socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hendrik Wortmann: Zum Desiderat einer Evolutionstheorie des Sozialen

Cover Hendrik Wortmann: Zum Desiderat einer Evolutionstheorie des Sozialen. Darwinistische Konzepte in den Sozialwissenschaften. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. 225 Seiten. ISBN 978-3-86764-264-4. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Theorie und Methode - Sozialwissenschaften.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Von Mäusen und Menschen – Naturgesetze in den Sozialwissenschaften

„Wenn nun aber alle Menschen, auch Un-Menschen, Menschen sein sollen bzw. als solche behandelt werden sollen (genau das nämlich scheint der Satz Baudrillards zu besagen [„Heute sind alle Menschen Menschen.“]), so hat es mit derartigen Exklusionen ein Ende. Der Begriff des Menschen hätte demnach unter säkularen Bedingungen keinen Gegenbegriff mehr, es sei denn des Tieres.“ (Liebsch 2010, 9) – in populärwissenschaftlichen Beiträgen findet man immer wieder die Zusammenführung evolutionstheoretischer Annahmen und soziologischer Phänomene, die sehr oft zu dem Resultat führen, dass Evolution als „survival oft he fittest“ als Überleben des Stärkeren verstanden wird. Dieser Überlebenskampf konstruiere Feindschaften – „Fressfeinde“, „sexuelle Nebenbuhler“ usw. Biologie und Soziales stehen also in einem fruchtbaren (Ideen-)Zusammenhang.

„Ironischerweise wird also unsere Leidenschaft für eine Welt, zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Zwecke auf viele verschiedene Weisen befriedigt. Nicht nur Bewegung, Ableitung, Gewichtung und Ordnung sind relativ, sondern auch Realität. Daß es viele richtige Versionen und wirkliche Welten gibt … impliziert nicht, daß alle richtigen Alternativen für jeden Zweck gleich gut oder überhaupt für irgendeinen Zweck geeignet wären.“ (Goodman 1990, 35) Der amerikanische Philosoph Nelson Goodman hat sich viele Jahre mit der Frage beschäftigt, auf welche Art und Weise Menschen Symbole und Theorien einsetzen, um ihre Welt (ihre Denk- und Lebenswelt) zu konstruieren. (zur Bedeutung von Symbolen und der Definition des Menschen als animal symbolicum: Cassirer 1997)

„Die soziologische Rezeption evolutionären Denkens ist bis heute durch eine eigentümliche Gleichzeitigkeit von Faszination und Abscheu geprägt.“ (Wortmann 2010, 7) Faszination und Abscheu sind eher emotionale Reaktionen als analytische Konzepte und passt damit auch sehr gut in die Beschreibung des deutschen Philosophen Michael Hampe, der in diesem Themenzusammenhang auf die Anstößigkeit bestimmter Ideen hingewiesen hat: „Dass Regeln und Gesetze von selbst entstehen oder von Menschen hervorgebracht werden, ihre Folgen aber eventuell nicht wieder revidiert werden können, das Einzelne also in gewisser Hinsicht in seiner Bewertung ewig sein kann, obwohl die Regel, durch die es möglich wurde, verschwunden ist, dieser Gedanke ist einer der anstößigsten in der Prozessphilosophie. Der Vorstellung, Naturgesetze hätten eine Geschichte, werden heute kaum noch Naturwissenschaftler zustimmen … „ (Hampe 2006, 124; ausführlicher das Kapitel dazu: „Naturgesetz, Gewohnheit und Geschichte“ in Hampe 2006, 124-152) Diese Anstößigkeit ließe sich sogar noch weiter fortführen - „Im Fall der Biologie ist umstritten, ob es überhaupt eigenständige biologische Gesetze in einem stringenten Sinn gibt.“ (Falkenburg 2010, 124) Kann die Evolutionstheorie als anstößige Theorie ohne Stringenz bezeichnet werden? Welche Art von theorie liegt eigentlich mit der Evolutionstheorie vor? Die deutsche Physikerin und Philosophin Brigitte Falkenburg benennt die wichtigsten Typen der wissenschaftlichen Erklärung folgendermaßen: (Falkenburg 2010, 123 ff.): Deduktiv-nomologische Erklärungen (DN-Erklärungen) leiten den Einzelfall aus einem allgemeinen Gesetz ab; probabilistische Erklärungen geben über die relative Wahrscheinlichkeit Auskunft, die einem Einzelfall zukommt, wenn auf die gesetzmäßige Wahrscheinlichkeitsverteilung Bezug genommen wird; kausale Erklärungen liefern idealerweise ein vollständiges Bild der kausal relevanten Faktoren für das Eintreten des Ereignisses; und Erklärungen durch Vereinheitlichung zielen darauf ab, Gesetzmäßigkeiten, die zur Beschreibung einzelner Phänomene verwendet werden, in einer einheitlichen, all diese Gesetzmäßigkeiten umfassenden, Theorie zusammen zu führen. (vgl. auch Falkenburg 2006)

