierung zur Selbstvergewisserung im situativen Prozess eines interkulturellen, handlungskompetenten Dialogs.

Fazit

Anne-Christin Schondelmayer trägt mit ihrer Forschungsarbeit dazu bei, den wissenschaftlichen und gesellschaftlich praxisrelevanten Diskurs auf der lokalen und globalen Ebene zu komplettieren. Nicht nur angehende EntwicklungshelferInnen und AuslandskorrespondentInnen sollten die narrative Studie lesen, sondern auch alle diejenigen, die in den theoretischen und praktischen Bildungsbereichen tätig sind. „Lass mich Ich sein, damit Du sein kannst“; diese alte pädagogische Weisheit gilt auch im interkulturellen Dialog und als Handlungsanweisung für interkulturelle Kompetenz!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.02.2011 zu: Anne-Christin Schondelmayer: Interkulturelle Handlungskompetenz. Entwicklungshelfer und Auslandskorrespondenten in Afrika ; eine narrative Studie. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1187-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10201.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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