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Marc Fischer: Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten [...]

Cover Marc Fischer: Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind). Eichborn (Frankfurt) 2010. 188 Seiten. ISBN 978-3-8218-6126-5. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 25,50 sFr.
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Thema

Die immer längere Lebenserwartung bedeutet auch, dass die Familien-Generationen immer mehr Jahre miteinander verbringen. Zeit genug also für intergenerative Dialoge, könnte man meinen. Wenn da nicht Tabus wären: So etwas fragt man seine alten Eltern doch nicht, könnte gesagt werden. Das Frage-Buch „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten“ von Marc Fischer will diese Hemmungen überwinden helfen.

Autor

Marc Fischer, Jahrgang 1970, lebt als Autor in Berlin. Er hat zuvor für verschiedene Zeitschriften und Magazine als Reporter und Redakteur gearbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht seinem Anliegen zufolge nur aus 280 Fragen, die der erwachsene Sohn/die erwachsene Tochter an Vater oder Mutter oder an beide stellen können/sollen. Jede Frage nimmt groß gedruckt eine ganze Seite ein, wobei das Blatt über und unter der Frage leer bleibt. Die Fragen kreisen um das Beziehungsverhältnis der Eltern zueinander, um ihre Sexualität, ihren Glauben, ihr Verhältnis zu ihren (sie befragenden) Kindern, um ihre politischen Einstellungen und um ihre Zukunftserwartungen und Zukunftsängste.

Diskussion

Fragen können stets einen pädagogischen und klärenden Wert haben. Dass Marc Fischer auf erklärende Abhandlungen zu Generationenverhältnis und Generationenkonflikt verzichtet, macht sein Frage-Buch, abgesehen von der ökologischen Papierverschwendung, erst einmal sympathisch. Die Fragen sind indes mit Sexualität und politischen Einstellungen zur möglichen NS-Vergangenheit sensibel. Ob es deshalb mit ihnen zu intergenerativen Dialogen kommt, darf bezweifelt werden. Außerdem gehen gerade Fragen zur NS-Vergangenheit („Kanntet ihr mal einen richtig schlimmen Nazi?“, „Wie hat der Massenmord an den Juden euer Leben beeinflusst?“, „Habt ihr je ein gutes Argument für Hitler gehabt?“) im Jahre 2010 kohortenmäßig bereits an der Realität alter Menschen vorbei: Heute 80jährige waren 1945 gerade mal 15 Jahre alt und konnten da kaum einen fanatischen Nazi von einem Mitläufer unterscheiden. Dagegen blendet das Buch mögliche SED-Verstrickungen, die aktueller wären, völlig aus.

Viele Frage-Themen entstammen so eher dem Arsenal der Achtundsechziger-Zeit (Fragen zur Sexualmoral, zur RAF, zu Rudolf Augstein und zum Sozialismus) und wirken im Jahre 2010 überholt. Insofern ist das Buch zu spät geschrieben. Auch transportiert es leider Alters-Defizite („Was ist das Grausamste am Älterwerden?“, „Wie kämpft ihr gegen die alles verschlingende Müdigkeit?“). Und über Geschmack lässt sich trefflich streiten bei der Frage „Entschuldigung, aber sagt ihr ‚ficken‘, ‚miteinander schlafen‘ oder ‚Liebe machen‘, wenn ihr zusammen ins Bett geht?“. Andere Sexualfragen sind absonderlich: „Hattest du mal Sex mit einer Frau, Mutter?“ und „Bei welchem deiner Kollegen hättest du schwul werden können, Vater?“.

Es stellt sich beim Rezensenten der Eindruck ein, dass sich der Autor seinen Eltern gegenüber in einer gewissen Unsicherheit befindet. Man kann vermuten dass er sich mit seiner Identität nicht im Reinen befindet. Für ihn könnten die Eltern, so ist zu mutmaßen, Über-Eltern gewesen sein: Über-Vater und Über-Mutter. Der alles hinterfragende Sohn mag sein Leben, so kann man als Leser folgern, kaum akzeptieren können. Kann es wohl nicht bejahen, wie es ist. Sonst müsste er nicht ständig danach fragen, wie alles zwischen seinen Eltern hätte anders abgelaufen sein können. Aber dann wäre alles anders mit ihm, er ein anderer oder eine andere, vielleicht auch gar nicht da.

Das Buch könnte ein hilfreiches Buch zum gegenseitigen Verstehen der innerfamilialen Generationenbeziehungen sein. Ist es aber nicht, weil der Autor kaum über seine eigene Nabelschau hinaus kommt. „Habt ihr mich mal gehasst?“ ist eine entsprechende Frage. Oder: „Bin ich völlig anders geworden, als ihr euch das vorgestellt habt?“ Da stellt sich die Vermutung von Unsicherheit über Unsicherheit ein. Erwachsene Kinder sollten ihr Leben, so ist der Ratschlag des Rezensenten, doch eher als eigene Gestaltungsaufgabe ansehen und nicht als elterliche Hinterlassenschaft. Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht die beiden letzten Fragen „Wer zum Teufel seid ihr eigentlich?“. Das wird und soll ja bis zu einem gewissen Grad ein Geheimnis der Elternfiguren mit ihrem langen, durchlebten Leben bleiben. Und „Und ich, wer bin ich?“. Der Rezensent empfindet es als traurig, wenn der Autor das nicht weiß.

Fazit

Das Buch „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollen“ vertut die Chance, in der Familie den intergenerativen Dialog zu führen, weil es zu unsensibel intime Fragen stellt sowie politisch inaktuelle Sachverhalte und Altersdefizite thematisiert. Es realisiert zu wenig, dass jede Persönlichkeit ihre Individualität besitzt. Man gewinnt den Eindruck, dass die Fragen große persönliche Unsicherheiten des Fragenden offenbaren.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 06.10.2010 zu: Marc Fischer: Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind). Eichborn (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-8218-6126-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10205.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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