Hendrik Wortmann versucht in seinem Buch die Evolutionstheorie für die Sozialwissenschaften griffig zu bekommen – sein Lösungsvorschlag beinhaltet eine gewisse Distanzierung von vorschnellen Einverleibung evolutionstheoretischer Ideen in die Sozialtheorie und führt zunächst zu einer Analyse der konstituierenden Elemente der Evolutionstheorie im biologischen Bereich: „Man sollte eine Evolutionstheorie des Sozialen und insbesondere eine genuin soziologische Evolutionstheorie des Sozialen vorerst in den Rang eines Desiderats befördern, um sich zunächst hinreichende Klarheit und Übersicht über die konzeptuellen Bausteine einer solchen Theorie zu verschaffen.“ (Wortmann 2010, 9)

Auch in diesem Themenkreis gilt, was der Philosoph Peter Stemmer prägnant formuliert hat: “Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008, 11)

Autor

Dr. Hendrik Wortmann hat diese Arbeit 2009 – in leicht veränderter Form – als Dissertation an der Universität Luzern vorgelegt. Derzeit forscht er – als Stipendiat des Schweizer Nationalfonds - an der Universität Gent in Belgien weiter an den Zusammenhängen von biologischen Konzeptionen in den Sozialwissenschaften (www.unilu.ch).

Faszination und Abscheu – Zur soziologischen Rezeption evolutionären Denkens

„[E]volutionstheoretisches Denken nimmt immer in Anspruch, soziale Phänomene ließen sich mit einer Logik erklären, die irgendwann in der Biologie entdeckt wurde.“ (Wortmann 2010, 13) Hendrik Wortmann verfolgt in seinem Buch das Ziel, hinreichenden Klarheit und Übersicht über die konzeptuellen Bausteine einer genuin soziologischen Evolutionstheorie des Sozialen zu liefern und identifiziert als Schlüssel zum Gelingen dieses Plans eine Kritik der „Biologie als der Disziplin, in der evolutionstheoretisches Denken seien wohl elaborierteste Form angenommen hat.“ (Wortmann 2010, 15)

In einem ersten Schritt werden im 2. Kapitel des Buches verschiedene Evolutionstheorien der Biologie vorgestellt und auf ihre konstitutiven Merkmale hin untersucht (Wortmann 2010, 19-56) Zusammenfassend kann man sagen, dass die Evolutionstheorie im Rahmen der Biologie „ die Veränderung der organischen Welt – die Phylogenese – als einen zukunftsoffenen, wirkursächlichen Prozess, in dem Wandel einzelner Arten – die Anagenese – durch das Verhältnis einer Population zu ihrer Umwelt verursacht wird. Die Entstehung verschiedener solcher Arten, die Kladogenese, wird durch einen Prozess der Separierung und Herstellung reproduktiver Isolation erklärt. Dies geschieht in einem graduellen, schrittweisen Prozess, der letztlich auch dazu geführt hat, dass sich die verschiedenen evoluierenden Arten aus gtemeinsamen Vorfahren entwickelt haben. Da die Entwicklung der Arten zwangsweise ko-evolutiv ist, erklären diese Prozesse auch die ökologischen Verknüpfung dieser Arten.“ (Wortmann 2010, 54-55)

Diese evolutionären Mechanismen lassen sich für manche Autoren auf drei Kernbegriffe reduzieren „Variation“, „Selektion“ und „Retention“, wie im dritten Kapitel (Wortmann 2010, 57-84) anhand einzelner sozialwissenschaftlicher Ansätze verdeutlicht wird: Das umfasst die Darstellung der Theorie von Donald T. Campbell („Blind Variation & Selective Retention“), der Organisationstheorie von Karl E. Weick, der Sozialtheorie von Niklas Luhmann und dem Rückgriff auf die Darwinistische Evolutionstheorie.

Im verhältnismäßig umfangreichen vierten Kapitel (Wortmann 2010, 85-167) werden diejenigen evolutionären Theorien näher beleuchtet, die „sich unter das gemeinsame Dach eines Paradigmas der Veränderung von Populationen in ihrer Umwelt“ (Wortmann 2010, 85) fassen lassen. Das Kapitel beschreibt nicht die evolutionstheoretischen Voraussetzungen der Sozialwissenschaften, sondern dezidiert die „Entdeckung des „Sozialen““ (ibid.) durch die biologischen Evolutionstheorien. „Es handelt sich nicht um Adaptionen sozialwissenschaftlicher Konzepte zur Analyse evolutionärer Sachverhalte, sondern um die davon unabhängige Entdeckung der Bedeutung der Interaktion von Organismen für deren Evolution.“ (ibid.) Für Hendrik Wortmann ist es aber wichtig festzuhalten, dass „überzogene Analogien zwischen den Mechanismen der sozialen und den Mechanismen der organischen Evolution“ eher als vorschnell denn als passend wären (Wortmann 2010, 153).

Das fünfte Kapitel ist der frühen „Chicago School of Sociology“ und Robert E. Park als einem ihrer prominentesten Vertreter gewidmet (Wortmann 2010, 169-197). Die Theorie „Web of Social Life“ - als eine Form der sozioökologische Theorie – ist an der „Verwobenheit verschiedenartiger Formen zu ökologischen, ko-evolutiven Strukturen“ (Wortmann 2010, 169) interessiert. Zwei wesentlichen Merkmalen wird hierbei besonderer Raum gegeben – einerseits „dem Umstand …, dass der Mensch als organisches Wesen auch Teil des „Web of Life „ ist, sich seiner Einbindung in die ökologische Ordnung der natürlichen Welt nicht gänzlich entziehen kann“ (Wortmann 2010, 174) und andererseits dem „Umstand, dass Menschen immer auch in eine spezifische, kulturelle-kommunikative Ordnung eingebunden sind.“ (Wortmann 2010, 175). Diese humanökologischen Ideen können für die Sozialtheorie sehr fruchtbar sein – „Der sozialökologische Ansatz demonstriert, dass evolutionstheoretisches Denken zu nicht viel weniger als einer universellen, methodisch flankierten Sozial- und Gesellschaftstheorie ausgebaut werden könnte.“ (Wortmann 2010, 193)

Kapitel sechs ist ein Fazit des Autors (Wortmann 2010, 199-206), das abschließende, sehr umfassende Literaturverzeichnis dokumentiert die Bandbreite der eingearbeiteten Ideen und Positionen (Wortmann 2010, 207-225).

Fazit

Das Buch ist für all jene von Interesse, die sich mit Sozialtheorie beschäftigen und sich manchmal fragen, auf welche Art und Weise nicht-soziologische Theorien Eingang in die Sozialtheorie finden. Es ist auch für jene von Interesse, die genau wissen wollen, was eigentlich hinter der Modernität evolutionstheoretischer Theorien und Ansätze in der Sozialtheorie steckt. Schließlich werden all jene in diesem Buch Denk- und Merkwürdigkeiten finden können, die sich mit der Bestimmung des Sozialen auseinander setzen.

„“Es ist lediglich dem menschlichen Dasein vorbehalten, Bezüge zur Welt im wahren Sinne zu haben, d.h. „weltbildend“ zu sein.“ (Cho 1987, 32) Diese Weltbildung hat für das wissenschaftliche Denken immense Bedeutung – Konzeption und Anwendung wissenschaftlicher Theorien prägen die menschliche Umwelt und führen zu Resultaten, die selbst unabhängig von der Theorie werden können, die sie ursprünglich erst hervorgebracht haben. Das von Hendrik Wortmann formulierte Ziel der hinreichenden Klarheit und Übersicht über die konzeptuellen Bausteine einer genuin soziologischen Evolutionstheorie des Sozialen konnte mit dem vorliegenden Buch erreicht werden. Es gelingt dem Autor sehr anschaulich den Leser über die impliziten Voraussetzungen der Evolutionstheorie(n) zu informieren – die Anwendung der Evolutionstheorie auf soziale Phänomene wird künftig sich daran messen lassen müssen, wie genau diese hier ausgearbeiteten Voraussetzungen auch aufgreift. Insofern kann man Hendrik Wortmann mit seinem Buch Erfolg bescheinigen, was einige Zeit früher bereits an anderer Stelle eingefordert wurde: „Denn wie wollten wir auch unseren Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn ihnen nicht irgend eine Anschauung unterlegt würde.“ (vgl. dazu ausführlich „Kritik der reinen Vernunft“: Kant 1997)

Literatur

  • Cassirer, E. (2007 [1944]). Versuch über den Menschen - Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag
  • Cho, K. K. (1987). „Bewußtsein und Natursein. Phänomenologischer West-Ost-Diwan.“ Freiburg/Breisgau (GER), Verlag Karl Alber
  • Falkenburg, B. (2006). „Was heißt es, determiniert zu sein? Grenzen der naturwissenschaftlichen Erklärung.“ „Philosophie und Neurowissenschaften.“ D. Sturma. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag: 43-74
  • Falkenburg, B. (2010). „Naturalistische Thesen und menschliche Autonomie.“ „Grenzen der Autonomie.“ E. List and H. Stelzer. Weilerswist (GER), Velbrück Wissenschaft: 117-137
  • Goodman, N. (1990 [1978]). „Weisen der Welterzeugung.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Hampe, M. (2006). Erkenntnis und Praxis - Zur Philosophie des Pragmatismus. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Kant, I. (1998 [1781-1787]). „Kritik der reinen Vernunft.“ Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag
  • Liebsch, B. (2010). „Renaissance des Menschen? Zum polemologisch-anthropologischen Diskurs der Gegenwart.“ Weilerswist (GER), Velbrück Wissenschaft
  • Stemmer, P. (2008). „Normativität. Eine ontologische Untersuchung.“ Berlin (GER) & New York, NY (USA), Walter de Gruyter

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
E-Mail Mailformular


Alle 57 Rezensionen von Harald G. Kratochvila anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 19.01.2011 zu: Hendrik Wortmann: Zum Desiderat einer Evolutionstheorie des Sozialen. Darwinistische Konzepte in den Sozialwissenschaften. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. ISBN 978-3-86764-264-4. Reihe: Theorie und Methode - Sozialwissenschaften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10203.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung